„Patienten müssen wieder lernen, für sich selbst einzustehen.“

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Dietrich Grönemeyer über eine sprechende Medizin, östliche Heilmethoden, die Eigenverantwortlichkeit des Patienten, den idealen Arzt, sein Buch „Weltmedizin“ und darüber, was er bei seiner Reise durch fünf Kontinente erfahren hat.

Herr Grönemeyer, Sie behandeln seit 1982 ganz bewusst Ihre Patienten ohne weißen Kittel. Warum?
Ich wollte damit den Patienten signalisieren, dass ich als Arzt auf Augenhöhe mit ihnen bin. Stress und Angst reduzieren, die durch einen „Weißkittel“ manchmal auch ausgelöst werden.

Sie haben sich schon sehr früh mit alternativen Heilweisen befasst. Wie kam es dazu, und was hat Sie daran fasziniert?
Das ist in meiner Familiengeschichte begründet. Einer meiner Vorväter, Carl Abraham von Hunnius, entdeckte die heilende Wirkung des Schlammes und hat später eine Schlammheilanstalt gegründet … und in meiner Familie, bin ich Arzt in der 6. Generation mütterlicherseits, da gab es immer sowohl SchulmedizinerInnen als auch NaturheilkundlerInnen.

Auf der Suche nach alternativen Heilweisen sind Sie durch alle fünf Kontinente gereist. Daraus ist Ihr Buch „Weltmedizin“ entstanden. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Ich bin viel unterwegs gewesen, aber längst noch nicht in allen Ecken der Welt. Doch wo immer ich war, habe ich als Schulmediziner Überraschendes erlebt, Erfahrungen gemacht, die mich beeindruckten. Deshalb fällt es mir schwer, etwas zu nennen, das mich besonders berührte. War es die Begegnung mit einem Schamanen auf Hawaii, waren es meine Gespräche mit dem Dalai Lama? Ich kann es nicht sagen. Es war wohl alles zusammen, das Erlebnis einer Weltmedizin, die bei aller Vielgestaltigkeit doch auch sehr viele Ähnlichkeiten aufweist. Das gilt vor allem für das humanistische Grundverständnis, für die Überzeugung, dass dem Menschen nur zu helfen ist, wenn man ihn ganzheitlich betrachtet, als das Zusammenwirken von Körper, Seele und Geist. Auf dieser Grundlage haben die alten Ägypter, die Griechen und die Römer ebenso behandelt wie die Chinesen, die Inder und Tibeter oder die Medizinmänner der Indianer – und, nicht zu vergessen die Hausärzte alter Schule. Auf den Reisen habe ich viele Länder Asiens, Amerikas, Australiens und Europas gesehen, zahlreiche Gespräche geführt und festgestellt, dass es so vielerlei spannende Diagnostik- und Therapieansätze gibt, und dass es wichtig ist, diese zusammenzuführen und zu systematisieren. Voneinander ohne Scheuklappen lernen – das Alte mit dem Neuen verbinden. Eine wirklich humane interdisziplinäre Medizin zu entwickeln steht an.

Was dürfen wir uns unter dem Begriff „Weltmedizin“ vorstellen?
Jede Schule hat ihre Berechtigung, sofern ihre Methoden heilsam sind. Nur verbohrte Dogmatiker können auf die absurde Idee verfallen, die Lehren gegeneinander in Stellung zu bringen. Richtiger wäre es, die unvorstellbare Vielfalt der Heilsysteme auch als eine gewisse Einheit zu begreifen, zumindest medizin-historisch als das Ursprungsbecken, aus dem sich der heutige Stand der Medizin entwickelt hat und sich weiter entwickeln wird. Weil mir das im Laufe meines Lebens als praktizierender Arzt immer klarer geworden ist, habe ich den Begriff der „Weltmedizin“ geprägt: ein integrativer Ansatz zur Weiterentwicklung der Schulmedizin. Mit einer kleinen Stiftung versuche ich, die Aufmerksamkeit der Mediziner und ihrer Patienten, der Politiker und der Forscher auf dieses entwicklungsgeschichtliche Kontinuum zu lenken. Zumal es bis heute, von wenigen Ethnologen abgesehen, kaum Wissenschaftler gibt, die hier vergleichende und integrative Forschungen betreiben.
Wir wissen an sich doch alle, wie notwendig es ist, voneinander zu lernen, und zwar auf allen Gebieten, in sämtlichen Bereichen des Lebens. Höchste Zeit also, dass wir im Gesundheitswesen über kulturelle und sonstige Grenzen hinweg näher zusammenrücken und uns fragen: Welchen Wert hat die Erfahrungsheilkunde früher Epochen für die Medizin von morgen? Wovon könnten wir profitieren? Was lässt sich als wirkungsvoll nachweisen? Und auch wenn solcher Nachweis noch aussteht: Muss das Unerklärliche deshalb sofort und für immer im Orkus der Medizingeschichte versinken? „Es gibt zwei Arten zu leben“, hat Albert Einstein gesagt, „entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles eins“. So denke auch ich. Ich glaube, dass man eine wissenschaftlich orientierte Medizin betreiben kann, ohne die traditionelle Heilkunst gering zu schätzen. Jedenfalls war sich die Schulmedizin bei allem Bemühen um weltanschauliche Abgrenzung nie zu schade, Erfolge durch die stillschweigende Integration naturkundlichen Wissens zu erzielen, zum Beispiel mit der chemischen Synthese des Aspirins, dessen Wirkstoff ursprünglich aus der Weidenrinde gewonnen wurde.

Das ganze Interview finden Sie in unserer bewusster leben Ausgabe 6/2018

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