Expedition zur eigenen Kraftquelle

Sie hat sich getraut. Die 18-jährige Mariele Diehl sehnte sich nach der Stille und brach dann einfach in die atemberaubende Berglandschaft Norwegens auf. Was sie dabei erlebte, beschreibt sie hier.

Ich, 18 Jahre, chronisch unsportlich, bin Meisterin darin, zu träumen und gleichzeitig Tatsachen zu verdrängen. Und mein Traum war es, drei Wochen lang fern von der Zivilisation allein mit meinem Zelt in den norwegischen Bergen wandern zu gehen. Die Tatsache, dass meine Kondition und Fitness für ein solches Vorhaben völlig unzureichend waren, hatte ich komplett ausgeblendet.

Auf der Suche nach Stille

Doch dann war ich da: in Norwegen, am Fuß des Jotunheimen Gebirges, das majestätisch vor mir in die Höhe ragte. Meine erste Etappe: Der Besseggen Grat. Eine berühmtes Wanderziel, das viele Outdoor-Touristen anlockt. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass diese Strecke als „medium“ in meinem Wanderführer gekennzeichnet war, aber wahrscheinlich nur für abgehärtete Norweger. Meinen Rucksack hatte ich schon bei der Fähre abgegeben, die ihn für mich an das Ende meiner Etappe verschifft hat, sodass ich wenigstens nicht an meinem ersten Tag 15 Kilo auf dem Rücken mit mir herumschleppen musste. Der Anfang war sehr anstrengend, doch irgendwann fiel es mir leichter, ich kam in den „Flow“. Zum Teil musste ich steile Felswände an Drahtseilen hochklettern. Dann, oben angekommen, wurde es magisch. Plötzlich war ich alleine, kein anderer Wanderer war da und unter mir lag der schönste Ausblick, den ich je bewusst wahrgenommen hatte. Der riesige Gjendesee lag friedlich in der Schlucht, golden von der Spiegelung der Sonne, umgeben von Bergen und Gletschern, die sich in alle Richtungen bis an den Horizont zogen.
Ich spürte ein tiefes Glück in mir, eine Ruhe und einen Frieden. Etwas, was schon immer da gewesen ist. Und plötzlich verstand ich diesen Drang, warum ich all das alleine machen wollte, warum ich weg von der Zivilisation in die Einsamkeit wollte: Ich brauchte dringend Stille, damit ich diesen inneren Frieden hören konnte. Sonst bin ich immer umgeben von anderen, von dem Tosen ihrer Gefühle und Probleme, von Chaos und Unfrieden, ja auch von meinen Problemen und meinem Unfrieden – bin auch ein Teil dieses Sturms da draußen.

