Gemeinsam auseinandergehen – Wie eine Trennung gelingt

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Was als große Liebe begonnen hat, endet oft in Trennungsschmerz und bitterem Streit. Aber das muss nicht sein. Entdecken Sie, wie Sie negative Gefühle loslassen und mit geheiltem Herzen positiv in die Zukunft gehen können.

Ehen werden im Himmel geschlossen, aber auf Erden gelebt, sagt das Sprichwort. Wie schwierig dies ist, spiegelt sich auch darin, dass 40 Prozent aller Erstehen und 60 bzw. 70 Prozent aller Zweit- und Drittehen geschieden werden. Trennungen sind also ein zwar unerwünschter, aber häufiger und wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Weil wir dies wissen, nehmen sich die meisten Paare vor, wenn es denn sein muss, dann wenigstens „mit Anstand“ auseinanderzugehen – auch wegen der Kinder, die darunter möglichst wenig leiden sollen. Doch dann werden wir von Kränkung und Schmerz so sehr gebeutelt, dass wir dazu kaum noch in der Lage sind. Warum ist das so? Die moderne Hirnforschung hat gezeigt, dass die Zurückweisung, die mit jeder Trennung verbunden ist, im Gehirn dieselbe Alarmbereitschaft auslöst wie eine Bedrohung auf Leben und Tod. Das Kappen einer Beziehung löst eine riesige Angst in uns aus und verringert unsere Fähigkeit, Emotionen unter Kontrolle zu halten.
Bei einer Trennung wird uns eine schwerwiegende Entscheidung abverlangt: Lassen wir unseren destruktiven Impulsen freien Lauf und ziehen uns vom Partner völlig zurück, um unser Herz vor künftigen Verletzungen zu schützen? Oder gelingt es uns, diese tragische Erfahrung als Chance zu begreifen und am Ende klüger, tiefgründiger, reifer und liebesfähiger daraus hervorzugehen?

Vom Trennungsschmerz zu neuem Lebensmut

Schmerz und Trauer sind zwar „unsere meistgefürchteten Lehrerinnen“, wie die Psychotherapeutin Katherine Woodward Thomas sagt, aber „sie kommen nie mit leeren Händen“. Eine Trennung ist eine Zeit, in der alles in uns und um uns herum auf den Kopf gestellt wird, in der wir mit unseren schlimmsten Ängsten und sämtlichen Lebenslügen konfrontiert werden. Gerade deshalb kann sie aber auch der Riss sein, durch den, wie Leonard Cohen singt, das Licht hineinkommt – in diesem Fall die Möglichkeit, über uns hinauszuwachsen.
Damit dies gelingen kann, hat Katherine Woodward Thomas einen Prozess entwickelt, den sie „Conscious-Uncoupling“ (bewusstes Ent-Paaren) nennt. Sie definiert ihn als „Trennung beziehungsweise Scheidung, die sich durch ein Höchstmaß an Gutmütigkeit, Großzügigkeit und gegenseitigem Respekt auszeichnet.“ Dabei bemühen sich die (Ex-)Partner nach Kräften, den Schaden für sich selbst, den jeweils anderen und auch für die Kinder so gering wie möglich zu halten und bewusst nach neuen Übereinkünften und Strukturen zu suchen, die allen Beteiligten eine gute Zukunft eröffnen.
Im Idealfall wird dieses bewusste Ent-Paaren vom trennungswilligen Paar gemeinsam durchlaufen. Er kann aber auch von jedem einzeln vollzogen werden. Weder die Dauer noch die Art der Beziehung spielen dafür eine Rolle.
Ursprünglich entwickelt für Liebesbeziehungen, wird der Prozess des Conscious-Uncoupling inzwischen auch bei Trennungen von Geschäftspartnern oder bei Arbeitsplatzverlust erfolgreich angewandt. Angelehnt an die fünf Phasen der Trauer nach Elisabeth Kübler-Ross verläuft der Prozess in fünf Schritten.

