Einfach nur gehen

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„Gehen ist die Geschwindigkeit der Seele“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Es gibt eine wunderbare Geschichte, die von der Geschwindigkeit der Seele handelt und veranschaulicht, wie wir mit der zunehmenden Geschwindigkeit, in der wir heute alles zu erledigen versuchen, unsere Seele verlieren:

Ein Geschäftsmann bemerkt auf dem Weg zu einem Kunden eine ältere Frau, die unter einem Baum sitzt. Er schenkt ihr aber weiter keine Aufmerksamkeit. Dieser Kunde würde ihm keinen neuen Auftrag bringen, vielmehr eine Reklamation, dessen war er sich schon sicher.
Und tatsächlich ­ nur eine Beschwerde. Er hetzt verärgert zurück und hofft, dass er noch ein paar gute Abschlüsse an diesem Tag macht. Auf dem Rückweg sitzt die Frau immer noch unter dem Baum. Der Geschäftsmann, neugierig geworden, fragt sie, ob sie nicht arbeiten müsse. „Doch, doch“, erwidert sie darauf, „ich bin sehr in Eile, ich muss unbedingt ein paar wichtige Geschäfte erledigen.“
Warum sie denn dann immer noch hier säße, will er wissen. „Ich kann noch nicht gehen, ich muss noch warten, ich bin heute sehr früh aufgestanden und in aller Eile weggegangen, und dann habe ich es ­ Gott sei Dank ­ noch bemerkt“! Was sie bemerkt habe, will er wissen. „Ich war zu schnell für meine Seele, und ohne meine Seele werde ich keine guten Geschäfte abschließen. Wenn sie mich erreicht hat, gehe ich los und darum warte ich hier.“

Irgendwo habe ich gelesen, eine wissenschaftliche Studie  hätte ergeben, dass die menschliche Seele mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 28 km/h reist. Inwieweit solche Erkenntnisse ernst zu nehmen sind oder nicht, sei einmal dahingestellt.Doch unsere Seele scheint ihre ganz eigene Geschwindigkeit zu haben. Sie braucht viel Zeit, meist mehr als wir ihr geben. Wenn wir unser Leben verlangsamen wollen, dann müssen wir uns der Geschwindigkeit unserer Seele anpassen.

Die Geschwindigkeit der Seele

Am besten im Einklang mit der Geschwindigkeit unserer Seele sind wir, wenn wir gehen. Beim langsamen Gehen bewegen wir uns im Zeitmaß unserer Seele. Ihre Erfahrung mit dem Gehen und über das, was mit uns dabei geschieht, hat Verena Kast einmal so beschrieben: „… und dann stehen wir plötzlich unter einem blühenden Apfelbaum, sind gepackt von der Schönheit dieser Blüten. … und dann hört auch das Denken auf: Wir sind auf einmal eins mit diesem Baum, eins mit dem Leben als Ganzes – für einen Moment.“

Sie sei „ganz weg“ gewesen, als sie den Apfelbaum sah, obwohl sie in diesem Moment doch „ganz da“ gewesen sei. Es ist genau diese Erfahrung, die uns beim einfachen Gehen erwartet, die uns jedes Zeitgefühl, jede Hast vergessen lässt und die uns einen Augenblick lang ganz im Hier und Jetzt sein lässt. Und unsere Seele ist dabei.Wie elementar das Gehen für den Menschen und seinen Geist ist, wussten schon Aristoteles und seine Anhänger. Die liefen gemeinsam in den Wandelhallen des Lykeions in Athen auf und ab, während der Philosoph dozierte. Vom Gehen überzeugt waren die Mönche in ihren Kreuzgängen ebenso wie die bourgeoisen Flaneure im 19. Jahrhundert. Zu den bekanntesten Anhängern des Spaziergangs gehören nicht nur Michel de Montaigne, Jean-Jaques Rousseau, Robert Walser und Peter Handke, sondern auch Thomas Bernhard, der wusste: „Gehen und Denken stehen in einem ununterbrochenen Vertrauensverhältnis zueinander.“

