„Nicht alles ist Liebe“

Der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht über Liebe, Attraktivität, feste Beziehungen und die vielen Möglichkeiten, sein eigenes Leben zu verpfuschen...

bewusster-leben: Herr Precht, wie ist es wirklich um die Liebe im 21. Jahrhundert bestellt?
richard-david-precht01 Precht: In der Geschichte der Menschheit haben die Menschen noch nie in so viel Wohlstand und Freiheit gelebt wie im Westeuropa des 21. Jahrhunderts. Die Folgen für die Liebe sind sehr gravierende. Liebesbeziehungen waren in früheren Zeiten zuerst Wirtschaftsgemeinschaften. Das sind sie heute nur noch zum Teil. Und je mehr Freiheit wir haben, umso weniger sind wir gezwungen, bei einem Partner zu bleiben. Wir haben heute gigantische Auswahlmöglichkeiten, jedenfalls prinzipiell.

bewusster-leben: Früher sind die Beziehungen häufig unter Zwang zu Stande gekommen – heutzutage haben wir relativ große Freiheiten. Wie gehen Liebe und Freiheit zusammen?
Precht: Ich nehme an, dass die Anzahl der Beziehungen von Menschen, die Jahrzehnte zusammenbleiben, immer geringer wird. Vielleicht ist es für unattraktive Menschen leichter, ein Leben lang zusammenzubleiben, als für attraktive, weil man weniger Auswahlmöglichkeiten hat. Für Menschen, die größere Auswahlmöglichkeiten haben, ist das Risiko relativ hoch, dass die Beziehung nicht langfristig hält. Das heißt nicht, dass es dies überhaupt nicht geben kann. Wir alle kennen wunderbare Ausnahmen von dieser Regel.

bewusster-leben: Spielt die Attraktivität wirklich eine so wichtige Rolle? Wenn man sich umschaut, denkt man, dass fast jeder Mensch irgendwie attraktiv ist.
Precht: Nicht nur Attraktivität, auch die materielle Unabhängigkeit ist wichtig. Es gibt heute noch viele Paare, die sich nicht trennen können, nachdem man sich ein Eigenheim gekauft hat, und die nun nicht wissen, wie man das Haus weiter abbezahlen soll oder wer darin wohnen bleibt. Das sind oft die Gründe, warum es Ehen gibt, die nicht geschieden werden, oder Paare, die sich nicht trennen. Wir sind also nicht frei von diesen materiellen Dingen, aber verglichen mit der Welt in den fünfziger oder zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts sind wir wesentlich freier geworden.

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bewusster-leben: Also kann man sagen, es gibt keine reale Freiheit, weil der Zwang dann aus der gesellschaftlichen Stellung oder den wirtschaftlichen Lebensumständen abgeleitet wird?
Precht: Ja, aber der moralische Druck ist geringer geworden. Wenn Sie in den fünfziger Jahren als Frau Ihren Mann verlassen haben, dann sind Sie moralisch in Ungnade gefallen; und wirtschaftlich ohnehin, denn Sie durften als Frau hier in Deutschland in den fünfziger Jahren kein Konto eröffnen ohne die Unterschrift Ihres Gattens und auch keinen Mietvertrag abschließen. So gesehen, hat sich durch die Emanzipation der Frau sehr viel getan. Heute sind es vielmehr die Frauen, die gehen – das war in früheren Zeiten fast unmöglich.

bewusster-leben: Sind die wirtschaftlichen Komponenten wirklich so wichtig, um die Freiheit zu erlangen? Muss nicht auch ein innerer Impuls dazukommen?
Precht: Für die meisten Menschen ist die Sicherheit im Leben viel wichtiger als die Freiheit. Wenn die Deutschen wählen müssten, auf Sicherheit zu verzichten oder auf Freiheit, würden sie auf Freiheit verzichten. Ich glaube, das ist auch in allen anderen Gesellschaften der Welt so. Heute haben wir sogar in vielen Bereichen zu viel an Freiheit. Wenn Sie im Supermarkt Tütensuppen auswählen möchten, haben Sie die Auswahl aus hundert verschiedenen Tütensuppen. Das ist die Antwort auf eine Frage, die sich Menschen nie gestellt haben, denn je größer die Auswahlmöglichkeit ist, umso mehr Angst müssen Sie haben, eine Fehlentscheidung zu treffen. Damit setzen Sie sich gewaltig unter Druck, und deswegen sind die Leute trotz der anwachsenden Freiheit in den letzten Jahrzehnten nicht glücklicher geworden.

