Selbstwert: Wie wertvoll bin ich eigentlich?

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Selbstwert zu stärken ist schwierig. Wenn Sie sich ausgelaugt, ausgebrannt und überhaupt ziemlich wertlos fühlen, dann kann das an einem falschem Selbstwert-Konzept liegen. Was dann hilft: einfach mehr Mitgefühl mit sich selbst. Am Ende des Artikels finden Sie unseren Selbstwert-Test.

Den Selbstwert zu ermitteln ist schwierig. Dabei fällt es uns bei anderen Menschen meist ganz leicht: Wir können über sie oft spontan sagen, ob es sich um „gute“ oder „wertvolle“ Menschen handelt. Auch wenn wir uns über den Maßstab, den wir bei unserer Beurteilung anlegen, nicht immer im Klaren sind, meinen wir doch ziemlich genau sagen zu können: „Mein Freund Andreas ist ein echt wertvoller Mensch.“ Doch wann ist ein Mensch für uns „gut“ oder „wertvoll“? Um seelisch gesund zu bleiben, müssen wir uns selbst auch als wertvoll empfinden und unseren Selbstwert erkennen. Tun wir das nicht, dann gehen wir zumeist so hart mit uns ins Gericht, dass am Ende manchmal sogar eine schwere Depression stehen kann. „Wer bin ich, und wenn ich nicht so bin, wie ich sein möchte, wer bin ich dann?“ Wir brauchen das Gefühl, dass das, was wir tun, für uns selbst und auch für andere wertvoll ist. Wir haben eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wann wir uns „gut“ und wann wir uns selbst als „wertvoll“ empfinden. Doch dabei handelt es sich ausschließlich um ein Gefühl, um ein gutes oder schlechtes, denn der Wert eines Menschen lässt sich natürlich nicht pauschal oder gar objektiv bestimmen. Deshalb beruht unser Urteil – „wertvoll“ oder „wertlos“ – einzig auf einer willkürlichen Entscheidung. Eines ist aber sicher: Wenn wir unseren eigenen Selbstwertvorstellungen nicht entsprechen, fühlen wir uns schlecht.

Leistung als Grundlage für unseren Selbstwert

Doch wie legen wir eigentlich unseren Selbstwert fest? Der Psychotherapeut Harlich H. Stavemann hat sich in seinem Buch „… und ständig tickt die Selbstwertbombe“ genau dazu seine Gedanken gemacht und zeigt verschiedene Selbstwert-Konzepte auf, die wir uns bewusst oder unbewusst im Laufe unseres Lebens angeeignet haben: Da gibt es diejenigen, die ihren Selbstwert allein von ihrer Leistung abhängig machen. Der Selbstwert eines solchen Menschen hängt davon ab, ob er seinen hohen Leistungsansprüchen gerecht wird und sich in möglichst allen Lebensbereichen perfekt verhält. Das Motto solcher Menschen lautet: „Wer Fehler macht und nicht perfekt ist, ist weniger wert.“ Dann gibt es diejenigen, die sich selbst nur als wertvoll empfinden, wenn sie in einem ganz bestimmten Bereich Außergewöhnliches leisten. Ihr Selbstwert misst sich dabei an der Zahl ihrer Bewunderer oder Neider. Ihr Motto lautet: „Du musst in wenigstens einem Bereich etwas Besonderes leisten, um etwas zu taugen.“ Wieder andere empfinden sich selbst nur dann als wertvoll, wenn sie etwas Besonderes und Einmaliges darstellen. Sie machen ihren Selbstwert davon abhängig, wie unangepasst oder auffällig sie sind. Egal, ob andere sie dafür mögen oder nicht. Ihr Motto: „Nur wer etwas Besonderes darstellt, wer um jeden Preis einmalig und unverwechselbar ist, taugt etwas.“ Jeder kennt auch den Typ, der zumeist im beruflichen Umfeld anzutreffen ist und seinen Selbstwert allein an der Größe seiner Macht misst. Je größer sie ist, umso wertvoller fühlt er sich. Sein Motto: „Nur wer ganz oben steht, ist etwas wert.“ Und dann gibt es noch denjenigen, dessen Selbstwert nach dem Motto „Hast du was, dann bist du was“ allein darauf basiert, was er sich selbst erarbeitet, angesammelt, erflirtet oder sonst irgendwie in seinen Besitz gebracht hat. Er fühlt sich gut, je mehr er davon vorzuweisen hat. Selbstwert ist für ihn an Besitz gekoppelt.

Die Grenzen des eigenen Selbstwertkonzepts zu erkennen, hilft dabei sich selber wertzuschätzen.

Die Grenzen des eigenen Selbstwertkonzepts zu erkennen, hilft dabei sich selber wertzuschätzen.

