Gedächtnistraining: Häkeln fürs Gedächtnis

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Häkeln als Gedächtnistraining – nur eine schräge Idee? Keineswegs. Denn Häkeln ist weit mehr als nur Handarbeit. Schließlich funktioniert es im Prinzip ganz ähnlich wie unser Gedächtnis.

Was wissen wir eigentlich über unser Gedächtnis? Wie, wann und warum es funktioniert? Welches Gedächtnistraining hilft uns tatsächlich und warum lässt es uns hie und da leider im Stich? Seien wir ehrlich: Wir wissen es nicht. Kein Problem, solange es nur selten vorkommt! Was sich eines Tages allerdings ändern könnte, denn so liegen die Dinge nun einmal: Den meisten Gedächtnissen geht irgendwann die Luft aus. Je älter wir werden, mit umso größerer Wahrscheinlichkeit. Und im schlimmsten Fall ist es im Alter ganz aus damit. Lange dachte man, das sei normal. Heute weiß man, dass es eine Krankheit ist.

Schusseligkeit ist ein Zeichen mangelnder Achtsamkeit

Zählen Sie sich etwa jetzt schon zu den Schusseligen im Lande? Da können Sie beruhigt sein: Schusseligkeit ist kein Gedächtnisverlust, nicht einmal eine Vorstufe davon. Schusseligkeit ist stets ein Zeichen mangelnder Achtsamkeit, manchmal auch von psychischer Verdrängung. Als Gegenmittel empfohlen wird meistens ein effektives Gedächtnistraining. Was unter dieser Bezeichnung so angeboten wird, ist allerdings oft nur eine Form der Konzentrationsübung. Konzentration ist natürlich auch eine sehr nützliche Fähigkeit. Dummerweise schützt sie unser Gedächtnis nicht vor krankhafter Degeneration, ebenso wenig wie intellektuelle Fitness es vermag. Es gibt ganz erstaunliche Geschichten von Menschen, die sogenannte Nahtod-Erfahrungen durchgemacht haben und die berichten können, wie dabei vor ihrem inneren Auge ihr „ganzes Leben“ ablief. Und auch noch in aberwitzig kurzer Zeit. Ob diese Menschen tatsächlich dem Tode nahe oder sogar schon über die Schwelle hinaus waren, ist eine Glaubensfrage. Nicht aber, dass es doch eine höchst erstaunliche Gedächtnisleistung darstellt, wenn sich binnen Sekunden ein derartig umfangreicher Film im Kopfkino abspielt. Es ist ein Beleg dafür, dass im Prinzip nichts, was irgendwann erlebt wurde, der Erinnerung verloren geht. Man sollte allerdings hinzufügen: solange das Gedächtnis funktioniert.

Wie Sie Ihr Gedächtnis zu Ihrem Freund machen

Auch Sie haben es schon erlebt: Gerade unter den „unmöglichsten Umständen“ fallen Ihnen die „unmöglichsten“ Sachen ein. Dinge eben, die Sie schon längst völlig vergessen glaubten. Ist das nur eine beiläufige Höchstleistung unseres Gedächtnisses? Ebenfalls aber doch auffällig, gerade das Spontane, geradezu Spielerische daran. Doch schnell gehen wir zur Tagesordnung über. Heutzutage ist es viel entscheidender, dass unser Gedächtnis funktioniert wie am Schnürchen. Wenn es uns seine Erinnerungsschätze nur dann preisgäbe, wenn es Lust dazu hat, wären wir im ständig komplexer werdenden Alltag geradezu aufgeschmissen. Dabei ist doch eigentlich immer alles noch vorhanden, und sei es scheinbar noch so tief im Abgrund des Vergessens verschwunden. Da könnte es jedenfalls nicht schaden, unser Gedächtnis schon in der Blüte unseres Lebens nicht nur als gehorsamen Diener, sondern auch als Freund und „Kreativpartner“ zu sehen. Und anstatt es ständig dazu überreden zu wollen, sich gefälligst etwas zu merken, es zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit zu motivieren.

Gedächtnistraining mal anders

Die Frage lautet eben nicht: Wie bekommen wir etwas ins Gedächtnis hinein? Sondern einzig und allein: Wie bekommen wir es da wieder heraus? So ungewohnt es klingt, aber um sich später an etwas erinnern zu können, muss es dem Gedächtnis zuvor nicht „eingeprägt“ werden. Das erledigt es ganz von allein. Wir können immer nur versuchen, dort etwas herauszubekommen. Die Konsequenz daraus ist ebenso klar, wie sie ungewohnt klingt: Sich etwas zu merken, etwas zu lernen, sich Wissen und Können anzueignen, und sei es durch die brutalstmögliche Art und Weise, die wir „einpauken“ nennen – all das sind nur verzweifelte Versuche, dem Erinnerungsvermögen auf die Sprünge zu helfen. Solange unser Gedächtnis nicht zur Mitarbeit bereit ist, solange wir keinen „guten Draht“ zu ihm unterhalten, wird es die von ihm abgespeicherten Informationen auch nicht störungsfrei zurückfunken. Eine ebenso simple wie verblüffende Tatsache. Häkeln ist ein perfektes Symbol für die Funktionsweise unseres Gedächtnisses, denn auch beim Häkeln wird alles mit allem verbunden – alles hängt aneinander. Genau wie im Netzwerk Erinnerung: Zahllose Verknüpfungen werden so organisiert, dass ein festes Netz entsteht, in dem alles zusammengehalten wird und nichts verloren geht.  Häkeln ist aber noch aus einem anderem Grund höchst geeignet, um unser Gedächtnis zur Arbeit zu motivieren: Es ist etwas wortwörtlich „Handfestes“. Und der Rhythmus unserer Hände hilft dabei, auch unser ständiges Gedankenkreisen „in den Griff“ zu bekommen. Häkeln kann sehr meditativ und ein gutes Gedächtnistraining sein. Es öffnet uns sanft und geführt für die unendlich reiche Welt der Gedanken, der inneren Bilder – und der Erinnerung. Dank des Fadens in unserer Hand bekommen wir einen besseren „Draht“ zu unserem Gedächtnis.

