Bin ich schön?

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Die Philosophin Rebekka Reinhard über das gängige Schönheitsideal, die Übermacht der schönen Bilder und wie es gelingen kann, sich davon frei zu machen. Und sie weiß, warum ein Museumsbesuch die beste Typberatung sein kann.

Die Bilder von makellos schönen Frauen sind in unserer Medienwelt allgegenwärtig und nicht zu übersehen. Das heutige Schönheitsideal  ist allgegenwärtig. Das Äußere ist fast alles. Und so wird uns ständig suggeriert: Wer nicht aussieht wie eine Barbiepuppe oder ein ausgemergeltes Topmodel, ist hässlich, entspricht nicht dem gängigen Schönheitsideal und hat in unserer Gesellschaft keine Chance glücklich zu werden. Die Philosophin Rebekka Reinhard hat sich über dieses Zeitphänomen Gedanken gemacht. In ihrem neuen Buch „Schön!“ macht sie deutlich, dass es weniger auf äußere Qualitäten ankommt, als viel mehr darauf, ein lustvolles und erfülltes Leben zu führen. Frauen macht sie Mut, quer zum Zeitgeist und zum heutigen Schönheitsideal zu leben. Rat und Unterstützung für ihre Sichtweise hat sie sich dabei von den großen Philosophen Platon, Schopenhauer und Kant geholt. Wir haben mit Rebekka Reinhard über wahre Schönheit, den „Klum’schen“ Schönheitsbegriff und das echte Leben gesprochen.

bewusster leben: Frauen neigen dazu, ihr Aussehen auch gegen ihre innere Überzeugung mit den Photoshop-bearbeiteten Bildern junger Models und Schauspielerinnen zu vergleichen. Viele empfinden sich deshalb als hässlich. Wie können wir uns als Frauen von dieser Übermacht der Bilder befreien?

Rebekka Reinhard: Wir sollten uns erst mal klar machen: Diese Bilder transportieren keine wertneutrale Wirklichkeit, sondern basieren auf einer raffinierten Marketingstrategie, die uns dazu verführen soll, verstärkt in Kosmetika und Beauty-Behandlungen zu investieren. Die Schönheit einer Frau besteht nie nur in ihrem Äußeren, sondern in dem subtilen Zusammenspiel von Körper, Seele und Geist. Wahre Schönheit ist nicht einfach die Summe irgendirgendwelcher wohlproportionierter Einzelteile. Sie basiert entscheidend auf der Persönlichkeit ihrer Trägerin. Und die zeigt sich in bestimmten Gesten und Blicken einer realen Person und nicht auf irgendwelchen Hochglanzfotos.

bl: Ein Körper oder ein Gesicht werden heute wie ein kostbarer Besitz gehandelt. Wie sie schreiben, glauben viele Frauen an die Machbarkeit von Schönheit und betrachten sich damit selbst als ein verbesserungswürdiges Objekt. So manche Frau spricht ja nicht von ungefähr vom eigenen Marktwert. Wie wirken sich solche Gedanken auf das Selbstwertgefühl aus?

Reinhard: Eindeutig negativ! Heute gilt Schönheit nicht mehr als Geschenk der Natur, sondern als Leistung. So nach dem Motto: „Wer zeigt, was er hat, zeigt, was er kann.“ Das ist fatal! Die übertriebene Beschäftigung mit dem eigenen Körper führt ja nur dazu, dass man immer neue Makel entdeckt und immer unzufriedener mit sich wird. Man glaubt, man könne nur dann wirklich glücklich sein, wenn man perfekt wäre und dem gängigen Schönheitsideal entspricht. Darüber vergisst man allerdings schnell: Ein glückliches, schönes Leben ist eine Frage der Einstellung und nicht eine Frage des Idealgewichts.

bl: Sie sagen, wer sich ständig im Spiegel betrachtet, erhält nur ein unvollständiges Bild seiner eigenen Person. Spiegel seien ziemlich blind. Müssen wir jetzt alle Spiegel verhängen oder aus den Umkleidekabinen verbannen?

Reinhard: Eine Welt ohne Spiegel ist eine lustige Vorstellung! Das Problem ist, dass uns die Spiegel nur immer die Makel zeigen, womöglich einen Pickel auf der Nase, aber nie das, was wir sind: Menschen mit ganz besonderen unverwechselbaren inneren Qualitäten. Daher sind Spiegel auch nicht die besten Moderatgeber. Mein Tipp wäre, mal einen Gang durchs Museum zu wagen und sich von den großartigen Frauen der bildenden Kunst inspirieren zu lassen. Das ist eine wirklich lohnende Typberatung.

bl: An welche Frauen der bildenden Kunst denken Sie da?

Reinhard: An die Rubensfrauen, Frauendarstellungen von Watteau oder Franz von Stuck – grundsätzlich an alle, die nicht in das Klum’sche Beuteschema fallen.

bl: Was macht denn nun eine Frau wirklich schön?

Reinhard: Ihr Innenleben, das im Laufe der Zeit immer mehr durch die Oberfläche hindurchscheint. Für mich sind Eros und Charisma Schönheitssignale, die erst bei reiferen Frauen so richtig zur Geltung kommen und die mit dem heutigen Schönheitsideal nichts zutun haben. Erst wenn man wirklich viel erlebt, geliebt und erlitten, wenn man sich selbst und die Wirren des Lebens so richtig kennengelernt hat, kommt diese spezielle weibliche Ausstrahlung zustande. Eine Frau wird nicht dadurch schön, dass sie ihre Falten in Schach hält. Sie wird schön, indem sie Mut zum Leben beweist und auch mal ordentlich auf den Putz haut.

bl: In Ihrem Buch hinterfragen Sie den derzeit geltenden Klum’schen Schönheitsbegriff und erklären, dass Frauen, die sich ihrer Schönheit allzu bewusst sind, eigentlich nicht schön sein können. Es fehle ihnen die Nonchalance und die Selbstvergessenheit, um anmutig zu sein. Wie meinen Sie das denn?

Reinhard: Die leistungsorientierte, kalkulierte Schönheit hat immer etwas Starres, Verbissenes an sich. Sie ist mehr Rüstung als Zauber. Anmut dagegen entsteht aus Selbstvergessenheit. Das hat nichts mit mangelndem Selbstwertgefühl zu tun – im Gegenteil. Nur eine wirklich selbstbewusste Frau hat die Größe, sich auch mal ab und zu selbst zu vergessen, indem sie sich mit Dingen beschäftigt, die wesentlich interessanter sind als die Dellen auf ihren Oberschenkeln, und die sie innerlich bereichern. Wie Lesen, Musikhören, Meditieren oder andere kontemplative Tätigkeiten, die der Schönheit der Seele sehr zuträglich sind.

Das Gespräch führte Inge Behrens

 

Rebekka Reinhard ist eine Philosophin und Autorin wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher philosophischer Literatur.

Rebekka Reinhard ist eine Philosophin und Autorin wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher philosophischer Literatur.

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