Ayurveda-Kuren hierzulande

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Für eine Ayurveda-Kur muss man nicht nach Indien oder Kerala reisen. Es gibt auch bei uns Gesundheits-Oasen in traumhaft schöner Lage. Ob im hessischen Birstein, im Lahntal oder in Südtirol – wir stellen Ayurveda-Ressorts zum Wohlfühlen ganz in Ihrer Nähe vor.

Mal wieder die Seele baumeln lassen, dem Geist Raum geben, abschalten vom Alltag und einfach loslassen – wer sehnt sich nicht danach? Der Ayurveda, was wörtlich übersetzt das Wissen (Veda) vom Leben (Ayur) heißt, kann hier besonders gut helfen. Denn er vermag die Einheit von Körper, Geist und Seele wiederherzustellen. Dazu bietet die alte indische Gesundheitslehre weitaus mehr als Massagen und rehabilitative Maßnahmen an, sondern leistet auch praktische Hilfe und Beratung bei allen Fragen der Lebensgestaltung. Bereiche, die in der konventionellen Therapie fast immer viel zu kurz kommen.

Während die Schulmedizin ihren Fokus nahezu ausschließlich auf die Behandlung einer Krankheit legt, möchte die ayurvedische Lehre den ganzen Menschen wieder zu Gesundheit und mehr Wohlbefinden verhelfen und uns so rundum glücklich machen. Für eine Ayurveda-Kur muss man nicht nach Sri Lanka oder Südindien reisen. In vielen Fällen ist es wenig sinnvoll, die zumeist erheblichen Strapazen und Kosten einer langen Reise auf sich zu nehmen. Denn das Gute liegt so nah: Auch in Deutschland, Schweiz oder Österreich gibt es mittlerweile zahlreiche Ayurvedazentren, deren Leistungen jenen Gesundheits-Ressorts Indiens in nichts nachstehen. Oftmals wird hierzulande sogar mit mehr Seriosität und mehr Einfühlung gearbeitet. Und auch mit der Verständigung klappt es natürlich besser. Unser erster Besuch gilt dem Rosenberg Ayurveda Gesundheits-und Kurzentrum in Birstein.

Das Ayurveda Gesundheits- und Kurzentrum in Birstein

Es liegt schon ein wenig abseits, das Ayurveda Gesundheitsund Kurzentrum Birstein. Der Weg dahin lohnt sich trotzdem, befi ndet es sich doch mitten im Naturschutzgebiet des Vogelsbergs, einer lieblichen und hügeligen Landschaft im südöstlichen Teil Hessens. Bis nach Frankfurt sind es von hier rund 70 Kilometer, nach Fulda, der nächstgrößeren Stadt, knapp 50 Kilometer. Das ehemalige, heute unter Denkmalschutz stehende Forsthaus, an das sich der erst 2015 eröff nete Neubau anschließt, ist von einem verwunschenen Garten umgeben. Hinterm Haus stehen alte Obstbäume – einige Schafe grasen friedlich auf den angrenzenden Weiden. Und von irgendwoher hört man leise Wasser plätschern.

Das Dorf Birstein liegt etwas unterhalb des Kurzentrums. Und wenn man von dort seinen Blick nach oben richtet, sieht man ringsum nur Wiesen und Felder. Hier fühlt man sich auf Anhieb wohl, hier darf man einfach mal nur sein und sich hegen und pfl egen lassen. Nicht zuletzt, weil man sofort spürt, dass man in einer Oase der Ruhe angekommen ist, einer Parallelwelt jenseits von Hektik und Ärger. „Im Ayurveda geht es um Berührung, Zuwendung und Betreuung. Unsere Gäste erhalten einen liebevoll gestalteten Rahmen, in dem sie sich selbst und ihre wahren Bedürfnisse wieder spüren können und lernen, mit Ayurveda das Leben auf gesunde und genussvolle Weise so zu gestalten, wie es der eigenen Konstitution entspricht,“ erklärt Kerstin Rosenberg, Mitgründerin und Co-Leiterin des Ayurveda- Kurzentrums.

