Die Magie des Staunens

„Es gibt nur zwei Arten zu leben.
Entweder so als wäre nichts ein Wunder oder so als wäre alles ein Wunder.“

Albert Einstein

Kindern scheint es am leichtesten zu fallen. Schier unerschöpflich die Quelle dessen, was sie staunen lässt: Ein Frosch auf der Wiese oder der für sie riesige Schatten eines Windrads. Bei ihnen ist Staunen ein ungestörter, purer Zustand. Vielleicht macht es Erwachsenen deshalb solche Freude, sich Überraschungen auszudenken, um bei deren Präsentation in staunende Kinderaugen zu schauen; gerade so, als wollten sie damit an etwas verlorengegangenem wieder teilhaben. Wenn Kinder staunen, scheint sich die Welt in ihren Möglichkeiten ins Unendliche auszudehnen. Sie können sich völlig vom Staunen packen lassen und ausschließlich in dieser Emotion sein, ohne dass sich ein innerer Kritiker einstellt, der das Ganze direkt zu hinterfragen oder zu analysieren versucht. Sie sind geradezu auf der Suche nach Wundern und deshalb finden sie diese auch.
Staunen können wir auch als Erwachsene

Eine Welt ohne Wunder und Staunen ist eine „entzauberte Welt“ (Max Weber). Wie traurig! Heute gilt Coolness als chic. Ich bin trotzdem nicht der Meinung, dass wir als Erwachsene das Staunen verlernt haben oder mit unserem ganzen Wissen eben das nicht mehr möglich wäre. Wissen steht dem Staunen keinesfalls im Wege.
Nehmen wir beispielsweise die Astronomie. Eröffnet nicht gerade das Wissen um die Weite und Zusammenhänge des Weltalls ganz neue Möglichkeiten des Staunens? Wir sprechen oft davon, etwas mit kindlichen Augen zu betrachten. Für mich impliziert das allerdings die häufige Annahme, dass Staunen nur etwas für Kinder, einfache Gemüter, Dichter, Romantiker und Laien wäre. Wie schon der, aus meiner Sicht, etwas herablassende Spruch „da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich“ durchblicken lässt, gibt es wohl die Haltung, Staunen sei ab einem bestimmten Level nicht mehr passend.

Staunen, was einen Zustand des verWUNDERtseins beschreibt, wurde als Begriff im 18. Jahrhundert von Albrecht Haller in die Literatursprache eingeführt. Haller war Mediziner, Naturforscher (insbesondere der Botanik) und galt als Universalgelehrter in der Zeit der Aufklärung. Das Interessante daran ist, dass sich in der doch eher nüchternen Welt der Aufklärung ein Begriff etablieren konnte, der etwas ganz und gar nicht nüchternes beschreibt, ja sogar das genaue Gegenteil. Überhaupt war auch die Zeit der Aufklärung voll von dem, was Kant „das Andere der Vernunft“ nannte. So beschäftigten ihn Wunderberichte sehr, allerdings nur um sie zu wiederlegen oder wenigstens zu erklären, was ihm nicht immer in vollem Umfang gelang. Vielleicht blieb ihm etwas Essenzielles allein dadurch verborgen, dass er gewisse Dinge eben nicht einfach staunend betrachten mochte? Oder war er insgeheim doch auf der Suche nach dem Staunenswerten? Man könnte also interpretieren, dass die Aufklärung in gewisser Weise die Keimzelle der Romantik bereits in sich trug. Dass Wunder und Dinge, über die man nur staunen kann, selbst in der Hochphase der Aufklärung einfach nicht klein zu kriegen waren, zeigt jedenfalls, dass sie schlicht wichtig für den Menschen sind. Wir brauchen Wunder und unerwartete Dinge, die uns völlig baff zurücklassen. Nicht selten sind es doch solche Situationen, die Großes, beziehungsweise Entscheidendes, ins Rollen bringen… Kathrin Stein
www.edelstStein.com

Den ganzen Artikel sowie ein Interview mit Anselm Grün über sein Buch “Staunen” finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 4/2018

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