Slow – Entschleunige für dein Leben

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Ein Plädoyer für mehr Langsamkeit und Entschleunigung im Alltag, die Rückbesinnung auf das Wesentliche und die Wiedererlangung unserer menschlichen Würde. Von Winfried Hille

Wir sind gestresst, arbeiten viel zu viel, und alles um uns herum dreht sich immer schneller. Multitasking und immerzu online sind die Gebote der Stunde. Unser Alltag gleicht der rasanten Schnitt-folge eines Actionfilms: Totale, Halbtotale, Bewegung. Smartphone an. Smartphone aus. Bahn. Flugzeug. Autobahn. Büro. Beziehung. Konferenz. Mail. Twitter. WhatsApp. Skype. 24 Stunden online. „Slow“ und und das meint Entschleunigung heißt deshalb das Zauberwort. Doch die Langsamkeit hat in unserer auf Geschwindigkeit und Multitasking getrimmten Zeit ein schlechtes Image. Sie gefährdet die Deadline, den Umsatz, die Firma, den Arbeitsplatz und gilt vielen als Schwäche. Entschleunigung in einer von Computern optimierten Berufswelt ist schlicht nicht vorgesehen. Wo Millionen Transaktionen in der Sekunde möglich sind, riecht Trödelei nach Faulheit.

Fakt ist aber: Bei der täglichen Optimierung nach einem Immer-mehr, Immer-schneller-in-immer-kürzerer-Zeit, Möglichst-viel-auf-einmal bleibt eine wachsende Zahl von Menschen auf der Strecke, weil sie das Tempo einfach nicht mehr mitmachen kann. Leistungsabfall, Burnout und Depression sind häufig die Folge. „Wir beobachten, dass im Online-Zeitalter viele Menschen die Fähigkeit verlernt haben, geistig und seelisch offline zu gehen, also abzuschalten“, sagt Götz Mundle, Ärztlicher Geschäftsführer der Oberbergkliniken, in denen Erkrankungen wie Sucht, Burnout und Depressionen behandelt werden. Die meisten seiner Patienten bemerkten gar nicht, wie stressig das ständige Kommunizieren sei. „Wir wissen, dass wir bei einem Bürojob körperlichen Ausgleich benötigen, daher gehen viele ins Fitnessstudio. Den wenigsten ist aber bewusst, dass auch die Informationsflut geistig verarbeitet werden muss“, sagt Mundle. Das Problem seiner Patienten sei es nicht, Höchstleistungen zu erbringen. „Im Gegenteil, das Problem ist, abzuschalten und nichts zu tun.“ Erstaunlich: Mit unserem Körper gehen wir pfleglicher und klüger um als mit unserem Geist. Da ist es höchste Zeit für eine Erkenntnis, die dabei in Vergessenheit gerät: Ohne innere Ruhe, ohne Muße und Zeit zum Nachdenken sind wir Getriebene in einem Hamsterrad. Und aus diesem Hamsterrad kommen wir nur dann heraus, wenn wir es konsequent anhalten. Aber wie geht das? Anhalten. Dazu müssen wir vor allem eins: langsamer werden – im Denken, im Fühlen und im Handeln. „Man muss seinen eigenen Lebensrhythmus finden, die Zeit darf einen nicht einengen“, sagt der Langsamkeits-Papst und Erfinder der Slow-Food-Bewegung Carlo Petrini. Das wäre doch mal ein Anfang. Besonders gern erzählt Petrini von Schnecken, die nicht nur langsam sind, sondern ihr Wachstum genau in dem Moment einstellen, wenn sie zu groß werden könnten für ihr Schneckenhaus. Soll heißen: Im Gegensatz zum Menschen kennt die Schnecke ihre Grenzen.

Noch ein anderes Bild: Stellen Sie sich einen Riesen vor. Er ist einerseits groß und stark, andererseits gemütlich und langsam in seinen Bewegungen. Wäre das nicht ein schönes Leitbild für einen würdevollen Umgang mit den anfallenden Aufgaben des Lebens. Und Würde in diesem Zusammenhang hieße dann: uns selbst und den Menschen, mit denen wir es täglich zu tun haben, wieder mehr Zeit zu schenken. „Slow“ ist demnach eine Aufforderung an uns selbst und es liegt an uns, diese Entscheidung zu treffen.Das Leben wieder langsamer anzugehen, das gilt für alle Bereiche. Ob es der Umgang mit mir selbst ist, der mit meiner Partnerin oder meinem Partner, der mit meinen Kindern, Eltern, Großeltern, mein Umgang mit dem Essen oder dem Urlaub. In all diesen Bereichen heißt die Formel: Slow.

