Die Kraft der Rituale

Wer klassische Alltagsroutinen in kleine Rituale verwandelt, schaut öfter im eigenen Leben vorbei und ist Herausforderungen besser gewachsen.

Das neue Jahr lädt zum Rückblick ein. Hatten wir uns nicht vorgenommen, regelmäßig zu joggen, mit der Familie mehr Zeit zu verbringen und statt Tiefkühlkost nur noch frisches Gemüse und Obst zu essen? Hat die ersten Tage auch wunderbar funktioniert. Erst einmal winterfeste Laufschuhe und eine Stirnlampe gekauft, die arbeitsfreie Zeit für gemeinsame Ausflüge genutzt und den Inhalt der wöchentlich gelieferten Bio-Kiste restlos verkocht.

Alle Jahre wieder

Nur ein paar Wochen später landeten Runkelrüben und Sellerie im Biomüll, die versprochene Schlittentour ging den Bach statt des Waldwegs hinunter, und das Sofa erschien trotz nagelneuer Laufausstattung verlockender als die eiskalte Februarnacht. Alle Jahre wieder wünschen wir uns weniger Stress, Zeit für Familie und Freunde, wollen mehr Sport treiben, weniger Medien, Zigaretten und Alkohol konsumieren und uns gesünder ernähren. Alle Jahre wieder scheitern wir kläglich.

Ein Blick auf den Alltag

Wie wäre es, das Jahr 2022 anders zu beginnen? Wie wäre es, bewusst keine neuen Vorsatz-steine auf dem Weg zur Hölle zu pflastern? Wir legen uns dafür die Latte der eigenen Ansprüche nicht mehr so hoch, dass wir sie garantiert reißen, sondern werfen einen neugierig freundlichen Blick auf unseren Alltag. Ja genau, auf dieses langweilig graue Einerlei, dem wir möglichst zu entrinnen versuchen. Wie sehen sie aus, diese stinknormalen Tage, die zusammengenommen den Großteil unseres Lebens ausmachen? Wie und mit was füllen wir sie?

Vielleicht so? Morgens kriechen wir verschlafen aus dem Bett, während eine Stimme im Kopf putzmunter die tagesaktuelle To-Do-Liste vorbetet. In diesem getakteten Alltag gibt es keine Pausen, Spielräume verengen sich, ein Projekt jagt das nächste und Erholung ist nirgends in Sicht. Zeitmanagement, Produktivität, Effizienz und Effektivität bestimmen den Rhythmus des Lebens. Chronos, Sinnbild der linearen Zeit am griechischen Götterhimmel, frisst unsere Lebenszeit.

Lineare und zyklische Zeit

Versuchen wir mal einen Perspektivwechsel. Wir lassen Chronos und seinen gnadenlosen Zeitstrahl links liegen und wenden uns Äon zu, dem Gott der zyklischen Zeit. Er repräsentiert die Ewigkeit, ist Kind und Greis, stets großzügig und zufrieden, denn ihm fehlt es an nichts.

Alle unsere Tage bestehen aus Übergängen: Vom Schlafen zum Wachen. Arbeit. Familien- und Freizeit. Vom Wachen zum Schlafen. Diesem täglichen Kreislauf schenken wir meist keine Aufmerksamkeit. Wir rasen vom einen zum anderen, meist in Gedanken versunken, oft in Eile, selten präsent oder halbwegs entspannt. Was geschieht, wenn wir beschließen, Übergänge bewusst zu gestalten?

„Unser Gehirn strebt nach Routinen, also immer gleichen Abläufen, weil es Energie spart, wenn es auf Autopilot schalten kann. Bei Routinen handeln wir unbewusst und nebenbei“ schreibt die Buchautorin und Meditationstrainerin Christine Dohler. „Aus einer Routine wird ein Ritual, wenn wir in vollem Bewusstsein und mit einer klaren Absicht handeln. Das, was wir jeden Tag wiederholen, prägt unsere Identität.“ So schaffen wir mit Hilfe schlichter Alltagsrituale kleine Rückzugsorte des Seins im tosenden Meer des Tuns. Oder wie der Erfinder des „Kleinen Prinzen“ Antoine de Saint-Exupéry einmal sagte: „Ein Ritual ist in der Zeit das, was im Raum eine Wohnung ist.“

Zum Weiterlesen: Christine Dohler, Rituale: Wie sie uns im Leben stärken, Goldmann Verlag, 14 Euro

Claudia Croos-Müller, Schlaf gut – Das kleine Überlebensbuch, Kösel Verlag, 9,99 Euro

Den ganzen Beitrag finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 1/2022

Diesen Artikel teilen

Weitere Beiträge

Ganz bei mir

Wie wir im hektischen Alltag Zugang zu einem Raum der inneren Stille finden können, das weiß der Benediktinermönch Anselm Grün.

Was uns jetzt stark macht

Ein achtsamer und liebevoller Umgang mit uns selbst stärkt unsere Gesundheit, das Selbstbewusstsein und auch die Beziehungen zu anderen Menschen. Die Psychologin Patrizia Collard zeigt, wie wir uns die heilsame Lebenseinstellung des achtsamen Selbstmitgefühls aneignen können.

Schreiben Sie einen Kommentar