Faszination Kloster

0

Alles, was mit Kirche zu tun hat, hat es heutzutage nicht leicht. Klöster sind von dieser Zurückhaltung aber nicht betroffen. Im Gegenteil: Ein Aufenthalt im Kloster liegt voll im Trend.

Irgendwann hatte Paddy Kelly, 38, genug und entfloh seiner „Kelly Family“, mit der er in den 90-er Jahren große Erfolge feierte. Er verbrachte dann sechs Jahre bei den Brüdern der Johannes Gemeinschaft, einem Bettelorden in Burgund. Erst dort hat er sich selbst wiedergefunden. „Ich hatte das Leben, das ich führte, satt“, sagt er heute. Damals ließ er sämtliche materielle Reichtümer hinter sich, weil der Ruhm und der Erfolg für ihn zu einer Last geworden war.
Im Kloster studierte er Philosophie und Theologie und fand Antworten auf die elementaren Fragen, die er sich jahrelang stellte und begegnete – nach eigenen Angaben – sogar seinem Gott. Doch der Anlass für diesen großen Schritt war ein sehr trauriger. Paddy Kelly war nach seiner Zeit bei der „Kelly Family“ sehr unglücklich und verfiel in einen depressiven Zustand. Damals dachte er, so sagt er heute, dass er lieber sterben wollte, als so weiterzuleben. Er stieg auf ein hohes Gebäude, stand dort oben am offenen Fenster und wollte sogar springen. Doch – wie wir heute wissen –  besann er sich eines Besseren und machte sich auf den Weg ins Kloster.
In diesem lebte er auf zehn Quadratmeter als Bruder John Paul Mary, vertrieb sich seine Zeit mit Küchenarbeiten und fand auch die Liebe zur Musik wieder. Heute geht es ihm, nachdem er aus dem Kloster ausgetreten ist, wieder gut. Er hat für sich den Sinn des Lebens gefunden und steht demnächst sogar wieder mit seiner „Kelly Family“ auf der Bühne. Im Nachhinein ist er froh über seine damalige Entscheidung.
Von der Bühne ins Kloster und wieder zurück – Paddy Kellys Lebensweg war bislang durchaus kein geradliniger, aber einer mit dem er es geschafft hat, sein persönliches Glück neu zu definieren. Und das fand er im Schweigen und in der Besinnung auf sich selbst.

Ein Klosteraufenthalt kommt einer tiefsitzenden Sehnsucht entgegen

Das Motiv des Rückzugs stellt eine Konstante im menschlichen Bewusstsein dar. Es gab keine Zeit und keine Gesellschaft ohne heilige Zeiten und Räume, ohne Mysterien und rituelles Entfernen aus dem Alltag.
Doch Phasen eines solchen meditativen Rückzugs, um sich zu besinnen und zu erneuern, sind in unserer Kultur heute  kaum noch vorgesehen. Vielmehr verschlingt uns oft die Zeit. Wir leben gewissermaßen auf der Überholspur und verlieren uns in Aktivitäten, stehen unter permanentem Stress und sind überfordert. In unserer verplanten, vermeintlich bestens organisierten und auf pure Effizienz ausgerichteten Welt ist es daher um so wichtiger, sich immer wieder mal fürs Innehalten und Atemholen zu entscheiden. Diesem Bedürfnis kommt ein Klosteraufenthalt auf Zeit entgegen. Kein Wunder, dass das Interesse an einer solchen Auszeit immer mehr zunimmt. Und viele Klöster reagieren inzwischen mit entsprechenden Angeboten und öffnen ihre Türen für Besucher.
Interessierte können für einige Tage in den Klosteralltag hineinschnuppern und so etwas Abstand vom Stress und der Hektik außerhalb der Mauern gewinnen. Dabei ist es ganz egal, ob die Besucher selbst gläubig oder aber konfessionslos sind. Schließlich beinhaltet das Christsein auch, immer eine Tür für Heimkehrer und Bekehrte offen zu halten.
Interessenten können meist solange bleiben, wie sie möchten, bis sie sich eben frei von materiellen Einflüssen und wieder eins mit sich selbst fühlen. Ein temporärer Aufenthalt in einem Kloster hilft nicht nur bei Stress, er kann auch über eine Trauerphase nach dem Verlust eines geliebten Menschen hinweghelfen. Die Bewohner des Klosters, Mönche wie Ordensschwestern stehen den Besuchern in diesem Fall auch mit spiritueller Hilfe zur Seite.
Besucht man einen Orden nur für einen begrenzten Zeitraum, so hängt es vom Aufenthaltsort ab, inwiefern man am eigentlichen Klosterleben  teilnimmt. Manche Klöster bieten ihren Besuchern lediglich eine Unterkunft fernab weltlicher Einflüsse an, andere wiederum binden die Gäste komplett in den klösterlichen Tagesablauf ein. Dann leben sie in keinem Gästehaus, sondern in einer Zelle wie die Nonnen und Mönche auch. Manche Klöster, die einen Urlaub anbieten, sind im Grunde nur ein sehr stilles Hotel. Die Betten muss man selbst machen. Wie in einem normalen Hotel gibt es aber ein Frühstück, Mittagessen und Abendessen, mit dem Unterschied der Abgeschiedenheit und der Ruhe.

