Gehen oder bleiben?

Zusammenbleiben trotz Krise oder Trennung und Chance auf einen Neubeginn? Wir geben Tipps für Unentschlossene, die noch nach einer guten Lösung suchen...

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Den Moment gibt es eigentlich in jeder Partnerschaft. Und wer ihn nicht kennt, ist entweder ein ausgesprochener Glückspilz oder nicht ganz ehrlich. Für die meisten Menschen jedenfalls stellt sich im Laufe der Jahre die Frage, ob man sich von der Beziehung, in der man lebt, nicht mehr erwartet hat. Dann kommt man ins Grübeln, bespricht die Angelegenheit vielleicht mit Freunden und überlegt sich ernsthaft, ob es nicht das Richtige wäre, die gegenwärtige Beziehung nicht doch lieber zu beenden und es noch einmal mit einem anderen Partner neu zu versuchen. Dann erliegen wir dem Reiz des Gedankens, dass mit einem anderen Partner alles anders, natürlich besser sein könnte.

Die Trennung ist kein Scheitern

Fakt ist, dass sich zwar heutzutage viele Männer und Frauen nach wie vor eine dauerhafte Beziehung wünschen. Aber nur solange sie lebendig und gut ist. Entspricht die Partnerschaft nicht den Erwartungen, wird sie beendet. Die Toleranz für Unzufriedenheit, die Tugend des Durchhaltens und Zueinanderstehens und die Bereitschaft, sich in sein Schicksal zu fügen, haben sich dramatisch verändert. Damit sind nicht nur Trennungen normaler geworden, sondern auch Neuanfänge. Und die Mehrzahl der Paare erlebt die Trennungen zwar als schmerzhaft, aber nicht mehr als persönliches Scheitern, wie dies früher häufig der Fall war.

Ist Ihre Beziehung auf Talfahrt?

Der Paar- und Familientherapeut Roland Weber weiß über den Zustand heutiger Partnerschaften eine Menge zu sagen. Er spricht davon, dass in jeder Beziehung entweder ein positiver oder negativer Überschuss an Gefühlen herrscht. Dieser ist das Ergebnis einer jahrelangen Erfahrung mit dem Partner und er baut sich ganz allmählich auf. Ist die Partnerschaft von einem Überschuss an positiven Gefühlen geprägt, so kann ihr der ganz normale Alltag wenig anhaben und die Beziehungsbilanz wird weitgehend gut ausfallen. Ist dagegen die Partnerschaft von einem Überschuss an negativen Gefühlen gekennzeichnet, werden selbst relativ neutrale Aussagen oder Verhaltensweisen des Partners als negativ ausgelegt. Die Beziehung befindet sich auf Talfahrt. Die Hinweise für eine solche Beziehung kann Roland Weber auch benennen: „Der Beginn liegt in sich häufenden Enttäuschungen und zunehmenden Konflikten, wie es sie zu bestimmten Zeiten im Verlauf jeder langjährigen Beziehung gibt. Diese haben meist mehrere Ursachen: Geplatzte Erwartungen, Unterschiede zwischen den Partnern, einschneidende Veränderungen im Familiensystem, externe Ereignisse, persönliche Entwicklungen der Partner sowie einzelne Ereignisse und Verhaltensweisen, mit denen sich die Partner in ihren wunden Punkten verletzen.“

Testen Sie die Qualität Ihrer Partnerschaft!

Wenn Sie sich selbst jetzt fragen, wie es um die Qualität Ihrer Beziehung bestellt ist, dann können Sie das mit Hilfe des nachfolgenden Tests herausfinden (aus Roland Weber „Gehen oder Bleiben?“). Denken Sie daran, dass es sich um eine Momentaufnahme handelt. Überlegen Sie bei jeder der folgenden Aussagen, inwieweit sie derzeit auf Ihre Partnerschaft zutrifft. Kreuzen Sie den entsprechenden Kreis in der ersten Spalte an. Markieren Sie dann in der zweiten Spalte, wie wichtig dieser Punkt für Sie ist. Achten Sie dabei auf Ihre Gefühle. Bitten Sie Ihren Partner oder Ihre Partnerin, die Fragen ebenfalls zu beantworten. So können Sie feststellen, ob und wo Sie gemeinsam Ansatzpunkte dafür finden, Ihre Beziehung zu stärken.

SELBSTTEST:

