Entdecke deine Weiblichkeit

In jeder Frau lebt eine Göttin. Doch die meisten verlieren im Alltag den Kontakt zu ihrer wahren Kreativität. Die gegenseitige Konkurrenz tut ein Übriges und schwächt die Verbindung zu den eigenen weiblichen Wurzeln. Was passiert aber, wenn 25 Frauen aus mehreren Ländern sich zu Schwestern verbinden und ihr wahres Potenzial freilegen? Anja Kromer hat an einem Workshop von „Wild Woman Sisterhood“ teilgenommen. Hier schildert sie Ihre Erfahrungen.

Da sitze ich nun, zusammen mit 25 Frauen aus ganz Europa, und halte diese dicke Frauenfigur aus Keramik in meinen Händen. Margo Awanata, die Seminarleiterin, lächelt mich an und schon bin ich dabei, mich in sie zu verlieben. Ihr Charisma zieht mich in ihren Bann, ihr Strahlen, ihre Lebendigkeit und ihr tiefes Wesen. Alles an ihr ist eine einzige Einladung an uns Frauen hier, uns zu öffnen und uns mit unserem Selbst zu verbinden. Zu Beginn des 2-tägigen Seminars möchte Margo, von allen wissen, mit welchen Erwartungen sie hierher gekommen sind. Die Frau mit der Keramikfigur in den Händen hat jeweils das Wort – und das bin im Moment ich. Also, warum bin ich hier? Aus einer Laune heraus habe ich mich zu diesem Seminar angemeldet. Von der Organisation Wild Woman Sisterhood und dem Workshop Wild and Sacred Feminine  in Glastonbury hatte ich im Internet gelesen. Ich bin schon lange davon überzeugt, dass Frauen mehr zusammen anstatt gegeneinander arbeiten und sich unterstützen sollten und finde es schade, dass Frauen immer einen Wettbewerb auch gegeneinander führen – ob im Job oder wenn es um Männer geht. Wir sind damit groß geworden, uns an den Erwartungen und Vorgaben von außen zu orientieren. Zudem gaukelt uns das Frauenbild in den Medien und der Werbung vor, dass wir uns dementsprechend verhalten sollten, damit wir glücklich, zufrieden, erfolgreich und liebenswert werden. In diesem Bemühen entfernen wir uns immer mehr von unserer wahren Natur, unserer Weiblichkeit und unserem inneren Wesenskern. Der Verlust des Weiblichen schmerzt deshalb immer mehr – was bleibt ist eine unbestimmte Sehnsucht nach dem, was das Weibliche wirklich sein könnte. Also habe ich mich angemeldet.

