Plötzlich verlassen! Was steckt hinter einem unerwarteten Beziehungsabbruch?

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Es passiert immer wieder, dass jemand schlagartig eine Beziehung beendet  und völlig von der Bildfläche verschwindet. Die hilf- und ratlosen Verlassenen suchen dann verzweifelt nach einem Auslöser, den es nicht gibt, denn der Beziehungsabbruch ist meist die Folge eines langen Prozesses, der aus vielen kleinen zerstörerischen Momenten besteht.

Carolin hätte es nie für möglich gehalten, dass ihr jemals ein solches Schicksal widerfährt. Ihre Ehe war intakt, das Verhältnis zu ihren Kindern gut. Sie war eine liebevolle, fürsorgliche Großmutter und hütete regelmäßig die Enkel ihrer beiden Kinder. Dann ganz plötzlich vor zwei Jahren, brach ihr Sohn den Kontakt nach einem nichtigen Streit ab. Er meinte nur knapp, dass er ihr absolut nichts mehr zu sagen habe. Der Beziehungsabbruch traf sie doppelt hart. Denn seither sieht sie nicht nur ihren Sohn, sondern auch ihre Enkelkinder nicht mehr. Die Wunde, die die abrupte Trennung und das dauerhafte Schweigen gerissen hat, will nicht heilen. Die einst so pragmatische und resolute Geschäftsfrau, die für fast jedes Problem eine Lösung wusste, steht der Situation vollkommen hilf- und ratlos gegenüber. Das Verhalten ihres Sohnes ruft bei ihr Unverständnis und Wut hervor. Für viele derart Verlassene ist die eintretende Funkstille nach einem abrupten Beziehungsabbruch nur schwer zu ertragen, oftmals sogar schwerer als der Tod eines geliebten Menschen. Die 67-Jährige weiß nicht, wie sie diesen radikalen Bruch verarbeiten soll, da sie ja nicht mal das Problem kennt und versteht. Aber was hilft in einer solchen Situation überhaupt? „Ärger, Wut und Zorn müssen verstanden werden, um als berechtigte Gefühle akzeptiert zu werden“, sagt der Psychologe Wolfgang Hantel-Quiltmann. „Um den Ärger eines anderen zu verstehen, brauchen wir zweierlei: möglichst klare Informationen über die Hintergründe des Ärgers und eigene ähnliche Erfahrungen.“ Doch wie Carolins Sohn wollen viele Abbrecher, die Frage nach dem „Warum“ nicht beantworten. Ein Zustand, der für den Verlassenen nur schwer zu ertragen ist. Die Kränkung nimmt kein Ende. Carolin hat zwar alle Bilder, die sie an ihren Sohn erinnern, aus der Wohnung entfernt, doch auch das hilft nicht wirklich. Ihr Sohn ist in seinem Schweigen weiterhin ständig anwesend.

Ein Beziehungsabbruch im Normalfall

Im Normal- und Optimalfall verstehen beide Seiten, warum eine Beziehung scheitert und der Kontakt abbricht. Neben Respektlosigkeit gibt es viele andere Gründe, die gewöhnlich Ärger auslösen können. Laut einer australischen Studie, ärgern sich die meisten Menschen, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen, wenn sie unmoralische Verhaltensweisen aufspüren, es mit fachlicher Inkompetenz zu tun bekommen oder im Beisein anderer gedemütigt werden. Wie schnell und wie stark sich jemand ärgert, kann individuell jedoch sehr verschieden sein. Und Unterschiede gibt es auch in der kognitiven Bewertung einer Situation oder eines bestimmten Verhaltens. Bei dem einen verfliegt der Ärger schnell, andere reagieren nachtragend. Die Grundlage einer Interpretation ist immer das bisherige Leben mit all seinen Erfahrungen. Trifft der Auslöser einen wunden Punkt, kann die Reaktion unerwartet heftig ausfallen. Wenn das dem Betroffenen bewusst ist, kann er dem anderen dies erklären und ihn darum bitten, künftig mehr Rücksicht auf seine Befindlichkeit zu nehmen. Nur so erhält sein Gegenüber die Möglichkeit, sein Verhalten zu ändern und entsprechend anzupassen.