bewusster-leben: Die Zweifel sind also unsere ständigen Begleiter?
Precht: Ja, weil wir heute für unser Leben in höherem Maße verantwortlich sind als früher, haben wir auch mehr Chancen, unser Leben selbst zu verpfuschen. Und das ist eine Bedrohung, der wir permanent ausgesetzt sind. Die Freiheit wird immer größer in unserer Gesellschaft und die Anzahl der Menschen, die psychisch auf der Strecke bleiben, wird immer größer. Das liegt daran, dass die Freiheitsentwicklung eine materialistische Entwicklung ist. Das kapitalistische Wirtschaftssystem hat in sehr großem Maße etwas mit der Auswahl der Produkte zu tun. Die Auswahl zwischen Gütern und Produkten wird immer größer und aus der Wirtschaftspsychologie wissen wir, wenn wir zwischen drei verschiedenen Dingen auswählen können, dann fühlen wir uns mit der Entscheidung nachher glücklich. Wenn wir aus hundert Dingen auswählen können, haben wir eine riesige Angst, eine Fehlentscheidung zu treffen. So gesehen funktioniert unsere Warenwelt entgegen der Natur des Menschen.

bewusster-leben: Freiheit und Attraktivität, Zwang und Zweifel, Abhängigkeit und Entscheidungsfähigkeit – das sind einige der Attribute, die heute unser Leben repräsentieren. Und dazu kommt natürlich noch „schneller, besser, tiefer, höher“. Passen in diesem gesellschaftlichen Umfeld Männer und Frauen überhaupt noch zusammen?
Precht: Bislang haben Männer und Frauen das Interesse aneinander noch nicht verloren. Ich glaube, dass uns die Anziehungskraft erhalten bleibt.

bewusster-leben: Braucht die Liebe dann eine feste Beziehung?
Precht: Ich glaube, dass es keine Patentrezepte gibt. Es gibt Menschen, die wie ein Thermometer sich an die Temperatur des jeweils anderen anpassen und unglücklich sind, wenn sie ihren Partner einen Tag nicht sehen; und es gibt andere, die ihren geliebten Partner nur in kleinen Dosen gut vertragen. Es gibt auf diese Frage keine Antwort mit allgemeingültigen Grundsätzen, wo man sagen kann, dass ist die Formel – und wenn ihr das so macht, dann wird es gut.

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Richard David Precht im Gespräch mit unserer Redakteurin Katarina Michel.

bewusster-leben: Ja, aber wir suchen doch immer nach dieser Formel.
Precht: Es gibt definitiv keine Formel! Unser Liebesbedürfnis entsteht aus unserer Kindheit und jeder von uns hatte eine andere Kindheit, eine andere Mutter, einen anderen Vater, eine andere Geschwister- Konstellation. Diese Verhältnisse prägen sehr zentral die Vorstellung davon, wie man später leben kann, leben möchte. Wie viel Liebe braucht man im täglichen Leben oder wie viel Leidenschaft will man in seinem Leben verwirklichen? Ob man einen Partner hat, der Verlässlichkeit und Stabilität signalisiert, oder ob man jemanden hat, der zuerst einmal „Abenteuer“ signalisieren muss: Das alles sind Dinge, die vermutlich schon in unserer Kindheit festgelegt werden, das ist unsere sogenannte „Liebeskarte“. Wir suchen dann jemanden, der optimal zu unserer „Liebeskarte“ passt. Diese „Liebeskarten“ sind so verschieden wie die Menschen.

bewusster-leben: Aber durch das Leben an sich kann sich doch unsere Meinung, wie und mit wem wir leben wollen, täglich verändern?
Precht: Ich glaube, dass wir ein relativ festes Präferenzschema in unserem Kopf haben, was aus der Kindheit stammt, und wir suchen nach jemandem, der so beschaffen ist, dass er in unser Präferenzschema passt. Dann spielen Lebensabschnitte auch eine große Rolle: Wenn ich als Frau mit zwanzig einen Kinderwunsch habe, dann habe ich natürlich eine andere Form von Mann im Visier als wenn ich Ende vierzig bin, die Kinder ausgezogen sind und ich überlege, mit welchem Mann ich die zweite Hälfte meines Leben verbringen möchte.

bewusster-leben: Ist die Liebe aber nicht in der Tiefe eine Begegnung zwischen Ich und Du?
Precht: Nicht jede Begegnung zwischen einem Ich und einem Du ist Liebe; und Liebe ist natürlich viel mehr als nur die Begegnung zwischen Ich und Du. Liebe ist vor allem die ganze Vorstellungswelt, die in uns ausgelöst wird. Liebe ist ein Gefühl der Zusammenangehörigkeit, das bei vielen Menschen sehr unabhängig davon ist, wie oft man sich sieht.

Interview von Katarina Michel