Der bedrückte Mann

Depression ist keine Frauen- sondern eine Volkskrankheit. Auch wenn Männer statistisch nur halb so oft die Diagnose Depression erhalten wie Frauen, gehen Experten davon aus, dass das „starke Geschlecht“ tatsächlich fast genauso häufig davon betroffen ist.

Zu Beginn der legendären Fernsehserie „Die Sopranos“ erleidet Mafiaboss Tony, der härteste aller harten Männer, eine Panikattacke und bricht zusammen. Im Krankenhaus lässt sich keine organische Ursache entdeck-en, sodass ihn sein Hausarzt an eine Psychiaterin überweist. Dort sieht er sich plötzlich mit einer nie gekannten Herausforderung konfrontiert: einer Depression. Er würde zwar gern eine Therapie machen, sagt er der Therapeutin, aber in seiner Welt ginge das einfach nicht.
So wie dem fiktiven Clan-Chef aus New Jersey ergeht es vielen Betroffenen, konfrontiert man sie mit der Verdachtsdiagnose Depression. „Während Frauen viel früher den Signalcharakter seelischer Symptome erkennen, verleugnen Männer häufiger ihre Empfindungen. Und zwar bis zu einem Zeitpunkt, an dem der Körper plötzlich die Notbremse zieht“, schreibt der Arzt und Autor Jens-Michael Wüstel in seinem Buch „Männliche Depression“.

Mannsein schützt nicht vor Depression

Oberflächlich betrachtet erscheinen klassische Männlichkeitsnormen, wie Macht, Stärke, Erfolg und Selbstsicherheit tatsächlich als wirksamer Schutz vor einer seelischen Erkrankung. Auch Berufstätigkeit und die traditionelle Rolle als Familienernährer wirken sich erwiesenermaßen positiv auf die männliche Gesundheit aus. Studien zeigen, dass die hohe Depressionsrate bei Frauen auch mit der typisch weiblichen Rollenbelastung und einer spezifischen Anfälligkeit für soziale Stressoren einhergeht. Männer sind einer vergleichbaren Doppelbelastung durch Beruf und Familienarbeit auch heute noch weniger ausgesetzt. Doch ein Blick auf das Geschlechterparadox beim Suizid macht stutzig. Obwohl statistisch auf einen schwermütigen Mann zwei depressive Frauen kommen, nehmen sich rund dreimal mehr Männer als Frauen das Leben. Da jedoch die meisten Selbstmorde eine unmittelbare Folge psychischer Erkrankungen sind, geht man inzwischen davon aus, dass Depressionen bei Männern genauso häufig vorkommen, jedoch seltener erkannt und diagnostiziert werden und so in der Folge unbehandelt bleiben. „Hilfe zu suchen ist im Männlichkeitsstereotyp nicht vorgesehen, da das Eingeständnis von Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit einem Status- und Identitätsverlust gleichkäme“, sagt die Sozialwissenschaftlerin und Expertin für männliche Depression Anne-Maria Möller-Leimkühler.

Bloß keine Gefühle

Auch was den Umgang mit Gefühlen angeht, scheinen Männer in doppelter Hinsicht im Nachteil. Tendenziell ist bei ihnen die linke Hirnhälfte aktiver. Diese ist für logisches und analytisches Denken zuständig. Aufgrund ihrer Gehirnstruktur verfügen Männer aber über einen schlechteren Draht zu ihren Gefühlen und können diese nicht so deutlich erkennen und ausdrücken wie Frauen. Und in der Erziehung werden sie anders als Mädchen seltener dazu ermutigt, sich mit ihren schwierigen Gefühlen auseinanderzusetzen. „Die Umwelt ist nicht so sehr daran interessiert, was fühlt der kleine Junge wirklich, sondern daran, dass er bestimmte Leistungen erbringt und ein bestimmtes Bild erfüllt“, erklärt Christian Gottwald, Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie. So trauert auch Tony Soprano dem Ideal des einsamen Westernhelden hinterher: „Was wurde aus Gary Cooper?“, fragt er seine Therapeutin. „Der starke, stille Typ. Der hatte keinen Kontakt zu seinen Gefühlen, der hatte getan, was er musste.“

Männer leiden anders

Die männliche Depression ist auch deshalb schwerer zu erkennen, weil Männer zumindest in der frühen Phase wenig über klassische Symptome wie Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Interessenverlust, Müdigkeit und Konzentrationsproblemen berichten. Auf die Frage seiner Psychiaterin, wie es ihm geht, antwortet Tony Soprano mit „Gut. Bestens. Ich arbeite wieder.“ Sogar an diesem geschützten Ort versucht er die Fassade von Stärke aufrechtzuerhalten. Frauen klagen eher und jammern, dagegen neigen depressive Männer dazu, sich verstärkt beruflich zu engagieren…
Den ganzen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 2/2019

 

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