Kopf oder Bauch?

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Ständig müssen wir Entscheidungen treffen. Das ist ziemlich anstrengend und oft wissen wir nicht, ob wir auf unser Gefühl oder unseren Verstand hören sollen. Wann genau sollten wir also eher intuitiv und wann überlegt vorgehen? Der Psychologe Steve Ayan hat sich darüber Gedanken gemacht.

Über die Macht der Intuition (von Lateinisch „intueri“ = hineinblicken, durchschauen) ist schon viel geschrieben worden. Wissenschaftler sprechen meist lieber von „impliziter Informationsverarbeitung“. Das hebt sie vom Heer der Gurus ab, für die Intuition ein gefundenes Fressen ist. „Quäl dich nicht!“, raunt die Branche, „bemühe nicht unnötig den Verstand, sondern höre auf dein Bauchgefühl. Geh, wohin dein Herz dich führt!“ Klingt verlockend, doch ganz so einfach ist es nicht. In jeder kniffligen Lebenslage einen verlässlichen, inneren Kompass zu besitzen, der einem den Weg weist – diese Vorstellung ist zu schön, um wahr zu sein. Die spannende Frage lautet: Wann genau sollte man eher intuitiv und wann überlegt vorgehen? Studien belegen, dass uns das bewusste Nachdenken oft gerade dann im Stich lässt, wenn es kompliziert wird. Es kapituliert vor den schwierigen Problemen, die einfachen sind eher sein Metier; dagegen spielt das spontane Urteilen in unübersichtlichen, verworrenen Lebenslagen seine Trümpfe aus.

Manchmal lässt uns das Denken im Stich

Vor rund zehn Jahren erschien im Fachblatt Science eine Arbeit mit dem Titel „Die richtige Entscheidung treffen: der Effekt des unbewussten Abwägens“. Autoren waren der niederländische Psychologe Ap Dijksterhuis und Kollegen von der Universität Amsterdam. Ihre provozierende These: Je vertrackter ein Problem, desto weniger bringt Nachdenken. Dijksterhuis’ Team schloss das aus einer Reihe von Laborexperimenten. In einem sollten die Teilnehmer das ihrer Meinung nach Beste unter vier vorgegebenen Autos auswählen. Dazu wurden ihnen Listen mit verschiedenen Eckdaten wie Verbrauch, PS-Zahl oder Stauraum vorgelegt. Mal waren es vier, mal zwölf solcher Angaben. Eines der Autos wurde dabei jeweils zu Dreivierteln durch günstige Merkmale beschrieben (3 von 4 oder 9 von 12), auf zwei Modelle entfielen gleich viele Plus- wie Minuspunkte (je 2 beziehungsweise 6) und das letzte besaß nur zu einem Viertel Vorzüge. Alle Probanden bekamen vier Minuten Zeit, sich zu entscheiden. Doch nur die Hälfte sollte die Angaben exakt abwägen; die anderen hinderte man im Gegenteil sogar daran, indem man sie mit Knobelaufgaben ablenkte. Ergebnis: War die Kriterienliste kurz, wählten die Abwäger öfter das objektiv gesehen beste Auto als die abgelenkten Probanden. Bei einem Dutzend verschiedener Angaben war es jedoch genau umgekehrt: Die Grübler erkannten seltener die Topkarosse als jene, die gar keine Gelegenheit hatten, sich Gedanken zu machen.

Einfache Probleme sollte man rational lösen

In einer weiteren Untersuchung befragte Dijksterhuis’ Team Kunden, die soeben aus einer Filiale der niederländischen Supermarktkette Bijenkorf oder aus einem Ikea-Möbelhaus kamen. Lebensmittel im Discounter einzukaufen, ist keine große Kunst; bei Ikea dagegen kann man sich bekanntlich ewig und drei Tage den Kopf zerbrechen über Maße, Dekor und Einrichtungsdetails. Siehe da: Im Möbelhaus fühlten sich Spontankäufer insgesamt wohler und waren mit ihrer Wahl zufriedener als Leute, die lange hin und her überlegten; der Einkauf bei Bijenkorf behagte wiederum den bedächtigen Einkäufern besser. Über komplizierte Fragen lange zu brüten, zahle sich nicht aus, so das Fazit der Forscher. „Einfache Probleme sollte man rational lösen, das Nachdenken über komplexere Sachverhalte überlässt man besser dem Unbewussten“, so Dijksterhuis. Mit anderen Worten: Wähle deine Socken mit Bedacht, über den Hauskauf grüble lieber nicht so viel nach! Natürlich wurden bald Zweifel an dieser steilen These laut. Abgesehen von der Frage, wann genau ein Problem eigentlich einfach und wann kompliziert ist, ging es dabei vor allem um die Treff sicherheit des unbewussten Denkens. Machen wir nicht intuitiv ebenso viele Fehler wie beim rationalen Abwägen, nur vielleicht andere?