Ein Haus mit Seele und medizinischem Wissen

Am Rosenberg Ayurveda Gesundheits- und Kurzentrum sind nicht nur drei erfahrene deutsche Kurmediziner, sondern auch ein großes Team aus gut ausgebildeten und spezialisierten Therapeuten beschäftigt, die jeden Tag für ihre Kurgäste da sind und persönliche Gespräche mit ihnen führen. Fachlich begleitet werden die Mediziner von Professor S. N. Gupta, einem renommierten Spezialisten für Panchakarma- Kuren. Der mehrfach ausgezeichnete indische Arzt lehrt am Ayurveda College in Gujarat und ist zugleich Chefarzt an einem der angesehensten Panchakarma-Kliniken Indiens, dem P.D. Patel Ayurveda Hospital. Mehrmals im Jahr unterrichtet er an der Europäischen Akademie für Ayurveda, an der man sogar einen „Master of Science“ in ayurvedischer Medizin absolvieren kann. Die Akademie hat ihren Sitz im ehemaligen Forsthaus, dem historischen Gebäudetrakt des Kurzentrums Birstein. Auch Kurleiterin Dr. med. Kalyani Nagersheth ist zugleich schon viele Jahre als Dozentin an der Akademie tätig. In diesem Ayurveda-Haus befruchten sich praktische Erfahrung und neueste Erkenntnisse also gegenseitig – eine Qualität von unschätzbarem Wert.

Das Angebot an medizinischen Kuren ist groß und reicht von der klassischen intensiv-reinigenden Panchakarma-Kur über die SvasthaMed-, LanghanaDetox- bis hin zur PhysioVeda-Kur. Daneben bietet das Haus noch einige kürzere Regenerationskuren an. Jede dieser Kuren wird im Wechsel mit den anderen zu bestimmten Zeiten angeboten. „Es hat durchaus seine Vorteile, dass im Haus immer nur eine gemeinsame Kurgruppe zur gleichen Zeit angeboten wird,“ erläutert Prof. Dr. Martin Mittwede, Leiter des Studiengangs Ayurveda-Medizin der Akademie in Birstein. „Die Kurgäste können sich so untereinander viel besser über ihre Erfahrungen während der Behandlungen austauschen. Und umgekehrt können sich der jeweilige Kurleiter und sein Team besser auf die Bedürfnisse ihrer Patienten einstellen,“ meint Mittwede.

Wer an einer solchen Kur Interesse hat, informiert sich also am besten beizeiten über die verschiedenen Kurangebote und wählt dann, entsprechend seiner Beschwerden und Bedürfnisse, das passende Kurprogramm aus.

Das Ziel einer Kur: Endlich wieder bei sich selbst ankommen

Constanze Hallensleben, Gründerin und Chefredakteurin des Online-Portals „Creme Guides“ hatte sich für die siebentägige SvasthaMed-Kur entschieden, „eine abgespeckte Variante der langen und intensiven Panchakarma-Kur, die wie ein kleiner Hausputz wirkt,“ sagt die 46-Jährige. Mit ihrer Anmeldung hatte sie die Notbremse aus einem leistungsbetonten, immer schneller rotierenden Arbeitsleben gezogen. Sie befürchtete, dass dieses ihre Gesundheit belasten würde. Um zu einem besonneneren Lebensstil zurückzufi nden, hatte sie Abstand gebraucht. „Es ist nämlich gar nicht so einfach mit dem täglichen Gewusel aufzuhören“, so die Berlinerin. „Svastha“ heißt wörtlich übersetzt „Im Selbst verweilen“. Wie der Name schon verrät, geht es bei dieser Kur darum, wieder in Kontakt mit sich zu kommen und somit ein besseres Gespür für seine körperlichen und seelischen Bedürfnisse zu entwickeln. An derselben Kur nahmen mit ihr noch rund 15 andere Personen teil. Sie waren aus allen Regionen Deutschlands, der Schweiz, Österreich und Luxemburg mit demselben Anliegen nach Birstein angereist.

