Deine Sehnsucht wird dich führen

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In unserer Sehnsucht liegt eine große Kraft. Sie verbindet uns mit unseren Träumen und hilft uns, das zu erreichen, was wir uns aus tiefstem Herzen wünschen.

Eine indianische Weisheit besagt: „Die Sehnsüchte der Menschen sind Pfeile aus Licht: Sie können Träume erkunden, das Land der Seele besuchen, Krankheit heilen, Angst verscheuchen und Sonnen erschaffen“. Wir hingegen haben meist gelernt, unsere Sehnsucht als etwas Unerreichbares zu verwerfen. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, grantelte einst Helmut Schmidt. Doch „Sehnsucht ist der ungestillte Hunger und Durst der Seele“, korrigiert ihn der Hamburger Psychologie-Professor Wolfgang Hantel-Quitmann. „Sie ist die Vorfreude auf ein erhofftes Ereignis, und … in ihr sind noch alle Möglichkeiten enthalten.“ Der Philosoph Wilhelm Schmid beschreibt sie so: „Zielsicher spürt das Sehnen einen freien Raum auf, in dem Leben und noch ein anderes Leben möglich erscheint, das größere Fülle, mehr Glück, vollkommenere Schönheit, tieferen Sinn verspricht, als der begrenzte Moment, in dem Enge und Mangel empfunden werden.“ Mark Twain warnt sogar: „Trenne dich nie von deinen Illusionen und Träumen. Wenn sie verschwunden sind, wirst du … aufgehört haben zu leben.“

Unsere  Sehnsucht treibt uns weiter

Bedenklich sind also nicht unsere Sehnsüchte. Bedenklich wäre es, wenn wir keine Sehnsüchte mehr hätten. Dann „hätten wir uns von einem wesentlichen Teil unserer Menschlichkeit verabschiedet, von der Fähigkeit zu träumen“, erklärt Hantel-Quitmann. Unsere Träume sind für ihn zugleich der Schlüssel zum Verständnis unserer Sehnsüchte, und er schließt darin unsere Tagträume mit ein. Wenn wir tagträumen öffnen wir uns erst den Freiraum dafür, unsere Sehnsüchte zu spüren. Auch die Management-Trainerin Sabine Asgodom weiß: „Träume sind die Mütter der Taten.“ Für sie ist die Sehnsucht ein Spüren, ein Körperwissen um das, was wir brauchen, was uns glücklich macht. Es zeigt sich oft in unseren Träumen – und es kennt keine Altersgrenze. Nicht nur in der Jugend oder um die Lebensmitte, auch um die Zeit des Renteneintritts und später fragen wir uns, wo wir im Leben (noch) hinwollen, was unsere geheimen Wünsche sind, ob sie sich wohl verwirklichen lassen und wenn ja, wie. Mit überzogenen Erfolgsansprüchen stellen wir uns dabei allerdings oft selbst ein Bein.

Sehnsucht ist der Ausgangspunkt

Wir sollen immer perfekter werden, immer anspruchsvollere „Normen“ von Gesundheit, Bewegung und Lebensstil erfüllen. Der Zwang zur Selbstoptimierung weckt aber Versagensängste. „Ich plädiere mehr für die Selbstakzeptanz“, setzt Asgodom dem entgegen. Sie beinhaltet die Versöhnung mit uns selbst, so wie wir sind, so wie wir leben, mit unseren Vorlieben und Abneigungen. Vielleicht lässt sich unsere Sehnsucht ja nicht mehr in ihrer spektakulären Vollversion verwirklichen – als „spannender Kurzfilm“ ist sie allemal möglich. So berichtet die Psychotherapeutin Elisabeth Mardorf von einer Klientin, die Sängerin werden wollte, aber dachte, dass sie für eine große Karriere zu alt sei. Sie arbeitete vormittags als Sprachlehrerin, nahm nachmittags Gesangsunterricht und trat abends auf kleinen Bühnen auf.
Unsere Sehnsucht ist nie die Endstation, sondern immer der Ausgangspunkt, an dem die Reise beginnt. Ihre Erfüllung hat weniger mit unseren Lebensumständen als mit unserer Lebenseinstellung zu tun. Es ist gut, unseren Traum zu kennen. Wenn wir ihn aber bloß zelebrieren, kommen wir unserem Ziel keinen Schritt näher. Sehnsucht allein genügt nicht.
Deshalb  sagt Sabine Asgodom: „Träume sind nichts für Traumtänzer“ und stellt der Sehnsucht ihre starken Geschwister an die Seite, die da heißen: Fantasie und Kreativität, Mut zum Handeln und Durchhaltevermögen. Patentrezepte zur Verwirklichung unserer Träume gibt es nicht, aber der Weg dahin verläuft in Stufen, aus denen Asgodom ein „Phasenmodell“ entwickelt hat.

