Die etwas andere Auszeit

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Unterwegs mit einem Koffer voller Gedichte

Anna-Magdalena Bössen radelte über 8000 Kilometer durch ganz Deutschland. Überall dort, wo sie Unterkunft fand, rezitierte sie Gedichte. Wie kommt man nur auf eine solche Idee?

Sie sind heute so selten wie eine vom Aussterben bedrohte Tierart: Zimmer- und Schieferdeckergesellen auf der Walz. Man erkennt sie aber immer noch an ihrer altmodischen schwarzen Kluft, die aus einer mit Biesen besetzten Manchesterjacke und Schlaghose sowie einem großen Schlapphut besteht, der einst das Erkennungszeichen des freien Mannes war. Wer einem solchen Wandergesellen begegnet, reagiert meist entzückt, wohlwissend, dass die Zeiten, in der jemand auszog, um das Fürchten zu lernen, längst der Vergangenheit angehören. Aber auch heute noch träumen viele davon, einfach mal so von Ort zu Ort zu ziehen – frei und ohne alle Verpflichtungen. Doch die eigene Komfortzone zu verlassen, um aus der gewohnten Existenz auszubrechen, das traut sich nicht jeder.

Anna-Magdalena Bössen hat sich getraut. Sie radelte zwei Jahre lang mit nur zwei vollgepackten Satteltaschen und einem gelben Koffer voller Gedichte durch ganz Deutschland. Mehr als 8000 Kilometer legte sie auf ihrem Drahtesel zurück und übernachtete hunderte Male bei fremden Menschen. Wer von ihr besucht werden wollte, und in den Genuss ganz spezieller Gedichtvorträge kommen wollte, konnte sich als Gastfamilie über das Internet eintragen. Die Bekannten der Gastgeber sollten dabei jeweils zum Publikum werden. Ein Unternehmen, das trotz einer halbjährigen Planungs- und Vorbereitungszeit unwägbar blieb.

„Man soll seinen Mantel nicht zu lang an den gleichen Nagel hängen, wie es so oft dieser Nagel nur ist, der uns am Ende noch hält. Wer von uns weiß es denn noch, dass auch die düsteren, engen Gassen ins Offene führen, in die unendliche Welt …“
(Mascha Kaléko)

Anfangs war nicht einmal sicher, ob sich überhaupt genügende Gastgeber finden würden, häufig genug traten auch unvorhersehbare Ereignisse auf, sei es ein Hexenschuss oder schlechte Wetterverhältnisse, welche die Fortsetzung ihrer Radtour manchmal unmöglich machten.

Sehnsucht nach Gemeinschaft und Verbundenhei

Die diplomierte Gedichte-Rezitatorin aus Hamburg war vor ihrer Radtour an einem Punkt in ihrem Leben angelangt, an dem sie nicht mehr so recht wusste, wie es mit ihr beruflich und auch privat weitergehen sollte. Acht Jahre lang hatte sie nach ihrem Studium an der staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart als Sprechcoach und Veranstalterin ihrer Firma „textouren“ in Hamburg gearbeitet.

Die Idee, Gedichte zu rezitieren, hatte sie dabei schon vor ihrer Radtour umgesetzt. Sie probte ihre Literaturschauspiele zunächst vor ungewöhnlicher Kulisse wie dem Hamburger Hafen. Irgendwann ist sie dann auf die Idee gekommen, eine literarische Reise durch ganz Deutschland zu machen. Ihr Motiv sei eine Mischung aus Fernweh und Neugier gewesen, schreibt sie in ihrem Buch „Deutschland, ein Wandermärchen“. „Außerdem sehnte ich mich nach Verbundenheit und einer größeren Gemeinschaft“, erinnert sie sich. Deshalb wollte sie für sich herausfinden: „Was bedeutet eigentlich Heimat für mich?“ Zugespitzt fragte sie sich: „Bin ich Deutschland?“

Und um diese Fragen zu klären, setzte sie eine Menge auf‘s Spiel. Sie tauschte ihre finanzielle Sicherheit ebenso wie ihre Privatsphäre und Selbstbestimmung, gegen Unsicherheit, Abenteuer und Gottvertrauen ein.

