Corona als Prüfstein
der Achtsamkeit

Wer glaubt, dass die Achtsamkeit ein einsames Unterfangen ist, der irrt. Gerade jetzt in der Krise zeigt sich, dass Achtsamkeit immer auch den Anderen mit einschließt.

Achtsam sein – wenn nicht jetzt, in der Corona-Krise, ­ wann dann? Es ging so gut los. Zu Beginn der Krise entstand der Eindruck, dass unsere Gesellschaft die Disziplinen der Demut und der Achtsamkeit nicht verlernt hat. Es wurde sich gekümmert, um die Alten, die Nachbarn, die Kranken, die Schwachen – um die Anderen und auch um sich selbst. So weit, so gut, es schien, als seien wir empathisch. Nun dreht sich das Blatt, und wir sehen plötzlich, dass wir uns zu früh gefreut haben und die schönen Tugenden in unserer Gesellschaft noch nicht nachhaltig verankert sind – und das in einer Zeit, die zumindest in der Rhetorik die Achtsamkeit ganz hoch hängt. Tatsächlich steckt die Achtsamkeit noch in den Kinderschuhen und entpuppt sich vor allem als Wunsch, dass die Anderen achtsam mit einem selbst umgehen. Es gibt also noch viel zu tun, wollen wir die Gesellschaft in ein sozial achtsames Zeitalter führen.

Achtsamkeit bedeutet Gewahrsein für den Moment der Gegenwart

Jeder einzelne Moment ist voll von Sinneseindrücken. Jedoch können wir sie in der Fülle nicht wahrnehmen. Faszinierend ist es, sich auf ein Element der Wahrnehmung zu konzentrieren, quasi eine Tiefenbohrung vorzunehmen. Plötzlich beginnt man, Dinge zu sehen, die wir vorher gar nicht wahrgenommen haben. Kinder zum Beispiel versinken in den Moment, wenn sie unter einer Lupe Insekten beobachten. Sie vergessen die Welt drumherum. Sehen wir jedoch im Generellen von der Beobachtung eines „Gegenstandes“ ab und beginnen stattdessen damit, unsere inneren Prozesse zu beobachten, so beginnt das Kennenlernen unserer selbst. Der Klassiker in der Meditation oder im autogenen Training ist, sich auf die Atmung zu konzentrieren. Richtig spannend wird es aber erst, wenn man damit beginnt, sein eigenes Wahrnehmen und Denken zu beobachten. Im besten Falle erkennt man plötzlich Muster, denen man jahrelang unbewusst aufgesessen ist. Jetzt entsteht die Chance, das eigene Denken und Handeln zu überdenken. Die Beobachtung zweiter Ordnung, also die Beobachtung der eigenen Beobachtung, kann dazu führen, eine neue Richtung einzuschlagen, neue Wege im Wahrnehmen und Denken auszuprobieren. Plötzlich neben sich zu stehen und sich dabei zu betrachten, was man da eigentlich (täglich) wahrnimmt, denkt und tut, kann Augen öffnen.

Die aktuelle Krise zeigt, wie wichtig es ist, die Achtsamkeit, bezogen auf die Anderen, jetzt endlich gelernt und verinnerlicht zu haben.

Wer nun glaubt, dass die Achtsamkeit ein einsames Unterfangen ist, der irrt. Die Achtsamkeit beginnt zwar bei einem selbst, streckt sich aber auf das Umfeld, die Anderen, kurz, auf das Soziale. Es braucht zunächst die (eigene) Achtsamkeit, um überhaupt sozial agieren zu können. Leider bleiben viele aber auf der individuellen Ebene der Achtsamkeit stehen. Und genau darin besteht unser gesellschaftliches Problem.

Zurück zu Corona: Die aktuelle Krise zeigt, wie wichtig es ist, die Achtsamkeit, bezogen auf die Anderen, jetzt endlich gelernt und verinnerlicht zu haben, wenn wir nach der Krise ein besseres, sprich: sozialeres Leben, als wir es vorher praktiziert haben, wollen. Vor der Corona-Krise war vieles absurd. Und wenn wir ehrlich sind, dann wissen wir das auch.
Es gab Momente in dieser Krise, wo uns das schonungslos vor Augen geführt wurde. Diese Momente dürfen wir nicht vergessen, weil wir in dem Moment etwas wahrgenommen haben, was sonst verdeckt gewesen ist. Die Potenzialität der Endlichkeit des eigenen Lebens stand in den ersten Tagen dieser Krise massiv im Raum, während parallel im Fernsehen noch Werbung für Sportwettanbieter lief, deren Angebote gar nicht mehr zur Verfügung standen oder die uns für Casino-Spiele animieren sollte, obwohl unsere Gedanken sich nicht mehr in der Unbeschwertheit eines Roulettes drehen konnten. Für Bruchteile einer Sekunde spürte man, dass diese Angebote nichts anderes als Zeitdiebe des Lebens darstellten. Das zuvor noch „normale“ Leben wirkte plötzlich unwirklich, es schmeckte schlichtweg nicht mehr nach einem richtigen Leben. Jetzt wird deutlich, was auch (!) unter Achtsamkeit zu verstehen ist: Sie kann, wie es in Jacob Schmidts neuem Buch „Achtsamkeit als kulturelle Praxis“ nachzulesen ist, dazu führen, „den direkten Weg zur Aufhebung der leidhaften Existenz des Lebens zu nehmen“. Durch die Reflexion der Achtsamkeit ist es möglich zu erkennen, dass ein anderes, bewussteres Leben möglich ist.

