Denken macht glücklich!

Wir können unseren Geist ebenso trainieren wie unsere Muskeln und unsere Gedanken für ein erfüllteres Leben nutzen. Das wussten bereits die alten Philosophen und das lehrt uns heute die moderne Hirnforschung. Christa Spannbauer zeigt, wie das gehen kann.

Denken soll glücklich machen? Ist das nicht eine sehr provokante These in einer Zeit, in der viele Menschen davon überzeugt sind, dass vor allem in einem allzu häufigen Gebrauch der Ratio die Ursache für ihre Unzufriedenheit liegt?

Die weitverbreitete Skepsis dem Denken gegenüber beruht bereits auf einem Denkfehler. Es ist weniger das Denken allgemein, das uns unglücklich macht, als vielmehr der Inhalt unserer Gedanken, also das, was wir denken. Das wusste bereits der antike Philosoph Epiktet, als der sagte: „Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinung und Urteile über die Dinge.“ Es sind also unsere negativen Gedanken, unsere Grübeleien, unsere Sorgen, die uns das Leben unnötig schwer machen. Wäre es daher nicht an der Zeit, uns in einem Denken zu schulen, das ein gutes und gelingendes Leben fördert?

„Wie schön wäre es, wenn ich endlich mal nichts mehr denken müsste“, seufzen viele Zeitgenossen, während sie auf dem Meditationskissen sitzen oder im Wellness-Pool floaten. Die Zeit des großen Fühlens und Empfindens ist angesagt. Dagegen ist auch gar nichts einzuwenden. Denn die Voraussetzung für ein gutes Leben besteht tatsächlich darin, den Augenblick intensiv wahrzunehmen. Sind dazu unsere Gedanken aber nicht eher hinderlich?

Das Geheimnis wahrer Lebenskunst

Die Kunst des guten Lebens war von jeher ein zentrales Thema der antiken Philosophie. Und es war ihr erklärtes Ziel, Menschen in einer positiven Geisteshaltung zu schulen. Sie wussten, dass wir unseren Geist ebenso wie unsere Muskeln trainieren und dadurch positive Denkgewohnheiten einüben und kultivieren können. Nichts anderes lehren uns heute die Positive Psychologie und die Hirnforschung. Letztere spricht in diesem Zusammenhang von der Neuroplastizität, also der Formbarkeit des Gehirns. Das heißt, wir können unsere Denkgewohnheiten und Denkmuster gezielt verändern und positiv beeinflussen.

Philosophen stellten den Menschen hierfür von jeher das Handwerkszeug zur Verfügung: geistige Selbsterbauung, lebenspraktische Unterweisungen und die Einübung guter Gewohnheiten. Bereits Sokrates war davon überzeugt, dass die Philosophie uns zu einem glücklicheren Leben verhelfen kann. Denn wer sich selbst erkennt, kann sich verändern. Und wer sich verändern kann, der kann auch neue Gewohnheiten im Denken, Fühlen und Verhalten einüben.

Die Kraft des Denkens

Wie also kann uns das Denken darin unterstützen, zu mehr Seelenruhe, Freude und Gelassenheit im täglichen Leben zu finden? Und wie kann es dazu beitragen, Tugenden wie Mut, Mitgefühl und Humor zu stärken und Herzensbildung und Weisheit zu fördern?

Der Philosoph Pythagoras, der vor mehr als 2500 Jahren das war, was wir heute wohl einen Guru nennen würden, entwickelte dazu eine eigene Methode. Der Grieche war nicht nur ein mathematisches Genie, dessen Lehrsatz Schüler bis zum heutigen Tage fast im Schlaf aufsagen können, er war auch eine weise und charismatische Führungspersönlichkeit, der seinen zahlreichen Anhängern eine disziplinierte, bescheidene und ethische Lebensführung lehrte. In deren Zentrum standen körperliche und geistige Ertüchtigung. Für letztere entwickelte Pythagoras kurze, prägnante Lehrsätze, die uns heute als die „Goldenen Verse“ (siehe S. 42) überliefert sind. Seine Anhänger, so heißt es, hätten diese Lebensregeln täglich rezitiert und durch häufige Wiederholung, dem sogenannten ‚Memorisieren‘, tief in sich verankert. Dies diente dazu, den Geist von negativen Gedanken zu reinigen.

„Psychohygiene“ nennt dies die zeitgenössische Psychologie – eine ausgesprochen effektive Methode, wie uns auch die moderne Hirnforschung bestätigt. Sie hat inzwischen sogar nachgewiesen, dass es aufgrund der Formbarkeit unseres Gehirns möglich ist, negative Verschaltungen, die Synapsen, mit neuen positiven Erfahrungen zu überschreiben. Wir können also pessimistische Glaubenssätze durch optimistische und kritische innere Stimmen durch zuversichtliche ersetzen.

Auch wenn die antiken Philosophen noch nicht wissen konnten, wie genau dies im Gehirn funktioniert, wussten sie doch, dass es funktioniert. Und sie stellten den Menschen durch geistige Selbsterbauung, durch lebenspraktische Unterweisungen und die Einübung guter Gewohnheiten das geistige Handwerkszeug für ein gelingendes Leben zur Verfügung. Durch die Lektüre, das anschließende Anwenden, Einüben und Habitualisieren dieser Methoden erhielten die Menschen durch sie wichtige Inspirationen, um ihr Leben glücklicher zu gestalten.