Deep into the earth we go – Deep into the earth we know

Nach der Vorstellungsrunde finden wir uns zu Zweierpaaren zusammen. Dabei sollen sich die Partnerinnen einfach nur in die Augen schauen. Einfach? Die ersten Minuten empfinde ich höchst seltsam bis anstrengend. Mehrmals bin ich versucht, meine Augen zu schließen, um so meinem Gegenüber einen Blick in meine Seele zu verweigern. Doch je mehr ich entspanne, desto besser fließen die Energien. So erzählt mir der Blick meiner Partnerin auf einmal eine Geschichte – ihre Geschichte. Intuitiv erfasse ich ihre Emotionen wie Trauer und Wut, spüre ihre Verletztheit aber auch Liebe. Plötzlich habe ich das Gefühl, diese Frau schon seit Urzeiten zu kennen. Ich fühle, wie sich unsere Geschichten miteinander verschmelzen und dass es ihr genauso geht. Uns kullern die ersten Tränen über die Wangen. „Na toll, das fängt ja gut an!“ denke ich.
Danach kommen alle wieder im Kreis zusammen und halten sich in den Armen. Margo stimmt ein Lied an. Ich versuche mich auf den Text zu konzetrieren: „Hold my hand sister, hold my hand. Deep into the earth we go. Deep into the earth we know …“ Wir halten uns fest, singen und manche weinen. Ich bin überwältigt von den Gefühlen, die mich durchfluten. Nachdem sich alle wieder ein bisschen beruhigt haben, legt Margo den Song „How could anyone“ von Shaina Noll auf. Zurück im Kreis nimmt sie zwei Frauen an die Hand, stellt sie in die Mitte und bittet die beiden, sich an den Händen zu halten und die Augen zu schließen. Die anderen fordert sie auf, die beiden Frauen in der Kreismitte zu berühren und zu streicheln oder einfach nur zu halten. So geht das eine ganze Weile, ein Paar nach dem anderen stellt sich in die Mitte des Kreises.
Ich kämpfe mit meinen Fluchtgedanken. „Will ich das wirklich?“ Ich fühle, wie mich eine große Traurigkeit überkommt. Dann werde ich wütend. Dieses Gefühlskarussell überfordert mich. Ich werde wütend – auf mich, meine Eltern, die ganze Gesellschaft. Als ich an der Reihe bin, bin ich völlig  verkrampft und kann mich anfangs gar nicht so richtig auf die Berührungen einlassen. Nach einer gefühlten Ewigkeit spüre ich dann aber doch, wie sich meine Muskeln allmählich entspannen und ich mich den Zärtlichkeiten hingeben kann. Ich lasse los und genieße dieses neue Gefühl.

Endlich im Flow – ich fühle und tanze meine Weiblichkeit

Auf die Berührungsrunde folgt eine Tanzrunde. Dabei tritt jeweils eine Frau in die Mitte des Kreises. Als ich an der Reihe bin, verzweifle ich ­schier, weil ich immer noch versuche, das ganze Geschehen hier zu analysieren. Ich fühle mich unwohl, lehne dieses Gefühl gleichzeitig ab. Also tanze ich einfach. Ich tanze bis ich keine Kraft mehr habe. Ich tanze um mein Leben! All diese Selbstzweifel, diese Minderwertigkeitsgedanken, diese Verletzungen – ich fühle und tanze. Irgendwann öffnet Margo den Kreis und wir tanzen alle wild durcheinander. Ich bin total erschöpft, lache und weine gleichzeitig. Meinen Verstand habe ich losgelassen, ausgesperrt – er soll mich doch bitte die nächsten zwei Tage in Ruhe lassen. Ich muss überhaupt nichts verstehen. Endlich bin ich im Flow und ausgelassen.
Am Morgen danach wache ich aus einem tiefen Schlaf erholt auf. Wir treffen uns vor der White Spring, einer Quelle die sich in einer Grotte befindet. Margos Aura erfüllt mich wieder total und ich bin bestimmt nicht die einzige ,die so fasziniert ist von dieser Frau. Sie hat die Präsenz einer Göttin. Wieder liegen wir uns in den Armen und singen „unser“ Lied: „Deep into the earth we go …“ Margo erklärt, dass wir nun zur Quelle gehen, um den „Drachen“ in uns zu befreien. „Okay“, denke ich und bin gespannt.
Wir bekommen einen exklusiven Zugang zur White Spring. Margo hat die geheimnisvolle Grotte nur für uns gebucht und so bleiben wir ungestört. Hier drinnen ist es stockdunkel. Meine Augen brauchen eine Zeit, um sich an das schummrige Licht, das von den vielen kleinen Kerzen herkommt, zu gewöhnen. Margo beginnt zu trommeln und wir sollen unsere Kleider ablegen. Nacktbaden ist angesagt – im 5 Grad kalten Wasser! Mein erster Gedanke: „Niemals!“ Unentschlossen und verunsichert stehe ich abseits und überlege, was ich tun soll. Ich schaue den anderen zu, wie sie sich ausziehen und sich auf den Weg ins Becken machen. „Jetzt oder nie!“ denke ich. Also ziehe ich mich aus. Mir laufen Tränen übers Gesicht. Ich schluchze, lasse einfach alles fallen – die ganze Kleidung und meine Scham.
Margo und eine Teilnehmerin schauen mich an, erkennen meine Unsicherheit  und nehmen mich in ihre Arme. Margo streichelt mir liebevoll über den Kopf und das Gesicht und will wissen, was in mir vorgeht. Ich habe keine Ahnung. „Nicht nachdenken, sage mir nur, was du fühlst,” flüstert sie. Ich fühle mich so tief in mir, dass ich es fast nicht aushalte. Ich fühle mich angekommen und angenommen wie nie zuvor in meinem Leben. Zuhause.  Margo erklärt mir, dass sich in meinem Körper und meinen Zellen ein uraltes Wissen befindet und dass ich mich dessen nun erinnere. In alten Stammesgesellschaften können wir noch sehen, wie Frauen sich versammeln. In Eingeborenenstämmen sitzen die Frauen gemeinsam im Kreis, einander die Haare kämmend, einander berührend. Sie halten einander und ihre Babys, erzählen Geschichten – lachen und weinen zusammen. Moderne Frauen kennen solche Erfahrungen kaum mehr. Und genau darum geht es jetzt: dass wir unsere weiblichen Qualitäten wie Intuition, Heilkraft, Erotik, Schönheit, Hingabe, Kreativität, Mitgefühl, Empfänglichkeit und Empfindlichkeit wieder wahrnehmen, sie feiern und miteinander teilen.
Margo nimmt mich schließlich an die Hand und führt mich zum Becken. Als ich im Wasser stehe, denke ich: „Diese Kälte halte ich nicht aus“, habe sogar Angst, ohnmächtig zu werden. Als wir alle Körper an Körper im Be­cken stehen und uns festhalten, führt uns Margo die Feueratmung vor, mit deren Hilfe wir lernen konzentriert und achtsam im Augenblick zu bleiben und unsere Körpertemperatur anzuregen.
Innerhalb weniger Minuten beginnt die Wandlung. Ich fühle keine Kälte mehr. Im Gegenteil, wir sind alle so erhitzt, dass unser Atmen zu Dampf transfomiert. Da beginne ich zu verstehen, was es mit dem „Drachen“ auf sich hat. Wie die Wilden fangen auf einmal alle an zu schreien, lachen und haben Spaß dabei. Wie kleine Mädchen hüpfen wir und bespritzen uns gegenseitig mit dem eiskalten Wasser. Ich fühle mich sauwohl und geborgen, kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so ausgelassen war.