Selbstliebe als Schutzschild

Als sensibler Mensch sauge ich stets alle Emotionen und Unzufriedenheiten der anderen wie ein Schwamm auf. Und jetzt auf einmal – ohne fremde Probleme, ohne fremde Last – bemerke ich endlich diesen Frieden, der in mir ruht, dieses Glück, das schon immer tief in meiner Seele gewohnt hat. Mir wird klar, dass es – in was für einem Sturm ich auch immer bin – diesen ruhigen, warmen, friedlichen Ort in mir gibt.
Ich bin befreundet mit mir selbst. In mir macht sich ein tiefes Vertrauen breit – ja, und auch eine Liebe. Und diese Liebe braucht keine Gründe und keine Berechtigung, nein, sie ist meine stärkste Antriebskraft, meine tiefste Quelle des Glücks. Sie ist mein Schutzschild. Und als wäre es ein Omen schwebt plötzlich nur einen Meter über mir ein gigantischer Rabe im Wind. Doch Sekunden später wird genau dieser Schutzschild schon auf die Probe gestellt. Mir wird klar: Ich bin noch gar nicht oben. Stets kommen neue Gipfel, wieder sinkt mein Mut. Als ich dann endlich an der höchsten Stelle angekommen bin, bin ich erleichtert und außer Atem. Jetzt geht es nur noch bergab. Gott sei Dank!
Doch der Abstieg über den Besseggen Grat (in 1000 Meter Höhe) entpuppt sich als schwerster Teil der Strecke. Auf dem Hintern quäle ich mich über eine Stunde den Berg hinunter, rutsche mehrfach aus und wäre beinahe in den tausend Meter tiefen Abgrund gefallen. Auf der Hälfte des Abstiegs mache ich eine Pause und schaue in meinen Reiseführer.
Mein Herz rutscht mir in die Hose – nach dem Abstieg habe ich erst die Hälfte der Wanderstrecke geschafft! Der Besseggen Grat ist nicht etwa dieser gewaltige Berg, den ich fast hinter mir habe, sondern die Verbindung zwischen zwei Bergen. Und der zweite Berg ist noch einmal genauso hoch. Dabei habe ich jetzt schon keine Kraft mehr. Panik steigt in mir auf, Bilder von einer Bergrettung im Helikopter, einer Nacht im Freien tauchen in mir auf. Ich atme tief durch, versuche die Bilder beiseite zu schieben und mich auf ein kleines Ziel zu konzentrieren: Den Rest des Abstieges. Unten wartet nämlich ein Bergsee mit frischem Wasser, meine Flasche ist schon lange leer. Ich mobilisiere meine verbliebenen Kräfte und meinen letzten Mut bis nach unten und stolpere mit zitternden Beinen zum See.

Mein Entschluss steht fest: Ich schaffe das!

Ich kniee am See und mein Hirn rattert. Der halbe Weg liegt noch vor mir. Mein Rucksack ist schon am Ende der Etappe – es gibt keine Chance, den Weg abzukürzen. Hilfe kann ich auch nicht rufen, mein Handy-Akku hat sich verabschiedet, andere Wanderer anzusprechen trau ich mich nicht. Neben mir hüpfen quietschfidele Kleinkinder, ich kann doch jetzt nicht als gesunde 18-Jährige schlapp machen.
Also fasse ich einen Entschluss: „Ich schaffe das!“ Zuerst brauche ich neue Energie. Ich trinke ganz viel Wasser, esse mein Proviant und döse ein wenig in der Sonne. Irgendwann, als ich nicht mehr ganz so zittrig bin, wage ich mich an den zweiten Aufstieg. Auch hier muss ich klettern. Es geht überraschend gut. Ich setze mir kleine Ziele und schiebe die Zweifel weg – die nützen mir jetzt sowieso nichts. „Ich schaffe das“, sage ich mir immer wieder. „ICH SCHAFFE DAS!“
Oben angekommen muss ich noch weiter hinauf, versuche nicht zu verzweifeln. Ein Grund, weshalb ich es überhaupt bis hier hin geschafft habe, war doch, dass ich dachte, dann sei es vorbei. Nun geht es aber immer weiter. So hangele ich mich von Aufstieg zu Aufstieg. Stets denke ich, es sei der letzte, stets werde ich enttäuscht. Die schöne Landschaft zählt nicht mehr, was zählt, ist nur noch anzukommen. Ich fange an, die Bergspitzen zu umrunden, um Kraft zu sparen – laufe querfeldein. Es wird immer wärmer. Ich habe keine Sonnenmilch dabei.
Doch irgendwann nach endlosen Stunden bin ich dann am letzten Gipfel. Ich zittere vor Müdigkeit. Die Erschöpfung sitzt mir tief in den Knochen. Andere Wanderer sind schon an mir vorbeigezogen – ich bin allein. Vor mir liegt der zwei Kilometer lange Abstieg von über 800 Höhenmetern. Ich bin zu erschöpft, um noch Panik zu verspüren. Ich kraxle und kraxle, zittere und zittere, knicke immer wieder gefährlich um. Die Sonne brennt erbarmungslos auf mich herab.

