Für welches Problem ist die Krise eine Lösung?

Businesscoach Alexander Graf von Bullion und seine fünf Tipps für den Umgang mit beruflichen Lebenskrisen.

Jeder kennt schwierige Zeiten. Eine Trennung, Jobverlust, Unternehmenspleite, schwere Krankheit… Zu einer Lebenskrise wird es, wenn unsere Identität davon betroffen ist. Aus der psychologischen Forschung wissen wir, dass die auf 5 Säulen ruht. Bei einer Lebenskrise geraten diese Säulen ins Wanken.

  1. Arbeit und Leistungsfähigkeit
  2. Körper und Gesundheit
  3. Soziale Beziehungen
  4. Materielle Sicherheit
  5. Werte und Ideale

Beruf als zentrale Säule des Lebens

Eine zentrale Säule ist der Beruf. Da hängt Zufriedenheit dran, Selbstwirksamkeit, Erfolgserlebnisse, Bestätigung… Außerdem natürlich auch deine finanzielle Sicherheit. Wenn‘s im Job nicht gut läuft, wirkt sich das oft auch auf die privaten Beziehungen aus und auf die Gesundheit. Wir sehen: Wenn diese Säule ins Wanken gerät, dann können auch schnell die anderen Lebensbereiche gefährdet sein.

Viele Jobs sind aktuell gefährdet

In meiner Tätigkeit als Businesscoach begegnen mir viele Beispiele dafür. Gerade in Zeiten wie diesen. Viele Jobs sind aktuell gefährdet. Die Gründe dafür: Klimakrise, Krieg, Rohstoffmangel, Energiepreissteigerungen, instabile Lieferketten, Inflation… Es gibt aber auch andere Beispiele: Ein Freund von mir war Führungskraft in einem Konzern. Als dieser mit einem anderen Konzern fusioniert ist, gab es für ihn plötzlich keinen Platz mehr. Die monatelange Unsicherheit hat ihn fertig gemacht.

Gerade in den Teams größerer Unternehmen beobachten wir auch vermehrt, dass Leute längerfristig krank werden. Stichwort: Burnout. Im schlimmsten Fall verlierst du dann deinen Job, oder schaffst es gar nicht mehr, beruflich fußzufassen

1. Abschied vom Alten

Wer in eine Krise kommt, will das häufig nicht wahrhaben. Deshalb ist es wichtig, anzuerkennen, dass eine Krise vorliegt. Die Krise anzunehmen bedeutet, zu akzeptieren, dass das Alte vorbei ist und auch nicht mehr wiederkommt. Das ist traurig. Und es braucht Zeit. Aber wir kommen besser durch eine Krise, wenn wir nicht versuchen, am Alten kleben zu bleiben. Das ist einer der häufigsten Fehler, die ich sehe. Eine Klientin hatte mit Mitte 50 ihren Job verloren. Danach war es schwer, beruflich wieder fußzufassen. Sie empfand die Entlassung als ungerecht und konnte jahrelang über nichts anderes sprechen. Viele Freunde hatten sich deshalb bereits von ihr abgewandt. Kurz nachdem sie sich in der Beratung ihrer Trauer gestellt und einen Abschied für den verlorenen Job gefunden hatte, konnte sie damit beginnen, eine erfolgreiche Selbstständigkeit aufzubauen.

2. Finde eine neue Perspektive auf die Krise

Eine Krise ist immer auch eine Lösung für ein Problem. Dem kommst du auf die Spur, indem du Dich fragst: Was ist vielleicht das Positive an dieser Krise? Vielleicht hast Du deinen Job verloren und bemerkst dann: »Hey, es gibt Berufe, die noch viel besser zu mir passen als der Alte!« Dann könntest du die Krise als einen notwendigen Einschnitt sehen. Als etwas, das tolle Chancen eröffnet. Viele Krisen sorgen dafür, dass im Leben Freiräume entstehen. Zunächst fühlt sich das vielleicht bedrohlich an, wie ein schwarzes Loch. Aber dieses Loch kannst du mit etwas füllen, was noch besser ist als das, was vorher da war.

