Melancholie – Vom Glück, unglücklich zu sein

Uns wird überall suggeriert, permanent fröhlich und glücklich sein zu müssen. Doch zum Leben gehören auch vermeintlich negative Gefühle wie Trauer, Melancholie, Schmerz und Leid. Wie können wir der „Diktatur des Positiven“ entrinnen und die süßen Seiten des Traurigseins wiederentdecken?

Würden Sie der These zustimmen, dass zum Menschsein glückliche und traurige Momente gehören? Doch wie sieht der Praxistest aus, wenn der Herbstnebel aufs Gemüt drückt, Leonard Cohens Bariton von „Suzanne“ erzählt und Sie zufällig ein vergilbtes Babyfoto ihres erwachsenen Kindes wiederentdecken? Rollen Sie der bittersüßen Stimmung den roten Teppich aus? Feiern Sie vielleicht sogar ein bisschen Ihre melancholische Stimmung? Oder hängen Sie lieber gleich „Geschlossene Gesellschaft“ ans Portal und erteilen ihr Hausverbot?

Nichts bleibt wie es ist – und das ist gut so

Wie wir mit Stimmungen und Empfindungen umgehen, hängt auch von der jeweiligen Gesellschaft ab. Aristoteles und seine Zeitgenossen der griechischen Antike wussten die Vorzüge der Melancholie zu schätzen. Viele großen Dichter, Philosophen, Künstler und Staatsmänner waren melancholische Persönlichkeiten. Dahinter „steht die antike Vorstellung, dass es im menschlichen Körper vier Säfte gibt, denen vier unterschiedliche Temperamente zugeordnet sind: Melancholiker (Trauer), Sanguiniker (Fröhlichkeit und Glück), Choleriker (Aggression) und Phlegmatiker (Ruhe)“, schreibt die US-amerikanische Schriftstellerin Susan Cain in ihrem Buch „Bittersüß“. „Das Mischungsverhältnis dieser Säfte, ihr jeweiliger Anteil, bestimmte angeblich den Charakter eines Menschen.“

Ein bittersüßes Gefühl

Im Mittelalter galt die Melancholie als „Mönchskrankheit“ und der Kirchenmann Thomas von Aquin zählte die „Trägheit des Herzens“ zu den Todsünden. Mit der Aufklärung setzte man sie mit Hysterie und Schwäche des Nervensystems gleich. Und auch wenn die sanfte Wehmut im westlichen Abendland immer wieder einmal ein kleines Hoch feiern durfte, so war mit dem Aufkommen des Kapitalismus im 19. Jahrhundert die vita activa als bevorzugtes Verhaltensideal nicht mehr aufzuhalten. Als Heilmittel gegen die Melancholie wurde Arbeit empfohlen. „In einem einflussreichen Essay aus dem Jahr 1918 bezeichnete der österreichische Psychoanalytiker Sigmund Freud die Melancholie als Narzissmus. Seitdem ist sie im Rachen der Psychopathologie verschwunden“, so erklärt Cain den fortschreitenden Verlust der Artenvielfalt in unserem Gefühlsleben. Die Melancholie hat es aus diesem Schlund nicht wieder herausgeschafft. Immer noch wird im Alltag zwischen ihr und einer klinischen Depression kaum unterschieden.

Vom Verlust der Artenvielfalt unserer Gefühle

Dabei wird Melancholie meist als innere Fülle erlebt, obwohl das „Füllmaterial“ aus Trauer, Kummer und Wehmut besteht. Sie ist zeitlich begrenzt und kein Grund zur Sorge. Eine Depression dagegen kennzeichnen dauerhaft gedrückte Stimmungen, Hoffnungslosigkeit, Antriebsschwäche und Erschöpfung. Wer davon über einen längeren Zeitraum betroffen ist, sollte unbedingt professionelle Hilfe aufsuchen. Doch Melancholie ist etwas anderes.
Veronika Schantz

Zum Weiterlesen: Susan Cain, Bittersüß – Wie Sehnsucht und Melancholie uns Halt geben, Droemer Knaur

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer bewusster leben Ausgabe 6/2022

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