Die Kunst der Langsamkeit

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Slow Living: Warum Langsamkeit und Entschleunigung die einzig sinnvolle Herangehensweisen gegen die rasende Zeit sind und warum der Trend dazu immer mehr zunimmt – darüber habe ich in einem Interview mit dem Schweizer Rundfunk SRF 2 Kutur gesprochen. Hier gehts zum Link des SRF

Immer schneller, immer online, überall erreichbar: Der Zumutungen eines Lebens heute sind viele. Menschen sind mit knapp über 30 bereits ausgebrannt, während Firmen in schier unendlicher Profitgier bloss an ihren Zahlen und Bilanzen interessiert sind. Mitten in diesen Irrsinn hinein: Mein Plädoyer für mehr Langsamkeit im Alltag. Nichtstun oder Langsamkeit haben, in einer Gesellschaft, die auf Geschwindigkeit und Multitasking getrimmt ist, kein gutes Image.

Doch immer mehr rennen mit Scheuklappen durchs eigene Leben, als ob es darum ginge, möglichst schnell damit fertig zu sein, ganz nach dem Motto „Wer früher stirbt, ist länger tot“. Das, was unseren Zeitgeist als allumfassenden Nenner prägt, ist die rasende Zeit. Der Wunsch, möglichst viel in immer kürzerer Zeit immer schneller zu erreichen, hat in alle Lebensbereiche Einzug gehalten. Schneller essen, schneller arbeiten, schneller lesen, schneller schlafen. Einen Brief den wir früher erhalten haben, beantworteten wir nach Tagen, wenn nicht gar Wochen. Heute fordert jede eingehende Mail von uns, dass wir mitunter nach Minuten, zumindest noch am selben Tag reagieren. Wir verlangen von uns, auch alle möglichen zeitintensiven Aufgaben immer schneller zu erledigen. Immer mehr soll man in der gleichen Zeit erledigen, immer mehr Termine wahrnehmen und sich schuldig fühlen, wenn man sie verpasst. Verbunden mit dieser Beschleunigung ist die Forderung nach immer mehr Effektivität in der äußeren, aber auch in der inneren Welt. Wir sollen schneller trauern, uns möglichst schnell verlieben, wir sollen uns schnell erholen und alles möglichst schnell begreifen, ob bei der Arbeit oder im Rückblick auf unser bisheriges Leben.

Das ungeschriebene Gebot des Fast-Life lautet: Reagiere möglichst schnell, denk nicht lange nach, frag dich nicht, was du wirklich willst, du hast keine Zeit, funktioniere! Und dieses Funktionieren wird uns immer leichter gemacht. Mehr und mehr können wir vieles gleichzeitig und nebeneinander tun. Dabei aber nichts mehr wirklich richtig. Beim Kochen lärmt der Fernseher, während des Telefonats mit dem Headset wird noch schnell eine E-Mail verschickt und nebenher der Abwasch erledigt. Und auch in unserem Privatleben herrscht immer mehr das Prinzip des Multitasking. Warum nur mit der Freundin telefonieren, wenn ich nebenher auch gleichzeitig den Abwasch machen kann? So hat sich das Gesetz der ökonomischen Effizienz inzwischen sogar in unserer Freizeit breit gemacht: Mehr und  mehr Handlungsabläufe werden parallel und immer schneller geschaltet.

Und auch die Gesellschaft als Ganzes tut das: Die Mast des Schweines, die Reifung des Käses stehen genauso unter einem Beschleunigungsdruck wie die Kinder in der Schule, oder die Entwicklungsabteilungen der Autofirmen. Alles wird im Kontext der Produktivität begriffen, jede Handlung nach ihrem Nutzen bewertet. Der Glaubenssatz „schneller ist besser“ ist erfolgreich in unsere Gehirne implantiert worden.

Nichtstun, Faulenzen oder einfach nur mal seine Zeit verschwenden ist zur schwersten Sünde geworden, die wir heute begehen können.

Slow Living: Warum Langsamkeit und Entschleunigung die einzig sinnvolle Herangehensweisen gegen die rasende Zeit sind und warum der Trend dazu immer mehr zunimmt – darüber habe ich auch mit der Zeitschrift Slow  gesprochen.
Hier das Interview dazu:

Herr Hille, Bücher, die erklären, wie wir der Tretmühle der Hektik entkommen, überschwemmen den Büchermarkt. Wie unterscheidet sich Ihr Ansatz des „Slow Living“ davon?
Mein Konzept ist ganzheitlich, es spricht verschiedene Lebensereiche an, darunter die Liebe, das Essen und die Arbeit. Ich gebe Hinweise, wie wir den reinen Nützlichkeitsaspekt der Zeit vernachlässigen und Dinge tun können, in denen wir uns vollkommen im Jetzt befinden.

Was hindert uns vor allem daran, langsamer zu leben?
Wir wollen immer so viel wie möglich in die Zeit reinpacken. In allen Lebensbereichen ist Multitasking gefordert. Zwar sehnen wir uns nach Ruhephasen und Erholung, und doch fürchten wir nichts mehr als Langeweile. So befinden wir uns in einem permanenten Konflikt: Wir versuchen einerseits, die wachsenden Anforderungen irgendwie in unseren Terminkalender zu pressen und andererseits wird das Bedürfnis nach Entspannung permanent größer.

Und – gibt es einen Ausweg aus dieser Zwickmühle?
Ja, wir sollten versuchen, mehr in der Gegenwart zu leben. Wir sind es gewohnt, das Glück in der Vergangenheit oder der Zukunft zu suchen und selten in dem, was wir gerade tun. Das führt dazu, dass sich alles extrem beschleunigt anfühlt und wir gar nicht mehr selber stattfinden in der Zeit. Ein erster Schritt wäre, sich folgendes bewusst zu machen: Die Zeit vergeht nicht, die Zeit bin ich selber! Ein wirksamer Schlüssel zur Verlangsamung ist die Achtsamkeit.

Inwiefern kann uns Achtsamkeit im Alltag helfen?
Es geht um ein Lebensprinzip und das hat viel mit Struktur zu tun. Ein Beispiel: Ich mache jeden Tag um die gleiche Zeit Mittagspause. Komme, was wolle. Diese Struktur hilft mir, über den Moment hinaus Prioritäten für meinen Alltag zu setzen. Während dieser „Zeitinsel“ habe ich mein Handy nicht dabei. Wenn ich mich dann im Restaurant umschaue, bin ich meist der einzige, der sein Essen ganz bewusst und ohne Ablenkung genießt. Wer den Weg des Slow gehen will, der muss sich abgrenzen. Und sich einem gängigen Lebensstil zu verweigern. Das erfordert auch ein Stück weit Mut.
Interview V.B. (emotion SLOW)

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