“Egal, was die Leute sagen”

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Pascal Voggenhuber beeindruckt viele Menschen mit seiner Gabe, in die „jenseitige Welt“ zu schauen. Wir haben ihn in seiner Heimatstadt Basel besucht. Und ergriffen die Chance, ein Stück weit in die innere Welt eines ungewöhnlichen Menschen zu schauen. Pascal Voggenhuber können Sie jetzt auch am 20. Juli auf dem bewusster leben Tag in Konstanz live erleben.

Dieser Februarmorgen ist ungemütlich, heute wird der „Sonnenwinkel Mitteleuropas“ seinem Namen wahrlich nicht gerecht. Eine milchige Nebeldecke liegt über dem malerischen Rheintal. Am Hochufer des Stroms, direkt vor dem ehrwürdigen Großen Münster Basels, ist man dem lärmenden Verkehr der umliegenden Stadt enthoben. Ein idealer Ort, um bei einem Spaziergang ein gutes Gespräch zu führen. Die Turmglocke schlägt neun Mal.
Ich bin pünktlich, doch Pascal Voggenhuber erwartet mich schon. „So sind sie eben, die Schweizer,“ denke ich.
„Ich bin halt Frühaufsteher, immer schon,“ sagt Pascal Voggenhuber.

Kann er wirklich Gedanken lesen

Nächstes Klischee: Kann er etwa wirklich Gedanken lesen, wie manche behaupten? Was er sagt, klingt etwas nach Entschuldigung. Dazu zeigt er dieses jungenhafte, dabei irgendwie vielwissende Lächeln, das man von den Bildern her kennt, die man in großer Zahl von ihm zu sehen bekommt.
Pascal Voggenhuber schreibt Bestseller, das Fernsehen berichtet über ihn, er ist ständig auf Achse, jede Tournee ausgebucht. In der Szene gilt er als Star, bald vielleicht auch darüber hinaus.
Jetzt gehen wir aber erst einmal spazieren. Er kennt hier jeden Fußbreit und führt uns eine, hinter dem imposanten Gotteshaus verborgene, steile Stiege hinunter, die direkt in die feuchtkalten Arme von Vater Rhein zu führen scheint. Es ist eng, wir kommen nur langsam voran. Die Gelegenheit scheint günstig, um direkt zur Sache zu kommen.

Warum trägt einer wie er Tattoos?

„Wie geht es einem immer noch jungen Kerl dabei, ständig nach so Sachen gefragt zu werden, für die sich doch eher wohl die älteren Leute interessieren?“
Er lacht! Nimmt mir den Überraschungsangriff keineswegs übel.
„Also, wirst du mich als nächstes fragen, warum einer wie ich Tattoos hat? Und ab und zu mal eine Zigarette raucht?“ Ich hatte tatsächlich mit dem Gedanken gespielt. Er gehört ganz gewiss zu denjenigen Zeitgenossen, deren Berufung es ist, haufenweise Klischees zu entsorgen.
„Und überhaupt: Nicht nur ältere Herrschaften zeigen Interesse für die jenseitige Welt. Sondern auch junge Menschen.“
Es wird ernst. Fast scheint es, als spräche er jetzt mit anderer Stimme. Tiefer in der Tonlage, langsamer und mit ausgeprägt weich rollendem „R“ des schweizerdeutschen Einschlags.
„Warum haben wir ein Problem mit dem Sterben?“ Eine folgenschwere Frage, und gleichermaßen überraschend wie die rotweiße Absperrkette am Fuß der Treppe, wohin wir mittlerweile gelangt sind. Der kleine Kahn, an einem schmalen Holzsteg festgemacht, wird uns nicht zum anderen Rheinufer bringen können. Heute kein Betrieb der Personenfähre wegen schlechten Wetters!
Voggenhuber grinst dieses bubenhafte Grinsen, das alle Menschen seines Alters grinsen, wenn sie sich spitzbübisch über etwas freuen. Das Universum scheint sich einen kleinen Scherz mit uns zu erlauben und den Gesprächspartner zu ermuntern, mehr über sich zu erzählen.
„Ist es nicht überhaupt im Leben so: Gerade wenn es zum Spaziergang geworden ist, kommt plötzlich die Absperrkette.“
„Sprichst du aus Erfahrung?“

