Es sind die kleinen Dinge, die uns stärken

Nachdem Katharina Afflerbachs Bruder tragisch ums Leben kam, steht für sie die Welt still. Doch dann macht sie sich auf die Suche nach Menschen mit einem ähnlichen Schicksal und will wissen, wie es ihnen gelungen ist, trotz allem das Gute im Leben zu sehen. Was sie dabei herausgefünden hat, erklärt sie in unserem Interview.

Frau Afflerbach, Sie haben mit vielen Menschen gesprochen, die einen Schicksalsschlag erlebt haben. Was haben Sie daraus mitgenommen?
Dass es die kleinen Dinge sind, die uns stärken. Wenn ein Schicksalsschlag wie ein Tsunami durch dein Leben fegt, hast du am Anfang nicht die Kraft, über ein neues Lebenskonzept nachzudenken. Du kannst vielleicht überhaupt nicht mehr klar denken. Doch es kommt der Tag, an dem du kleine Schritte machen kannst. Vielleicht kannst du dir eine neue Gewohnheit zu eigen machen, die dir guttut, zum Beispiel morgens vor der Arbeit spazieren gehen oder Tagebuch schreiben. Es ist gut, möglichst kleine Rituale zu wählen, die du auf jeden Fall schaffen kannst, sei es der Kissenduft, den du morgens nach dem Bettenmachen auf dein Kissen aufträgst, die Kerze, die du beim Abendessen anzündest, oder diesen einen lieben Satz, den du jeden Tag zu dir selbst sagst. So entsteht mit der Zeit ein Puzzle aus Bausteinen, die deinen Tag erhellen. Bis du irgendwann die Kraft für größere Veränderungen hast.

Bedeutet das auch für das Umfeld von Betroffenen, dass es vor allem die kleinen Gesten der Anteilnahme sind, die wichtig sind?
Die kleinen und die lebenspraktischen. Eine tröstliche Berührung, eine SMS, eine Postkarte, ich denke an dich, ich bin für dich da, mehr braucht es oft nicht. Auch Zuspruch tut gut: „Du machst das alles gut. Du bist tapfer und stark.“ Außenstehende sollten darauf achten, Betroffene mit ihrer Zuwendung nicht zu überfordern. Sie dürfen auch nicht beleidigt sein, wenn keine Reaktion kommt. Manche Trauernde nehmen auch gerne lebenspraktische Unterstützung an, sei es die Suppe, die vor der Haustür abgestellt wird, der Einkauf, der erledigt wird, oder dass die Kinder für ein paar Stunden versorgt werden.

Vor fünf Jahren starb Ihr Bruder, vor drei Jahren Ihr Cousin, vor zwei Jahren Ihre Freundin. Zwei Unfälle, ein verlorener Kampf gegen Brustkrebs. Was ist Ihnen bei der Bewältigung dieser Schicksalsschläge am schwersten gefallen?
Zu akzeptieren, dass ich keinen Einfluss habe. Dass ich machtlos bin und die geliebten Menschen weder retten noch zurückholen kann. Fait accompli. Du kannst nichts tun und hast dann noch die Aufgabe, dein eigenes Leben weiterzuleben, unter gewaltsam veränderten Rahmenbedingungen. Das ist eine riesige Schere, die man im Kopf und im Herzen zusammenbringen muss.

Katharina Afflerbach ist SPIEGEL-Bestsellerautorin, Coach und Veränderungsmanagerin. Sie beschäftigt sich in ihren Büchern mit Schicksalsschlägen und deren Bewältigungsstrategien, thematisiert auch ihre eigenen Erfahrungen und gibt anderen Menschen dadurch Kraft. Dabei zeigt sie Wege auf, mit Zäsuren im Leben fertigzuwerden. www.ideen-afflerbach.com

Buchtipp: Katharina Afflerbach, Manchmal sucht sich das Leben harte Wege, Goldegg Verlag, 19,95 Euro.

Den ganzen Beitrag finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 1/2022

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