Slow for You – Die Kunst des reinen Nichtstuns

Was heißt das aber: unser Leben langsamer machen? Eine mögliche Antwort: Sich täglich kleine Auszeiten schaffen und durch Achtsamkeitsübungen mit sich selbst in Kontakt kommen. Wenn ich freitags gefragt werde „Was machst du am Wochenende?“ und ich antworte „Ich mache nichts“, so ist mir das Mitleid meines Gegenübers gewiss. Nichtstun gilt nicht als sinnvolle Beschäftigung, sondern als sinnlose Zeitverschwendung. Doch vielleicht geht es genau darum: seine Zeit zu verschwenden. Wenn wir das Hamsterrad zum Stillstand bringen wollen, dann sollten wir uns immer wieder ganz bewusst Zeiten des Nichtstuns gönnen. Zeiten, in denen wir uns selbst mehr Aufmerksamkeit schenken, achtsam auf unsere Gefühle hören und uns ganz dem gegenwärtigen Augenblick hingeben, in dem wir uns nicht darum kümmern, ob das, was wir tun, von Nutzen ist oder nicht.

„Der Augenblick, das Hier und Jetzt, ist das einzige, was wir haben“, sagt der Medizinprofessor und Achtsamkeitslehrer Jon Kabat-Zinn. „Die meiste Zeit sind wir gedanklich mit Dingen beschäftigt, die noch vor uns oder bereits hinter uns liegen. Von morgens bis abends hetzen wir uns ab, um irgendwo hinzukommen, aber bevor wir ankommen, sind wir gedanklich schon längst wieder weg. Das ist nicht gesund auf Dauer.“ Sein Rat: Wir müssen lernen nichts zu tun. Doch das „Nichtstun muss geübt und praktiziert werden. Das ist kein esoterisches Konzept, keine Philosophie, die man verstehen muss, sondern ein Muskel, der trainiert werden will. Jeden Tag, immer wieder.“ Und dem, der meint dafür keine Zeit zu haben, entgegnet er: „Jeder hat ein paar Minuten am Tag, um sich ruhig hinzusetzen, und auf den Atem zu achten. Oder sich auf den Rücken zu legen und auf den Körper zu hören.“ Alles braucht eben seine Zeit: die Freude, die Trauer und die Selbstfürsorge. Die finden wir am besten, wenn wir für uns die Kunst der langen Weile, das reine Nichtstun entdecken und dafür feste Zeiten in unseren Tagesablauf einplanen. Das muss kein ganzes Wochenende sein. Zum Nichtstun „reichen fünf Minuten“, sagt Jon Kabat-Zinn. Die sollten wir uns aber jeden Tag nehmen.

Slow Loving – Die Entdeckung der langsamen Liebe

Als ich von einer Bekannten, die sich gerade frisch verliebt hatte, gefragt wurde: „Wie weiß ich eigentlich, ob mich mein neuer Partner liebt?“, überlegte ich kurz und sagte dann: „Ganz einfach: Wenn er sich Zeit für dich nimmt.“ Auch in der Liebe heißt das Zauberwort „Slow“. Liebe braucht Zeit und Liebesbeziehungen brauchen besonders viel davon. Das gilt ganz besonders für die Partnersuche. Doch auch das (Ver)Lieben soll im Zeitalter des Daten-Highway möglichst schnell gehen und wenig Aufwand machen. Und es soll sofort funktionieren. Die Erfahrung aber zeigt: Die Partnerschaftsbörsen florieren zwar, doch das Glück stagniert. Wir haben die Möglichkeit jederzeit und überall im Internet unseren „Traumpartner“ kennenzulernen, doch oft schon nach dem ersten Date entpuppt er/sie sich als Frosch. Trotzdem alles kein Problem – wenn’s nicht klappt, ist die nächste Alternative just „one click away“. So ziehen wir weiter zur nächsten Verheißung, immer schneller, rastloser und voller Ungeduld.
Wir sollten uns bewusst Zeit nehmen für das langsame Kennenlernen, für intensive Gespräche, für unsere Gefühle, geistige Auseinandersetzungen und gemeinsame Unternehmungen. Zeit zur Konzentration auf den einen Menschen. Wir müssen wieder von Neuem lernen, uns ganz dem Augenblick hinzugeben und einfach mal innehalten. „Wir müssen uns wieder Zeit nehmen für das Kostbarste und Intimste, das wir besitzen, unsere Sexualität“, sagt auch die Sexualtherapeutin Diana Richardson, deren Thema der sogenannte „Slow Sex“ ist. „Beim Slow Sex spüren und genießen die Partner einander lange, langsam und vor allem bewusst. Sie erkunden vereint die Vielfalt sinnlicher Spielarten neu“, sagt die Expertin. Besonders Paaren, die länger zusammen sind, kann Slow Sex helfen, eine ganz neue Ebene ihrer Sexualität zu erreichen. Man fühlt sich enger miteinander verbunden, zufriedener und kann sich voll auf die Lust einlassen. Probieren Sie es aus, Sie können nur gewinnen.

