Eigensinnig leben

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Nichts macht uns kleiner als der Zwang, so zu sein, wie die anderen uns haben wollen. Und nichts raubt uns mehr Lebenslust als der furchtsame Gedanke daran, was andere über uns sagen könnten. Schluss damit: Tanzen Sie mal wieder aus der Reihe!

Haben Sie manchmal auch diesen Spruch in den Ohren: „Was sollen nur die Leute denken?“ Vielleicht kennen Sie ihn aus Ihrer Kindheit und hörten ihn immer dann, wenn Sie sich nicht so verhielten, wie die Erwachsenen um Sie herum es für schicklich hielten. Wenn Sie das taten, was Ihnen gerade richtig Spaß machte, wenn Sie laut lachten, Ihren Gefühlen freien Lauf ließen und sich ungestüm am Leben erfreuten.
„Musst du denn immer aus der Reihe tanzen?“, zischte Ihnen vielleicht gerade dann jemand zu, wenn Sie einfach nur das taten, wozu Sie gerade Lust hatten und was sich gerade richtig gut anfühlte. Eine brave Tochter sollten Sie sein, ein wohlgeratener Sohn. Nicht auffallen und so sein, wie fügsame Kinder nun mal sein sollen. Vielleicht spürten Sie aber damals schon: Nichts macht uns kleiner als der Zwang, so zu sein, wie die anderen uns haben wollen. Und nichts raubt uns mehr Spontanität und Lebenslust als der furchtsame Gedanke daran, was andere über uns sagen könnten, wenn wir ihren Erwartungen nicht entsprechen.
Um uns diese Peinlichkeit zu ersparen, tun wir später oft gar nichts mehr von dem, was kritische Stimmen auf den Plan rufen könnte. Bis ins Erwachsenenalter hinein nehmen wir Rücksicht auf unsere Familie und sorgen uns darüber, was unsere Eltern oder unsere Kinder über uns denken könnten.
Im Mittelalter stellte man Menschen öffentlich an den Pranger, wenn sie nicht gehorchten. Heute haben wir weniger drastische, doch ebenso effektive Mittel, um einander zum Schweigen zu bringen. Gruppenzwang ist eines davon. Im hemmungslosen Klatsch über diejenigen, die aus der Reihe tanzen, drückt er sich aus und endet nicht selten in Ausgrenzung und Mobbing.

Nach der eigenen Pfeife tanzen

Mal ehrlich: Wie viele Wünsche und Sehnsüchte haben Sie Ihrem vorauseilenden Gehorsam bereits geopfert? Wie oft haben Sie sich selbst Fußfesseln angelegt und sich danach gewundert, dass Sie Ihren leichtfüßigen Gang verloren haben und nicht mehr unbeschwert tanzen, springen und hüpfen konnten? Wäre es nicht an der Zeit, sich endlich aus dem selbstgeschnürten Korsett zu befreien?
Von wegen, das tut man nicht! Wir sind alt genug, das zu tun, was wir tun möchten! Streichen Sie das Wort „peinlich“ ersatzlos aus Ihrem Vokabular. Lassen Sie sich bloß keinen Maulkorb umbinden. Fassen Sie sich immer dann, wenn Sie sich bei den Gedanken ertappen, was wohl die Leute denken könnten, ein Herz und tun Sie genau das, was Ihnen Magendrücken, Herzklopfen oder feuchte Hände beschert. Bald schon werden Sie feststellen, dass es jede Menge Menschen gibt, die genau das gut finden und Sie für Ihren Eigensinn schätzen. Denken Sie daran: Lieber aus der Reihe tanzen als immerzu im Gleichschritt marschieren. Lassen Sie die Komfortzone hinter sich und werden Sie auch einmal unbequem!