Stärken und Schwächen Ihrer Beziehung

Alltagsgestaltung und -bewältigung trift zu: völlig teilweise kaum das ist für mich: sehr wichtig wichtig weniger wichtig
Wir teilen die Arbeit im Haushalt gerecht auf. o o o o o o
Wir sind uns darüber einig, wie wir unser Geld ausgeben. o o o o o o
Wir sprechen ab, wie wir unsere Zeit auf Arbeit und Freizeit verteilen. o o o o o o
Unsere gemeinsame Freizeit gestalten wir so, dass wir beide sie genießen. o o o o o o
Sexualität und körperliche Attraktivität trift zu: völlig teilweise kaum das ist für mich: sehr wichtig wichtig weniger wichtig
Wir sprechen offen miteinander über unsere sexuellen Wünsche. o o o o o o
Wir sind uns über die Häufigkeit unserer sexuellen Kontakte einig. o o o o o o
Wir machen uns Komplimente und zeigen uns, dass wir uns attraktiv finden. o o o o o o
Unsere Sexualität empfinden wir beide als lustvoll und befriedigend. o o o o o o
Jeder von uns ergreift mal die sexuelle Initiative. o o o o o o
Positive Emotionalität trift zu: völlig teilweise kaum das ist für mich: sehr wichtig wichtig weniger wichtig
Wir wissen, wie wir einander eine Freude bereiten können und tun das auch von Zeit zu Zeit. o o o o o o
Wir verwöhnen uns gerne gegenseitig (z.B. mit einer Massage oder einem Kaffee am Bett). o o o o o o
Wir zeigen uns unsere Liebe und Zuneigung im Alltag durch kleine Gesten und Worte. o o o o o o
Wenn wir zusammen sind, haben wir viel Spaß miteinander. o o o o o o
Wir nehmen uns in den Arm und sind zärtlich miteinander. o o o o o o
Wir loben einander. o o o o o o
Über kleine Schwächen des anderen können wir hinwegsehen. o o o o o o
Verbale Kommunikation trift zu: völlig teilweise kaum das ist für mich: sehr wichtig wichtig weniger wichtig
Wir sprechen offen über unsere Erwartungen und Wünsche. o o o o o o
Wir sprechen auch miteinander über negative Gedanken und Gefühle. o o o o o o
Wir sprechen darüber, was wir am Tag so gemacht haben. o o o o o o
Wir fragen einander, wie der Tag war. o o o o o o
Wir gehen bei unseren Gesprächen aufeinander ein, sodass wir uns verstanden fühlen. o o o o o o

 

So werten Sie den Test aus:

Schauen Sie sich die ausgefüllte Liste an, und zwar zunächst mit Blick auf die Aussagen, bei denen Sie „trifft völlig zu“ und gleichzeitig „sehr wichtig“ angekreuzt haben. Das sind die Stärken Ihrer Partnerschaft. Als Nächstes schauen Sie auf die Aussagen, bei denen Sie „trifft kaum zu“ und gleichzeitig „sehr wichtig“ angegeben ist. Das sind die Bruchstellen Ihrer Partnerschaft.

Gehen oder bleiben? Es gibt aber auch Alternativen

Wie lautet das Fazit Ihrer Bestandsaufnahme? Ist Ihre Beziehung noch zu retten? Ja! Nein! Oder sagen Sie einfach: Ich weiß es nicht! Zunächst einmal kann ein solcher Test sehr gut darüber Auskunft geben, welche Felder Sie mit Ihrem Partner in der Vergangenheit vielleicht eher vernachlässigt haben. Er zeigt aber auch, in welchen Bereichen Ihre Beziehung tragfähig ist. Der Test ist eine Grundlage, um gemeinsam mit Ihrem Partner an der Beziehung zu arbeiten. Er ist deshalb auch für alle Partner hilfreich, die sich die Frage „Gehen oder bleiben?“ gar nicht stellen, sondern für die es selbstverständlich ist, dass sie mit ihrem Partner zusammenbleiben wollen.

Doch kein Test der Welt und auch kein Therapeut kann Ihnen die Entscheidung abnehmen, gemeinsam weiterzumachen oder sich doch lieber zu trennen. Eine solche Entscheidung kann nur persönlich getroffen werden. Doch warum fällt die Entscheidung so schwer? Die meisten Menschen haben die Vorstellung, dass es richtige und falsche Entscheidungen gibt und man selber nur die richtige Entscheidung finden müsse. So einfach funktioniert es aber nicht. Wir können keine Vorhersagen treffen: Ob eine Entscheidung falsch ist oder nicht, können wir erst im Nachhinein sagen. Es ist deshalb empfehlenswert, so der Familientherapeut Roland Weber, „nicht von falschen oder richtigen Entscheidungen zu sprechen, sondern lieber von klugen Entscheidungen“. Dazu kommt, dass wir dazu neigen Entscheidungen im Entwederoder- Modus zu denken. Bei der Alternative Gehen oder Bleiben ist genau dies der Fall – jedenfalls auf den ersten Blick. Doch es gibt auch Alternativenn wie Sie mit Ihrer Beziehung weiterverfahren können:

1. Sie lassen alles so, wie es ist. Sie wissen dann, woran Sie sind. Man braucht sich nichts mehr vorzumachen – das ist das Gute daran. Sie und Ihr Partner akzeptieren den schwierigen Zustand, in dem sich Ihre Beziehung befindet.
2. Sie bleiben zusammen und arbeiten an der Verbesserung Ihrer Partnerschaft. Ihr Ziel ist, eine neue Basis des Zusammenlebens zu finden – ohne irgendeine zeitliche Befristung oder andere Vorgaben.
3. Sie versuchen es noch einmal zusammen, aber nur innerhalb eines bestimmten Zeitfensters – sagen wir von zwischen sechs Monaten und maximal einem Jahr.
4. Sie entscheiden sich für ein arrangiertes Zusammenleben, für das mehr oder weniger sachliche Gründe den Ausschlag geben oder die gemeinsamen Kinder.
5. Sie trennen sich auf Probe und leben eine Zeitlang getrennt.
6. Die definitive Trennung. Sie haben alles probiert, aber es geht nicht mehr gemeinsam weiter. An diesem Punkt angekommen, geben Sie einander die Freiheit zurück, das eigene Leben ohne den anderen neu zu gestalten.
Es gibt also auch hier – wie in so vielen anderen Fällen auch – mehr das als nur eine gute Entscheidung.

Susan Freytag

bt roland-weber01Roland Weber
Gehen oder bleiben
180 Seiten, € 14,95

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