Nicht gehört und gesehen werden

Karin hat das immer wieder getan. Schon oft hat sie ihren Freund Georg gebeten, nicht jedes Mal bei einem Streit, laut zu werden. Sie ist der Auffassung, dass man auch in einem normalem Tonfall seine unterschiedlichen Sichtweisen darlegen und Interessen vertreten kann. Doch für Georg ist es normal, loszupoltern und seinem Ärger ungezügelt Luft zu machen. In seiner Familie wurde immer heftig gestritten. Karin hingegen wünscht sich eine sachlichere Streitkultur. Nach jeder heftigen Auseinandersetzung braucht sie einige Stunden, um sich davon zu erholen. Ihr geht es dann richtig schlecht. „Sie ist einfach viel zu empfindlich“, meint Georg. Damit fordert er seine Partnerin indirekt auf, sich an seine Form des Streitens zu gewöhnen. Ein erneuter Vorfall hat bei Karin das Fass dann endgültig zum Überlaufen gebracht. Sie hat die Beziehung wortlos beendet und auch keine Lust mehr, sich zu erklären. In ihren Augen sei alles gesagt und der Auslöser für den Konflikt auch hinreichend bekannt und benannt worden. Der Psychologe Hantel-Quiltmann weiß: „Der normale Abbrecher ist derjenige, der in einer Beziehung über längere Zeit verzweifelt versucht hat, seine Bedürfnisse und Verletzungen zu kommunizieren und darin nicht gehört wurde. Er oder sie weiß sich nicht anders zu helfen, als die dauerhaft unbefriedigende und unglücklich machende Situation mit Schweigen zu beenden.“ Die erneute und wiederholte Verletzung führt dann zwangsläufig zum endgültigen Beziehungsabbruch. Möglicherweise war jedoch die unterschiedliche Auffassung darüber, nach welchen Spielregeln man sich streitet, auch nicht der einzige Grund für den Abbruch der langjährigen Beziehung.

Der kleinste Vorfall kann ein Auslöser für einen Beziehungsabbruch sein

Doch selten ist „die auslösende Situation der wahre Grund für eine Trennung“, ermittelte die Autorin Tina Soliman während ihrer Recherche zum Buch „Sturm vor der Stille“ und ihren vielen Gesprächen mit Betroffenen und Psychologen. Häufig genug gehen der Abbruchsituation ganz andere, tiefergehende Verletzungen voraus. Und die müssen in keinem Zusammenhang mit dem konkreten Ereignis stehen. „Der Vorfall ist dann nur ein Auslöser, aber nicht der eigentliche Grund für den Beziehungsabbruch. Langjährige Beziehungen können dann auch aufgrund banaler Ärgernisse plötzlich enden. Der Moment, in dem einer geht und den Kontakt ein für allemal abbricht, ist nur der Augenblick, in dem sich die über Jahre aufgestaute Gefühle entladen“, erklärt die Journalistin und Regisseurin Tina Soliman. Für den Verlassenen ist dieser Beziehungsabbruch deshalb nicht so einfach nachzuvollziehen. Für den Abbrecher hingegen ergibt er durchaus einen Sinn.