Ob nun eine 75-jährige Hausfrau, eine ehemalige Lehrerin, ein international agierender Unternehmer, eine Frauenärztin, eine Dekorateurin oder ein Notariatsbüroleiter – alle wollten endlich wieder bei sich ankommen. „Das war eine spannende Mischung, die während der Mahlzeiten für jede Menge Gesprächsstoff sorgte“, so Hallensleben.

Constanze Hallensleben und der Gruppe standen fünf Ayurveda-Therapeuten für die ganze Woche zur Verfügung. „Jeden Tag erhielt ich ein bis zwei individuell abgestimmte Anwendungen, meist eine einstündige, intensive Massage für den gesamten Körper und eine, die sich noch einmal einer speziellen Problemzone widmete,“ sagt sie.

Massiert wird mit traditionellem, medizinierten Sesamöl, dessen Kräuterwirkstoff e stets individuell auf die jeweilige Konstitution abgestimmt werden. Was sie besonders schätzte, war der geregelte Tagesablauf mit seinen festen Ritualen: Jeden Morgen gab es 45 Minuten Yoga und nach dem Abendessen immer eine Meditation zum Tagesausklang. Die allermeisten Kurgäste nehmen die Angebote gern wahr, da sie eine ideale Einstimmung auf den Tag und die Nachtruhe sind. Schon den Wechsel von Anspannung und Entspannung, Bewegung und Ruhepausen, Gesellschaft und Stille erleben sie als besonders wohltuend. Viele Gäste suchen freiwillig nach der Meditation ihre Zimmer auf, die nach ökologischen Kriterien modern und doch gemütlich eingerichtet sind. Die Verwendung vieler Naturmaterialien sorgt für eine behagliche Atmosphäre.

Einfach mal Nichtstun ist gar nicht so leicht

Nicht nur Menschen im mittleren Alter, auch junge Leute können gelegentlich in erheblichem Maße gestresst und von ihren ehrgeizigen Projekten getrieben sein. Die Autorin Kristin Woltmann (Jahrgang 1985), deren Bestseller „Eat Train Love“ erst kürzlich erschienen ist, wollte endlich mal abschalten und entschied sich deshalb für die 5-tägige Rasayana- Regenerationskur.

„Das wirkliche Nichtstun ist für Menschen wie mich so schwer. Am Anfang der Kur machte es mir sogar richtig Angst. Irgendwann akzeptierte ich aber dann doch all die Gedanken, die in meinem Kopf aufk amen und ließ sie ungehindert fließen,“ erzählt sie. Nach einigen Tagen fiel ihr das Entspannen und völlige Loslassen schon deutlich leichter und irgendwann verlor sie jedes Zeitgefühl. Schon die erste Behandlung, eine ayurvedische Fußmassage, half ihr, sich wieder zu erden und das Vata in ihr zu beruhigen. Nach dem Ayurveda ist „Vata“ neben „Pitta“ und „Kapha“ eine der drei Grundkräfte (Doshas), die den Konstitutionstypus eines jeden Menschen bestimmen. Befi nden sich diese im harmonischen Gleichgewicht zueinander, so bleibt der Mensch nicht nur gesund, sondern ist auch glücklich. Eine seelische Störung oder Erkrankung wird nach dem Ayurveda meist durch ein Ungleichgewicht der Doshas, ein zu schwaches oder überschießendes Dosha hervorgerufen.

Während ein übermäßiges Pitta beispielsweise die Entstehung von Entzündungen begünstigen kann, kann ein KaphaÜberschuss aufgrund von Verschleimung der Atemwege zu Atembeschwerden führen. Und zu viel Vata, kann – wie bei Kristin Woltmann – die Nerven strapazieren und eine starke innere Unruhe hervorrufen. Wesentliches Anliegen der ayurvedischen Medizin ist es deshalb, die drei Doshas „Vata“, „Pitta“ und „Kapha“, die Körper, Geist und Seele eines jeden Menschen regulieren, in Balance zu bringen.

Der Körper und seine Zellen werden wieder richtig genährt.