Das Leben beim Schopf packen

In jedem von uns wohnt eine tiefe Sehnsucht nach dem Menschen, der wir wirklich sind. Wir wollen unserem Selbst Ausdruck verleihen, authentisch sein, echt sein. Uns nicht von den Erwartungen anderer Menschen verbiegen und von Konventionen, Regeln und Vorschriften verformen lassen. Wie ein Baum möchten wir unsere Wurzeln tief in unser Inneres graben und zu der ungebändigten Lebenskraft in uns vordringen, die nur darauf wartet, gehört und ans Tageslicht gebracht zu werden. Ihr Ruf gilt einem leidenschaftlichen und selbstbestimmten Leben. Viel zu oft schon haben wir unsere wahren Gefühle im Keim erstickt und den Ruf nach Freiheit überhört. Um reibungslos im Alltag zu funktionieren. Um nirgends anzuecken und nicht aufzufallen. Wir haben gelächelt anstatt zu schreien, haben geschwiegen anstatt aufzubegehren.
Ja, natürlich machen wir uns angreifbar, wenn wir uns zeigen, wie wir wirklich sind. „Ich bin, wie ich bin“, rufen wir dann mit unserem Reden und Handeln selbstbewusst in die Welt hinaus. Und rufen damit nicht nur die Anerkennung, sondern auch den Unmut und Neid anderer auf den Plan. Doch wer sagt denn, dass das Leben ein Ponyhof wäre? Um authentisch zu leben, müssen wir auch mal was riskieren. Einstehen für uns und unsere Überzeugungen. Der Furcht trotzen. Unsere Gefühle offen zeigen und unsere Gedanken laut aussprechen. Nicht nur den glatten und geschönten Teil von uns preisgeben, sondern auch den widerspenstigen. „Sei du selbst! Alle anderen sind bereits vergeben“, ruft uns der exzentrische Schriftsteller Oscar Wilde über die Jahrhunderte hinweg zu. Packen Sie die Gelegenheit beim Schopfe! Folgen Sie dem Ruf des echten Lebens, wann immer Sie ihn hören! Und leben Sie nicht länger die abgespeckte Version, sondern greifen Sie nach dem vollen, dem prallen Leben.

Tipps für Eigensinnige:
Suchen Sie den Kontakt mit der ungezügelten Lebenskraft. Gehen Sie in die Wälder und erspüren Sie die Kraft der Bäume. Fahren Sie ans Meer und lassen Sie sich von dessen mächtigen Wellen wiegen. Besteigen Sie einen Berg und blicken Sie in die endlose Weite. Entzünden Sie ein Feuer und erwärmen Sie sich an dessen wilder Energie. Erkennen Sie, dass Sie Teil des großen Tanzes des Universums sind. Und werden Sie zur leidenschaftlichen Tänzerin, zum feurigen Tänzer Ihres Lebens!

Echt sein!

Das Leben liegt in all seiner Fülle immer schon ausgebreitet vor uns. Doch wir müssen uns schon dafür entscheiden und danach greifen. Das Leben will erobert werden. Wie viele Gelegenheiten haben wir bereits versäumt, weil wir kuschten anstatt aufzubegehren, weil wir unsere Träume begruben anstatt nach den Sternen zu greifen?
Ja, es erfordert Mut, vertraute Sicherheiten hinter sich zu lassen und sich den Unwägbarkeiten des Lebens anzuvertrauen. Bereits das Wort „Veränderung“ kann uns Angst einjagen, weil wir befürchten, wir müssten nun alles hinwerfen, unseren Partner verlassen, den Job kündigen und unser Haus verlassen. Doch so dramatisch sind Veränderungen oft gar nicht.
Worum es geht, ist, von Gewohnheiten Abschied zu nehmen, die uns nicht gut tun; von Menschen, die uns einengen; von Einstellungen, die unser Leben klein machen; von Umständen, die uns unglücklich machen. Es geht darum, die eigenen Grenzen zu erweitern, auch mal etwas zu wagen und ein Risiko einzugehen. „Spring und das Netz wird auftauchen“, versichert uns eine alte Lebensweisheit. Mit dem, was wir riskieren, zeigen wir, wer wir sind und was wir uns wert sind. Und je mehr wir uns von einengenden Überzeugungen lösen, desto aufregender wird unser Leben.
Weshalb also überraschen Sie sich nicht gleich heute damit, neuen Herausforderungen mit einem lautstarken Ja statt mit einem lauen Vielleicht oder gar einem furchtsamen Nein zu begegnen? Gestatten Sie sich etwas, was Sie sich normalerweise nicht gönnen. Brechen Sie mit einer alten Gewohnheit und laden Sie die Überraschung in Ihr Leben ein.