Traumata können vererbt werden

Wieso aber drückt jemand nicht frühzeitig aus, was ihn in der Beziehung stört, was er sich vom anderen wünscht oder welches Verhalten ihm missfällt oder ihn verletzt? Die Antwort ist simpel. Manche wissen einfach nicht, warum sie unglücklich in einer Beziehung sind oder welches Verhalten sie verstimmt. Folglich können sie sich mit dem Partner auch nicht darüber auseinandersetzen. Der Beziehungsaabbruch ist dann die Folge eines langen, unbewussten, inneren Prozesses. Häufig geht es bei der Funkstille im Kern um die Wiederholung eines als bedrohlich erfahrenen Erlebnisses. Wie bei Britta beispielsweise, deren Vater die Familie verließ, als sie noch klein war. Schon zwei Mal ist sie aus einer Beziehung geflohen und hat den jeweiligen Partner ohne erkennbaren Grund verlassen. Damit wiederholt sie unbewusst das Geschehene. In Britta schlummert seit dem Weggang ihres Vaters eine enorme Verlustangst. Mit dem Beziehungsaabbruch versucht sie die Angst abzuwehren und ihre unbändigen Gefühle zu zähmen. „Wenn Britta von panischer Verlustangst überwältigt wird, werden sogenannte Trigger aktiviert. Es sind Gefühle aus der Ursprungsszene, die dann wieder hochkommen. Trigger können unbewusst bleiben und sogar über Generationen hinweg vererbt werden“, so Psychologe Hantel-Quiltmann. Er berichtet aus seiner Praxis von einer Frau, die ihren Mann verließ als ihre Tochter in einem Alter war, in dem sie selbst das Weggehen des Vaters erlebt hat. Psychotherapeuten bezeichnen dieses Verhalten als Anniversary-Effekt. Bei solchen Fällen wiederholt sich ein Geschehen oft über mehrere Generationen immer wieder im selben Alter oder zum selben Zeitpunkt. Die Betroffenen wissen oft selbst nicht, warum sie weggehen. Ihr Verhalten wird von Angst gesteuert, allerdings ist ihnen der Grund für ihre Angst nicht klar. Folglich wissen sie auch nicht, warum sie in bestimmten Situationen so reagieren, wie sie reagieren. Es gibt wohl keinen Menschen, der in seinem Unbewussten nicht abgewehrte Konflikte lagert, so Hantel-Quiltmann. Deshalb kommt es darauf an, die subjektiven Bedeutungen zu verstehen, zu entschlüsseln und zu demaskieren.

Die Angst vor Nähe und die Angst erkannt zu werden

Eine engere Bindung einzugehen, erfordert immer ein gewisses Maß an Selbstvertrauen und auch Mut. Denn wer anderen Menschen nahekommt, muss sich auch offenbaren können. Menschen mit einem labilen Selbstwertgefühl haben jedoch oft Angst davor, erkannt zu werden und befürchten ständig, dass man ihre schlechten Eigenschaften oder Verhaltensweisen entdecken könnte. „Ich wollte nicht, dass meine Widersprüchlichkeit erkennbar wird“, erklärt Anja heute. Ihre Angst vor Nähe hat wiederum mit ihrer Mutter zu tun, die ihr nicht genug Liebe geben konnte. Anja war kein Wunschkind. Normalerweise zeigt eine Mutter ihrem Kind durch ihr Verhalten „Du bist mein Kind und ich liebe Dich, so wie Du bist“. Doch „diese existentielle Spiegelung“, weiß Quantel-Hiltmann, „können viele Eltern ihren Kindern nicht geben“. Ein echter oder inniger Kontakt zur Mutter oder dem Vater fehlt.

Rückzug als Schutzmechanismus

Menschen wie Anja sind dann später als Erwachsene nicht in der Lage, Nähe wirklich zuzulassen, da diese als zu bedrohlich erlebt wird. Zu groß ist die Angst, dass man das, was man an Liebe und Zuneigung erfährt, auch wieder verlieren könnte. Anja hat nicht nur irgendwann den Kontakt zu ihrer lieblosen Mutter abgebrochen, sie hat auch schon mehrfach den Kontakt zu ihrer besten Freundin Bettina abgebrochen. Das tut sie immer gerade dann, wenn sie sich besonders gut verstehen und sie eine enge und intensive Zeit miteinander verlebt haben. Anja muss sich dann jedes Mal zurückziehen, um sich zu schützen und neu zu sortieren. Sie muss verschwinden, damit der innere Schmerz aufhört. Zudem mag sie sich in ihren schwachen Momenten, wenn sie von Einsamkeit überflutet wird, anderen nicht zeigen. Sie glaubt, dass ihre Freundin sie dann nicht mehr mögen würde. Menschen, die wie Anja lieber aus einer Beziehung flüchten, als in ihr ihre Schwachstellen zu zeigen, empfinden meist weder für sich, noch für den Menschen, den sie wortlos zurücklassen, Empathie oder Mitgefühl. So kam es auch Anja gar nicht in den Sinn, dass ihre Freundin Bettina unter den Kontaktabbrüchen leiden könnte. „Ich habe nicht erkannt, dass es verletzend ist, wenn man sich zurückzieht, weil die andere Person ja gar nicht versteht, um was es geht“, so Anja. Letztlich glaubt sie, dass sie nicht gut genug für ihre Freundin ist und ihr nicht geben kann, was sie verdient.

 

Die plötzliche Funkstille ist für den Verlassenen schwer zu ertragen...