Man kann durch einen Park joggen, ohne ihn je zu betreten. Gehen dagegen erdet, entschleunigt und entspannt. Das Wesen des Spaziergangs ist die Muße. Dabei konzentrieren wir uns bewusst auf unseren Atem und den Kontakt der Füße mit dem Boden. Die Schweizer Pädagogin Ruth Gottschall nennt das „mit den Füßen atmen“. Deshalb ist das Gehen Balsam für überreizte Nerven und eine Möglichkeit ganz bewusst in der Zeit zu leben.

Seit einiger Zeit lasse ich morgens mein Fahrrad stehen und gehe die Wegstrecke von zu Hause zu meinem Büro zu Fuß. Das Fahrradfahren erscheint mir dann zu hektisch. Ich empfinde, dass die Abfolge der Schritte meinem Rhythmus besser entspricht als das Dahinrollen.
Der Weg in mein Büro erstreckt sich auf ungefähr zwei Kilometer, nachgemessen habe ich ihn allerdings nie. Ich verlasse das Haus, gehe am Einkaufszentrum vorbei, über die Straße, hinunter zum Fluss. Dabei schaue ich mir die Vorgärten an, entdecke wie der Hibiskus blüht und die Malven in voller Pracht stehen. Ich gehe über die Brücke und den rechten Weg am Fluss, stromabwärts entlang ­ von Ost nach West. Ich sehe die Bäume, wie sie noch immer ihr sommerliches Grün tragen, schaue auf das Wasser, das sich seinen Weg durch das schlängelnde Flussbett bahnt und bin entspannt. Wie herrlich klar am Morgen die Luft noch ist und von Osten, der Laufrichtung des Flusses entlang, scheint die Sonne auf meinen Weg.
Dieses kurze Stück am Fluss wird mir mit jedem Mal, wenn ich gehe, vertrauter. Und immer wieder entdecke ich Neues: Ich bemerke wie sich der Stand des Wassers verändert, je nachdem, ob es geregnet oder die Hitze das Flussbett ausgetrocknet hat. Jedes Mal, bei jedem Spaziergang zeigt sich mir die Natur anders. Die Stimmungen der Natur und meine eigenen wechseln, mein Schritt wird mit jedem Mal fester.
Und wenn ich morgens so gehe, dann kommen mir ganz immer wieder wie aus dem Nichts Gedanken, die ich sonst so nie gehabt hätte. Indem ich mich dem Vorgang des Gehens ganz hingebe, mir gar nicht vornehme, an etwas Bestimmtes zu denken, kommen mir Ideen und verfestigen sich, wie sie das sonst nie tun. Meine Gedanken werden klar, ich weiß, was ich als nächstes tun werde und die Zweifel an meinem Tun verflüchtigen sich. Bis ich selbst nicht mehr gehe, sondern gewissermaßen gegangen werden. Wie man so schön sagt: „Es geht.
Für den Weg ins Büro brauche ich mit dem Fahrrad etwa zehn Minuten. Wenn ich gehe dreißig. Doch diese dreißig Minuten sind für inzwischen zu einer morgendlichen Meditation geworden. Zu einer willkommenen Verlangsamung meines Arbeitsalltags, einem bewussten Wahrnehmen der Welt um mich herum, einem mich-Einstimmen auf die Aufgaben des Tages. Und am Nachmittag, wenn ich den Weg wieder zu Fuß stromaufwärts zurückgehe bewege ich mich wieder weg von Arbeit und hin zu mir selbst. Ich schließe den Arbeitstag ab, entspanne, lasse alles Berufliche hinter mir und gehe langsam in einen anderen Raum.