Du bist der Meister deines Schicksal

„Ich bin der Meister meines Schicksals. Ich bin der Kapitän meiner Seele“, schrieb William Ernest Henley 1875 in seinem Gedicht „Unbezwungen“ (im Original: „Invictus“). Der englische Schriftsteller versuchte sich mit diesen Zeilen in einer lebensbedrohlichen Krise selbst Mut zu machen. 100 Jahre später unterstützte das Gedicht den südafrikanischen Bürgerrechtler Nelson Mandela darin, während seiner langen Gefängnisjahre den Mut nicht zu verlieren. Wie der große Nationalheld Südafrikas berichten Menschen immer wieder davon, dass es die Zeilen eines Gedichts oder ein bestimmter philosophischer Lehrsatz waren, die ihnen in schweren Zeiten die Kraft gaben, ihr Schicksal zu meistern.

Der griechische Philosoph Aristoteles wusste bereits, dass das höchste Glück nicht vorrangig aus angenehmen Gefühlen besteht, sondern daraus erwächst, dass wir das Beste unseres Wesens zur Erfüllung bringen. Das heißt, wir sollten eine Haltung dem Leben gegenüber einnehmen, die unsere Tugenden, das Gute in uns stärkt. Indem wir eine solche Haltung kultivieren und pflegen, tragen wir dazu bei, dass wir unser Leben mit all seinen Höhen und Tiefen wertschätzen können. Denn ein gutes, ein gelingendes Leben besteht nicht einfach nur in einer Aneinanderreihung von angenehmen Erlebnissen, Erfahrungen oder Gefühlen. Es hat seinen Prüfstein in schweren Zeiten und Krisensituationen, die keinem von uns erspart bleiben. Mit welcher Haltung wir diese angehen, entscheidet letztlich über die Qualität unseres Lebens.

Die Welt, wie sie uns gefällt

Jeder von uns malt sich ein ganz eigenes Bild von der Welt. Und dieses Bild halten wir dann für die Realität. Dabei sind wir davon überzeugt, dass unsere Interpretation der Welt stets richtig und allgemeingültig ist. Wir übersehen aber all zu gern, dass unser Bild von der Welt aus unseren einmaligen, subjektiven Erfahrungen gespeist wird und den von uns daraus gezogenen Folgerungen und Interpretationen. Immanuel Kant, der bedeutendste Philosoph der Aufklärung, wusste schon, dass alles, was erkannt wird, von dem abhängig ist, der es erkennt. Als Erkennende konstruieren wir somit das von uns Erkannte selbst. Wir sehen die Wirklichkeit daher nie so, wie sie ist, sondern nur in der Gestalt, in der sie uns vertraut vorkommt.

Von der Welt sehen wir also immer nur unsere eigene Vorstellung. Und genau das ist es, was letztlich unser Schicksal ausmacht. Wer sich die Grundlagen für ein gutes und glückliches Leben schaffen will, tut deshalb gut daran, die eigenen Grundannahmen erst einmal zu erkennen und sich zu fragen: Welche meiner Überzeugungen tun mir gut und münden in erfolgsversprechendes Verhalten? Und welche treiben mein Unglück voran und bedingen mein Leiden an der Welt?

Bereits Sokrates war von dem engen Zusammenhang zwischen dem, woran der Mensch glaubt und seiner geistigen und körperlichen Gesundheit überzeugt. Deswegen ging er auf den Marktplatz und stellte durch sein beharrliches Nachfragen die Überzeugungen seiner Mitbürger immer wieder auf den Prüfstand. Er erkannte: Erst wenn wir alte und eingefahrene Überzeugungen loslassen, können wir Platz schaffen für Neues.

Glücksspuren im Gehirn legen

Wie aber können wir negative Glaubenssätze, die unser Denken formen und unser Verhalten bestimmen, auflösen? Und wie alte, eingefahrene Gewohnheiten und nahezu automatisch ablaufende Reaktionen ändern – Gewohnheiten und Reaktionen, die uns nicht guttun? Geht das überhaupt?

„Ja, das geht“, sagt die moderne Neuropsychologie und liefert dazu nicht nur Antworten, sondern stellt auch effektive Instrumente zur Verfügung, wie uns das gelingen kann. So entwickelte der buddhistische Neuropsychologe Rick Hanson Methoden, wie wir eine positive Geisteshaltung einüben können. Seine Annahme: Da unser Gehirn über eine ausgeprägte Negativitätstendenz verfügt und negative Erfahrungen weit schneller verankert als positive, braucht es unsere bewusste Unterstützung, um positive Geisteszustände zu fördern. Es geht also darum, positive Erfahrungen zu stärken, um die negativen dadurch in den Hintergrund treten zu lassen.

Um positive Strukturen im Gehirn aufzubauen, empfiehlt uns Hanson folgenden Dreierschritt: Eine positive Erfahrung machen, sie anreichern und dann tief in sich verankern. Es ist wie beim Feuermachen: Erst entzündet man es, dann legt man Holz auf das Feuer, damit es gut brennt und schließlich wärmt man sich daran.

Den Fokus auf das Positive legen

Indem wir in unserem Gehirn den Fokus auf das Positive legen, können die vielen schönen und doch so flüchtigen Momente und Erlebnisse, die wir sonst oft einfach so unbewusst an uns vorüberziehen lassen, zum Anlass der Freude werden. Wir können unser Gehirn bewusst darauf trainieren und unseren Synapsen mehr Glück und Zufriedenheit „einpflanzen“. Durch die dauerhafte Verankerung von Glücksspuren in unserem Gehirn entwickeln wir langfristig eine optimistischere Sichtweise auf die Welt, was uns gerade in schweren Zeiten entscheidend unterstützen und zu mehr Lebensfreude verhelfen kann. Also, nur Mut: Denken macht glücklich!
Christa Spannbauer

Den Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 05-2016

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