Slow Food – Entschleunigung: Die Kunst des bewussten Essens

Heutzutage nehmen sich immer weniger Menschen bewusst Zeit für einzelne Mahlzeiten. Essen wird immer häufiger als eine Tätigkeit angesehen, die man am besten schnell und nebenbei erledigt. Doch wer auf die Dauer sein Essen herunterschlingt, muss negative Folgen für seine Gesundheit befürchten. Auch hier gilt: langsam essen, achtsam sein und sich ganz auf den Moment der Nahrungsaufnahme konzentrieren. Wer macht das schon? Am Beispiel einer Rosine sagt Jon Kabat-Zinn, wie das geht: „Sie sollen sich minutenlang mit der Rosine beschäftigen. Wie sieht sie aus, wie fühlt sie sich an, wie schmeckt sie? Dabei merken Sie, wie schwer es ist, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Auf eine einzige. Wenn ich esse, dann esse ich bewusst.“ Gut ist es auch, sich ein anderes Ritual wieder in Erinnerung zu rufen: Das Tischgebet. Es ist der Moment nach dem Zubereiten der Speise, man sitzt am Tisch, die Teller dampfen und das Wasser läuft einem schon im Munde zusammen. Jetzt halten wir kurz inne, schließen die Augen und gehen einmal ganz in uns, in den Augenblick und in die Entschleunigung. Werden still. Wir fallen eben nicht wie die Tiere über unser Essen her. Stattdessen halten wir die Zeit kurz an und danken mit unseren eigenen Worten oder einem Gebet für dieses wunderbare Essen.

Slow Walking – Einfach nur Gehen

Schluss auch mit dem ständigen Körperkult, mit der Verpflichtung zum Fitnessstudio oder pausenlosem Jogging. „Slow“ hat dagegen viel mit dem einfachen Gehen, mit langsamen, bewussten Bewegungen in der freien Natur zu tun. Es geht um ein „freies, unbeschwertes Umherstreifen“, das nach keinem Nutzen fragt, uns aber wieder tief in uns selbst verankern kann. Der Physiker Hermann von Helmholtz sagte dazu, er könne überhaupt nur im Gehen denken. Im Gehen kämen ihm die besten Ideen. Also, nehmen wir uns doch immer wieder mal die Zeit für ein absichtsloses Gehen in der freien Natur. Oder wir entscheiden uns dafür, den Weg zum Arbeitsplatz nicht mit dem Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, sondern ihn zu gehen.  Und am Wochenende regelmäßig raus in die Natur. Dass schon der Anblick von Wiesen und Bäumen einen erholsamen Slow-Effekt hat, und zu unserer Entschleunigung beiträgt ist mittlerweile sogar wissenschaftlich bewiesen. Im Gegensatz zu einer städtischen Umgebung wird unser Gehirn in der Natur nicht ständig mit neuen Reizen bombardiert und kann sich auf einer Wiese oder beim Blick auf das Wasser besonders gut regenerieren. Manchmal reicht dazu ein kleiner Spaziergang durch den Park. Auch eine kurze Pause auf einer lauschigen Bank gehört zum Ritual des Gehens, denn wie sagt es ein tibetischer Weiser doch so schön: „Man muss auf der Stelle sitzen bleiben, um zu sehen, wie der Schatten um einen herumwandert.“

Slow Friends – Mehr Zeit für Freunde und Beziehungen

Nur wer in Beziehungen lebt, entwi-ckelt sich selbst weiter. Beziehungen brauchen aber Zeit, damit in Partnerschaften, Familien und sozialen Netzen emotionale Bindungen, Vertrauen und wechselseitige Fürsorge entstehen können. Diese Zeit finden wir in einem mehr und mehr durchorganisierten Alltag immer weniger. Unsere Beziehungen müssen meist im hektischen Alltag zurückstehen. Bis wir irgendwann feststellen, keine Bindungen, keine wirklichen Freunde und keine Vertrauenspersonen mehr zu haben. Jedesmal wenn meine Kinder übers Wochenende zu mir als ihrem geschiedenem Vater kamen, haben sie mich gefragt: „Und was machen wir?“ Ich habe darauf geantwortet: „Wir machen, das, was wir immer machen: nichts.“ „Slow“ oder Entschleunigung in Beziehungen heißt auch, wir müssen nichts Großartiges mit unseren Freunden und Bekannten unternehmen, wir müssen nur Zusammensein mit ihnen. Das Gefühl, dass wir Zeit für sie haben, dass wir uns auf sie konzentrieren, ist die höchste Form der Zuwendung.

