Ich bin dann mal Ich

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„Ich bin ich, nirgendwo gibt es jemanden, der genauso ist wie ich.” Die Worte der amerikanischen Familientherapeutin Virginia Satir machen deutlich: Jede und jeder von uns ist einzigartig, unverwechselbar und wertvoll. Wir stellen Frauen vor, die ihren ganz eigenen Weg zu sich selbst gefunden haben.

Weshalb fällt es uns oft so schwer, uns so anzunehmen, wie wir sind? Immer scheinen wir auf das zu starren, was noch zu verbessern wäre, anstatt auf das zu schauen, was bereits ein Grund zur Freude ist. Unser Leben wäre doch so viel einfacher und leichter, wenn wir unsere eigenen Fähigkeiten und Talente wertschätzen, unsere Stärken erkennen und Schwächen akzeptieren. Und wenn wir wie die unvergleichliche Gloria Gaynor jeden Tag aufs Neue singen könnten:
„I am what I am and what I am needs no excuses!“ Doch wer macht das schon?

Das Leben hält so manches Abenteuer für uns bereit

Meist sind es unsere alten Glaubenssätze und Überzeugungen, die uns klein machen und klein halten. Sie verhindern, dass wir zu unserer wahren Größe heranwachsen. Es ist nicht so sehr unsere Umwelt, die uns Grenzen setzt – wir sind es selbst, die uns beschränken und unsere Freiheit beschneiden. Indem wir immer noch auf die Stimmen aus unserer Kindheit hören, die uns zuflüstern. „Das kannst du nicht, dazu bist du zu schwach, zu ungeschickt“ oder „Das schaffst du nie“ murmeln wir dann kleinlaut, anstatt es zu versuchen. „Man kann sowieso nichts ändern“ seufzen wir schließlich entmutigt, anstatt uns auf die Hinterbeine zu stellen und zu kämpfen.
Je öfter es uns gelingt, uns von solchen Vorstellungen über uns selbst zu lösen, desto stärker und autarker werden wir. Und umso aufregender werden die Abenteuer, die das Leben für uns bereithält. Indem wir uns bereit machen, etwas zu riskieren und neue Herausforderungen anzunehmen, wächst unser Kraftpotenzial.
Empowering wird diese positive Lebenshaltung in der Psychologie genannt. Ihr geht es darum, die Ressourcen und Kraftquellen in uns zu aktivieren und uns zur Entdeckung der eigenen Stärken zu ermutigen. Ihr liegt die Überzeugung zugrunde, dass wir weit stärker und fähiger sind als wir gemeinhin denken, dass wir die Fähigkeit zu Wachstum in uns tragen und dass wir unsere Lebensträume sehr wohl erfüllen können.

Auf dem Weg zu mir selbst

Das Leben liegt in all seiner Fülle immer schon ausgebreitet vor uns. Weshalb also nicht mal wieder aus dem Alltagstrott ausscheren, die tägliche Routine unterbrechen und zu neuen Ufern aufbrechen? Das heimatliche Sofa und die kuschelige Komfortzone hinter sich lassen und in unbekannte Länder reisen? Denn genau hier, im Kontakt mit dem Unbekannten, entdecken wir ganz neue Aspekte unseres Selbst.
Ein solcher Aufbruch beginnt damit, dass wir uns für das Leben öffnen, es „im Außen“ neu entdecken und bislang verschlossene Räume „im Innen“ betreten. Wir nehmen Kontakt mit der Welt auf und kommen uns selbst dabei näher. Jede Herausforderung, die wir auf dem Weg bestehen, stärkt unsere Zuversicht und das Vertrauen in uns selbst. Der Ruf lautet dann schlicht: Jetzt komm ich!
Besonders mutig ist der erste Schritt: Das Alte fällt weg, Gewohntes wird aufgegeben und der Ausgang ist ungewiss. Innere und äußere Entwicklung gelingt am besten in diesem Neuland. Indem wir neue Herausforderungen suchen, erweitern und überschreiten wir die eigenen Grenzen. Und wir sind bereit, uns der Frage zu stellen: Wer bin ich, wenn das Gewohnte und Vertraute und damit auch Schützende wegfällt?