Ein Leben voller Unsicherheit und Unwägbarkeiten

Zwei Jahre lang radelte Anna Magdalena Bössen dann von Ort zu Ort, scheute auch nicht davor zurück, eine Hallig in der Nordsee zu besuchen, schraubte sich an der Küste bis nach Flensburg hoch und schlängelte sich von dort wieder gen Süden. Dabei bezwang sie mit ihrem Rad auch so manchen Alpenausläufer. Ihre Touren seien aber alles andere als idyllisch gewesen, sagt sie. Oft sei sie durch das lange Unterwegssein und die vielen Eindrücke an ihre physischen und psychischen Grenzen gekommen. Und hin und wieder wurden ihre Erwartungen auch enttäuscht. So hatte sie sich vom Besuch eines Ortes am Bodensee Momente der Erholung und Erfrischung erhofft. Stattdessen musste sie sich auf dem Weg zur Gastgeberin, die im Hochland wohnte, bei sengender Hitze acht Kilometer den Berg hinaufkämpfen, vorbei an Touristenmassen, fahrenden und parkenden Autokolonnen, die ihr den Blick auf den See verstellten. Von Naturidylle keine Spur! Als ein Passant sie dann auch noch beschimpfte, schmiss sie ihr Rad ins Gras und kletterte laut schluchzend auf einen Heuballen. Zum Glück holte die Gastgeberin die erschöpfte und demoralisierte Gedichtrezitatorin von dort mit dem Auto ab.

Mit ihren Gastgebern selbst hat sie dagegen nur gute Erfahrungen gemacht und noch heute ist sie erstaunt darüber, welch einen großen Vertrauensvorschuss sie ihr alle gewährt haben, berichtet sie. „Das in mich gesetzte Vertrauen wollte ich keinesfalls enttäuschen. Schließlich war ich zu Gast und so ließ ich mich für 48 Stunden auf ihr fremdes Leben ein. Oft musste ich meine eigenen Bedürfnisse zurücknehmen und mich in Geduld üben.“

Dafür bekam sie jedoch viel von ihren Gastgebern – häufig Mütter von erwachsenen Kindern – zurück. „Sie erkannten auf den ersten Blick, wie es mir ging und was ich brauchte“, berichtet die Vagabundin.

Meist am zweiten Abend ihres Aufenthaltes trat sie dann mit ihrem „Koffer-Programm“ auf – in kuscheligen Wohnzimmern, kargen Rathaussälen oder auch mal in unübersichtlichen Schiffsbäuchen – ohne Bühne, ohne Kulisse und ohne Scheinwerfer. Als einzige Requisiten dienten ihr ein Küchenstuhl und ihr ausrangierter gelber Koffer, den sie vor ihrer Abreise auf dem Dachboden gefunden hatte. In Zeiten, in denen digitale Medien ständige Ablenkung versprechen und der nächste Kick nur einen Klick weit entfernt ist, scheint es schon beinahe anmaßend, das Publikum nur mit einem reinen Gedichtvortrag in den Bann ziehen zu wollen. Doch genau das ist ihr oft genug geglückt. Wer ihre weiche volle Altstimme einmal gehört hat, den wundert das nicht. Schillers dramatisches Gedicht „Die Bürgschaft“ trägt sie ebenso gut wie Goethes bekannte Verse „Willkommen und Abschied“ vor. Sie kann aber auch anders und beherrscht nicht nur die Rezitation klassischer Balladen. Den „Vagabundenspruch“ von Mascha Kaléko oder das fast unaussprechliche Dada- Gedicht „Karawane“ von Hugo Ball trägt sie mit leichter, heiterer Stimme im schnellen Tempo vor.

Deutsche haben auch Humor

Auf ihren Reisen habe sie viel über „den Deutschen“ gelernt, nämlich dass dieser nicht nur die alt- und allseits bekannten Tugenden Disziplin, Genauigkeit und Pünktlichkeit, sondern viele weitere gute Eigenschaften wie Eigensinn, Gelassenheit und vor allem Humor besitzt. Als Beweis rezitiert sie nach ihrer Tour auf der Bühne im Hamburger Theatersalon rasch hintereinander gleich mehrere kurze lustige Gedichte, darunter Ernst Jandls „Sommerlied“ und Heinz Erhardts Gedicht „Der Berg“. Der Weg habe sie viele Tränen gekostet, noch mehr Muskelkater und jede Menge schlaflose Nächte, konstatiert sie. Aber er habe ihr auch etwas Unbezahlbares geschenkt. „Heute habe ich mehr Vertrauen ins Menschsein und mehr Vertrauen in mich selber als auch in meine Mitmenschen. Ich habe meine große Liebe und eine Heimat gefunden, die ich mit jedem Schritt meines Lebens in die Zukunft trage.“
Inge Behrens

Den Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 04-2016
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Mehr Informationen zum Thema finden Sie in den Buch:
Anna-Magdalena Bössen – Deutschland – ein Wandermärchen – Ludwig Verlag,
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