Das Leben entrümpeln – die Seele befreien

Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Leben stagniert und mit zu viel Ballast angefüllt ist? Dan-Sha-Ri, die neue Erfolgsmethode aus Japan, kann dann so einiges wieder in Bewegung bringen. 

Gerümpel blockiert Energie und führt zur Stagnation. Das macht Japans bekannteste Entrümpelungsexpertin Hideko Yamashita unmissverständlich deutlich. „Dan-Sha-Ri“ nennt sie ihre Methode, die dazu dient, sich von überflüssigem Krempel zu befreien. Was wie ein Kampfschrei aus dem Karate klingt, ist tatsächlich eine Kampfansage – und zwar an all das nutzlose Zeug, mit dem wir unsere Wohnung vollgestellt haben und das nun unserem Leben im Weg steht. Worum es im Dan-Sha-Ri geht, ist, den Dingen im Leben entweder einen gebührenden Platz einzuräumen oder sich endgültig von ihnen zu verabschieden.
Damit ist diese Entrümpelungsmethode weit mehr als die hohe Kunst des Aufräumens. Denn wie es um uns herum aussieht, wirkt sich ganz konkret auf unser Lebensgefühl aus. Und durch das Aufräumen der äußeren Welt nehmen wir bewusst Einfluss auf unsere Innenwelt.
Mit jedem äußeren Entrümpeln, befreien wir unsere Seele und entlasten unser Herz von unnötigem Ballast. Mit jedem überflüssigen Gegenstand, den wir entfernen, schaffen wir neuen Raum, lassen frische Luft in unser Leben, lösen Blockaden im Unterbewusstsein und kommen uns selbst wieder nahe. Wo eben noch Stagnation und Stillstand herrschten, kommt das Leben wieder in Bewegung.  

Den Dingen mit mehr Achtung begegnen

Doch seien wir ehrlich: Aufräumen und Ordnung schaffen zählen nicht gerade zu unseren Lieblingsbeschäftigungen. Meist erledigen wir diese leidigen Pflichten schnell und achtlos und sind in Gedanken gar nicht bei dem, was wir tun. Wie wäre es aber, wenn wir diese täglichen Arbeiten mit einer achtsamen und wertschätzenden Haltung ausüben würden? Wenn wir uns bewusst machten, dass wir mit dem Ordnen der Dinge auch Ordnung in unsere Seele bringen?
Nicht von ungefähr ist für die Klöster aus Ost und West der achtsame Umgang mit den Gebrauchsgegenständen eine zentrale spirituelle Übung. So ermahnte der Ordensgründer Benedikt von Nursia seine Mönche dazu, wertschätzend mit dem Werkzeug und allen Dingen des Klosters umzugehen. Mehr noch: Die Mönche sollten sich darin üben, die Objekte des täglichen Lebens wie heiliges Altargerät zu behandeln. Denn damit, so der Gründervater des Benediktinerordens, erhielten sie ein Gespür dafür, dass alles heilig und von Gottes Geist durchdrungen ist.

Konzentration auf das Wesentliche

Wenn wir uns diese Anweisung zu Herzen nehmen, wenn wir damit beginnen, alles, was wir anfassen, mit Sorgfalt und Wertschätzung zu behandeln, eröffnet sich uns eine ganz neue Sicht auf die Dinge. Dann lassen wir sie auch nicht länger unachtsam herumliegen, sondern geben ihnen ihren gebührenden Platz. Den Dingen mit Achtsamkeit zu begegnen, bedeutet nichts anderes, als ihnen mit Achtung zu begegnen.
In seiner asketischen Grundhaltung ist das Dan-Sha-Ri dem japanischen Zen verwandt. Die Konzentration auf das Wesentliche, das dieser Aufräummethode zu eigen ist, spiegelt sich in der kargen Gestaltung japanischer Zen-Gärten und Zen-Klöster wider. Die spirituelle Übung des Dan-Sha-Ri besteht im Loslassen überflüssiger materieller Güter. Und der Vorteil daran ist, dass man sich dafür nicht in die Abgeschiedenheit eines Zen-Klosters zurückziehen muss, sondern diese Übung in der eigenen Wohnung durchführen kann. Was aber ist mit den drei Silben Dan-Sha-Ri konkret gemeint? Und wie funktioniert diese neue Methode, die uns zu mehr Klarheit und innerer Freiheit führen will?    

