„Wir sollten die Paartherapie genauso ernst nehmen wie die Medizin.“

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Dr. phil. Wolfgang Schmidbauer ist Diplompsychologe, Psychotherapeut und Lehranalytiker. Er lebt in München und hat neben zahlreichen Buchveröffentlichungen eine regelmäßige Kolumne im ZEIT-Magazin zu Paar-Problemen.

Feste Beziehungen haben es in der Konsumgesellschaft schwer. Wir sprechen mit dem bekannten Bestsellerautor und Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer, der in seinem Buch „Coaching in der Liebe“ anhand zahlreicher Beispiele zeigt, wie Paare Potenziale in der Liebe neu entdecken und für sich nutzen können.

bewusster-leben: Herr Schmidbauer, für Ihr Konzept des Coachings in der Liebe verwenden Sie mit Coaching einen Begriff, der aus der Welt der Dienstleistungen stammt. Wie passt das zu einer romantischen Liebesauffassung? Kann man seine Liebesbeziehung wirklich optimieren?
Wolfgang Schmidbauer: Es war früher, als Ehe und Familie noch durch klare gemeinsame Normen geregelt waren, nicht so notwendig wie heute, sein Gegenüber darin zu unterstützten, die Rolle der Liebespartnerin oder des Liebespartners zu finden und zu festigen. Heute ist das unentbehrlich; glückliche Paare tun es, ohne darüber nachzudenken, anderen mag es helfen, sich angesichts der ersten Konflikte zu informieren. Mir geht es nicht darum, Liebesbeziehungen zu optimieren, sondern sie zu erhalten. Coaching in diesem Sinn bedeutet vor allem, sich an der Einfühlung in die Bedürfnisse des Gegenübers zu orientieren und alles zu vermeiden, was der Nähe schadet.

bewusster-leben: Heutigen Paaren fehlt es oft an verbindlichen Traditionen und Halt in den Ursprungsfamilien, viele entstammen Familien, die sich getrennt haben. Wie können wir da zu einem Coach für unseren Partner werden?
Wolfgang Schmidbauer: Es genügen Aufmerksamkeit und die Bereitschaft zu akzeptieren, dass Menschen verschieden sind – und ebenso ihre Vorstellungen von Liebe.

bewusster-leben: Wenn die erste Verliebtheit nachlässt, welche Pobleme tauchen dann am häufigsten auf?
Wolfgang Schmidbauer: Alle die Differenzen, die von Anfang an da waren, aber verleugnet wurden, nach dem Motto „Das gibt sich schon, das ist eine Kleinigkeit, das gewöhnt er/sie sich mir zuliebe schon ab“. Solange sich ein Paar nur trifft, wenn erotische Rituale geplant sind, genügt es, sich die Wünsche von den Augen abzulesen. In einem gemeinsamen Haushalt und vor allem mit Kindern reicht das nicht mehr.

bewusster-leben: Und wie können Paare solchen Problemen am besten begegnen?
Wolfgang Schmidbauer: Da es in einer modernen Beziehung darum geht, Verhandlungsgeschick zu entwickeln und mit Unvollkommenheiten der Partner konstruktiv umzugehen, finde ich drei Qualitäten besonders wichtig: 1. über Konflikte sprechen zu können, ohne die Liebesbeziehung zu entwerten; 2. sich nach Auseinandersetzungen schnell wieder zu versöhnen, ohne nachzurechnen, wer den ersten Schritt tut; und 3. Humor, also die Fähigkeit, auch unter widrigen Umständen zusammen lachen zu können und das Leben trotz all seiner Widrigkeiten zu genießen.

bewusster-leben: Der erste Schritt zu einer erfüllenden Partnerschaft liegt darin, „sich selbst und auch den Partner neu wahrzunehmen“, so schreiben Sie. Was meinen Sie damit?
Wolfgang Schmidbauer: Auf die Liebe richten sich die höchsten Erwartungen und damit auch der größte Druck. Sie muss perfekt sein, sonst habe entweder ich etwas falsch gemacht oder mein Gegenüber ist nicht die oder der Richtige. Wenn ich richtig lieben könnte, wenn ich den richtigen Partner fände, wäre alles gut – diese Haltung erschwert es sehr, Nähe zu entwickeln, sich mit einem Gegenüber so zu verbünden, dass Vertrauen und innere Sicherheit möglich werden. Es reicht nicht, Ansprüche zu stellen; das Gegenüber muss auch unterstützt werden, sie zu erfüllen. Nur so lässt sich die Ex und hopp-Mentalität in der Konsumwelt überwinden und ein Freiraum für die Liebe gewinnen. Und die erste Voraussetzung dazu ist, mein Gegenüber so zu sehen, wie es ist, ohne Idealisierung, ohne Entwertung, mit Stärken und Schwächen.

