Vegan hält jung

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Attila Hildmann,  Deutschlands Vegan-Koch Nr. 1, über die Vorteile einer fleischlosen Ernährung und warum sie uns jünger macht.

Der Berliner Attila Hildmann macht derzeit Karriere als Kultkoch. Seine Kochbücher „Vegan For Fun“ und „Vegan For Fit“ eroberten schon die Bestsellerlisten. Mehr als 750 000 Bücher hat der Self-Made-Koch in den letzten zwei Jahren verkauft. In seinem neuen Buch „Vegan For Youth“ stellt er eine pflanzliche Ernährung vor, die Alterungsprozesse aufhalten und sogar rückgängig machen soll. So mauserte sich der heute 35-Jährige selbst vom Moppel zum Triathleten. In Talkshows ist er inzwischen ein gefragter Interviewpartner. Wie er das geschafft hat, wollten wir mal ganz genau wissen:

Sie haben 35 Kilo abgenommen und inzwischen den „Eight-Pack-Bauch“ eines Fotomodels. Warum wollten Sie das so und wie haben Sie das eigentlich geschafft?

Ich hatte Übergewicht, hohe Cholesterinwerte und war auf dem besten Weg zum Diabetiker. Als ich zunächst Vegetarier wurde, änderte sich erschreckend wenig, meine Cholesterinwerte stiegen sogar vom vielen Käse. Erst als ich anfing, mich vegan zu ernähren und auf gesunde Zutaten zu achten, purzelten die Kilos fast von selbst. Doch ich beobachtete noch andere Veränderungen an meinem Körper: Meine Haut war fast über Nacht viel feiner und nach einer Weile hatten sich auch die Cholesterinwerte verbessert. Natürlich ist Bewegung ebenso wichtig, um schnellere und bessere Ergebnisse zu erzielen, da muss man eben mal seinen Arsch hochkriegen. Mittlerweile habe ich riesigen Spaß an Sport, will mich fit fühlen und natürlich habe ich nichts dagegen, dass man das sieht – früher hätte ich nie geglaubt, dass ich selbst mal so aussehen könnte. Ich bin viel leistungsfähiger seit ich Veganer bin. Ich stelle mir auch gerne mal eigene kleine Challenges, um meinen Alltag spannender zu machen. Dabei gebe ich mir einen bestimmten Zeitraum vor, in dem ich ein Ziel erreichen will, so habe ich zum Beispiel für den „Iron Man“ trainiert. Oder für den 8-Pack, da habe ich 90 Tage hart trainiert und nebenbei viele neue Rezepte kreiert, die zu dem neuen Fitnessprogramm passten.

Das Wichtige beim Essen ist doch, dass es uns schmeckt. Wir wollen es genießen. Viele glauben aber, dass Genuss mit der veganen Ernährung nicht zusammengeht. Was sagen Sie denen?

Genießen will ich auch! Aber ohne Giftstoffe, Farbzusätze und Geschmacksverstärker. Und sorry, aber hier schließe ich Fleisch und Milchprodukte mit all den Hormonen und Medikamentenrückständen mit ein. Vieles, was ich früher geliebt habe, ekelt mich heute an, weil ich weiß, was alles drinsteckt. Mein Vater hat früher immer gesagt, er wolle nicht auf Genuss verzichten. Schließlich musste ich mitansehen, wie er viel zu früh an einem Herzinfarkt starb. Seitdem reagiere ich auf dieses Genuss-Argument allergisch.
Wenn Leute sagen, vegane Küche sei langweilig, dann, weil sie sie nicht kennen. Ich war selbst anfangs oft enttäuscht von den veganen Rezepten, die im Umlauf waren. Die waren oft wenig einfallsreich, genau deshalb habe ich angefangen, mehr zu experimentieren und eigene Rezepte zu entwickeln. Ausprobieren ist das Stichwort. Auch neue Lebensmittel, mit denen man bei einer Umstellung auf vegan automatisch in Berührung kommt. Einfach mal Neugier zeigen und Neuem eine Chance geben.

Stimmt es, dass pflanzliche Lebensmittel den Alterungsprozess verlangsamen und sogar stoppen können? Ist das wissenschaftlich erwiesen?

Ja, das stimmt. Über die richtige Ernährung nehmen wir bestimmte Vitamine und Spurenelemente auf, die unsere Körperzellen schützen. Das funktioniert ähnlich wie bei dem aufgeschnittenen Apfel, der schnell braun wird (oxidiert), jedoch viel länger frisch bleibt, wenn man ihn mit Zitronensaft als Antioxidationsmittel einreibt. Der Wert an sogenannten Antioxidantien im Körper sagt also aus, wie gut der Körper gegen altersbedingten Zellverfall geschützt ist. Ich war selbst erstaunt, dass Antioxidantien in hoher Konzentration ausschließlich in pflanzlichen Lebensmitteln vorkommen. In Bananen, Nektarinen und Tomatenmark sind zum Beispiel sehr hohe Mengen davon enthalten. Den eigenen Wert kann man mittlerweile in der Haut messen. Bestimmte andere Lebensmittel aktivieren außerdem Enzyme im Körper, die in Stoffwechsel- und Alterungsprozesse eingreifen. Zum Beispiel enthalten Weintrauben und Rotwein Resveratrol, das unter anderem in Anti-Aging-Präparaten verwendet wird. Natürlich ist es noch Science Fiction, das Altern ganz zu stoppen, aber eine Verlangsamung ist auf jeden Fall drin. Einige amerikanische Firmen gehen so weit, dass sie konkret sagen, bis zu 20 Jahren könnte man mit optimaler Ernährung erreichen. Ich bin 35 und mein wissenschaftlich gemessenes biologisches Alter liegt bei 28.

