Alexithymie – die Unfähigkeit, eigene und fremde Gefühle wahrzunehmen

Jeder kennt sie, Menschen, die immerzu sticheln, herumbrüllen, beharrlich schweigen oder andere mit Hohn und Spott überziehen, wo es eigentlich um vertrauensvolles Miteinander geht. Doch vor Verletzungen durch solche „Kaktusmenschen“ kann man sich schützen.

Was für einen Zweck haben die Dornen?“, fragt der kleine Prinz in Antoine de Saint- Exupérys gleichnamiger Erzählung und gibt sich wenig später selbst die Antwort: „Die Blumen sind schwach. Sie sind arglos. Sie schützen sich, wie sie können. Sie bilden sich ein, dass sie mit Hilfe der Dornen gefährlich wären.“ Gefährlich sind sie in der Tat, die „Kaktusmenschen“, wie die Psychoanalytikerin
Rotraut Perner sie nennt. Und wie es scheint, nehmen sowohl ihre Zahl als auch die Schmerzhaftigkeit ihrer Stiche immer mehr zu. Für die Gestochenen ist es dabei zunächst einmal unerheblich, ob es sich – wie der kleine Prinz mitfühlend weiß – um ausgebrannte, überlastete Menschen handelt, die jede Annäherung nur noch als Forderung empfinden können und deshalb verbal zustechen, oder um tatsächlich völlig gefühllose Menschen, die weder bei sich selbst Gefühle zulassen noch sich vorstellen können, was sie mit ihrem Verhalten bei anderen anrichten. Gerade diese sogenannte Alexithymie, die Unfähigkeit, eigene und fremde Gefühle wahrzunehmen, ist nach Angaben der WHO ein zunehmendes Phänomen unserer Zeit. In Deutschland soll bereits jeder Zehnte davon betroffen sein. Wenn sich dieses Unvermögen obendrein mit dem paart, was Peter Sloterdijk „Herabsetzungsdrang“ nennt, dann kommt es zu „Worten, die wie Schläge sind“ (Patricia Evans)

Stachelige Gleichgültigkeitsgesellschaft

Die Ursachen sind vielfältig. Man kann sie in der soldatischen Erziehung der Generation unserer Eltern und Großeltern suchen, in der Gefühlsäußerungen als Schwäche ausgelegt und deshalb auf tief traumatisierende Weise unterbunden wurden, oder in unserer „Gleichgültigkeitsgesellschaft“,
wie der niederländische Wirtschaftsanalyst Christophor Coppes sagt. Sie ist entstanden aus dem marktwirtschaftlichen Credo, wonach der Eigennutz des Einzelnen im Zusammenspiel mit den als „unsichtbare Hand“ bezeichneten regulierenden Kräften des Marktes automatisch auch zum größten Wohl der Gesellschaft als Ganzes führt. Ein fataler Irrtum, wie wir allmählich erkennen müssen. Insofern lässt sich auf Kaktusmenschen übertragen, was im Feng-Shui für Kakteen gilt, dass sie nämlich die Atmosphäre von „Gift“ reinigen können. „Sie ziehen es quasi an und verarbeiten es für sich selbst nutzbringend, … indem sie sich Dornen wachsen lassen“, schreibt Rotraud Perner. Jeder Versuch, sich an Kaktusmenschen anzuschmiegen, muss deshalb in Enttäuschung enden und verstärkt so das Kaktusproblem nur noch. Doch was tun?

Spielen statt Kämpfen

In seinen „Paraligomena“ erzählt Arthur Schopenhauer folgende Geschichte: „Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nah zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wenn nun das Bedüfniss der Erwärmung sie wieder näher zusammen brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel; so dass sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.“ Und er rät: „Wer jedoch viel eigene innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.“ Doch wenn wir uns heute umschauen, müssen wir feststellen, dass solche Überindividualisierung nicht eben zu größerer
Wärme in unserer Gesellschaft geführt hat. Rotraud Perner rät deshalb zu anderen, kreativeren Formen des Umgangs mit Kaktusmenschen, nämlich Spielen statt Kämpfen, wobei sich Spielen für sie „aus der genussvollen Freude am prosozialen kreativen Selbstausdruck“ definiert. Es schafft eine heitere Grundstimmung, die frei ist von Gier, Zorn oder Neid. Dazu gehört auch, es einmal zu wagen, sich dumm zu stellen. Statt also ein Verhalten zu kritisieren, kann ich offen nach dem Warum fragen. So stellt zum Beispiel eine Freundin oft den Anrufbeantworter an, auch wenn sie zu Hause ist. Das kann sehr irritierend sein. Auf die Frage nach dem Warum erklärte sie, sie habe an einem früheren Arbeitsplatz bis zu acht Stunden täglich telefonieren müssen und wenn sie heute müde sei, dann könne sie das Telefon oft einfach nicht ertragen. Sie ruft dann später zurück. Fragen statt Urteilen gibt dem
Kaktusmenschen die Möglichkeit, sich zu erklären – und nimmt sehr oft den (gelegentlich auch nur vermeintlichen) Stacheln ihre verletzende Wirkung.

Der Ausstieg aus dem Kaktus-Muster

Eine weitere Spielart dieser sogenannten „regressiven Kommunikation“ ist es, wenn eine Frau einem Mann, der ihr „unwillkürlich“ die Hand auf den Oberschenkel gelegt hat, diese sachte, aber bestimmt zurücklegt und fragt: „Hast du keinen eigenen Schenkel?“ Bewährt hat sich auch Rotraud Perners „Exorzismus-Technik“. Dabei nennt man den „Teufel“ beim Namen, um ihn zu vertreiben. Zum Beispiel so: Eine Frau kehrt abgefallenes Laub auf das frisch gegossene, noch feuchte Betonfundament des Nachbarhauses. Der Bauleiter sieht’s und geht mit herzerfrischendem Lächeln auf sie zu: „Gell, Sie sind schon eine boshafte Frau?“ Sofort kehrt sie das Laub wieder zurück. Wohlgemerkt, solchesVerhalten
verhindert nicht, dass der andere wieder sticht. Es hilft aber, der Verlockung des Gegenstichs zu widerstehen und so aus dem Kaktus-Muster auszusteigen. Denn für Kaktusmenschen und Kaktusverhalten gilt genau wie für ihre Namenspaten aus dem Pflanzenreich: Bitte nicht gießen!

Die Kraft positiver Symbole

Ein Ausstieg aus dieser „Kampf-oder-Flucht“-Reaktion erfordert Kraft und Mut. Um sie zu finden, brauchen wir eine Vision, wie sich ein wohltuender, gelassener Zustand anfühlt. Im Idealfall können wir sie aus der Erinnerung schöpfen. Aber auch Symbole können uns helfen, wenn wir sie bewusst aus diesem Grund einsetzen. Die Feng-Shui-Beraterin Rita Pohle empfiehlt: „Objekte oder Abbildungen, die Herzen zeigen, stehen für Liebe, Tatkraft und partnerschaftliches Glück. Spiralen verkörpern die unendlich aufbauenden Kräfte des Lebens.“ So kann es gelingen, nach und nach „den Geist der Kleinmut“, wie RotraudPerner sagt, zu verlassen und „in einem Geist des Vertrauens, der Hoffnung und der Liebe“ zu leben.

Astrid Ogbeiwi

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