Wenn unser Selbstwert von der Zuneigung anderer abhängt

Während die erste Gruppe ihren Selbstwert allein aus der eigenen Leistung bezieht, geht es bei der zweiten Gruppe um solche Selbstwertkonzepte, die sich von der Beliebtheit und Zuneigung anderer abhängig machen. Egal, ob beruflich oder privat: Menschen, die ihren Selbstwert ausschließlich über die Anerkennung von anderen erfahren, tun beinahe alles, um Ablehnung zu vermeiden. Gerne verzichten sie auch auf eigene Wünsche und Ziele. Ihr Motto heißt: „Immer lächeln! Immer schön nett sein! Nur nicht unangenehm auffallen, keine Widerworte geben, nichts kritisieren! Tue alles, damit die anderen dich mögen, und vermeide unbedingt Ablehnung!“ Der Nachteil dieser Vorstellung liegt auf der Hand: Wir lassen andere durch ihren Applaus oder ihre Kritik entscheiden, wie hoch unser Selbstwert ist. Es lässt sich nach dieser Aufzählung der verschiedenen Selbstwert-Konzepte unschwer erkennen, dass jedes Konzept für sich die Gefahr in sich birgt, eines Tages zusammenzubrechen, weil es uns schlicht überfordert.

Die Grenzen des eigenen Selbstwertkonzepts

Wenn wir uns ausgelaugt, ausgebrannt und überhaupt ziemlich wertlos fühlen, dann kann das an einem falschen oder überholten Selbstwert-Konzept liegen, dem wir versuchen, unreflektiert und reflexhaft zu entsprechen. Die Vorstellungen davon, wie wir sein sollten, schlummern unbewusst und oft schon seit unserer Kindheit in uns. Sie können aber im späteren Leben zu Ursachen mancher Niedergeschlagenheit, Enttäuschung oder Depression werden. Deshalb ist es gut, wenn wir uns einmal fragen, welchem Selbstwertkonzept wir eigentlich anhängen und von was wir unseren eigenen Selbstwert abhängig machen. Zugegeben: Es kann natürlich nicht falsch sein, wenn wir unseren Selbstwert auch aufgrund unserer eigenen Leistungen oder der Anerkennung, die wir von anderen erfahren, bestimmen. Natürlich macht es froh und glücklich, wenn uns etwas Besonderes gelungen ist oder wir anderen in einer Notsituation helfen konnten. Aber unser Wert als Mensch bestimmt sich keineswegs aus dieser einen Leistung oder aus der Zuneigung anderer. Wenn wir erfahren, dass wir im Beruf von einem Tag auf den anderen einen noch Mächtigeren über uns akzeptieren müssen, oder wenn uns ein perfekt geplanter öffentlicher Auftritt misslungen ist, dann heißt das nicht, dass wir damit wertlos geworden sind und unser Selbstwert abnimmt. Unser Wert als Mensch lässt sich auf diese Weise nicht bestimmen. Jedes Selbstwertkonzept birgt in sich die Gefahr der Enttäuschung und keines lässt sich auf Dauer erfolgreich anwenden. Wenn wir dies erkannt haben, kommt es darauf an, wie wir damit umgehen, dass wir unserem Selbstwertkonzept nicht mehr entsprechen. Was uns dann hilft, ist die Fähigkeit zu mehr Mitgefühl mit uns selbst.

Selbstmitgefühl hilft bei einem angeknacksten Selbstwertgefühl

Wer seinem Selbstwert Konzept nicht mehr entsprechen kann, der muss die Art der eigenen Selbstbewertung verändern. Und das heißt: Er muss mit sich selbst nachsichtiger und liebevoller umgehen. Er muss verstehen, dass sich mit keinem Konzept der Welt der Wert eines Menschen definieren lässt. Auch der Selbstwert nicht! Kein Mensch kann sein Leben lang einem der genannten Selbstwertkonzepte folgen, ohne dabei krank zu werden. Wir müssen irgendwann akzeptieren, dass wir auch dann als Mensch wertvoll sind, wenn wir nicht immer dem entsprechen, was wir sein wollen. Vielleicht werden wir sogar noch wertvoller für uns selbst und für andere, wenn wir aus unserem eigenen Konzept einmal ausbrechen. Die Fähigkeit, die es dazu braucht, wird in der Fachliteratur auch als self-compassion bezeichnet und meint, ein Verständnis für sich selbst auch dann zu entwickeln, wenn es einmal nicht so gut läuft. Es ist die gleiche Art von Verständnis, die wir einem guten Freund entgegenbringen, wenn wir sehen, dass er in eine schwierige Lebensphase geraten ist. Es geht also darum, sich selbst ein guter Freund zu sein und mehr Mitgefühl für die eigene Person zu entwickeln

Wir sind viel wertvoller als unser Selbstwertkonzept

Wir haben oft klare Vorstellungen von dem, wie wir sein wollen, und auch davon, wie wir definitiv nicht sein wollen. Doch es sind genau diese festen Vorstellungen, die uns irgendwann unglücklich machen. Wer kann schon auf Dauer immer nur Höchstleistungen anstreben, ohne Schaden zu nehmen, wer kann sich auf Dauer ausschließlich für andere aufopfern, ohne sich dabei selbst zu verlieren? Es ist unsinnig, seinem eigenen Selbstwertkonzept zu jeder Zeit entsprechen zu wollen. Es ist aber eine Möglichkeit zur Weiterentwicklung, wenn wir uns eingestehen können, diese oder jene Leistung einmal nicht geschafft zu haben. Und es kann erlösend sein, sich die eigene Unperfektheit einmal ein- und auch zuzugestehen. Daraus kann sich ein ganz neues, liebevolles Gefühl für die eigene Person entwickeln. Wir stellen am Ende fest, dass wir als Mensch vielleicht sogar noch wertvoller und liebenswürdiger geworden sind. Wenn nicht für andere, dann doch zumindest für uns selbst.

 

Winfried Hille

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