Tanze die Amazone und die Kriegerin in dir

Nachdem sich wieder alle beruhigt haben, segnet Margo das Wasser und jede einzelne von uns. Auf diese Weise kommt jede von uns mit den verschiedenen Dimensionen des Frauseins in Kontakt. Und die erste Begegnung mit der Weiblichkeit ist eben jene mit der Körperlichkeit. Kein Frauenkörper ist wie der andere. Wir erleben eine neue Verbindung zu uns selbst und damit zur eigenen „inneren Göttin“. Völlig aufgelöst treten wir aus der Grotte wieder ans Tageslicht. Wie wir alle strahlen, wir sprühen förmlich Funken! Gemeinsam machen wir uns auf den Weg in Richtung Tor. Nach der Hälfte des Weges, auf einer geschützen Wiese, setzen wir uns im Kreis auf den Boden. Margo holt eine goldene Schale aus der Tasche und füllt sie mit Wasser, das sie aus der Quelle mitgenommen hat. Sie reicht die Schale der Frau neben ihr. Nun darf jede von uns das Wasser mit einem persönlichen Wunsch segnen. Das gesegnete Wasser wird dann in einer kleinen Zeremonie der Erde wieder zurückgegeben. Die Wünsche der Frauen werden so der Welt anvertraut. Nach dem Segnungsritual erzählt uns Margo vom Haka (zu Deutsch: Tanz), einem rituellen Tanz und Gesang der Maoris, der neuseeländischen Ureinwohner. Haka ist auch die traditionelle Weise auf Maori, sich Geschichten zu erzählen. Haka hilft, ungelebte Wut, Hass und Trauer wieder sichtbar zu machen. Haka macht aus Männern und Frauen friedvolle Krieger, die, wenn nötig, für sich und die Ihren einstehen. Das sind genau die Qualitäten, die wir brauchen, um unsere Ziele zu erreichen und um das zu bekommen, was wir wollen. Und darum geht es beim Krieger.
In den vergangenen Jahrhunderten haben wir gewissermaßen eine „Beschneidung der wilden Frau“ erlebt. So wie wir Frauen Angst vor wütenden und gleichzeitig ängstlichen Männern haben, können viele Männer schlecht mit der wilden, furiosen, kraftvollen Frau umgehen. Auch wir Frauen müssen wieder lernen, für uns einzustehen, die Aggressionen, die uns unsere „innere Amazone“ als Kraft zur Verfügung stellt, zu entde­cken, zu lenken und am richtigen Ort und zur richtigen Zeit einzusetzen. Dabei geht es auch darum, die eigenen Grenzen zu spüren und sie auch nach außen hin und anderen gegenüber zu verteidigen.

