Der Arzt als Seelsorger

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Von Dietrich Grönemeyer

Der medizinische Fortschritt wird immer spezialisierter. Der Mensch mit seinem konkreten Leiden, gerät dabei mehr und mehr aus dem Blick. Mehr Vertrauen, Zuwendung auf Augenhöhe, Respekt vor der Würde und Freiheit des Einzelnen sind der Schlüssel zu einem neuen Klima im Medizinbetrieb

Auf besondere Weise verbunden sind wir mit anderen, wenn wir krank oder in Not und auf Hilfe angewiesen sind. Wir brauchen dann ein Gegenüber, das uns seine Zuneigung schenkt. Mir sind mehrere Aspekte in dieser von Wechselseitigkeit bestimmten Situation wichtig.

Für eine neue Sicht auf Krankheit

Erstens signalisiere ich als Betroffener: Ich bin krank und hoffe auf deine Hilfe. Das ist der An-Spruch gegenüber dem Arzt genauso wie gegenüber der Freundin, dem Freund, dem Liebsten, dem Vater, der Mutter, dem Sohn, der Gesellschaft. Wir fühlen uns verbunden, senden Signale aus, geben etwas von uns zu verstehen und hoffen, ja erwarten dann auch, dass der andere diese Gemeinsamkeit ebenso fühlt, dass er zumindest nicht davonläuft. Der zweite Aspekt, den ich als Arzt immer wieder erlebe ist, dass sich der Patient an mich wendet, und ich erfahre in dieser Situation: Ich habe in mir die Kraft, ihn tragen zu wollen, ihm als Mensch heilbringend zur Verfügung, zur Seite zu stehen. Dafür stellen wir Ärzte, aber auch jede Krankenschwester und die anderen therapeutisch Tätigen unsere individuellen Fähigkeiten und unser spezifisches Fachwissen zur Verfügung. Wir können nicht jeden Menschen heilen. Der therapeutische Behandlungsweg ist ein Prozess des Versuchs der restitutio ad integrum, einer Wiederherstellung also, ein Prozess, der dann wieder bis zur Integration, also bis zur vollständigen Wiederherstellung des alten Zustandes führen kann. Auf diesen Versuch kommt es. Und der dritte Aspekt ist, dass auch ich lerne. Ich lerne von jedem Kranken, und zwar als Mensch genauso wie als Therapeut. Ich lerne als Mensch, und zwar zum einen, dass es nicht das Kranksein an sich gibt, dass jede Krankheit, jede Grippe, jeder Schnupfen, jeder Husten, jeder Fußpilz, jeder Rückenschmerz etwas anderes ist – weil ja jeder Mensch andere Voraussetzungen aufweist. Deshalb gibt es auch nicht die Standardrezepte, nach dem Motto: Da schmierst du jetzt mal Salbe drauf, und alles wird wieder gut. Nein, Heilen an sich ist etwas zutiefst Individuelles. Bei jedem Menschen finden sich ein anderer Stoffwechsel, eine andere Immunitätslage, eine andere psychische bzw. soziale Situation, bei jedem gibt es andere Stressfaktoren.

Heilen ist etwas zutiefst Individuelles

Aber wir lernen auch, dass Symptome oder Körperstrukturen miteinander reagieren, obwohl sie nach unserem Wissen eigentlich völlig getrennt zu „leben“ scheinen. Wer „was mit der Haut“ hat, hat nicht selten etwas mit dem Darm. Alte Medizinsysteme anderer Kulturen wussten das besser als die heutige Schulmedizin, die erst langsam wahrnimmt, dass zum Beispiel im Darm ein Großteil des Immunsystems gebildet wird. Mit jeder Veränderung des Darms verändern sich Immunlagen. Bakterielle Veränderungen des Darms mit Fäulnisbakterien können die Psyche beeinflussen, einen Menschen müde oder lustlos werden lassen. Beispiel Darm: Funktionelle Magen- Darm-Beschwerden resultieren bei jedem individuell aus einem komplexen Zusammenspiel von Nahrung, Ernährungsverhalten, psychischer Verfasstheit und Verdauung.

Leben gläubige Menschen gesünder?