Es kann nicht immer aufwärts gehen

„Kann man so sagen. Es schien für mich ja immer nur aufwärts zu gehen. Da kam auf leisen Sohlen die Krankheit angeschlichen,“ sagt er.
Unser Blick schweift über den Rhein. Seines Ziels völlig sicher, strömt er ruhig dahin. Auch Pascal Voggenhuber hat wieder in den Fluss des Lebens zurückgefunden. Nach seiner größten Krise, seiner härtesten Prüfung. Sein Bericht fällt nüchtern-sachlich aus.
Es begann an seinen Füßen: Sie „schliefen ein“ – ein Gefühl, das jeder kennt. Nur wollte es bei ihm nicht mehr aufhören. Dann stieg es nach oben, in die Beine. Nach ein paar Wochen konnte er nicht mehr gehen. Und es stieg weiter, bis über die Hüften. Nur mehr mühevoll war der Oberkörper zu bewegen.
Und die Ärzte? Total ratlos. Der Patient wird nach allen Regeln medizinischer Kunst untersucht. Im MRI gescannt, analysiert, durchleuchtet. Der Befund?
Die Ärzte sagen nur, sie finden nichts. Und dass sie ihn zur Beobachtung dabehalten müssen. Es folgt eine lange Zeit im Krankenhaus. Tag für Tag entfernt sich das Leben ein Stückchen mehr von Pascal Voggenhuber. Auch so mancher, der sich Freund nannte. Die Mitarbeiter beginnen schon, sich anderweitig umzuschauen. Jeder muss eben sehen, wo er bleibt. Ja, das Leben ist hart!

So konnte es nicht weitergehen

Ein guter Freund kommt zu Besuch, hat ein paar Sachen mitgebracht, die man im Krankenhaus halt so braucht. Draußen scheint die Sonne, er schiebt den Patienten im Rollstuhl vor die Tür. Ein bisschen Ruhe und frische Luft werden ihm guttun. Doch schnell ist es vorbei mit der Ruhe.
„Herr Voggenhuber, hätten Sie vielleicht ein Autogramm für mich?“ Eine Frau hält ihm Stift und Zettel hin. Es kommt ihm unwirklich vor. Mechanisch erfüllt er ihren Wunsch. „In diesem Moment hat es bei mir Klick gemacht. So konnte es nicht weitergehen,“ sagt Voggenhuber jetzt.
Auch wir kommen hier nicht weiter und beginnen wieder mit dem Aufstieg. Er setzt den Bericht fort. Kommt wieder zurück auf die Frage von eben.
„Die Ärzte hatten mir gesagt, wenn das nicht aufhört, geht’s auf Lunge und Herz. Ich dachte, dann schläfst du ein und stirbst. Ich hatte eine Scheißangst vor dem Sterben. Und mir wurde klar, warum wir den Gedanken ans Sterben von uns wegschieben, so lange wir nur können.“
Und, warum?
„Weil wir immer denken, wir haben ja noch Zeit zu leben.“
Natürlich, klar. Wer ahnte das nicht? Aber hier steht ein Mensch vor mir, der erfahren musste, wie es sich anfühlt, wenn man plötzlich und unerwartet wirklich sterben könnte.
„Ich fühlte mit jeder Faser: Wenn ich wieder gesund sein wollte, musste ich zu leben beginnen.“
Er betont die letzten Worte und macht eine Pause. Wir sind inzwischen wieder oben angekommen, auf dem Münsterplatz. Das hier übliche touristische Getriebe hat eingesetzt. Pascal Voggenhuber lacht übers ganze Gesicht. Längst hat er dieses jungenhafte, immer noch leicht verlegen scheinende Lachen wiedergefunden, bei dem der ganze Mensch eine stille, starke Freude ausdrückt.

Du darfst dich nicht davonschleichen

Es sind zwei Jahre vergangen seit seinem Krankenhausaufenthalt. Voggenhuber ist kein Patient mehr. Er ist wieder gesund, hat „ein zweites Leben geschenkt bekommen“, wie er es selbst nennt.
Aber wie hat er es geschafft? Wieder scheint er mir die Frage von der Stirn abzulesen.
„Darüber könnte ich dir eine Menge erzählen. Aber es sind doch sehr persönliche Themen, die nur mich selbst etwas angehen, an denen ich innerlich hart gearbeitet habe. So wurde mir klar, was ich vom Leben wollte. Und ich wurde wieder gesund! Ja, so war es, so unbegreiflich es für die Ärzte auch war. Eins aber scheint mir allgemein wichtig zu sein: Du darfst dich nicht davonschleichen! Es war mir so peinlich, als die Frau mich vor dem Krankenhaus um ein Autogramm bat. Ich dachte: Wie siehst du jetzt denn aus? So krank, so schwach, so am Boden. Ich stehe nun mal in der Öffentlichkeit. Aber jetzt stehe ich auch zu mir selbst. Rein äußerlich hat sich in meinem Leben nicht so arg viel geändert. Dafür innerlich. Ich mache wirklich nur noch das, was ich will. Und wozu ich Lust habe. Ich liebe meinen Beruf nach wie vor. Sollen die Leute doch denken: Was will denn der – läuft mit Tattoos und unrasiert als spiritueller Lehrer herum!“
Damit ist unser Gespräch zu Ende. Er muss zum nächsten Termin. Ach, eins noch: „Hast du mal ’ne Zigarette?“, fragt er die Fotografin, die uns die ganze Zeit beobachtet. Hat sie, klar doch. Eckhard Graf

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Den Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 3/2017

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