Die plötzliche Funkstille ist für den Verlassenen schwer zu ertragen…

Der Beziehungsabbruch als ein Akt der Selbstrettung

Das Vertrauen in sich selbst, aber auch in andere, ist bei vielen „Abbrechern“ massiv gestört. Während Anja sich nun um Öffnung und Mitgefühl für sich und andere bemüht, gibt es einige Menschen, denen das nicht gelingt. Sie können nur in ihrer eigenen Welt leben. Sie sind nicht in der Lage, andere Menschen zu verstehen. Der Grund hierfür kann auch eine Persönlichkeitsstörung sein. Betroffene, die unter Schizophrenie oder unter Narzissmus leiden, können wirkliche Nähe nicht zulassen. Zu bedrohlich ist diese für sie. „Wenn ich aufgrund einer schweren seelischen Krankheit mein Ich verliere und einen Realitätsverlust habe, also nicht wirklich einen Kern habe, dann muss ich aufpassen, dass es nicht zu einer wirklichen Begegnung mit einer anderen Person kommt, weil ich selbst keine reife Person bin. Ich muss immer wieder gucken, dass niemand erkennt, dass ich keine Identität habe“, so beschreibt Hantel-Quiltmann das Denken dieses Persönlichkeitstyps. Für Menschen mit ernsthaften seelischen Erkrankungen ist der Beziehungsabbruch eine Art der Selbstrettung, weil ihr „Ich“, sprich ihre Identität, zu schwach für eine wirkliche Begegnung mit einem anderen Menschen ist.

Schweigen als Machtmittel

Ein Narzisst beispielsweise demonstriert sein Gekränktsein gern mit einem dauerhaften Schweigen. Zugleich zeigt er damit, dass der andere ihm kein einziges Wort mehr wert ist. Der Psychotherapeut und Neurologe Professor Rainer Haller betrachtet eine solche Reaktion als Form der Gewaltausübung. Die Verlassenen empfinden das Schweigen tatsächlich als einen Akt der Aggression. Die narzisstische Kränkung erzeugt Aufmerksamkeit an sich und ist der ultimative Ausdruck von Nichtanerkennung. „Das ist wie ein Mord an der Seele“, sagt ein Betroffener. Auch Carolin hat sich schon gefragt, ob ihr Sohn unter Minderwertigkeitsgefühlen leidet, möglicherweise auch weil sie es an Anerkennung hatte fehlen lassen. Vor Kurzem haben sie sich zufällig auf der Straße getroffen und einige wenige Worte gewechselt. Beide waren verlegen. Carolin hat ihre Hand sanft auf den Arm ihres Sohnes gelegt. Das hatte sie nie zuvor getan. Ihr Sohn reagierte nicht mit Abwehr. Vielleicht hat er die kleine liebevolle Geste verstanden, als Bereitschaft für eine neue ehrliche Begegnung.

Inge Behrens

Den Titel von Tina Solimann „Sturm vor der Stille“ können Sie hier bestellen

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1 Kommentar

  1. Guten Tag
    Ich habe mich in ihrem Artikel wieder gefunden. Ich bin der Abbrechen. Ich habe dieses Gefühl jederzeit abzubrechen in mir. Ich lebe damit. Diese Gefühl bezieht sich auf alles und jeden, auch darauf jederzeit zu sterben.

    Nach jahrelanger Auseinandersetzung mit mir selbst, habe ich meine Ursache dafür gefunden. Ich wurde krankheitsbedingt im früher Kindheit bzw baby alter für 10 Tage in ein Isolierzelt gesteckt ohne weiteren Kontakt zu meiner Mutter. Wissen tu ich das schon lange doch erst heute kann ch den Schmerz und die Bedeutung für mich fühlen und habe die Zusammenhänge verstanden. Darüber kam auch das Bewusstsein, dass ich das verlorene „ich“ mein leben lang im aussen gesucht habe. Jetzt wo ich verstande habe, daß es auf ewig verloren ist, konnte der Impuls des Suchens aufhören und ich komme zum ersten Mal zur Ruhe.

    So gesehen habe ich jetzt das gefunden was ich brauchte, das Verständnis für mich selbst.

    Besten Dank für den Artikel und dass ich dies hier schreiben konnte.

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