Du bist wertvoll!

Jana Crämer wog noch vor wenigen Jahren 180 Kilo. Dann schafft sie es, ihr Leben zu ändern, ihren Körper zu akzeptieren. Heute motiviert sie andere mit ihrer Geschichte. Ihre Message: Du bist wertvoll. Liee dich so, wie du bist, denn du bist nicht auf der Welt, um die Erwartungen anderer zu erfüllen.

Darf ich dich mal was fragen? Findest du es nicht auch ziemlich befremdlich, dass unsere Gesellschaft ein sehr genaues Bild davon hat, wie unser Leben aussehen muss, damit wir zufrieden sein dürfen? Es gibt Idealvorstellungen, welche Markenklamotten in unserem Schrank zu hängen haben, welchen Beziehungsstatus wir brauchen, wie viele Tage im Jahr wir maximal krank sein dürfen, wie erfolgreich wir in unserem Beruf sein müssen, wie viele Kinder wir haben sollten, wie flach unser Bauch und wie schmal unsere Taille sein muss.

Wann bin ich wertvoll?

Ups, fast hätte ich es vergessen: Natürlich auch – und das ist besonders wichtig! – wie weit unsere Mundwinkel nach oben zeigen und wie viele Fotos davon wir wöchentlich online stellen müssen, um unser Glück auch für jeden sichtbar unter Beweis zu stellen. Es gibt eine ziemlich genaue Checkliste, was für Erwartungen wir erfüllen müssen, um wertvoll zu sein, ja, um dazu zu gehören. Und mit Sicherheit habe ich bei meiner Aufzählung unzählige weitere Punkte, die dir gerade sofort in den Sinn gekommen sind, vergessen.
Waren es früher nur vereinzelte Frauenmagazine, die ein vollkommen krankes Idealbild gezeichnet haben, findet dieser Wahnsinn heute auf Social Media statt. Und ich möchte dir etwas anvertrauen: Genau dafür hasse ich die sozialen Netzwerke manchmal. Ich finde es einfach nur grauenhaft und traurig, was Social Media mit unserer Psyche anstellt.

“Das Leben ist nicht immer fair. Wir können aber entscheiden, wie wir den Aufgaben begegnen wollen.”

Jana Crämer

Was Social Media mit unserer Psyche anstellt

Klar, komisch, das von jemanden zu lesen, der mit den eigenen Videos monatlich weit über 10 Millionen Menschen erreicht und auf der Straße mit „Hey, bist du nicht die von Instagram?!“ nach einem Foto gefragt wird, und sich zugegebenermaßen auch noch wie Bolle drüber freut. Trotzdem, ich finde es schrecklich, weil ich genau weiß, wie es sich anfühlt, wenn man unter den ständigen Vergleichen und dem quälenden Drang, die Erwartungen der anderen erfüllen zu wollen, zusammenbricht. Vergleiche sind der Anfang von allem Übel und das auf YouTube, Insta, TikTok und Co. ebenso wie im RealLife.

40 Jahre ungeküsst

Und wenn jemand weiß, wie es sich anfühlt, Vergleichen nicht standzuhalten, yep, nicht der Norm zu entsprechen, dann wäre das wohl ich. Darf ich mich bei dieser Gelegenheit kurz vorstellen? Hallo, mein Name ist Jana Crämer, ich bin inzwischen 40 Jahre alt und ungeküsst. Ja, richtig gelesen. Ich hatte noch nie einen Freund, habe noch nie mit jemandem Händchen gehalten und alles andere, was man mit oder ohne Liebe miteinander anstellt, habe ich auch noch nicht erlebt. Du würdest dich wundern, wie viele Menschen, die von sich selbst behaupten glücklich und zufrieden zu sein, das als Provokation empfinden oder als Einladung, um bei mir auf Fehlersuche zu gehen. Zu dick, zu schüchtern, zu anspruchsvoll oder auch sehr beliebt: zu gestört. Es scheint heute leider wesentlich akzeptierter, unglücklich in einer Beziehung zu stecken, als glücklich ohne zu sein. Hier passe ich also schon mal so gar nicht ins Bild.

Vom Körperhass zur Selbstliebe

Zudem habe ich keine Berufsausbildung, dafür zwei abgebrochene Studiengänge (Lehramt Primarstufe und Psychologie/Erziehungswissenschaften). Mein Körper ist so weit von einer Idealfigur entfernt wie er nur sein kann. Meine Haut ist – besonders an Beinen und Bauch – so schwabbelig, dass sie, würde sie nicht aufgrund einer krankhaften Fettverteilungsstörung in einer Kompression Halt finden, bei jedem Schritt munter in alle Richtungen wippt. Nein, das liegt nicht nur an meinem Lipödem, sondern vielmehr daran, dass ich mal 180 Kilo gewogen und 100 davon wieder abgenommen habe.

“Früher habe ich mich als hoffnungs­lose Versagerin gefühlt, heute sehe ich mich als Gewinnerin”

Jana Crämer

Ich liebe meinen Körper

Stimmt, die überschüssige Haut könnte ich wegoperieren lassen, möchte ich aber nicht, da ich meinen „Knautschi“, wie ich meinen Bauch inzwischen liebevoll nenne, ins Herz geschlossen habe und ich meinem Körper durch meine Jahrzehnte lange Essstörung Binge-Eating, also unkontrollierte Fressanfälle, eh schon mehr als genug zugemutet habe. Bei jedem Fressflash mit bis zu 12.000 Kalorien in weniger als zwei Stunden war ich absolut überzeugt, es sei der Letzte. Genau so lange, bis ich wieder umgeben von leeren Pizzakartons, Weingummitüten und Eisbechern heulend auf dem Bett lag und mir mit schmerzverzerrtem Gesicht den Bauch gehalten und neue Diäten gegoogelt habe. Da brauche ich heute nun wirklich keine unzähligen Operationen unter Vollnarkose, nur damit mein Körper für andere ansehnlich ist. Ich lieb’ ihn. Das reicht.
Jana Crämer

Zum Weiterlesen:
Jana Crämer, Jana, 39, ungeküsst, Droemer Knaur, 15 Euro

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer bewusster leben Ausgabe 4/2023

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