Erleuchtung verzweifelt gesucht

0

Als sie in einer Lebenskrise nicht mehr weiter weiß, begibt sich Gaby von Thun auf Sinnsuche. Sie landet bei einer Hexe, entdeckt die Numerologie und das Hellsehen, praktiziert Ayurveda und versuchte sich mit Meditation. Wie es ihr auf der Suche nach Erleuchtung ging, beschreibt Sie hier. Von Gaby von Thun

„Bist du des Wahnsinns?“, ruft Hilde. „Du kannst denen doch nicht dein ganzes Vermögen in den Rachen werfen!“ Hilde ist meine reiche, aber notorisch sparsame Nachbarin, und ich habe ihr gerade erzählt, was meine Ayurveda-Kur inklusive Yoga und Meditationskurs auf Sri Lanka gekostet hat.

Erleuchtung kostet

„Aber du, du tust doch auch was für dich!“, erwidere ich und meine damit die Schönheitsoperationen, bei der ihr die Haut inzwischen so straff über das Gesicht gezogen wurde, dass für Mimik wenig Spielraum bleibt. Mit den hochgezurrten Augenbrauen ist das fassungslose Staunen in ihrem Gesicht sozusagen eingemeißelt. „Du musst Vorher und Nachher vergleichen“, fordert Hilde. „Ich sehe nachher eindeutig jünger aus. Und du? Wie siehst du dann aus? Klüger? Erleuchteter?“ Gleich am Nachmittag bringt sie mir ein Buch plus CD vorbei. Sie hat es aus der Bibliothek extra für mich ausgeliehen. Es handelt sich um einen Meditationskurs für Einsteiger, den ich vier Wochen lang behalten kann – und das alles völlig kostenlos, wie Hilde betont.

Erleuchtung ist gar nicht so leicht

Ich lege den Kurs aufs Regal. Und vergesse ihn sofort wieder. Erst einen Tag bevor die Leihfrist endet, fällt er mir wieder in die Hände. Da ich fürchte, dass Hilde mich fragen wird, ob mir der Kurs bei der spirituellen Weiterentwicklung helfen konnte, setze ich mich hin und lese das erste Kapitel.
Dort erfahre ich, dass alle eins Komma zwei Sekunden ein neuer Gedanke in mein Bewusstsein einbricht, der dort Unruhe stiftet und verarbeitet werden will. Und das im Wachzustand genauso wie im Schlaf. Mein Gehirn wird also ständig mit Gedanken beschossen – wie eine Mailbox ohne Spamfilter. Je voller der Speicherplatz, desto unkonzentrierter wird der Besitzer des Gehirns, was vor lauter Erschöpfung sogar zu Depressionen führen kann. Man kann allerdings auch etwas dagegen unternehmen. Wie zahlreiche neurologische Studien bewiesen hätten, lasse sich mithilfe der Meditation das Gehirn beeinflussen. Man kann ihm beibringen, zur Ruhe zu kommen – statt auf Hochtouren eine Gedankenflut zu produzieren, die ohnehin keiner braucht. Dazu benötigt man als Erstes einen harmonischen Meditationsplatz mit guter Schwingung und mindestens einer weißen Wand, auf die man starren kann. Um ungestört zu sein, soll man einen Zettel an die Türe hängen und das Handy ausschalten. Dann braucht man bequeme Kleidung, ein Meditationskissen und eine Klangschale. Ganz so kostenlos, wie Hilde sich das vorstellt, geht es anscheinend doch nicht. Ich ziehe meine Schlafanzughose an und nehme mit dem Sofakissen vorlieb. Auf die Klangschale verzichte ich vorerst. Auf was ich keinesfalls verzichten sollte, so das Buch, ist jedoch eine Eieruhr, die mich nach zwanzig Minuten aus der tiefen Trance erwecken soll, in die ich mich gleich begeben werde. Die Stoppuhr auf meinem Handy tut’s auch, denke ich mir und schalte mein Handy wieder ein. Dann bin ich so weit. Ich mache die CD an und setze mich mit der notwendigen Ernsthaftigkeit auf das Sofakissen, leicht erhöht und nicht im einfachen Schneidersitz, sondern im Beinahe-Lotossitz. Da dröhnen viel zu laut japanische Zen-Flöten aus den Boxen.

Erleuchtung über den CD-Player

Ich entknote hektisch meine Beine und eile zurück zum CD-Player, um die Lautstärke zu reduzieren. Dann hastig zurück zum Kissen. Die weibliche Stimme, die mich zur Meditation begrüßt, klingt so penetrant einfühlsam und liebenswürdig, dass ich ihr kein Wort glauben kann. Während sie mich säuselnderweise ermuntert, mich auf meinem Kissen aufzurichten wie ein sitzender Wachtposten vor dem Buckingham-Palast, lümmelt diese Person wahrscheinlich gemütlich auf den Daunenkissen ihres Designersofas. Bevor ich zum entspannten Atmen übergehen darf, will die Dame von der CD, dass ich mich erst einmal von den Zehenspitzen bis zum Scheitel hoch anspanne. Bis zum Scheitel? Wer in aller Welt kann denn bitte seinen Scheitel anspannen! Diese Meditationsanleitung kommt mir vor wie manches gut klingende Kochrezept, bei dem man beim Nachkochen merkt, dass der Koch es nie selbst ausprobiert hat. Da fängt die Person schon wieder davon an, denn jetzt soll ich mich entspannen – und zwar vom Scheitel bis zu den Fußspitzen. Ich ignoriere den Scheitel und spüre, wie von der honigsüßen Stimme befohlen, den Kontrast zwischen Anspannung und Entspannung.

Zur Autorin: Gaby von Thun (54) war viele Jahre als Modedesignerin tätig. Sie interessiert sich für spirituelle Themen, hat den Dalai Lama interviewt und zwei Bücher geschrieben („Auf der Suche nach Gott“ und  „Der liebe Gott sieht aus wie ein Elefant, oder?“) Sie lebt in München und war mit dem Schauspieler Friedrich von Thun verheiratet. Ihre Erfahrungen mit der Erleutung gibt sie in ihrem Buch “Erleuchtung verzweifelt gesucht” (erschienen im nymphenburger verlag) weiter.

Den ganzen Artikel und mehr finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 02-2016

Share.

Hinterlass eine Antwort