Schritt 1: zu emotionaler Freiheit finden

Zunächst ist wichtig, dass wir uns aus der Umklammerung düsterer Emotionen befreien können. Dies geht sogar einfacher als gedacht, denn – wie eine Studie des Sozialpsychologen Dr. Matthew Lieberman zeigt – allein die Benennung starker Gefühle sorgt dafür, dass die Stressreaktion im Gehirn nachlässt und diejenigen Regionen die Oberhand gewinnen, die für die Impulskontrolle zuständig sind. Indem wir unsere Gefühle also sortieren und jedem seinen Namen geben, gewinnen wir die Souveränität über sie zurück.
Nehmen wir uns deshalb Zeit, um zur Ruhe zu kommen und in uns hineinzuhorchen. Nun können wir uns mit aufrichtigem Mitgefühl für uns selbst fragen, was wir gerade empfinden, diese Gefühle möglichst genau benennen (also nicht bloß „elend“, sondern zum Beispiel „traurig“, „wütend“ oder „hoffnungslos“) und mit einer liebevollen Bestätigung annehmen, etwa in dem wir uns sagen: „Ja, Liebes, du fühlst dich gerade verzweifelt.“ Wer mag, kann nach jedem Gefühl mit dem Ausatmen einen Segen für sich und alle Wesen auf der Welt aussenden, die im Moment Ähnliches empfinden. In unserem Kummer liegt also auch die Kraft, unser Herz zu öffnen und mehr Mitgefühl für uns selbst und alle anderen Lebewesen zu entwickeln. Man spricht hier vom Paradox der Trauer: Sie kann zerstören oder retten. Wir haben stets die Wahl.

Schritt 2: mit neuer Kraft ins eigene Leben

In einem zweiten Schritt können wir aus der Opferrolle aussteigen und uns unseres eigenen Anteils an unseren Erfahrungen so bewusst werden, dass wir uns gestärkt fühlen. Dazu müssen wir erkennen, auf welche Weise wir uns bislang selbst entmachtet, sabotiert, klein gemacht und die Augen vor der Wahrheit verschlossen haben. Dies erfordert, dass wir uns die richtigen Fragen stellen, zum Beispiel: „Inwiefern lasse ich mich selbst genauso im Stich, wie ich mich von meinem Ex im Stich gelassen fühle? Wann habe ich mich meiner Ex gegenüber nicht authentisch verhalten, um sie dazu zu bringen, dass sie mich liebt, will oder gut findet?“
Wenn wir uns solche Fragen ehrlich beantworten, erfahren wir Dinge über uns, die alles andere als schmeichelhaft sind. Das kann manchmal sehr wehtun – aber es weist zugleich darauf hin, dass wir auf dem besten Weg sind, ein reiferer Mensch zu werden. Denn jetzt wissen wir auch, was wir verändern müssen, um weiterzukommen und können uns zum Beispiel versprechen: „Ich nehme mir ganz fest vor, meine eigenen Gefühle und Bedürfnisse künftig genauso ernst zu nehmen wie die meiner Mitmenschen.“ Oder „Hiermit gebe ich mir das feierliche Versprechen, ab sofort mehr auf mein inneres Wissen zu hören und meiner Intuition zu folgen.“

Schritt 3: alte Verhaltensmuster ablegen und das Herz heilen

In der dritten Phase geht es darum zu begreifen, was die eigentliche Ursache unserer schmerzlichen Verhaltensmuster in der Liebe ist, damit wir zu einem positiven Selbstwertgefühl zurückfinden und uns als beschützt, geliebt, geschätzt und respektiert erleben können. Da wir in Beziehungen tendenziell Verletzungen aus der Kindheit wiederholen, können wir uns jetzt fragen: „Inwiefern hat mich mein Ex ähnlich enttäuscht, wie ich schon in meiner Jugend enttäuscht worden bin?“ (z. B.: „Er hat mich und die Kinder genauso verlassen, wie mein Vater die Familie verlassen hat, als ich fünf Jahre alt war.“) Aber auch: „Auf welche Weise habe ich meinen Ex ähnlich enttäuscht, wie ich schon als Kind enttäuscht worden bin?“ (z. B.: „Ich war genauso überkritisch wie meine Mutter früher mir gegenüber.“) So finden wir unsere Ursprungswunde. Sie ist entstanden, weil wir als Kind alles, was geschehen ist, auf uns bezogen und daraus geschlossen haben, dass wir nicht genügen oder nicht liebenswert sind.
Als Erwachsene können wir solche Schlüsse jetzt rational überdenken und uns dem verletzten inneren Kind liebevoll und beschützend zuwenden. Dazu können wir die Hand auf die Körperstelle legen, an der die alte Überzeugung „wohnt“ (z.B. auf den Solarplexus, das Herz oder die Kehle) und uns sagen: „Das stimmt so nicht, Liebes. In Wahrheit wirst du sehr wohl vom Leben geliebt“ oder „In Wahrheit weiß niemand besser als ich, was gut für dich ist.“ Auf der Verstandesebene können wir uns klar machen, was unsere alte Überzeugung ist,
(z. B. „Ich zähle nicht“) und ihr jetzt etwas entgegenhalten: „Meine Gefühle und Bedürfnisse spielen sehr wohl eine Rolle. Und ich habe jedes Recht der Welt, davon auszugehen, dass sie auch für die mir am nächsten stehenden Menschen von Bedeutung sind.“
Dies wird uns darin stärken, anderen unsere wahren Gefühle und Bedürfnisse zu zeigen. Damit gehen wir zwar das Risiko der Ablehnung ein, wir erfahren aber auch, wem etwas an uns ganz persönlich liegt. So  werden wir frei von unseren kindlichen Überzeugung und sie verlieren allmählich ihre Macht über uns.

