Das alles kann weg!

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Aus Japan kommt eine neue Bewegung: Minimalismus. Für deren Anhänger bedeutet Glück nicht, alles das zu bekommen, was man will, sondern das zu genießen, was man wirklich braucht.

Unsere Zeit ist begrenzt – deshalb sollten wir sie nicht damit verschwenden, das Leben der anderen zu leben – ein Glaubenssatz, den wir alle wohl unterschreiben würden. Aber wie schwer es doch ist, danach zu handeln und zu leben. Ständig und überall, ob wir wollen oder nicht, sind wir einem Trommelfeuer aus Einflüsterungen ausgesetzt:
Lasst uns möglichst viel
verdienen und sparen!
Lasst uns Fett verbrennen
und schlank werden!
Unsere Kinder müssen auf
die besten Schulen!
Lasst uns ein hübsches
Häuschen kaufen!
Leben wir gesund!
Das Leben ist ein Wettkampf!
Ziehen wir uns schicker an!
Lernen wir lebenslang dazu!

Wollen wir das? Brauchen wir das wirklich – alles?

Aber eigentlich wollen wir doch nur eines: glücklich sein! Dafür strengen wir uns an: im Beruf, im Studium, beim Sport, bei der Erziehung – sogar bei unseren Hobbys. Doch im Grunde suchen wir immer nur das Glück. Glück allein ist der innere Antrieb für all unser Streben.
So weit, so gut. Nur hat die Sache einen Haken, und zwar einen evolutionsbedingten: Wir Menschen sind soziale Wesen. Alleinsein macht nicht glücklich. Jeder Mensch strebt immer auch danach, anderen Menschen zu zeigen, wie wertvoll er oder sie selbst ist und so buhlen wir pausenlos um Anerkennung.
Und da kommt unser Hab und Gut und unsere Erscheinung ins Spiel. Damit versuchen wir, unseren Charakter und unsere Vorzüge herauszustreichen. Kleidung bietet da ein schönes Beispiel. Ein glamouröses Outfit betont unsere Individualität. Zurückhaltendere Kleidung weist auf eine seriöse Persönlichkeit hin. Ein topmodischer Stil unterstreicht unser Modebewusstsein, legere Kleidung suggeriert dagegen Aufrichtigkeit und Authentizität. Wer sich bewusst nachlässig kleidet, will wahrscheinlich sich und anderen zeigen, dass ihm Äußerlichkeiten unwichtig sind. Auch edle Möbel, eine wertvolle Sammlung alter Stücke, die Poster an den Wänden, die Pflanzen in unserem Garten – all diese Dinge sollen unsere Persönlichkeit ausdrücken und für Aufmerksamkeit sorgen.

Alles was wir besitzen, ruft nach Beachtung

Um all das zu tun, braucht man Geld, und je mehr Geld man hat, umso mehr kann man damit tun. So kommt es, dass wir irgendwann anfangen, Menschen nach ihrem Reichtum zu beurteilen. Wenn der Betrag stimmt, ändern Menschen sogar ihre Meinung. Und wenn sich der Verstand anderer Menschen kaufen lässt, dann vielleicht auch das Glück?
Auf diese Weise verfestigt sich die Überzeugung, man müsse einen Haufen Geld verdienen, um glücklich und zufrieden zu sein. Und damit man selbst Geld verdienen kann, müssen andere Menschen ihres ausgeben. So geht es munter im Kreis immer weiter und weiter und weiter.
Bis wir irgendwann aufwachen und merken, was diese Art des Lebens mit uns macht. Nicht zuletzt durch die Dinge, die wir besitzen. Die liegen nämlich nicht einfach nur herum. Sie schicken uns stumme Botschaften. Und je länger wir einen Gegenstand vernachlässigen, desto lauter wird seine Klage. Nehmen wir das Englisch-Lehrbuch, das ich nicht einmal zur Hälfte durchgearbeitet habe, bevor ich es zur Seite legte. Es sieht mich an und flüstert: „Du wirkst gelangweilt. Warum schaust du nicht mal in mich rein?“ Oder die kaputte Glühbirne, die schon lange ausgewechselt werden muss: „Sag nicht, du hast schon wieder vergessen, Ersatz zu kaufen? Ist das wirklich so schwer?“ Der Stapel schmutzigen Geschirrs sagt: „Schon wieder die alte Geschichte. Ich kann mich einfach nicht auf dich verlassen.“
Selbst Dinge, die wir täglich verwenden, schicken uns Nachrichten. Hören Sie, wie Ihr Fernseher flüstert: „Du hast da noch ein paar Sendungen aufgezeichnet, die wolltest du unbedingt noch ansehen.“ Und Abstauben wäre auch mal wieder fällig. Und Ihr Laptop: „Ich hätte gern einen hübschen Drucker zum Freund. Geht das?“ Im Bad warnt die Flüssigseife: „Achtung, ich gehe bald zur Neige!“ Und die Bettlaken wispern: „Ich weiß, du bist beschäftigt, aber du könntest uns auch mal wieder waschen.“