Die 7 Phasen der Traumverwirklichung

Phase 1: Noch leben wir unser Routineleben. Ab und zu rührt sich vielleicht eine bestimmte Sehnsucht, doch wir haben noch kein klares Bild von ihr.

Phase 2: Jetzt passiert etwas, das uns aufweckt und verunsichert. Dies kann ein runder Geburtstag sein, der uns nachdenklich stimmt, oder es hat uns wieder einmal jemand gekränkt und wir sind nicht mehr bereit, dies hinzunehmen. Vielleicht haben wir auch einen Beitrag im Fernsehen gesehen, der uns auf einer tiefen Ebene ergriffen hat. Wir sind verwirrt, doch „Verwirrung ist ein Teil des Veränderungsprozesses“, wusste schon Sokrates. Wir können sie als Impuls begreifen, dass sich etwas ändern muss.

Phase 3: Der Wunsch nach einem anderen, sinnvolleren Leben, Abenteuer und Spaß wächst. Das Bild unseres zukünftigen Lebens gewinnt an Schärfe und damit auch an Sogwirkung. Wir beginnen, über unsere Träume mit anderen zu sprechen. Sobald wir benennen können, wo unser Ziel liegt, entwickelt sich in uns auch die Triebkraft, genau dieses Ziel zu erreichen. Es wäre aber übereilt, nun einfach alles stehen und liegen zu lassen. Wir sollten uns Zeit zum Nachdenken über unser weiteres Vorgehen nehmen und sie nutzen, um Herz und Verstand in Einklang zu bringen. Jetzt ist der Moment gekommen, allen Stress zu reduzieren, der uns an der Verwirklichung unseres Traumes hindert.

Phase 4: In dieser Phase kommen wir ins konkrete Tun. Wir erkundigen uns nach Möglichkeiten, unseren Traum in die Realität umzusetzen. Wir machen erste konkrete Pläne, berechnen die finanziellen Folgen, erstellen eventuell einen Businessplan.

Tätig zu werden, erfordert Mut, aber wir erfahren auch, dass Leidenschaft sich auszahlt. Denn nun treten Ereignisse ein, die andere oft „Glück“ nennen, Sabine Asgodom aber als „sinnvolle Zufälle“ bezeichnet und so erklärt: „Unser Leben ist im ständigen Austausch mit der Welt: mit dem Wetter; mit dem Bus, der pünktlich kommt oder nicht; mit der Liebe, mit dem Gelingen oder Misslingen von Projekten; mit anderen Menschen; mit der Stimmung um uns herum.“ Plötzlich treten nun ungeahnte Möglichkeiten ein, wir entwickeln kreative Ideen oder lernen Menschen kennen, die uns weiterhelfen können. Wenn das Schicksal es gut mit uns meint, dann kommt es darauf an, dass auch wir es mit dem Schicksal gut meinen, dass wir also im rechten Moment wach sind und den Mut haben, anzunehmen, was es uns bietet. Das Vertrauen darauf, dass solche Momente eintreten werden, hält unsere Aufmerksamkeit wach. Und dann gilt: „Übe Ja sagen – lass dich ein! Probiere Dinge aus!“, ermutigt Sabine Asgodom.

Es gibt aber auch traurige Zufälle, in denen sich kein Sinn erkennen lässt. „Das Leben ist nicht gerecht. Es findet statt“, stellt Sabine Asgodom fest und verwehrt sich gegen die Vorstellung, der Mensch sei allein seines Glükkes Schmied. Wenn uns das Leben in dieser Phase einen Strich durch die Rechnung macht, wenn wir plötzlich kalte Füße bekommen oder eine Chance vermasseln, dann sollten wir uns mit Selbstmitgefühl begegnen. „Wenn wir aus Selbstkritik und Selbstbeschimpfung herauskommen, halten wir uns die Tür zu unserem Traum noch einen Spalt breit offen. Auch wenn wir ihn nicht gleich vollständig umsetzen können“.