Hat Spiritualität als existenzielle Perspektive Einfluss auf mein Wohlbefinden? Haben die, die Sinn suchen, ein anderes Lebensgefühl, eine andere Lebenszufriedenheit als die nur an Körpermedizin Interessierten? Und haben Gläubige oder Menschen mit einer anderen spirituellen Lebenseinstellung eine andere, nicht nur kognitive Lebenszufriedenheit? Diese Fragen tauchen immer wieder auf. Es gibt Kritiker, die sagen, Religion sei an sich schon eine krank machende Neurose, religiöse Deutungen und damit zusammenhängende Erfahrungen würden Schuldgefühle auslösen und eigentlich eher krank als gesund machen. Das wird jedoch weder der Wirklichkeit noch der Erfahrung religiöser Menschen gerecht. Religionswissenschaftler sehen eine Gemeinsamkeit zwischen den großen Religionen der Welt ja gerade darin, dass sie auf dem Hintergrund der Erfahrung von Krankheit, Leiden und Tod und der Unsicherheit des Lebens die Menschen befähigen, innere Gelassenheit und Ruhe zu erreichen. Und aus dieser inneren Ruhe können sie dann wiederum die Kraft schöpfen, die Wechselfälle des Lebens besser zu bewältigen. Gerade das ist der Sinn der spirituellen Praktiken und ein Ziel der spirituellen Wege.
Natürlich gibt es auch für den Wirkzusammenhang von Heilung und Heil keine allgemeinen Gesetze. Und vor dem Tod sind alle gleich, Fromme und Atheisten. Aber möglicherweise ist die Sicht auf Krankheit und Leid eine andere. Viktor Frankl, der das KZ überlebte, hat in seinem Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ gezeigt: Klarheit über den Sinn einer noch so schwierigen und belastenden Situation zu gewinnen, gibt Kraft und die notwendige Energie, um diese Situation auch zu bestehen, vielleicht sogar zu überleben. Es leuchtet demnach auch ein: Wer ein existenzielles Gottvertrauen hat, wird möglicherweise weniger erschütterbar sein und wer auch existenziellen Krisen einen Sinn zuschreiben kann, wird möglicherweise eine stärkere Kraft entwickeln. Der Glaube an einen tieferen Sinn ist ein Schutzfaktor für die Seele. Ein Forscherteam aus Psychiatern und Neurowissenschaftlern der Columbia-Universität in New York hat Untersuchungen an einer Personengruppe durchgeführt, die zum Teil extrem anfällig für Depression war. Und das Ergebnis lautete: Wer religiöse oder spirituelle Inhalte bewahrt, wird offensichtlich seltener von Depressionen heimgesucht. Und das ist nachgewiesen sogar bei den Personen, bei denen genetisch, also durch die Familiengeschichte bedingt, eigentlich ein sehr hohes Erkrankungsrisiko besteht. Dabei zählt offensichtlich nicht, wie oft die betroffenen Personen Gottesdienste besuchen, sondern es kommt darauf an, welche Bedeutung sie der Religion insgesamt beimessen, wie stark also die Sinndimension im Bewusstsein der Menschen verankert ist.
In einer österreichisch-australischen psychologisch-psychiatrischen Studie aus dem Jahre 2013 kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass die spirituell-religiöse Dimension bei der Therapie von depressiven, angstgestörten und suchtkranken Patienten eine (positive) Rolle spielen kann.

Meditation kann bei der Heilung helfen

Der Psychiater Harold G. Koenig hat die Ergebnisse von Studien zusammengetragen, die den Zusammenhang von psychischer Gesundheit und Religion beleuchten. Sie zeigen: Gläubige besitzen im Durchschnitt ein eher gut ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Aber auch die körperliche Gesundheit scheint bei denjenigen, die sich einer bestimmten Glaubensrichtung verschrieben haben, von der Religion profitieren zu können. Die Sinnstiftung durch den Glauben, stabilisierende religiöse Rituale und soziale Bindungen gehören zu den positiv stimulierenden Faktoren. Religiös zu sein, sich einem bestimmten Glauben oder einer bestimmten Philosophie verschrieben zu haben ist sicherlich nicht das Wundermittel für Gesundheit. Aber es kann helfen. Beobachtungen zu solchen Beziehungen zwischen Philosophie, Religion und Gesundheit gibt es im Westen und im Osten. Am besten ausgeprägt ist dieser Zusammenhang wohl in der Meditation. Hirnforscher haben in Studien mit tibetischen Mönchen an der Universität von Wisconsin in Madison gezeigt, dass sich im Kernspintomographen bei der Meditation Änderungen in den Mustern der Hirnfunktionen bemerkbar machen können.

Arzt und Seelsorger – Hand in Hand, mit Herz und Seele

Ob eine Krankenschwester, der Logotherapeut, ein Angehöriger, selbst die Reinigungskraft in der Klinik, die täglich um das Bett des Patienten putzt – alle haben sie als Menschen die Fähigkeit, anderen in schwierigen Situationen einfühlsame Nähe zu zeigen. Meine Forderung ist, dass auch wir Ärzte uns in einem elementaren und einfachen Sinn als Seelsorger verstehen und dass wir wahrnehmen, dass auch inmitten einer funktionellen, von der Apparatemedizin beherrschten Atmosphäre Sinnfragen auftauchen – Fragen, denen wir nicht ausweichen dürfen. Als Ärzte müssen wir diese Gefühlswelt empathisch zulassen und uns die Zeit nehmen, darauf einzugehen, und zwar gerade dann, wenn Ängste auftauchen. Es kann nicht sein, dass der Radiologe, der einen Krebs festgestellt hat, zu der verunsicherten Patientin einfach nur sagt: „Und den Befund besprechen Sie dann mit Ihrer Hausärztin.“

Spiritualität und Individualität berücksichtigen

Wir müssen (wieder) lernen, uns in andere einzufühlen und auch mit deren Spiritualität, genauer gesagt deren individueller Lebenseinstellung – und damit meine ich nicht ihren spezifischen Glauben – umzugehen. Mit dieser humanistischen Einstellung gegenüber jedem Menschen kann ich als Arzt, als Therapeut Gläubige und Atheisten gleichermaßen respektvoll behandeln. Das heißt natürlich nicht, dass wir als Ärzte und Therapeuten einzelne Glaubensrichtungen vertreten könnten oder vertreten sollten. Wir müssten uns aber mit Psychologen und Philosophen und auch mit den Seelsorgern der kirchlichen Institutionen und der verschiedenen Religionen zusammentun und wirklich gemeinsam alle Anstrengungen unternehmen, um auch den Krankenhäusern, den Arztpraxen wieder eine Seele zu geben.

aus Ausgabe bewusster leben 3/2015

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