Unsere stumme To-Do-Liste wächst ständig

Alles, was wir besitzen, sehnt sich nach Beachtung. Wir spüren es jedes Mal, wenn wir uns umsehen. In unserem Kopf bilden sich geistige Schlangen von all den Dingen, die endlich wieder einmal beachtet werden wollen. Und je mehr Zeug wir anhäufen, desto länger wird die Schlange. Die nennt der Japaner Fumio Sasaki, in seinem Heimatland ein Top-Influencer der schnell wachsenden Minimalisten-Szene des Landes im Fernen Osten – „unsere stumme
To-do-Liste“. Für sich selbst hat Fumio Sasaki schon seine Konsequenzen gezogen. Und immer mehr Menschen in seinem Heimatland tun es ihm gleich.
„Ein Minimalist ist jemand, der weiß, was für ihn wirklich essenziell ist, jemand, der sich von Besitz zugunsten der Dinge trennt, die ihm wirklich etwas bedeuten“, schreibt er in seinem Buch „Das kann doch weg!“ über seinen eigenen Weg zu einem minimalistischen Lebensstil. Worum geht es beim Minimalismus? Eben nicht nur um einfaches Entrümpeln. „Das Wegwerfen von Dingen ist kein Ziel an sich. Es ist eine Methode, um herauszufinden, was einem wirklich etwas bedeutet.“

Minimalismus ist der Versuch, das wirklich Wichtige zu würdigen

Minimalismus wie ihn der japanische Autor Fumio Sasaki vertritt, ist der Versuch, das Nicht-Essenzielle, das Unwichtige zur Seite zu schieben, um den Blick für das wirklich Wichtige freizumachen und es zu würdigen. Eigentlich eine ganz einfache Idee, die sich auf alle Facetten unseres Lebens anwenden lässt. Man könnte auch sagen: Der Minimalismus gibt uns die Chance, herauszufinden, was Glück wirklich ist. Und was verblüffend erscheinen mag: Die praktische Lebenshaltung, die sich daraus entwickeln lässt, basiert auch auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Denn unser Glücksempfinden, da sind sich Psychologen und Neurowissenschaftler einig, lässt sich nicht an Äußerlichkeiten festmachen. Vielmehr beruht es auf einem Vergleich, den wir innerlich vornehmen: sowohl zwischen uns und anderen Menschen, vor allem aber auch auf dem Vergleich zwischen Glückszuständen, die wir selbst erlebt haben – oder zu erleben hoffen. In der Sprache der Psychologie: Glücksempfinden beruht auf dem gefühlten Unterschied verschiedener Reizniveaus.
Klingt trocken und abstrakt, ist aber ganz einfach und einleuchtend, zum Beispiel im Fall eines Lottogewinns. Ein Lottogewinn wird als gewaltiger Kick empfunden, man schwebt auf Wolke sieben. Klar haben es Lottogewinner schön. Sie können ihren ungeliebten Job hinschmeißen und müssen sich keine Sorgen um die Zukunft machen. Sie dürfen ohne Geldprobleme das Leben genießen. Doch haben sie eine Ahnung, wie sie sich ein Jahr nach dem Lottogewinn fühlen werden? Tatsächlich wird ein Großteil der anfänglichen Freude verflogen sein. Man gewöhnt sich eben schnell an Veränderungen, selbst an gewaltige.
Obwohl nur die wenigsten von uns jemals zu Lottogewinnern werden dürften, das Gefühl der „Glücksminderung durch Gewöhnung“ kennen wir doch alle. Wer fühlt sich nicht großartig beim Tragen und Vorzeigen eines brandneuen, coolen Kleidungsstücks? Beim fünften Tragen ist der Kick aber schon nicht mehr der gleiche und nach dem zehnten Tragen ist es gar nicht mehr aufregend neu, sondern ein gewohnter Anblick im Kleiderschrank. Und beim 50. Tragen hast du es gründlich satt. Die Freude über Neuerwerbungen nutzt sich im Laufe der Zeit ab, bis nur noch Gleichgültigkeit bleibt.
So verhält es sich im Leben mit den allermeisten Dingen: Egal wie sehr wir uns etwas einmal gewünscht haben mögen – im Laufe der Zeit wird es zum Teil unseres Alltags und schließlich zu einem alten, müden Ding, das uns nur noch langweilt. Und obwohl unser Wunsch erfüllt wurde, sind wir letztlich unglücklich. Anders ausgedrückt: Wir könnten glücklich bleiben, wenn sich die Freude bewahren ließe, die wir bei der Erfüllung des Wunsches verspürten. Wenn wir zufrieden mit dem sein könnten, was wir haben, müssten wir nicht dauernd neues Zeug kaufen. Doch wir tun es. Wider besseres Wissen. Immer wieder.