Die Frage nach dem guten Leben

Derzeit steht greifbar im gesellschaftlichen Raum die Frage nach dem guten Leben. Wie wollen wir also miteinander leben? Um diese Frage zu beantworten, muss die Achtsamkeit zu einer überindividuellen und sozialen Kategorie werden.
Auf individueller Ebene führt die Achtsamkeit dazu, für sich zu beantworten, was für ein Leben man eigentlich will. Der nächste Schritt hin zum Sozialen liegt nun darin, sich auf die Suche nach den in diesem Sinne Gleichgesinnten zu begeben. So entsteht ein neues soziales Gefüge. Dabei stellt die Corona-Krise den Rahmen eines Strukturbruches dar, der uns überhaupt erst in die Lage versetzt, eine neue und dann hoffentlich bessere Gesellschaft zu bauen.

Das Leben des Einzelnen entpuppt sich als das Leben des Anderen.

Mit Demut sollten wir in Deutschland für die vergangenen 75 Jahre Frieden, für ein stetiges Wirtschafts- und damit verbundenes Wohlstandswachstum dankbar sein. Obwohl es zugegebenermaßen verführerisch war, war es fahrlässig zu denken, dass das einfach immer so weitergehen würde. Die Realität ist, dass wir plötzlich zwar nicht eine Kriegsgeneration, jedoch eine Corona-Generation geworden sind, deren Aufgabe es ist, dieses Land und seine Gesellschaft wiederaufzubauen. Das ist eine Verantwortung, von der wir gar nicht anders können, als sie nun, gerade für die nachfolgenden Generationen anzunehmen. Anders als die Klimakatastrophe, die doch stets so weit entfernt wirkte. Diese neue Jahrhundertaufgabe kann nur gelingen, wenn wir die Gemeinschaft langfristig wieder neu entdecken.

Angesichts eines entstehenden Widerstands in der Bevölkerung gegen alles, was mit den Vorkehrungen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus zu tun hat, kann einem angst und bange werden. Unter dem Vorwand, sich um das Soziale und um die Gesellschaft zu kümmern und sich gegen die „Kollateralschäden“ dieser Maßnahmen zu wehren, steckt die Eitelkeit eines verzogenen, verwöhnten, denkfaulen und in seiner Reaktion pikierten Individuums. Es wird die ökonomische und soziale Absicherung durch das Primat einer „weiter-so“ funktionierenden, kapitalistischen Wirtschaft eingefordert, die Vorrang vor allem, eben auch vor dem Leben des Einzelnen hat. Dabei entpuppt sich das Leben des Einzelnen als das Leben des Anderen. Das eigene Leben wird nicht zur Disposition gestellt. In dieser Argumentationsfigur wird vergessen, dass es eben genau diese Wirtschaft auch (!) war, die unsere Ökologie, unser aller Lebensgrundlage zerstört hat, die zu einer sozialen Schieflage geführt und die dazu beigetragen hat, dass die sozialen Dienste in unserer Gesellschaft nicht das erhalten, was sie verdienen und uns Wert sein müssten.
Dass die stark freiheitseinschränkenden Maßnahmen auch (!) ein Akt der Solidarität, der Vorsicht, der Sorge, ja, der Achtsamkeit gegenüber der (Gesundheit und dem Leben der) Bevölkerung war, wird zunehmend nicht mehr honoriert.

Es ist uns in diesen Zeiten als Individuen sehr zu raten, Momente der Stille aufzusuchen.

Die Krise zeigt, dass unser Entwicklungsfeld in der Achtsamkeit für das Soziale liegen sollte

Und so sind wir wieder am Anfang: Die Krise zeigt, dass unser Entwicklungsfeld in der Achtsamkeit für das Soziale liegen sollte. Es ist uns in diesen Zeiten als Individuen sehr zu raten, Momente der Stille aufzusuchen, um alles, was gerade über uns zusammenschlägt, ein Stück weit ordnen zu können. Dazu gehört auch, das eigene Unvermögen, die Verzweiflung und die Wut zu betrachten, letztendlich sich selbst zu beobachten, um den Affekt, der das Soziale meist eher angreift und zerstört, zu verhindern. So gesehen sind Achtsamkeit und Meditation im besten Sinne wirklich soziale Medien. Diese sind zu unterscheiden von jenen, die sich zwar sozial nennen, aber in der massenhaften, digitalen Anwendung auch (!) zur Spaltung unserer Gesellschaft beitragen.

Frank E.P. Dievernich ist Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences sowie Professor für Organisationsberatung, Coaching, HR- und Change Management.

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