bewusster-leben: Thema Untreue: Sie schreiben, dass es die stolzeste Leistung der gemeinsamen Entwicklung eines Paares sei, dem Partner eine Untreue zu verzeihen. Was sagen Sie Menschen, die das nicht so sehen?
Wolfgang Schmidbauer: Das Wort Leistung ist hier in einem übertragenen Sinn zu verstehen, geht es nicht darum, etwas zu machen, sondern zu erleben, dass Verzeihung möglich ist und das Gute in einer Beziehung auch nach einer Kränkung erhalten bleiben kann.

bewusster-leben: Ein weiteres Zitat aus Ihrem Buch: „Der Mensch, dem wir uns zuwenden, ist unerschöpflich, wenn wir erst angefangen haben, seine Realität zu akzeptieren und ihm nicht wie ein Missionar, sondern wie ein Forscher begegnen.“ Warum fällt es uns aber so schwer, sich in die Haltung eines Forschers hineinzuversetzen?
Wolfgang Schmidbauer: Weil Forschen eine langsame Angelegenheit ist und uns die Zapping-Gesellschaft auf schnelle Lösungen hintrainiert. Ein praktischer Fall: Er und sie, beide dreißig, haben sich den Traum von drei Kindern erfüllt, das Jüngste ist zwei Jahre alt. Sie kennen sich seit dem Kindergarten und sind mit Anfang zwanzig ein Paar geworden. Sie beklagte vor drei Jahren, dass sie sich zu selten sehen, woraufhin er seine Arbeit mit dem privaten Bereich zusammenlegte, um mehr Zeit für die Partnerschaft zu haben. Er kümmert sich liebevoll um die Kinder, erhält viel Anerkennung durch seine Arbeit und hat der Familie ein schönes Nest auf dem Lande aufgebaut. Alles wie von ihr gewünscht.

bewusster-leben: Jetzt beklagt sie sich wieder, dass sie keinen eigenen Bereich mehr habe und sich auf dem Land fremd fühle. Er sagt ihr, dass er doch genau das getan habe, was sie sich gewünscht hatte. Sie sei wohl immer unzufrieden. Was können die beiden tun, damit die Beziehung nicht in die Brüche geht?
Wolfgang Schmidbauer: Ich denke, dass genau in solchen Fällen das Coaching-Konzept hilfreich sein kann. Es fordert in diesem Fall vom Ehemann, sich ernsthaft Gedanken über die Situation seiner Frau zu machen und gemeinsam mit ihr zu überlegen, woher ihre Unzufriedenheit kommt. „Dir kann man es nicht recht machen“, ist auf jeden Fall ein Versuch, sich einer Auseinandersetzung zu entziehen. Ich vermute, dass der Ehefrau berufliche Möglichkeiten fehlen, die mit denen des Ehemanns vergleichbar sind; daher nützt es ihr nichts, wenn er jetzt auch noch mehr Anerkennung als guter Papa gewinnt, wenn sie sich nach wie vor abgehängt fühlt. Der Schwerpunkt der Liebe ist das Gefühl – aber in einer Familie ist es oft sehr bequem, Probleme gewissermaßen wegzulieben, nach dem Motto: Ich tu ja alles für dich, wenn du mir genau sagst, was es ist! Im Coaching geht es um ein differenziertes Interesse, um die fürsorglichen Anteile des Gebildes, das wir Liebe nennen. Es geht darum, sein Gegenüber in seiner Entwicklung zu unterstützen, ihm nicht nach dem Mund zu reden, sondern sich darauf zu konzentrieren, was es braucht, um seine Ziele zu erreichen.

bewusster-leben: Wenn Sie einen einzigen Rat an ein Liebespaar zu geben hätten, welcher wäre das?
Wolfgang Schmidbauer: Wir sollten die Paartherapie nicht weniger ernst nehmen als die Medizin. Hier wie dort gibt es kein Allheilmittel und keinen Rat für alle Fälle.

Wolfgang Schmidbauer
Coaching in der Liebe
160 Seiten, € (D) 19,99
Kreuz Verlag
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