Dan und die Kunst des bewussten Verzichts  

Der erste Grundsatz lautet, unnötige Dinge gar nicht erst ins Leben zu holen. Wieso auch sollten wir Dinge horten, die uns später doch nur im Wege herumstehen? Das heißt konkret, bei jedem Einkauf darauf zu achten, nur noch die Dinge zu erwerben, die man tatsächlich braucht und die einem wirklich gefallen. Indem wir beim Kauf auf die Nachhaltigkeit und Wertigkeit dieser Produkte achten, entscheiden wir uns zugleich für einen liebevollen Umgang mit der Umwelt und setzen der Konsum- und Wegwerfgesellschaft bewusst etwas entgegen. Aufräumen heißt unter diesem Gesichtspunkt, sorgfältig zu prüfen, welche Dinge man wirklich braucht, von welchen man sich trennen kann und welche man neu anschaffen muss. Es geht darum, die Beziehung zu den Dingen zu hinterfragen, um letztlich das zu entfernen, was das eigene Leben mehr belastet anstatt es zu bereichern.
„Dan“ heißt übersetzt „Verzicht“: Wir besinnen uns also auf das Wesentliche, lassen los, was wir nicht brauchen und praktizieren zugleich Dankbarkeit für das, was wir haben. Wie Sie herausfinden können, ob es sich um Krempel handelt oder um einen Gebrauchsgegenstand? Hideko Yamashita hat hierfür einen pragmatischen und äußerst hilfreichen Ratschlag parat: „Klären Sie die Beziehung zu den Dingen in Ihrem Leben mit der einfachen Frage: Benutze ich diesen Gegenstand oder nicht?“
Sha bedeutet, dass wir nur die Dinge behalten, die wir jetzt wirklich benötigen. Der Fokus bei jeder Aufräumaktion liegt somit nicht auf den Dingen, sondern auf uns selbst. Wir betrachten zunächst unsere innere Beziehung zu den Dingen und entscheiden daraufhin, ob wir sie behalten oder entsorgen wollen. Die Frage dabei lautet nicht: „Kann ich dies vielleicht irgendwann einmal brauchen?“ Sondern: „Brauche und benutze ich das jetzt?“

Sha und die Kunst des Entsorgens

Es gibt zig Gründe, weshalb sich Menschen mit Dingen umgeben, die sie definitiv nicht brauchen. Mag sein, dass die materiellen Güter ihnen ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln, dass sie Schutz vor möglichen Katastrophen in der Zukunft in Aussicht stellen oder dass sie Erinnerungen an eine glücklichere Zeit wachhalten.
Das wirklich ausschlaggebende Kriterium im Umgang mit den Dingen sollte jedoch sein, ob wir eine lebendige Beziehung zu diesen haben. Hierfür mag es durchaus lohnend sein zu fragen: „Macht mich dieser Gebrauchsgegenstand im täglichen Umgang glücklich?“ Vermutlich werden Sie bei dieser Frage schnell feststellen, dass Sie zu vielen Ihrer über die Jahre gehüteten Schätze gar keine wirkliche Beziehung mehr haben. Unsere Schubladen und Schränke quellen über von Dingen, die uns nichts bedeuten, von denen wir uns aber trotzdem nicht trennen; von Geschenken, die uns noch nie gefallen haben, die wir aber aus Pflichtbewusstsein aufheben, von Gebrauchsgegenständen, die wir aufbewahren, weil wir sie vielleicht eines fernen Tages einmal benötigen könnten, von Dingen, die mit Erinnerungen behaftet sind und von denen wir es nicht wagen, uns zu trennen. Der eigentliche Wert der Dinge liegt jedoch darin, dass Sie für uns einen Wert haben und dass wir sie gerne benutzen.   