Die Entscheidung gegen ein Leben auf der Überholspur

Doch worum geht es eigentlich bei einem Rückzug auf Zeit, wie er heute von vielen Klöstern angeboten wird? Eine erste Antwort: um die Konzentration auf die Stille, ums Hinhören, das Achten auf sonst leicht Überhörtes. Es geht um einen achtsamen Umgang mit unseren Gedanken, darum, sie hochkommen zu lassen, sie loszulassen und zu verabschieden, um uns so wieder auf das Wesentliche im Leben zu fokussieren.
Für Anselm Grün,  den Benediktinermönch aus dem Kloster Münsterschwarzach geht es bei einem Klosteraufenthalt darum, „dass man das richtige Verhältnis zum Himmel und zur Erde bekommt, zur Gesellschaft und zur eigenen Einsamkeit, zur eigenen Zeit, aber auch zur Tradition: Die Wahrnehmung, dass wir nicht nur im heute leben und nicht in Zwecken und Bedürfnissen aufgehen. Aber auch die Erfahrung, dass da Menschen sind, die einem durch ihr Gebet den Rücken stärken.“
Vor allem geht es darum, die Stille und das Schweigen wieder neu zu lernen. Gerade in unruhigen Zeiten wie diesen können sie eine Hilfe sein, damit wir wieder besser zur eigenen Mitte finden können. Sie sind aber auch ein Weg, eine andere Wirklichkeit zu erfahren, die schließlich – in der Tiefe spiritueller Erfahrungen – weit mehr beinhaltet als nur die Abwesenheit von Geräuschen.

Im Schweigen gehen wir den Weg von außen nach innen

Schweigen und Einsamkeit sind Wege, über die äußere zu einer inneren Ruhe und zu Gleichmut zu finden, Sorgen loszulassen, ungute Gedanken abzulegen, nicht länger zurückzuschauen mit vielen selbstquälerischen Grübeleien und Gedanken – um schließlich Schritt für Schritt auch eine Reise ins Innere seiner selbst anzutreten. Das hat nichts mit Romantik zu tun oder mit Stressbewältigung. Es ist eine innere Angelegenheit –  etwas, das alles Denken und alle Erkenntnis übersteigt.
Ein vordergründiger Aspekt des Schweigens ist der des Loslassens. Wer schweigt, der verzichtet darauf, zu reden oder sich zu äußern. Doch das fällt uns heute gar nicht mehr so leicht. „Manche erleiden einen Schweigeschock, wenn sie auf Zeit ins Kloster gehen. Aber sie erleben auch, dass das guttut,“ weiß Pater Anselm Grün.Das Schweigen wird deshalb im Kloster geduldig eingeübt, weil es letztlich einem Verlassen der Welt gleichkommt – macht also vielen zunächst einmal Angst. Im Schweigen gehen wir den Weg von außen nach innen, wir wechseln gleichsam den Standort unseres Lebens. Das äußere Schweigen ist dazu da, dem inneren Schweigen Raum zu geben. Es rührt gewissermaßen an jene Stelle, wo das Schweigen in unserem Innern wohnt. So schlägt die eher negative in eine eindeutig positive Sicht des Schweigens um:

„Das Schweigen besteht nicht nur darin, dass der Mensch aufhört zu reden. Das Schweigen ist mehr als bloß ein Zustand, in den der Mensch sich versetzen kann, wenn es ihm passt. Wo das Wort aufhört, fängt zwar das Schweigen an. Aber es fängt nicht an, weil das Wort aufhört. Es wird nur dann deutlich. Das Schweigen ist ein Phänomen für sich. Es ist also nicht identisch mit der Aufhebung des Wortes, es ist nichts Reduziertes, es ist etwas Ganzes, etwas, das durch sich selbst besteht, es ist zeugend wie das Wort und es formt den Menschen wie das Wort, nur nicht im gleichen Maße. Das Schweigen gehört zur Grundstruktur des Menschen.“
(Max Picard, „Die Welt des Schweigens“)

Auf der Suche nach einer ganz anderen Welt

In einer Welt, in der das Geschwätz und die permanente Reizüberflutung immer mehr die Oberhand gewinnen, brauchen wir Zeiten, in denen wir abschalten können, vom Netz gehen und in eine ganz andere Welt eintauchen, um in ihr wieder eine neue Oriertung für unser Leben zu finden. Viele erleben es deshalb auch als angenehm und entlastend, wenn sie im Kloster einen neuen Rhythmus finden und sich auf ihn einlassen. Manche fühlen sich auch in ihrem Glauben wieder bestärkt, wenn sie am täglichen Chorgebet der Mönche teilnehmen. Im Kloster erfahren die Gäste eine lebendige Klostergemeinschaft und dürfen in vollem Umfang  an dieser Gemeinschaft teilhaben, ohne auf ihren Glauben oder ihre Rechtgläubigkeit hin befragt zu werden.  
Herbert Gerstl, 58, Lehrer, besuchte nach einem Burnout das Kloster Arenberg und spricht aus eigener Erfahrung, wenn er sagt: „Als ich am ersten Tag nachmittags bei Nieselregen im Kloster ankam, dachte ich: Oh Gott, wie soll ich hier nur vier Tage überstehen? Doch am Morgen des letzten Tages hatte ich innerlich schon längst beschlossen, irgendwann an diesen Ort zurückzukehren, wo Leib und Seele so viel Gutes erfahren dürfen.“ Es ist der Rhythmus der Langsamkeit, der Entschleunigung, den viele im Kloster suchen und auch finden. Es ist diese Sehnsucht danach, dass das, was wir als das normale Leben bezeichnen nicht alles sein kann, dass es noch mehr geben muss – ein inteniveres, tieferes und sinnvolleres Leben. Susan Freytag

Den Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 1/2017.
Ausgabe bestellen

Share.

Hinterlass eine Antwort