“Angst ist kein schlechtes Gefühl“

Der ehemalige Hiphop-Musiker, erfolgreiche ­Werber und Buchautor Sebastian Keck über seine Panikattacken, wie es dazu kam und was ihm geholfen hat, sie zu bewältigen.

Herr Keck, wie begann das damals mit Ihrer Angststörung?

Es begann wie aus heiterem Himmel. Ich kannte meinen Brech- und Würgereiz vor Präsentationen im Studium und später im Berufsleben. Auch das ist eine Art Panikattacke, wie ich Jahre später erfuhr. Ich stand 2017 vor einem beruflichen Höhepunkt und wir freuten uns auf die Geburt unserer ersten Tochter. Ich hatte schon während der Geburt wahnsinnige Angst und musste zwischendurch rausgehen und weinen. Ich wurde ein Helikopter-Daddy, hatte ständig Angst um meine Tochter, schaute nachts, ob sie noch atmet. Meiner Frau wollte ich erklären, wie man stillt. Die Überlastung zeigte sich dann ganz massiv in einer Schlaf-, Rast- und Appetitlosigkeit. Jeden Morgen bekam ich direkt nach dem Aufstehen einen Brech- und Würgereiz. Ich dachte, dass ich verrückt werde und die Kontrolle über mich verliere. Ich hatte Angst in einer „Irrenanstalt“ zu landen, malte mir aus, dass hier nur die komplett Verrückten sind. Ich hatte rund um die Uhr Angst und wusste mir nicht mehr zu helfen. Doch ein Klinikaufenthalt war für mich das Letzte.
Meine Panikattacken wurden immer schlimmer. Ich probierte fünf Monate lang eine ambulante Therapie, die aber kein Ergebnis zeigte. Als mein Therapeut dann für drei Wochen in Urlaub nach Kuba flog, war es für mich höchste Zeit für einen stationären Klinikaufenthalt.
Ich tat mich sehr schwer mit der Entscheidung und war zunächst in einer Klinik, die mir überhaupt nicht gefiel und aus der ich nach einer Nacht wieder geflohen bin. Ich recherchierte tagelang im Internet herum, welche Klinik die richtige für mich sein könnte, dachte, dass es mir nach drei Wochen schon wieder besser gehen würde. Daraus wurde dann fast ein halbes Jahr in einer Klinik im Schwarzwald.

Wo lagen aus heutiger Sicht die Auslöser für Ihre Panikattacken?

Die Auslöser lagen in einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ich konnte mir als Manager und auch als Vater keine Schwächen, keine Ängste eingestehen. Ich sah mich als Versager, als Verlierer, der nichts mehr auf die Reihe bekam und bin mit mir selbst sehr schlecht umgegangen. Ich begann mir die schlimmsten Zukunftsszenarien auszumalen. Ich war nicht mehr Herr meiner Gedanken und hielt meine Gedanken für die Realität. Gefühle konnte ich auch nicht mehr ausdrücken. Ich brauchte die Angst für eine Depression und die Depression, um mir Schwächen einzugestehen und um weinen zu können. Ich hatte das mit fast 40 verlernt.

Was hat Ihnen geholfen, Ihre Angsterkrankung dann überwinden zu können?

Heute weiß ich: Angst ist nur ein Gefühl. Ich bin nicht meine Angst. Deshalb heißt mein Buch auch „Meine beschissene Angst und ich“. Angst ist überlebenswichtig, aber nur ein Anteil von mir. Es gibt aber noch andere Anteile in mir. Die Angst zeigt, dass man einen neuen Weg beschreiten muss. Eine Angsterkrankung kann man nur überwinden, wenn man seine Ängste akzeptiert. Diese Akzeptanz ist paradox. Im Laufe der Therapie habe ich gelernt, damit umzugehen und die Auslöser zu erkennen. Ich habe mein Leben umgekrempelt. Sport, Yoga, Meditieren, Natur, Achtsamkeit, Ernährung, kein Alkohol- und kein Cannabiskonsum mehr. Ich wurde empathischer und bin mittlerweile nah am Wasser gebaut. Kinder sind die Meister der Achtsamkeit. Meine kleine Tochter ist inzwischen mein Achtsamkeitsguru. Ich bewundere sie, weil sie vollkommen im Hier und Jetzt lebt.

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 2/2020

Der passende Buchtipp: Sebastian Keck, “Meine beschissene Angst und ich”, Verlag Herder, 22 Euro

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