Ich habe meine Kraft gefunden

Irgendwann falle ich wieder hin, bleibe liegen, drücke mich in den Schatten eines Felsens und fange an zu weinen. „ICH SCHAFFE DAS NICHT MEHR!“ Mein Kopf dröhnt, meine Haut brennt, ich habe einen Sonnenstich. Ein unfassbare Müdigkeit drückt mich nieder und ich möchte einfach fallen, hinein in das schwarze Nichts – will nichts mehr spüren und schließe meine Augen.
Plötzlich muss ich an den ersten Gipfel denken. An meine Erkenntnis, die ich dort hatte. Mir fällt ein, wie ich oben auf dem Berg saß, der gigantische Rabe über mir, verheißungsvoll und magisch. Ich denke an den Frieden in mir, die Quelle meines Glücks. Dafür muss ich kämpfen. „Ich schaffe das. Ich schaffe das. ICH SCHAFFE DAS!“ Ich ziehe mich mühsam hoch und stolpere weiter, schaue nur noch auf den nächsten Schritt, mache keine Pausen. Fange an, mächtig zu zittern, meine Knie werden immer weicher, meine Haut brennt. Doch ich gehe weiter.
Und plötzlich ist der Gasthof ganz nah. Mit allerletzter Kraft stolpere ich hinunter zu ihm, hole meinen Rucksack und falle ins Gras. Zuerst fühle ich mich elendig. Ich weine, rufe meine Eltern an. All meine Träume, Erkenntnisse, das Abenteuer, das ich mir ausgemalt habe, zerplatzen vor meinen Augen und ich falle hart auf den Boden der Realität: Ich bin einfach nicht für das Trekking in Norwegen geschaffen und werde meinen Ausflug abbrechen.
Am nächsten Tag bleibe ich im Zelt. Ich fühle mich immer noch zu schwach, um richtig zu laufen. Ich esse, schlafe und verarzte meinen Sonnenbrand, fühle mich ernüchtert und desillusioniert.
Dieses Gefühl bleibt – bis zu jenem Punkt, an dem ich all das verarbeite und in mein Tagebuch schreibe. Wie ich alles so notiere, da erkenne ich plötzlich, dass ich es am Ende doch geschafft habe. Ich habe meine Erkenntnis des Vormittags nicht zerstört – ich habe sie wahrgemacht. Ich habe trotz Sonnenbrand, trotz vollkommener Erschöpfung, trotz wahrscheinlich baldigen Abbruchs meiner Reise nichts in Jotunheimen verloren. Nein, ich habe dort etwas gefunden, etwas was schon immer in mir verborgen war: meine eigene Kraft! So schnulzig das auch klingen mag, so wahr ist es doch. Meine Reise hat mich stärker gemacht. Sie hat diesen Ort in mir, an dem meine Kraft zu Hause ist, stärker gemacht. Jetzt schaffe ich auch alle anderen Berge im Leben.
Da kommen mir die Tränen – so groß scheint mir diese Erkenntnis. Ich habe mich getraut, ein Abenteuer erlebt, – meine eigene Heldinnenreise. ICH HABE ES GESCHAFFT!

Mariele Diehl, 18 Jahre, ist Psychologiestudentin, Harfespielerin, große Schwester, Träumerin und Weltenbummlerin. In ihrer Freizeit schreibt sie eigene Geschichten und Lieder. Das südliche Afrika ist ihr zweites Zuhause – ihre Mutter ist dort aufgewachsen. Mariele ist deshalb schon von klein auf regelmäßig dort gewesen. Mit 15 Jahren hat sie drei aufregende Monate in Namibia bei einer Oshiwambo-Familie gewohnt. Die selbsternannte Hobby-Philosophin liebt das Reisen und taucht gern in die Natur und andere Kulturen ein, um sich davon inspirieren zu lassen.

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 2/2019

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