Woran glauben Sie?

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Wenn die Grundwerte des Lebens erschüttert werden, fällt man nicht selten vom Glauben ab. Früher meinte der Volksmund damit den Glauben an Gott. Aber woran glauben wir heute? An die Liebe? Oder an 68’, an uns selbst, an Hartz IV oder wie einst Westernhagen an die Deutsche Bank? Ein subjektiver Blick auf den Zeitgeist von einem, der an die neue Beständigkeit glaubt.

Peter sieht grau aus, als er sich neben mich auf den Beifahrersitz des alten Golf setzt: „Ich habe sie rausgeschmissen.“ Sie, das war die neue Azubine, ach nein, Auszubildende heißt das, wenn man politisch korrekt redet. Hübsch war sie, smart, Abiturientin mit der beliebten Hobbykombination aus shoppen und simsen. Nur pünktlich und zuverlässig sein, das konnte sie nicht. „Was soll ich da machen?“, fragt Peter, der trotz seiner 30 Lenze schon 42 Angestellte hat. Und die müssen da sein, wenn der Laden um halb zehn aufmacht. „So viel Grundkonsens muss sein, sonst läuft der Laden nicht.” Ich ertappe mich dabei, wie gut ich das finde. Ich finde gut, dass Peter diesen scheinbar alten Wert verteidigt: Pünktlichkeit. Und dass ich mich dabei einen Augenblick selbst als verknöchert verurteile, liegt nur daran, dass ich die Alt-68er mit ihrer falsch verstandenen Liberalität immer noch nicht ganz aus meinem Kopf vertrieben habe. Auch Peter wäre lieber liberal, aber es geht nicht, und die Dreistigkeit, mit der seine ehemalige Auszubildende ihn zu bezirzen versuchte, als sie mal wieder
zwei Stunden zu spät kam, hat ihn vom Glauben abfallen und grau werden lassen.

Wir brauchen ein gewisses Maß an Verlässlichkeit

Am Kreuz Hannover-Ost biege ich auf die Autobahn nach Hamburg ab und schalte in den vierten Gang. Ich, das bedeutet: Jahrgang 74. Das ist der geburtenschwächste nach dem Pillenknick. Noch weniger Kinder gibt es nur heute, weil wir paar Pillenknicker noch weniger Kinder kriegen als unsere Eltern. Groß geworden bin ich auf dem Höhepunkt des Wohlstandes im deutschen Westen. Jeden Sonntag in die Kirche, bis ich 14 war. Ministrant, genau wie Joschka Fischer und Alfred „Bio“ Biolek. In der großen Familie wurde zusammen gegessen, morgens, mittags, abends. Totale Sicherheit. Kurz schrecke ich aus meinen Gedanken hoch, weil ein ungeduldiger Vertreter-diesel an mir vorbei will, obwohl selbst auf der linken Spur in Kolonne gefahren wird. „Ja“, sage ich zu Peter, „dann läuft der Laden nicht.“ Und mir fällt ein, dass wir in Deutschland heute ein paar gemeinsame Grundwerte brauchen. In letzter Zeit habe ich mich fast gewundert, wenn ich mich mit jemandem verabredet hatte und der dann auch zum vereinbarten Zeitpunkt da war. Als ob Peter meine Gedanken gelesen hätte, erzählt er den alten Witz von dem Hund, der immer aufs Wort gehorcht: „Wenn ich zu ihm sage, kommst du her oder nicht, dann kommt er her oder nicht, und zwar sofort!“ Damit sein Laden funktioniert, braucht er Verlässlichkeit.

Als die neuen Arbeitsmarktgesetze mit dem Namen Hartz IV beschlossen wurden, fielen auch viele vom Glauben ab. Vom Glauben an den Staat, die Arbeitslosenversicherung und den immerfort wachsenden Wohlstand. Besonders hart trifft es die mit der höchsten Fallhöhe: Zum Beispiel den allein verdienenden Papa, der gerade für seine Frau und die beiden Kinder ein Haus gebaut hat. Wird er arbeitslos, kann es schnell passieren, dass es Essig ist mit der Planbarkeit des Vorstadtlebens. Dann ist im Zweifelsfall Verkauf oder Zwangsversteigerung angesagt. Und Abfall vom Glauben. Denn schlimmer als die materielle Katastrophe wiegt die Enttäuschung: Wenn ich Jahre lang hart gearbeitet habe, mir – hässliches und spießiges Wort – etwas aufgebaut habe, und plötzlich ist das weg, was war dann meine Verlässlichkeit, mein Arbeitseifer, mein Engagement wert? Nichts. Und wie schwer wird es sein, dieses enttäuschte Vertrauen in unsere Gesellschaft wieder herzustellen? Sehr schwer.

Mülltrennung? Wer glaubt denn noch an sowas?

Ich grübele und frage Peter: „Hast Du es nicht gemerkt? Wie es, langsam schleichend, in den letzten 20 Jahren anders geworden ist?“ In der Schule habe ich meine Hausaufgaben gemacht. Am Anfang. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es am effektivsten ist, wenn ich für die Lateinstunde nur den schwierigsten Satz übersetze und mich für den zum Vortrag melde. Und heute komme ich mir fast bekloppt vor, wenn ich mein Altpapier in den Container schmeiße und nicht daneben. Mülltrennung? Wer glaubt denn noch an so was. Vor den Toren der Hansestadt halten wir an und gehen auf den Golfplatz. Altmännersport, fluche ich vor mich hin. Aber drüben, wo die Teenys und Kiddys üben läuft der Platz fast über. Die üben für die Zukunft. Wir üben für die Gegenwart und haben uns dafür einen englischen Golfprofi gemietet, der Peters Abschlag lobt: „Du spielst mit eine sehr große, ääh, consistency, äääh, wie heißt das auf Deutsch … ach ja, jetzt habe ich’s, Beständigkeit!“