Welche pflanzlichen Stoffe sind es denn, die uns jung halten?

Als Antioxidantien gelten unter anderem Carotinoide wie das Beta-Carotin, die Vitamine C und E und die Spurenelemente Kupfer und Zink. Auch das werbewirksam für Anti-Aging-Produkte eingesetzte Coenzym Q10 kann man über das Essen aufnehmen zum Beispiel in Nüssen und Zwiebeln. Besonders Beeren sind super gesund und auch Gewürze wie Nelken, Zimt oder Oregano. Und natürlich mein geliebter japanischer Matcha-Grüntee.

Kann ich selbst feststellen, wie ich mich mit der veganen Ernährung verjünge?

Mittlerweile gibt es einige handliche Hautscanner auf dem Markt, mit denen man bei sich und anderen sekundenschnell die Antioxidantien-Werte in der Haut messen kann. Je höher der Wert, desto besser – ich teste mich fast täglich und es ist wirklich interessant zu sehen, wie konkret sich Ernährung, aber auch Schlaf und Stress in den Werten widerspiegeln.

In Ihren Büchern propagieren Sie eine hundertprozentige vegane Ernährungsweise. Für alle?

Ja, für wirklich jeden, der sich etwas Gutes tun möchte und dabei Lust auf leckeres Essen hat. Da gibt es auch keine Altersgrenzen, es haben schon viele Menschen über fünfzig mit meinen Büchern erfolgreich abgenommen und ihre Werte verbessert. In „Vegan for Youth“ habe ich mein Fitness-Konzept noch weiter ausgebaut und gebe Anregungen zu Entspannungsübungen, denn letztendlich hängt ja alles zusammen: Ernährung, Bewegung und innere Ausgeglichenheit.

Für Ihr neues Buch sind Sie nach Japan und Italien gereist. Haben Sie dort fitte Hundertjährige kennengelernt, die sich vegan ernähren?

Ich habe großartige Menschen getroffen, die zwar nicht alle hundert Jahre alt waren, aber überdurchschnittlich fit und gesund für ihr Alter. Von ihren Lebens- und Essgewohnheiten konnte ich viel lernen und bin auf neue Lebensmittel und Ideen gestoßen. In Italien gibt es einen kleinen, gemütlichen Ort in den Bergen, den man das „Dorf der Hundertjährigen“ nennt. Das Geheimnis der alten Menschen dort liegt vermutlich in der regionalen Küche mit vielen frischen Kräutern und an der Entspanntheit, mit der sie durch den Tag gehen. Beeindruckt war ich auch von dem japanischen Abt in einem veganen Kloster. Ich durfte mit ihm essen, gärtnern und über das Leben und gesunde Ernährung philosophieren. Beim Abschied gab er mir die Aufgabe mit auf den Weg, das Wissen und den Respekt vor dem Leben in den Westen zu tragen und zu verbreiten. Es war ihm sehr ernst damit und für mich eine Ehre, dass er mir solches Vertrauen schenkte.
Neben der eigenen Gesundheit sind natürlich der Tier- und Umweltschutz wichtige Gründe. Wer sich mal wirklich angesehen hat, wie Massentierhaltung funktioniert, kann mir nicht ernsthaft erzählen, die Produkte daraus noch genießen zu können. Und da ist meiner Meinung nach die Milchindustrie nicht viel besser als die Fleischindustrie. Es ist einfach abartig, wie wir mit Tieren umgehen, weil wir den Hals nicht voll kriegen können. Es würde schon wahnsinnig viel bringen, wenn die Leute weniger Fleisch essen und bei tierischen Produkten Bio kaufen würden.
In anderen Ländern klappt das auch, in Frankreich zum Beispiel gibt es kaum Billigfleisch, mit dem wir uns in Deutschland vollstopfen, die Leute sehen es nicht als selbstverständlich an, jeden Tag Fleisch auf dem Tisch zu haben und essen es seltener, besser und leckerer. Dass das Klima durch Massentierhaltung extremen Schaden nimmt, ist mittlerweile ja bekannt. Dabei macht das Methan, das Wiederkäuer wie Kühe ausstoßen, ca. 20 Prozent der weltweiten Emissionen aus. Die Welt ist nicht darauf ausgerichtet, so viele Tiere wie möglich pro Quadratmeter zu quetschen.

Das Gespräch führte Beate Förster

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