Slow Working – Entschleunigung im Berufsleben

Immer mehr Berufstätige trennen sich von Radio und Fernseher und löschen die News-Apps vom iPhone, denn die meisten News sind störend, irritierend und irrelevant. Man versäumt eigentlich nichts. Über Smartphones sagt Jon Kabat-Zinn: „Wenn man sieht, was sie im Gehirn bei uns auslösen, dann ist das vergleichbar mit den Vorgängen, die Kokain hervorruft.“ Deshalb geht es auch im Berufsleben darum, dass wir uns wieder mehr auf das Wesentliche besinnen, uns der permanten Informationsflut erwehren und einen Gang zurückschalten und Entschleunigung leben. „Slow“ bedeutet in diesem Kontext, wieder mehr Zeit für wirklich konkrete Pläne und deren Realisation zu haben. Die Erkenntnis, dass Gespräche mit Freunden und Kollegen weitaus relevanter sind, setzt sich immer mehr durch.
„Slow“ im Berufsleben heißt auch hier, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Eine Fähigkeit, die viele verlernt haben. „Da wir in unserer schnelllebigen Zeit meinen, nie genug Zeit zu haben, machen wir permanent etliche Dinge gleichzeitig. Das führt dazu, dass wir nichts zu Ende bringen,“ sagt Jon Kabat-Zinn. Er widerspricht damit dem modernen Gebot des Multitasking und fragt: „Wie soll ich ein Unternehmen gut führen, wenn ein Teil von mir stets abwesend ist?“ Wir sollten uns also während der Arbeitszeit immer mal wieder eine Pause gönnen, zur inneren Ruhe finden, uns innerlich wieder neu ausrichten und uns einen Überblick  über die Situation und unsere momentanen Gefühle verschaffen. Und weniger Dinge gleichzeitig tun. Wir sollten immer wieder innehalten uns an Entschleunigung erinnern und uns fragen – was ist im Moment wirklich wichtig?

Slow Travel – Die Kunst des langsamen Reisens

Dem Alltag zu entkommen, das ist der eigentliche Sinn des Urlaubs. Doch für viele ist er nur eine bloße Verlängerung der Arbeitszeit. Sie steigen in ein Flugzeug, um so schnell wie möglich irgendwo anzukommen. Dort legen sie sich neben andere Touristen an den Strand, haken ihre Listen von Sehenswürdigkeiten ab und wundern sich am Ende, wenn sie seltsam unbefriedigt und nicht erholt zurückkehren. Der Urlaub wird komplett durchgeplant, er soll effektiv sein, man will was erleben und der Laptop geht meist mit auf Reisen.  Doch gerade in unserer Freizeit geht es darum, das Nichtstun zu kultivieren und unsere Zeit einfach nur zu verschwenden. Deshalb befolgt der Slow-Traveler die Maximen: Mach keine Fotos, kauf keinen Reiseführer, lass alle Sehenswürdigkeiten weg, vermeide gute Hotels, liege am Strand und schaue raus aufs Meer. Erst die langsame Art des Reisens verändert den ganzen Blick auf die Welt. Das Wichtigste beim Reisen sei die Geschwindigkeit, schreibt Dan Kieran, Autor des Buches „Slow Travel – Die Kunst des Reisens“. Und die sollte langsam sein. So langsam wie überhaupt möglich. Nur dann könne man ein Land richtig in sich aufsaugen, die Veränderungen miterleben, die sich von Kilometer zu Kilometer ergeben. Und dazu braucht man, wie Kieran es beschreibt, das volle Bewusstsein. Im Hier und Jetzt. Entschleunigung! Das ist der vielleicht wichtigste Punkt, den Kieran nennt, wenn er versucht, die Kunst des Reisens zu erklären: Die Schärfung des Bewusstseins. Inzwischen gibt es auch immer mehr Reiseveranstalter, die sich dem „Slow Travel“ verschrieben haben. Sie berichten von einer steigenden Nachfrage nach sündhaft teuren sogenannten „Black-Hole-Hotels“. Der Clou daran: Dort bezahlt man dafür, dass man nicht erreichbar ist, keinen Fernseher und keinen Internet-Zugang hat. Doch das kann man bei einem Schweige-Urlaub im Kloster auch billiger haben.

aus Ausgabe bewusster leben 3/2015

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