Und da hat es bei mir Klick gemacht. Beständigkeit, das war es. So ein uraltes Wort. Etwas hat Bestand. Ist von Dauer und damit belastbar. Genau, das war es, was ich vermisst habe. Verwirrt stehe ich da, während Peter den Ball mit Wut über die 200-Meter-Marke drischt. Hat er in der Fantasie gerade seine Ex-Auszubildende geschlagen? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß: Sie hat sich nicht an den Deal gehalten. Der Deal war: Du kriegst hier eine Ausbildung und ein paar Euro dafür, dafür kriege ich Deine Arbeitskraft, und zwar regelmäßig. Beständig und planbar, damit die Kunden sich darauf verlassen können. Warum ist Peter jetzt so wütend? Weil er leidet. Weil er kapiert hat, dass in Zeiten der wirtschaftlichen Unsicherheit die persönliche Sicherheit wieder mehr zählt. Ich weiß das, ohne ihn zu fragen, denn ich fühle genauso. Verwundert guckt er mich an, denn er merkt, dass ich seltsam erstarrt bin. „Hallooooo“, ruft er zu mir herüber, „jemand zu Hause?“ Ich erwache aus meinem Tran und spüre den Golfschläger in meiner Hand.

Beständigkeit, das war es. So ein uraltes Wort

Verlässlichkeit in der Liebe ist das, wonach wir uns alle sehnen!

Als es dämmert, fahren wir über die Elbbrücken in die Stadt hinein. Ich glaube nicht an den Golfball, ich glaube nicht an Mercedes-Benz, Gerhard Schröder oder Angie Merkel. Ich glaube auch nicht an meine Rente oder die langfristige Gerechtigkeit in diesem Staat. Aber ich glaube daran, dass die Verlässlichkeit zwischen uns Menschen wieder zunimmt. Das Bedürfnis ist längst da. Auch in der Liebe: Lara und Ingo haben im August geheiratet. In den 80ern hätten sie wahrscheinlich in wilder Ehe zusammengelebt. “Nix is“, hat Lara stolz verkündet, „wir heiraten. Wir versprechen uns Verbindlichkeit.“ Sie wollen sich aufeinander verlassen und tun das auch. Vielleicht ist das ein Ergebnis der Freiheit, mit der ich groß geworden bin. „Müssen wir heute schon wieder machen, was wir wollen?“, haben wir im antiautoritären Kinderladen geschrieen. Klar mussten wir. Ich hatte jede Entscheidungsfreiheit, die ich wollte. Wenn ich nach Afrika gegangen wäre, um dort in einem Kral zu leben, es wäre anstandslos akzeptiert worden. Stattdessen habe ich studiert. Ganz anständig, mit Abschluss und im Ausland. Aber immer wieder bin ich Freunden begegnet, für die die Freiheit zur Veränderung zum Problem wurde. Nicht nur bei uns Westkindern. Die Ossis in meinem Alter haben die Hälfte ihres Lebens in der DDR verbracht. Die Mädchen haben in der Schule Handgranatenweitwurf geübt, erzählt mir eine. In der Schule habe sie sechs Mal die Woche Sportunterricht gehabt. Keine Wahl, sondern Pflicht. Und dann wurde alles anders. Totale Wahlfreiheit. Und für manch einen ist das, egal ob Ost oder West, das Chaos.

Ich merke, dass ich ein paar Werte brauche, damit das Leben funktioniert

Nein, ich will keine Führung, die mir vorschreibt, wie ich zu leben habe. Die Wahlfreiheit in Bildung, Beruf und Beziehung ist super, und der Umgang damit muss erlernt werden. Aber ich merke, dass ich ein paar Werte brauche, damit das Leben funktioniert. Genau wie Peters Laden, der nur läuft, wenn die Mitarbeiter morgens auftauchen und nicht im Bett liegen bleiben, weil sie keinen Bock haben. „Was ist los mit Dir?“, macht Peter mich von der Seite an, als ich beinahe eine rote Ampel überfahre. „Ich denke nach“, sage ich. „Mmmh“, antwortet er. Und ich erkläre ihm, dass ich an eine neue Beständigkeit glaube. Daran, dass es wieder viel Wert ist, wenn man zueinander hält. Angefangen bei kleinen Terminen bis zur Lebenskrise. Und er sagt: „Du praktizierst das doch schon länger.“ Ich versuche es. Langsam aber stetig merke ich, dass es sich heute mehr denn je auszahlt, dem anderen, ob Mitmensch, Partner oder Auftraggeber, eine Verlässlichkeit zu bieten, die ihm Sicherheit gibt. Denn dann wächst das Vertrauen. Als ich Peter am Hotel absetze, weiß ich, dass wir das Gespräch fortführen werden.

Eine Woche später ruft er mich an. Er hat einen Ersatz für seine Auszubildende gefunden. Ein bisschen unscheinbarer als ihre Vorgängerin. Sie kommt aus einem 130 Kilometer entfernten Dorf. Sie ist flexibel, und ihr Vertrauen wird nicht enttäuscht werden. Das ist der Deal. Wenn sie ihn einhält, wächst die Sicherheit wie das Eis auf dem See im Winter. Ich glaube daran, dass Verlässlichkeit und Beständigkeit wieder wachsen und zu einer tragfähigen Basis unserer Gesellschaft werden. So wie das Eis im Winter. Und woran glauben Sie?
Christoph M. Schwarzer/2005

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