Einfach nur Gehen

Ich möchte Sie gern ermutigen, jetzt im Herbst, wenn die Natur so voller bunter Farben ist, einfach mal nur zu gehen. Verfolgen Sie dabei kein bestimmtes Ziel und keinen besonderen Zweck. Gehen nicht „um zu“, um irgendwohin zu kommen oder um etwas zu erreichen. Das einfache Gehen ist im Gegensatz zum Joggen oder Nordic Walking auf kein Ziel fixiert. Es dient keinem Zweck und ist damit ein freies Gehen. Der Sinn des Gehens liegt im Gehen selbst: Gehen um des Gehens willen. Das Ziel ist das Gehen selbst. Weg und Ziel fallen in eins.

Achten Sie einmal besonders auf die Berührung der Füße mit dem Boden, auf die Bewegung Ihres Körpers. Dabei ist die Haltung wichtig. Wir können lernen, so zu gehen, „dass jeder Schritt uns Stabilität, Freiheit, Haltung und Transformation bringt“ (Thich Nhat Hanh). Wir gehen möglichst aufrecht, der Kopf ist gerade. Unser Gang ist nicht steif, sondern locker, geschmeidig. Der Körper befindet sich in einem Gleichgewicht von Festigkeit und Gelöstheit. Wir gehen festen, sicheren und zugleich leichten Schrittes; machen kleine, gleichmäßige, langsame Schritte. Wir gehen einfach, ohne die Aufmerksamkeit an ein äußeres Objekt zu binden.

Von dem bekannten vietnamesischen Zen-Meister Thich Nhat Hanh stammen sehr schöne Anleitungen für eine Gehmeditation. Eine davon lautet in etwa so:

Machen Sie kurze Schritte in vollkommener Gelöstheit.
Verlangsamen Sie Ihr Gehen.
Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf jeden Ihrer Schritte, achten Sie auf jede Ihrer Bewegungen und gehen Sie so mit Würde voran, ruhig und gelöst.
Setzen Sie Ihren Fuß beim Gehen behutsam, aber doch zuversichtlich auf die Erde.
Gehen Sie entspannt und sicher.
Machen Sie feste, ruhige Schritte, seien Sie wach und entschlossen.

Eine andere Gehmeditation von Thich Nhat Hanh, die uns in den gegenwärtigen Moment zurückführen kann und bei der wir ganz bewusst auf unseren Atem achten, lautet so:

Machen Sie bei jedem Ein- und jedem Ausatmen zwei oder drei Schritte.
Sagen Sie beim Einatmen: „Ich bin angekommen”, beim Ausatmen: „Ich bin zu Hause.“
Sagen Sie beim Einatmen: „Im Hier“, beim Ausatmen: „Und im Jetzt.“
Sagen Sie beim Einatmen: „Ich bin fest“, beim Ausatmen: „Ich bin frei.“
Sagen Sie beim Einatmen: „Im Letztendlichen“, beim Ausatmen: „Verweile ich.“

Wenn ich heute zu einem Spaziergang in der freien Natur aufbreche, dann sehe ich außer mir nur noch wenige Spaziergänger. Was ich sehe sind: Jogger, Mountainbiker, Nordic-Walker, hin und wieder Eltern mit ihren Kindern und ziemlich oft Frauchen und Herrchen mit ihren geliebten Vierbeinern. Auch die Bewegung in der Natur haben wir längst einem Kosten-Nutzen-Denken untergeordnet. Das Joggen nutzt unserer Muskelkraft, der Mountainbiker stählt seine Muskeln und arbeitet an seiner Ausdauer, Nordic-Walker tun etwas für ihre Gelenke, besser gesagt, sie schonen sie. Und Kinder müssen, wenn sie klein sind, unbedingt an die frische Luft, der Hund natürlich auch. Welchen Nutzen sollte es da für einen selbst haben, einfach nur zu gehen?
Die Antwort darauf weiß Thich Nhat Hanh:
Gehen, einfach gehen, wie wunderbar! Nutzlos, aber unendlich sinnvoll.“

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