In dieser Phase kannst du dir Fragen stellen wie:

  • Was ist mir wirklich wichtig, was möchte ich eigentlich?
  • Wie möchte ich meine Lebenszeit verbringen?
  • Wo möchte ich hin?

Im Coaching gehen wir noch viel tiefer auf diese Fragen ein. Außerdem entwickeln wir die konkreten Schritte, mit denen du dahin kommen kannst. Wenn wir aus dem Loch heraus und zurück in unsere Gestaltungskraft kommen, macht das Leben auch wieder Spaß.

3. Tipp: Nimm professionelle Hilfe an

In Lebenskrisen verabschieden wir uns immer auch von wichtigen Bezugspersonen. Von Kunden, Kollegen, Freunden, Partnern… Und je nachdem wie schwer die Krise ist, kann es auch mit engen Freunden und Familie mal zeitweise nicht so einfach sein. In so einer Situation darfst du dich fragen: Wer würde mir jetzt guttun? In vielen Fällen hilft professionelle Unterstützung. Da geht es nur um dich und das fühlt sich echt gut an. Wahrscheinlich ist das der beste Tipp, um gut durch Krisenzeiten zu kommen.

4. Tipp: Wenn Du’s eilig hast – mach langsam

Dieser Tipp klingt vielleicht paradox: Harre ein wenig aus, wenn du tief im Loch bist. Gesundheitliche Krisen sind ein gutes Beispiel. Ein Klient von mir hat sich sein Leben lang wahnsinnig überarbeitet. Mit Anfang 50 kam der Burnout. Von heute auf morgen konnte er nicht mehr aus dem Bett aufstehen. Er musste sich eingestehen, dass er jahrelang Raubbau an seinem Körper betrieben hatte. Es hat ihm danach gutgetan – plakativ gesagt – einfach mal drei Monate mit der Wärmflasche im Rücken auf dem Sofa zu sitzen. Nix zu machen. Nicht mal Fernsehen. Natürlich ist er auch schnell wieder ins Tun gegangen. Aber dieses Tun war darauf ausgerichtet, die Batterien aufzuladen.

5. Tipp: Geh spielerisch an das Neue heran

Nach einer beruflichen Krise hast Du vermutlich keine Lust, direkt in die nächste Tretmühle zu kommen. Und das ist gut, denn jetzt besteht die Möglichkeit, um dich auszuprobieren. Habe nicht direkt den Anspruch, dass das nächste Ding perfekt sein muss. Schau stattdessen, in welche Richtung es gehen könnte. Wenn es dir gelingt, Ausprobieren und Experimentieren als eine generelle Lebenshaltung in dieser Lebensphase anzuerkennen, bist Du auf dem besten Weg. So kommst du in etwas Spielerisches, in etwas lustvoll-gestaltendes. Und vermeidest die nächste Tretmühle.

Zusammengefasst: 5 Schritte für den Ausweg aus der beruflichen Krise

  1. Die Krise annehmen
  2. Sich vom Alten verabschieden
  3. Sich Unterstützung suchen
  4. Die Chancen in der Krise finden
  5. Einen konkreten Plan machen, wie man aus der jetzigen Situation zu dem Leben kommt, was man eigentlich will.

Wer Frühwarnsignale ernst nimmt, kann Krisen vermeiden

Bei dem Klienten mit Burnout hat schon vorher der Körper gestreikt. Er war oft krank, lag mal länger mit Grippe flach. Seine Frau hat ihm dann gesagt: »Mensch, nimm Dir doch mal Zeit, um krank zu sein. Schmeiß doch nicht immer sofort Aspirin rein!« Hat er nicht drauf gehört. Nicht mal als ein Kollege von ihm gezeigt hat, wo das hinführen kann. Familienvater, Mitte 40, erfolgreicher Geschäftsmann, zwei kleine Kinder, verheiratet, Triathlet… Den hat eines Morgens die Assistentin auf dem Boden des Büros gefunden. Todesursache: Herzinfarkt wegen verschleppter Grippe. Da hätte man schon mal hinsehen können und sich darüber klarwerden müssen: »Ich bin auf dem gleichen Weg wie der. Vielleicht sollte ich mir mal überlegen, etwas anders zu machen.«