Vom Mut, zu sich selbst zu stehen

Um dies herauszufinden, streiften Menschen immer schon durch Wüsten und Urwälder, kämpften sich durch das Eis der Antarktis oder durchquerten in Einmastern die Weltmeere. Unter diesen Waghalsigen waren seit jeher viele Frauen. Die Australierin Robyn Davidson durchquerte in neun Monaten den australischen Outback, einen der heißesten und unbarmherzigsten Orte der Welt, lediglich begleitet von vier Kamelen und ihrem Hund. Die Amerikanerin Cheryl Strayed machte sich nach einer Lebenskrise allein auf den wilden Pacific West Trail und lief fast 2000 Kilometer von Kanada bis Kalifornien zu Fuß. In ihrem Buch „Der große Trip“ beschreibt sie, was die dabei entdeckt hat: „Der Trail hat mich wieder zu meiner Stärke zurückgebracht. Da ist wirklich etwas sehr Gewaltiges daran, einen Fuß vor den anderen zu setzen.“ Als erste Frau durchquerte Janice Jakait 2012 in einem Ruderboot den weiten Atlantik. In ihrem Buch „Tosende Stille: Eine Frau rudert über den Atlantik und findet sich selbst“ berichtet sie davon, dass dieser gefährliche Weg auch ein Weg zu sich selbst war. „Ich war an einem Wendepunkt meines Lebens, ich musste auf die Suche nach meinem Ich gehen.“ Der Weg in die Ferne, das zeigen die Beispiele dieser mutigen Frauen, ist immer auch ein Weg hin zu sich selbst. Sie alle haben erst in der Fremde, in einem mutigen Schritt nach Außen erfahren, wie stark sie sein können.

Jenseits der Angst liegt die Freiheit

Nun müssen wir ganz sicher nicht allein den Atlantik überqueren, um zu uns selbst zu finden. Wir können dies auch etwas weniger spektakulär tun. Indem wir etwa mit erfahrenen Guides zu einer Wüstentour aufbrechen, wie die Meditationslehrerin Isabel Viramo van Loon es 2012 erstmals getan hat und dabei feststellte: „Jenseits der Angst liegt die Freiheit.“ Insbesondere Frauen fühlen sich von der Wüste angezogen. Und nicht nur die Power-Frauen und Furchtlosen sind es, die zu Wüstenabenteuern aufbrechen.
Oft sind es Frauen, die sich ihren Ängsten stellen möchten, Abstand von Problemen bekommen, eine Lebenskrise bewältigen und letztlich zu sich selbst finden wollen. In der Weite der Wüste, öffnen sich dann neue Räume auch im Inneren. Vieles im eigenen Leben rückt sich von selbst ins rechte Lot. Wer sich der Wüste stellt, so die Erfahrung von Isabel Viramo van Loon, kommt klarer und selbstbewusster aus ihr zurück.

Dem Ich einen eigenen Ausdruck verleihen

Doch nicht immer müssen wir in die Ferne reisen, um Neues zu entdecken. Auch im kreativen Schaffensprozess können wir einen neuen Zugang zu dem immensen Potenzial, das in uns steckt, finden. Immer wenn wir uns selbst die Erlaubnis zum Experimentieren, Ausprobieren und Erforschen geben, öffnet sich der unbegrenzte Raum freier Entfaltung und wir schwingen uns ein in den Flow des Lebens. Um sich und anderen genau diese Erfahrung zu ermöglichen, gründete beispielsweise die Schauspiel- und Biodanzatrainerin Inka-Charlotte Palm ihre eigene kleine Theaterschule in Berlin, in der sich Menschen spielerisch entfalten und dabei in Verbindung mit sich selbst und anderen kommen können.
„Ich versuche nicht, irgendjemand in meinen Kursen zu verändern, sondern lasse alle so sein, wie sie sind, perfekt und einzigartig in ihren Stärken und Talenten“, sagt Inka-Charlotte Palm. Und genau das wiederum ist die Wurzel des Empowerment: sich entspannen und der Mensch sein dürfen, der man ist. Die Vorstellungen von Perfektion einfach mal loslassen und sich unbelastet wie ein Kind dem kreativen Spiel öffnen. Die eigene Stimme zu befreien, die Schüchternheit zu überwinden, den Sprung auf die Bühne zu wagen und in den Improvisationen mit anderen seinem Innersten Ausdruck verleihen. Wir horchen, spüren, er-tasten und legen das frei, was bereits in uns ist. Wir ermächtigen uns selbst und bringen unser erweitertes Ich auf die Bühne und in die Welt.

Die Aufforderung lautet: „Sei, wer du bist!“

Ganz gleich, ob wir Theater spielen, tanzen, schreiben, malen, singen oder in fremde Länder reisen – Kreativität ist Ausdruck unserer elementaren Lebenskraft. Sie nährt sich aus dem reichhaltigen Fundus unserer Erlebnisse, unserer intensiven Sinneseindrücke, tiefen Herzensberührungen, feinen Seelenbewegungen, unserer glücklichen ebenso wie unserer schmerzlichen Erfahrungen. Wenn wir uns der Kreativität öffnen, wächst das Vertrauen in uns und unser Leben. Indem wir unserem Selbst Ausdruck verleihen, etwas riskieren, Herausforderungen suchen und bewältigen, entdecken wir plötzlich, wer wir wirklich sind, wer wir sein könnten. Worauf also warten?
Der große Schriftsteller Mark Twain wusste um diesen Zusammenhang und beschrieb ihn vor über hundert Jahren so: „In zwanzig Jahren wirst du eher die Dinge bereuen, die du nicht getan hast, als diejenigen, die du getan hast. Also wirf die Leinen los und segle fort aus deinem sicheren Hafen! Fange den Passat in deinen Segeln! Forsche! Träume! Entdecke!“
Christa Spannbauer

Weitere interessante Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 2/2018

 

 

 

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