Wie können sich Kopf und Bauch ergänzen?

Die Psychologen Todd Thorsteinson und Scott Withrow wiederholten Dijksterhuis’ Autostudie. Bei ihnen schnitten Grübler und Spontanentscheider jedoch gleich gut ab. Beide Gruppen gerieten auf Abwege, nur die Gründe dafür waren verschieden: Während die Abgelenkten das entscheidende Kriterium leicht übersahen, gewichteten die anderen nebensächliche Faktoren besonders stark. Die einen sahen sozusagen den Wald vor Bäumen nicht, die anderen schossen sich auf Dinge ein, die nichts zur Sache taten. Sind die besten Entscheidungen vielleicht eher solche, bei denen bewusste Abwägung und Bauchgefühl einander ergänzen? Und wenn ja, wie geht das?
Lange Zeit hielt man die Intuition für eine Art verkürztes Denken. Sie entspringe dem „kognitiven Sparsamkeitsprinzip“, sprich: der menschlichen Denkfaulheit. So ermögliche sie uns wenigstens eine grobe Annäherung an das Ideal einer rationalen Entscheidung, wenn wir zum Beispiel nicht genug Zeit oder Informationen zur Verfügung haben. Diese Theorie gründet jedoch mindestens zum Teil auf dem methodischen Vorgehen von Forschern: Bei ihren Studien bitten sie Probanden der Einfachheit halber meist, schnell zu sagen, welche von mehreren Optionen sie bevorzugen. Welches Auto ist das Beste? Welche Marmelade schmeckt am leckersten?
Nun ist Tempo zwar ein probates Mittel, um differenziertere Überlegungen zu unterbinden. Intuition hat aber bekanntlich noch eine andere Qualität: Ich weiß nicht warum, aber ich bin mir sicher, so muss es sein.

Warum ein Spaziergang manchmal helfen kann

Der Neurobiologe Gerhard Roth beschreibt das Hauptkennzeichen spontaner Eingebungen so: „Intuitives Problemlösen unterscheidet sich qualitativ vom gedanklich konzentrierten Problemlösen dadurch, dass es nicht linear-sequenziell, nicht Überlegung für Überlegung voranschreitet, sondern in parallel-verteilter Weise, wobei die Lösungssuche anstrengungslos und ohne Detailerleben verläuft. Allerdings haben Personen bei derartigen Vorgängen (…) oft das Gefühl, einer Lösung nahe zu sein, sie nur nicht fassen zu können.“ Intuitive Ratschlüsse stellen sich meist dann ein, wenn wir bereits eine gute Portion Erfahrung gesammelt haben. Damit die Inkubation, die Phase der unbewussten Informationsverarbeitung, wirken kann, muss man sich mit der betreffenden Sache eingehend beschäftigt haben. Hat man eine Weile darüber gebrütet, empfiehlt es sich, anderes zu tun: etwa spazieren zu gehen, zu stricken oder zu joggen. Je monotoner, desto besser. Das bietet zwar keine hundertprozentige Gewähr, dass der Groschen fällt – aber es erhöht die Chancen. Der oft beschworene Gegensatz zwischen Kopf und Bauch ist Humbug. Intuition ersetzt das Nachdenken nicht, sondern steht ihm zur Seite wie eine gute Fee, die es an die Hand nimmt und vor mancher Dummheit bewahrt. Logik ohne intuitive Erdung führt ebenso zu nichts wie Gefühligkeit ohne Verstand.           
Steve Aya

Den Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 06-2016
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