Die Forschung sagt: Lebenskrisen sind wichtig für persönliches Wachstum

In unserer Gesellschaft lernen wir, dass Gefühle nicht gewollt sind. Gerade im Business lernen wir, uns einen Panzer anzulegen und Gefühle nicht zuzulassen. Die amerikanische Psychologin Brené Brown hat herausgefunden, dass wir damit auf dem Holzweg sind. Ihre Forschung zeigt, dass der Schlüssel zu Widerstandsfähigkeit und einem glücklichen Leben darin besteht, diesen Panzer abzulegen und sich verletzlich zu zeigen. Der Forscher und Essayist Nassim Taleb nennt das Antifragilität. Auch die Persönlichkeitsforschung konnte beweisen, dass Lebenskrisen etwas Gutes sein können. Sie regen die persönliche Entwicklung an und helfen Menschen dabei, aufs nächste Level zu kommen.

Kann man sich vor Burnout schützen?

Lebenskrisen entstehen daraus, dass wir uns mit den 5 Säulen identifizieren. Die Wissenschaft hat aber herausgefunden, dass es Identität jenseits von Job, Geld, Haus, Auto, Beziehungen, Werten und so weiter gibt. Menschen, die ihr Selbst davon lösen können, sind quasi immun gegen Überlastung und Burnout. Viktor Frankl und Aaron Antonovskys Forschung mit Überlebenden des Holokaust gewähren da tiefe Einblicke. Brené Brown konnte diese Erkenntnisse empirisch untermauern, ebenso Jane Loevinger und Susanne Cook-Greuter. Für meine Klienten habe ich diese Wissenschaft zusammengefasst und daraus Tools für den Alltag entwickelt. Im Coaching lernen sie die konkreten Fähigkeiten und werden dadurch stressresistenter.

Entwickle deine Verletzlichkeit zu einer Schlüsselkompetenz

Für den Alltag heißt das: Mach dich ein stückweit verletzlich und angreifbar. Lass dich auf einer emotionalen Ebene berühren und mach deine Erfahrung damit. So merkst du, wenn eine Herausforderung auf Dich zukommt. Frage dich dann: Wie kann ich mich weiterentwickeln? Und wie kann ich das Problem lösen?

Verletzlichkeit gilt heute als der beste Weg, um gestärkt aus Krisen hervorzugehen. Unser Panzer soll vor Schmerz schützen. Aber die traurige Wahrheit ist: Er hält auch viel Positives von uns ab. Diese Dinge wieder zu spüren macht Spaß und bereichert dein gesamtes Leben. Nicht nur deinen Beruf.

Alexander Graf von Bullion ist gelernter Medienkaufmann Digital & Print. Er studierte BWL & Management und ist ausgebildeter Systemischer Coach und Körperpsychotherapeut. Nach beruflichen Stationen im Medienkonzern, in der Aus- und Weiterbildungsbranche, im Non-Profit-Sektor und in der Unternehmensberatung machte er sich 2018 selbstständig. Heute ist er als Berater und Business-Coach für Selbstständige und Unternehmer mit bis zu 25 Mitarbeitenden tätig. Weitere Infos: www.alexandergrafvonbullion.de

Diesen Artikel teilen

Weitere Beiträge

Mutig durchs Leben gehen

Ängste und Blockaden: Diese Probleme beschäftigen schon die Kleinsten unter uns. Die Pandemie hat die Problematik verschärft.

Der Zauber eines weißen
Blatt Papiers

Lea Marti zeigt, wie begleitetes Malen dir dabei hilft, die Angst vor Veränderung loszuwerden und dich auf eine Reise zu deinem authentischen Ich nimmt – jenseits aller gesellschaftlichen Doktrinen. Farbe, ein weißes …

Schreiben Sie einen Kommentar