Nur Mut!

Mutige Menschen stehen nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst ein. Sie geben sich die Freiheit zu wachsen und wagen es, über sich selbst hinauszuwachsen. Sie eröffnen sich den Raum für Entwicklung und die Erlaubnis zum spielerischen Experimentieren und Ausprobieren. Sie wissen, dass es einer gehörigen Portion Abenteuergeist bedarf, um sich den Herausforderungen und Risiken des Abenteuers Leben zu stellen und seine Höhen ebenso wie seine Tiefen auszukosten. Hierfür bietet uns das Leben jeden Tag zahllose Möglichkeiten der Selbstentfaltung. Was es im Gegenzug von uns einfordert, ist, beherzt und wagemutig mitten hinein zu springen. Riskieren wir es! Wir haben doch nur dieses eine Leben! Vertrauen Sie Ihrem Bauchgefühl und folgen Sie Ihrer Intuition. Die Rationalität mag tausend vermeintlich gute Gründe dafür ins Feld führen, nicht zu springen, es nicht zu wagen, nichts zu riskieren. Doch letztlich gibt es keine Sicherheit im Leben. „Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich!“ dichtete deshalb schon Erich Kästner augenzwinkernd. Worauf also warten wir? Durch jede angenommene Herausforderung stärken wir unsere Persönlichkeit, jeder Sprung über den eigenen Schatten führt in eine größere Freiheit. Und selbst wenn es nicht so klappen sollte, wie wir es uns vorgestellt haben, so bleibt uns die Befriedigung, es zumindest versucht zu haben. Wer wagt, gewinnt immer etwas – in jedem Falle Lebenserfahrung.
Zur Stärkung des Eigensinns: Was wollten Sie immer schon einmal tun? Schreiben Sie mindestens zehn Dinge auf, die Sie gerne tun würden, von denen Sie jedoch meinen, sie nicht tun zu können oder zu dürfen. Hängen Sie die Liste an einen gut sichtbaren Ort. Und machen Sie sich daran, in der nächsten Zeit einige dieser Wünsche zu erfüllen!

Zur eigenen Größe finden

Unser Selbstbild entscheidet maßgeblich darüber, wie wir unser Leben gestalten und was wir daraus machen. Meist sind es gar nicht so sehr die äußeren Umstände, die uns begrenzen. Wir selbst tun es. Indem wir uns kleiner machen als wir sind. Indem wir uns anpassen anstatt aufmüpfig zu sein. Indem wir unser Licht unter den Scheffel stellen. Indem wir immer noch auf die Stimmen aus unserer Kindheit hören, die uns ermahnen: „Das darfst du nicht!“ „Was sollen bloß die Leute denken!“ „Sei ein braves Kind!“ Haben wir vielleicht tatsächlich Angst vor unserer wahren Größe, wie die Dichterin Marianna Williamson es einmal so treffend in die folgenden Worte fasste? „Unsere tiefste Angst ist es nicht, ungenügend zu sein. Unsere tiefste Angst ist es, dass wir über alle Maße kraftvoll sind. Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, das wir am meisten fürchten.“
Bis hierhin … und dann weiter! Uns selbst klein zu machen nützt weder uns noch der Welt. Vielmehr sollten wir unser Licht zum Strahlen bringen. Unsere Größe zeigen, damit wir alle größer werden. Uns von der Angst befreien, damit alle angstfreier leben können. Uns selbst ermächtigen, um andere zu ermächtigen.
Das fordert von uns, am eigenen Selbstbild zu arbeiten, selbstgezogene Grenzen zu erweitern und die Chancen für Wachstum wahrzunehmen. Sich nicht von der Vergangenheit dominieren und von alten Glaubenssätzen und althergebrachten Überzeugungen verformen zu lassen. Abschütteln, was uns übergestülpt wurde, was wir aber gar nicht sind. Um schließlich zu dem ganz eigenen Sinn unseres Lebens zu finden und der eigensinnige Mensch zu werden, der wir in Wirklichkeit sind.

Christa Spannbauer

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 4/2017

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