Beim „Slow-Häkeln“ geht es um Kreativität und Fantasie

Und das geht so: Beim Häkeln entsteht unter unseren Händen eine Form: eindimensional als Linie, in Gestalt einer sehr einfachen Luftmasche. Zweidimensional als Fläche, ob rund, eckig oder beides zusammen. Dreidimensional mit Erhebungen, Wölbungen, Höhlungen und, wenn wir wollen, sogar als in sich geschlossener Körper. Sie werden staunen, was man mit Haken und Garn alles zustande bringen kann! Das Schöne dabei ist: Beim Häkeln als Gedächtnistraining geht es nicht um handwerkliches Können, sondern einzig und allein um Fantasie und Kreativität. Darum, die vielfältigen Dimensionen der Erinnerung in Gedanken, Gefühlen und inneren Bildern zu erleben und als „Gedächtnisreisen“ auszugestalten. Jede der dabei gehäkelten Formen ist eine Brücke in die unendliche Vielfalt unserer Gedächtnislandschaft: sozusagen ein „Erinnerungs- Tool“. Vielleicht haben auch Sie ja bald eine ganze Tool-Box voller symbolischer Häkelformen. Und jede dieser Formen ist mit einer bestimmten Erinnerung verbunden, vielleicht sogar mit einem ganzen Erinnerungsschatz. Höchst spannend!

Sie werden staunen, was dabei alles herauskommen kann – vor allem, wenn Sie die einzelnen Formen, die mehr oder weniger absichtslos entstehen, absichtsvoll miteinander verbinden, indem Sie sie aneinanderhäkeln. Eine, wie die andere, hat ihren ganz persönlichen Wert für Sie – nicht nur, als Zeugnis Ihrer persönlichen Kreativität, sondern weil es so zeichenhaft und bedeutungsvoll ist: wahrhaftig ein Teil Ihrer selbst.

Legen Sie für eine kleine Übung am besten schon mal Garn und Häkelnadel bereit. Nehmen sie dazu ein Garn, das Sie besonders schön finden. Vielleicht sogar eines von goldener Farbe – Ihre Erinnerungen sind schließlich Ihr größter Schatz. Das Ziel der Übung „Slow Häkeln“ (siehe S. 31) ist es nicht, die Erinnerung an das Ereignis vollständig abzurufen, sondern lediglich ein besseres Gefühl für das Abrufen von Gedächtnisinhalten zu bekommen.

Das Prinzip lautet: Verbinden und Vernetzen

Da wir unser Gedächtnis nie zu sehen bekommen, bleibt es ein abstraktes Gebilde. Wir nehmen an, dass es ein phänomenales Netzwerk ist. Aber kennen wir es? Die Luftmaschenkette, mit ihrer Aneinanderreihung verschlungener Verbindungen, ist eine erste Hilfe, um das Arbeitsprinzip „Verbinden und Vernetzen“ dingfest zu machen. Wenn Sie sich an Vieles erinnern, wird Ihre Kette lang sein. Kürzer, falls es wenig ist. „Slow-Häkeln“ dient als Orientierungshilfe, um sich auf dem Pfad der Erinnerung zurechtzufinden und nicht davon abzuweichen. Es ist auch eine Vorbereitung für das Trainieren fortgeschrittener Gedächtnisleistungen, zum Beispiel der Fähigkeit, unter den zur Verfügung stehenden Erinnerungen bewusst auszuwählen und gewollt jenen zu begegnen, die man sehen möchte.

Häkeln für ein fittes Gedächtnis – das ist eben keine schräge, sondern eine besonders gute Idee. Häkeln kann weit mehr als nur Handarbeit sein. Schließlich funktioniert es im Prinzip wie unser Gedächtnis: Alles wird mit allem verbunden, alles hängt aneinander. Zahllose Verknüpfungen werden so organisiert, dass ein Netzwerk entsteht, in dem alles zusammengehalten wird und nichts verloren geht. Erleben Sie doch einmal selbst, wie Sie mit Haken und Garn ganz handfest Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen können.
Eckhard Graf

Den Artikel und die Übung “Slow-Häkeln” finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 02-2016
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Ausführliche Informationen zum Thema gibts in den Buch:
Die Masche für den Kopf, Terzium Verlag
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