Manche Träume erweisen sich aber als zu groß oder ihr Preis ist zu hoch. Andere drehen unerwartete Schleifen und wieder andere brauchen viel länger als gedacht. Deshalb ist Geduld eine starke Schwester unserer Sehnsucht. Es ist durchaus möglich, dass sich unser Traum zu einem anderen Zeitpunkt oder nur auf Umwegen realisieren lässt. Eine indianische Weisheit besagt, dass jeder Traum sieben Prüfungen bestehen muss, die uns dazu herausfordern, ihm auch wirklich zu trauen.

Phase 5: Mittlerweile sind die Anfangsschwierigkeiten überwunden. Wir setzen unseren Traum aktiv um, treffen Entscheidungen, bewegen uns und klären Dinge. Das muss nicht gleich der ganz große Wurf sein. Statt auf den perfekten Augenblick für die ökologische Umgestaltung unserer Stadt zu warten, können wir mit der Patenschaft für eine Baumscheibe beginnen. Bei der Pflege kommen wir mit anderen ins Gespräch, lernen Gleichgesinnte kennen, bauen ein Netzwerk auf. Weil wir unseren Traum nun konkret wachsen lassen, erkennen wir seine Chancen klarer und schaffen uns auch selbst welche. Sogar radikale Handlungen sind möglich: Trennung vom Partner, Wegzug oder plötzliche Kündigung. Doch obwohl die Triebkraft, unseren Traum zu verwirklichen, sich jetzt vielleicht am stärksten Bahn bricht, ist Besonnenheit gefragt. „Wirf nicht alles weg“, rät denn auch Margit Dellian, die sich ihren Traum von einem Reiterhof erfüllt hat. „Halte an dem Fundament fest, sei es die Familie, sei es die berufliche Ausbildung. Nutze dieses Fundament, es wird dir helfen.“

Phase 6: Jetzt leben wir das neue Leben, das wir uns erträumt haben. Wir probieren uns aus und lernen, was geht und was nicht. „Man muss etwas tun, um es zu können“, sagt Sabine Asgodom. Also investieren wir Zeit, Geld und Mühe und ernten die ersten Früchte. Es ist ganz natürlich, dass unsere Sehnsucht jetzt viel von ihrer ursprünglichen Energie verloren hat. Wenn wir allerdings auf Hindernisse stoßen, lodert sie wieder hell auf.

Phase 7: Wir leben unser neues Leben, genießen die Erfüllung, kämpfen aber tapfer weiter mit normalen Schwierigkeiten. Wir sind glücklich und dankbar – wir gewöhnen uns an das neue Lebensgefühl. Meist fängt die Arbeit jetzt erst richtig an. Noch einmal Margit Dellian: „Wenn es Winter ist und zehn Grad minus hat und alles verdreckt und vermatscht ist und ich dann abends zu meinen Pferden gehe, dann ist der Traum auch nicht immer ganz lustig.“ Aber das gehört eben auch mit dazu.

Wenn die Sehnsucht, sobald sie sich erfüllt, zur Normalität wird oder wenn sie im schlimmsten Fall sogar scheitern kann, lohnt es sich dann überhaupt, ihr zu folgen? „Unbedingt“, meint Sabine Asgodom, denn – eines ist klar: „Wünsche ohne Taten sind wie Suppe ohne Salz.“ Auch der Kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry macht uns Mut, wenn er sagt: „Schwing dich zum Mond empor. Selbst wenn du ihn verfehlst, landest du bei den Sternen.“

Über die Autorin: Sabine Asgodom gehört zu den Top-Coaches in Deutschland und kann auf über 20 Jahre Coaching-Erfahrung zurückblicken. Sie arbeitet als Trainerin und Vortragsrednerin, ist Bestsellerautorin und zählt laut Financial Times zu den 101 wichtigsten Frauen der deutschen Wirtschaft. Die Inhaberin der Asgodom Coach Akademie coacht Führungskräfte, Selbstständige und andere TrainerInnen und Coaches. 2010 wurde sie für ihr soziales Engagement mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Astrid Ogbeiwi

Den Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 02-2016

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