Besitz macht uns nicht glücklich, er trägt zu unserem Unglück bei

„Wenn Menschen unglücklich sind, liegt das nicht allein an ihren Genen, ihrer Not oder einem Jobverlust. Nein, meiner Ansicht nach trägt vor allem die Last unseres Besitzes zu unserem Unglück bei.“ Sagt Fumio Sasaki – ein Mann, der sich deshalb für den Weg des Minimalismus entschieden hat. Sasaki trennte sich von zahllosen Dingen, auch denen, die er jahrelang besessen hatte. Inzwischen hat er seinen Besitz auf das absolut notwendige Minimum zurückgefahren. Minimalismus ist sein bevorzugter Lebensstil. In den Augen der Welt verzichtet Sasaki auf vieles, aber er selbst sagt: „Und trotzdem lebe ich jetzt glücklicher. Ich bin so zufrieden wie nie zuvor.“ Wie das?
Eigentlich ist sein Glück alles andere als ein Wunder. Ziehen wir wieder die Ergebnisse der Psychologie heran: Stress entsteht umso leichter, mit desto mehr Dingen man belastet ist. Das ist Fakt, und jeder weiß es. Was aber weniger anerkannt ist: Wir alle besitzen, arbeiten und sorgen uns oft mehr, als nötig ist. Die leidige Folge: Man erkennt nicht mehr, was wirklich wichtig ist.
Je mehr wir besitzen, desto mehr Zeit und Energie verwenden wir darauf, unseren Krempel (nicht nur den äußeren!) zu verwalten und zu pflegen. Das kostet uns so viel Kraft, dass die Dinge, die uns eigentlich dienen sollten, uns am Ende beherrschen. Höchste Zeit, sich damit zu beschäftigen, über welche Dinge unseres täglichen Bedarfs wir eigentlich sagen könnten: „Das kann doch weg!“ Denn unsere Zeit ist begrenzt. Nutzen wir sie für das Beste: unser Glück!
Eckhard Graf

8 TIPPS FÜR MINIMALISTEN

Trennen Sie sich jetzt von etwas!
Wir bilden uns ein, wir könnten erst dann Minimalisten werden, wenn in
unserem Leben ein wenig Ruhe eingekehrt ist. Doch genau andersherum wird ein
Schuh daraus: Das Leben beruhigt sich, sobald wir minimalistisch leben.

Werfen Sie weg, was Sie nur zum Angeben besitzen!
Auch wenn es verlockend ist, sich mit Statussymbolen zu schmücken: Erwägen Sie, sich von
allen Dingen zu trennen, mit denen Sie anderen Menschen lediglich imponieren wollen.

Unterscheiden Sie zwischen dem, was Sie wollen und dem, was Sie brauchen!
Der buddhistische Mönch Ryunosuke Koike sagt, er lege sich in solchen Situationen die Hand auf die Brust. Hat er ein unbehagliches Gefühl, begehrt er den betreffenden Gegenstand lediglich.

Digitalisierte Erinnerungen sind leichter zugänglich!
Scannen Sie Ihre Fotos, Briefe, wichtigen Dokumente und schriftlichen Erinnerungsstücke.
Sobald sie digitalisiert sind, können Sie sie sich viel leichter am Computer anschauen,
wenn Ihnen der Sinn danach steht.

Aufräumen heißt noch nicht minimieren!
Anstatt sein Zeug ordentlich zu verstauen, sollte man lieber versuchen,
die Menge an Krempel zu verringern und erst dann aufzuräumen. Auf diese Weise
bleibt die Wohnung dauerhafter ordentlich – der ewige Kreislauf endet.

Verabschieden Sie sich von Ihrem alten Ich!
Wer sich an Erinnerungsstücke klammert, hängt einem vergangenen Bild seiner selbst nach.
Wenn Sie also nur das geringste Interesse haben, sich zu verändern und zu wachsen,
dann raffen Sie sich auf und lassen Sie los.

Versuchen Sie nicht, beim Entrümpeln kreativ zu werden!
Nie werden wir so kreativ wie beim Entrümpeln. Da kommen einem die tollsten Ideen,
was man sogar noch mit vergessenen Sachen machen könnte. Doch egal wie toll die Ideen
auch scheinen – ignorieren Sie sie einfach! Wir spinnen all diese Ideen doch nur,
weil wir uns nicht von unserem alten Zeug trennen wollen.

Vergessen Sie den Preis!
Eine innere Stimme mahnt uns, wir hätten den Preis noch nicht „hereingeholt“.
Doch die traurige Wahrheit lautet, dass wir ihn höchstwahrscheinlich nie „hereinholen“ werden. Lieber gleich die Reißleine ziehen sollten. So sparen wir auf lange Sicht Geld –
und erlangen Seelenfrieden.

Eckhard Graf

 

 

 

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