Zur Rasayana-Wellness-Kur gehört auch der Stirnölguss „Shirodhara“ mit warmem Öl sowie die „Garshana“, die Massage mit Seidenhandschuhen und nicht zuletzt die „Abhyanga“, bei der Sesamöl großzügig auf den ganzen Körper verteilt und gestrichen wird. Dabei besteht die hohe Kunst vor allem darin, die Massage entsprechend den Bedürfnissen des Kurgastes zu variieren. Genauso wichtig wie die Massagetechnik ist die Wirkung des wertvollen Öls, das vor der Anwendung auf 110 Grad erhitzt werden muss. Es dringt besonders schnell tief in das Gewebe ein und gelangt durch die Kapillaren in den Blutstrom.

Je länger die Anwendung dauert, desto tiefer dringt das Öl ein und um so stärker wirkt es. Es kann die Zellen des Gewebes und – wenn man nur lange genug massiert – auch die Knochen mit essenziellen Nährstoff en versorgen. Das Sesamöl enthält potentielle Antioxidantien, deren Moleküle auch den Cholesterinhaushalt positiv regulieren können. Gleichzeitig löst und befreit es den Organismus von Stoff wechselschlacken und Schadstoff en, die der Ayurveda „Ama“ nennt. Letztlich geht es bei jeder Kur, egal wie lang sie dauert oder wie intensiv sie ist, immer darum, den Körper zu reinigen und zu nähren.

„Für mich war es der Himmel“, schwärmt Constanze Hallensleben auch noch im Nachhinein

Die Diätetik (Ernährungslehre) bildet deshalb auch die Grundlage der indischen Gesundheitslehre. Die ayurvedische Medizin kann nicht nur Übergewicht, sondern auch Beschwerden der Wechseljahre, stressbedingte Erkrankungen, Allergien und Migräne erfolgreich behandeln. Die ayurvedische Diätetik hat jedoch wenig mit den herkömmlichen Diäten zu tun und auch die Höhe der täglichen Kalorienzufuhr spielt zum Glück keine Rolle.

Für jeden Kurgast wird entsprechend seines Konstitutionstyps ein individueller Ernährungsplan erstellt. Für die 31-jährige Kristin Woltmann war wegen ihres ausgeprägten Vata-Doshas Rohkost absolut tabu. Stattdessen erhielt sie drei warme Mahlzeiten am Tag, was sie als angenehm und wärmend empfand. Und auch Constanze Hallensleben kommt noch regelrecht ins Schwärmen, wenn sie an das ayurvedische Essen denkt, das im Kurzentrum Birstein serviert wurde. „Die gereichte Kost war für mich das wunderbarste Alltagsessen überhaupt. Wärmend, nahrhaft, wohltuend. Und ganz nebenbei war sie auch noch pfl anzlich und überwiegend glutenfrei. Über die ganze Woche verteilt gab es Gemüse in jeder nur erdenklichen Form. Immer köstlich zubereitet mit Beilagen wie Reis, Polenta oder Quinoa und natürlich der unerlässlichen Linsenbeilage ‚Dal‘. Für mich war es der Himmel. Keine Mahlzeit, von der ich nicht beglückt und wohl genährt aufstand, ohne mich dabei voll oder schwer zu fühlen“.

Für Kristin Woltmann war der ayurvedische Kochkurs ein echtes Highlight. „Gemeinsam mit dem Koch Gregor von Holdt zauberten wir für das Abschiedsfest ein Spitzenmenü mit gefühlten acht Gängen. Unser Koch hatte alle Hände voll zu tun, uns 17 kochwütige Anfänger in seiner Küche zu beschäftigen. Wir lernten viel über typisch ayurvedische Gewürze und welche Zusammenstellung für welche Typen gut passt,“ berichtet Woltmann, die ganz sicher ist, dass sie nochmal nach Birstein kommen wird. „Ich wurde hier liebevoll und kompetent versorgt. Ich fühlte mich seelisch und körperlich hervorragend genährt. Man muss nicht zwingend nach Sri Lanka für eine Ayurveda-Kur reisen, wenn eine Ayurveda- Oase zum Auftanken nur einige Fahrstunden entfernt liegt.“ Auch Constanze Hallensleben schwärmt noch drei Monate nach ihrer Kur: „Achtsamkeit ist dort allgegenwärtig. Wir haben wie in einem Kokon gelebt“.
Inge Behrens

Den Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 05-2016

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