Schritt 4: mit einer kraftvollen Vision die Zukunft gestalten

Nun sind wir soweit, dass wir Entscheidungen treffen können, welche die Dynamik in unserer sich auflösenden Beziehung so zu verändern vermag, dass sie unserer Stärke gerecht wird. Grundlage ist, dass wir uns noch einmal vergegenwärtigen, was uns die Beziehung mit unserem Partner einst gegeben hat und das wir jetzt würdigen und wofür wir dankbar sein können. Vielleicht haben wir ja zusammen mit unserem Partner die Liebe zur Musik, zur Natur oder unseren Kindern entdeckt.
Davon ausgehend können wir einen kraftvollen Vorsatz für einen fairen und wohlwollenden Umgang miteinander entwickeln. Wichtig: Unser Vorsatz sollte so knapp und griffig formuliert sein, dass wir ihn uns auch in einer emotional aufgeladenen Situation leicht in Erinnerung rufen können, also z.B. „Wir haben die feste Absicht, eine Atmosphäre von gegenseitiger Wertschätzung, Respekt und Großzügigkeit zu erschaffen, die unseren Kindern eine gute Beziehung zu jedem von uns ermöglicht.“
Dieser Vorsatz sollte auch in der Art, wie wir mit dem Partner und über die Beziehung sprechen, zum Ausdruck kommen.  „Versuchen Sie (deshalb), Ihre Ausdrucksweise so zu gestalten, dass sie einem Schöpfungsakt gleichkommt“, rät Katherine Woodward Thomas. Erinnern wir uns öfters in diesem Zusammenhang an den alten Zauberspruch „Abrakadabra“. Er bedeutet soviel wie: „Ich erschaffe, was ich sage.“

Schritt 5: Trotz allem wieder glücklich werden

Mit der Trennung werden wir frei, unser Leben so zu gestalten, dass es unseren Sehnsüchten, Wertvorstellungen und Interessen entspricht – und zwar dadurch, dass wir uns alles zunutze machen, was wir aus der zu Ende gehenden Beziehung gelernt haben. Sprechen wir verantwortungsbewusst über die Trennung, um unsere Würde und die unseres Ex-Partners zu wahren und geben wir auch Freunden und Familie klare Verhaltensregeln an die Hand. Sie müssen nicht Partei ergreifen und dürfen gern die Beziehung zu beiden aufrechterhalten.
Das ist besonders wichtig, wenn wir gemeinsame Kinder haben. Eine Trennung ist für sie ein Verlust, den wir nicht herunterspielen sollten. Wir können ihnen helfen zu verstehen, was vor sich geht, damit sie nicht auf die Idee kommen, die Schuld bei sich zu suchen. Und wir sollten sie darin unterstützen, ihre Gefühle zu benennen (z. B. „Ich sehe, dass du traurig bist“) und ihnen versichern, dass beide Eltern sie nach wie vor so lieb haben wie immer. Statt der klassischen Familie haben die Kinder nun eine „binukleare Familie“ wie es die Familientherapeutin Constance Ahrons nennt – also mit zwei Kernen an zwei Schauplätzen.
So wie wir den Beginn der Beziehung (Hochzeit) feiern, so können wir auch das Ende mit einem Ritual gestalten. Dies kann eine Trennungszeremonie in selbstgewählter Form sein oder ein Ritual ganz für uns allein, falls es mit dem Ex-Partner nicht möglich ist. Damit anerkennen wir das Gute der Beziehung, ihr Ende und dass wir durch einen bewussten Trennungsprozess gelernt haben, uns selbst und andere mehr zu lieben.
Auch wenn „glücklich bis ans Lebensende“ sich für uns als überholtes Liebesideal erwiesen hat, so kann eine Trennung auf eine achtsame Weise doch zu einer ganz anderen, neuen Form von Happy End führen.
Astrid Ogbeiwi

Den  Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 01-2017

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