Ri und der Weg der geistigen Befreiung  

Viele der Dinge, die wir so lieblos verwalten, könnten anderen Menschen durchaus von Nutzen sein und sogar eine Freude bereiten. Das mag für die vererbten Familienmöbel gelten, die man selbst noch nie so recht mochte, die aber andere Wohnungen mit ihrer zeitlosen Eleganz verschönern könnten. Das mag für die schönen Kleider gelten, die dem eigenen Typ nicht mehr entsprechen, die an anderen aber wundervoll aussehen könnten und ebenso für Bücher, deren Inhalt wir bereits kennen, die andere Menschen aber mit ganz neuen Ideen bereichern könnten.
Durch die konsequente Anwendung von Dan und Sha laden wir Leichtigkeit und Klarheit in unser Leben ein. Das Loslassen des angesammelten Krempels entlastet uns spürbar. Der Gewinn ist also weit mehr als nur eine ordentliche Wohnung – wir gewinnen zugleich an Lebensqualität.
Denn die Dinge, mit denen wir uns täglich umgeben, nehmen großen Einfluss auf unser Selbstbild. Und wie wir mit den Dingen umgehen, sagt viel über unseren Umgang mit uns selbst und der Welt aus. Was mag es wohl über unser Selbstwertgefühl aussagen, wenn unser Küchenschrank mit angeschlagenem Geschirr und Plastikbesteck vollgestopft ist? Wenn wir unseren Kaffee aus einer billigen Werbetasse trinken und das gute Geschirr für besondere Gelegenheiten im Schrank verstauben lassen? Sind wir es uns selbst nicht wert, schöne Dinge zu benutzen und in Händen zu halten?

Sich mit den Dingen neu anfreunden

„Die Dinge singen hör ich so gern“, dichtete Rainer Maria Rilke und verwies in poetischer Weise auf eine tiefere Verbindung von Mensch und Ding. Genau darum geht es letztendlich auch im Dan-Sha-Ri: Die Dinge nicht nur zu benutzen, sondern sich mit ihnen zu befreunden. Denn das, womit wir uns umgeben, ist gleichsam ein Spiegel unserer Seele. Indem wir die Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens mit Wertschätzung behandeln, bringen wir uns selbst Wertschätzung entgegen. Indem wir Ordnung im Außen schaffen, sorgen wir zugleich für unser inneres Gleichgewicht.
Wir stärken unser Selbstwertgefühl, wenn wir uns mit Dingen umgeben, die für uns einen Wert haben und uns von ungeliebten Gegenständen befreien. Denn es ist tatsächlich so: Erst wenn wir Altes loslassen und Platz schaffen, kann das Neue in unser Leben treten. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Immer dann, wenn ich meinen überquellenden Schreibtisch aufräume, entstehen neue und bislang ungeahnte kreative Ideen. Und wenn ich die Bücher in meinem Bücherregal neu sortiere, schaffe ich eine neue Ordnung in meinen Gedanken.
Jeder von uns kennt das Gefühl der Erleichterung, das sich einstellt, wenn wir Überflüssiges aus unserem Leben entsorgt haben. Die Entscheidung, sich nur noch mit Dingen zu umgeben, die einem wichtig sind, bringt äußere und innere Harmonie ins eigene Leben. Wir erfreuen damit nicht nur unsere Sinne, sondern auch unsere Seele. So können die Dinge selbst nun ihre Kraft entfalten und unser Leben bereichern.  
Christa Spannbauer

Den Artikel finden Sie in unserer bewusster leben Ausgabe 2/2017

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