Ich fühle mich wie neugeboren

Nachdem wir nun den Haka eine Zeit lang geübt haben, sind wir bereit, uns der Welt in unserer ganzen Stärke und Schönheit zu zeigen. Margo führt uns zur höchsten Anhöhe des Tors. Dort oben sollen wir in aller Öffentlichkeit den Haka tanzen. „Oh nein“, denke ich, „muss das wirklich sein?“ Ich sehe schon, wie die Handys auf uns gerichtet sind und fühle Panik in mir. „Na toll, und nächste Woche kann ich mich dann auf Youtube bewundern! Egal, nun bin ich den Weg bis hierher gegangen, dann werde ich auch noch bis ans Ende gehen.“ Langsam gehen wir den Weg hinauf zum Hügel. Oben angekommen, formieren wir uns im Kreis. Margo stimmt wieder unser Lied an. Einige Menschen versammeln sich um uns herum und schauen uns neugierig zu. Margo gibt das Startzeichen. Wir führen alle gemeinsam den Haka auf. Danach gröhlen und hüpfen wir umher, liegen uns in den Armen. Unser Publikum dankt es mit einem mächtigen Applaus. Ich fühle mich wie neugeboren.

Wir waren Fremde und gehen als Schwestern auseinander

Wenn alle Frauen ihre wilde, entschlossene Weiblichkeit für Frieden und Freiheit einsetzten, dann könnten sie eine Welle der Veränderung ins Rollen bringen. Wenn wir unser Herz öffnen und es frei strahlen lassen, wird Nähe möglich. So könnten wir wieder lernen, uns als vollständige sexuelle Wesen zu begreifen, Erotik im Körper wahrzunehmen und zu feiern. Wir könnten unsere Männer entlasten und auf eine integere und würdige Art – auf Augenhöhe – miteinander umgehen und aufeinander zugehen. Meine Vision: Wenn wir als Königin wieder in unser Land einzögen, dürfte auch der Mann wieder
König in unserem Reich sein. Das Seminar Wild and Sacred Feminine hat mich zu einer anderen Frau gemacht. Ich konnte mich in eine neue Frauenkultur fallen lassen, in der wir einander stärken, nähren und uns in all unseren Aspekten willkommen heißen. Sich auf diese Weise zu berühren, bedingungslose Liebe zu erfahren, umsorgt zu werden und alle Gefühle, so wie sie sind, da sein zu lassen, ist eine der heilsamsten Erfahrungen, die ich jemals gemacht habe. So erfüllt und genährt können wir der Welt mit Freude begegnen und wahre Wunder vollbringen. Wir sind uns als Fremde  begegnet und gehen auseinander als Schwestern – in tiefer Verbundenheit und großer Liebe.

Anja Kromer

Artikel aus unserer Ausgabe bewusster leben 05-2016

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