Die Glücksformel der Benediktiner

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Spatzen verkörpern Leichtigkeit, Lebendigkeit und Flüchtigkeit zugleich und sie sind scheu, wehrlos und unsicher wie das Glück, das sich ebenso schnell verflüchtigen kann, wie es eintritt ins Leben. Doch wer sein Leben wirklich glücklich führen will, für den können die Tugenden der Benediktiner eine Richtschnur sein.

Schon im ersten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung schrieb der römische Dichter und Staatsmann Seneca: „Alle wünschen sich ein glückliches Leben.“ Aber was ist das: Glück? Reichtum, Macht, Liebe, Zufriedenheit, Seelenruhe, Sehnsucht, Erfüllung? Lässt es sich lernen? Im Grunde lebten wir noch nie so glücklich in Frieden und Wohlstand wie heute, und doch suchen wir wie selten zuvor nach unserem Glück. Es bleibt aber flüchtig und zerbrechlich und wer versucht, es zu zwingen, dem läuft es davon. Die Sehnsucht nach einem nicht nur guten, sondern glücklichen Leben treibt uns an wie kaum etwas anderes. Es reicht uns nicht mehr, wenn wir uns finanziell keine Sorgen mehr zu machen brauchen, nein, wir wollen auch einen Beruf, eine Partnerin oder einen Partner, eine Familie, die uns glücklich macht. Wir suchen unentwegt nach dem besseren Leben in einer Welt, in der sich jeder sein eigenes Stück Glück schmieden kann, soll, muss. Die Suche nach dem glücklichen Leben und die Vorstellung von der Machbarkeit des Glücks können uns auch in die Verzweiflung treiben. Es ist gerade so, wie schon Bertold Brecht sagte: „Ja, renn nur nach dem Glück, doch renne nicht zu sehr, denn alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher.“

Was taugt zum Glück?

Und was lässt sich dann noch über das Glück aussagen, wenn es doch am Ende einfach nur über uns hereinbricht, uns geschenkt wird und wir es uns eben nicht mit eigenen Kräften erarbeiten können? Ist dann jede Glückssuche vergeblich? „Das Glück ist wie ein flüchtiger schreckhafter Vogel. Spatzen fliegen schnell auf, scheuen hoch und leben immer in Gefahr. Über Glück kann man nicht verfügen. Es ist nicht machbar“, so der Benediktinerabt Notker Wolf. Spatzen sind seine Lieblingsvögel, denn für ihn verkörpern sie Leichtigkeit, Lebendigkeit und Flüchtigkeit zugleich. Sie sind scheu, wehrlos und unsicher wie das Glück, das sich ebenso schnell verflüchtigen kann, wie es eintritt ins Leben. Was Glück sein kann, ahnt der Benediktinerabt im besten Fall, wenn wir auf das hören, was Jesus gesagt hat: „Sorgt euch nicht, was ihr morgen anziehen und was ihr morgen essen werdet. Betrachtet die Lilien des Feldes und die Vögel des Himmels. Gott kümmert sich um alles, sogar um einen Sperling, der vom Dach fällt, und um jedes Haar, das dem Menschen vom Haupt fällt.“

Die Sprache des Glücks

Machen wir es also am besten wie die Lilien und die Spatzen und sorgen uns einfach nicht um unser Glück? Wenn wir das Glück schon nicht herbeizwingen können, so können wir uns doch darauf vorbereiten. Wir könnten uns dabei an die Regeln für ein gutes Leben halten, wie sie der heilige Benedikt aufgestellt hat und nach denen die Mönche seines Ordens noch heute ihr Leben ausrichten. Das Ziel liegt dabei in einem tugendsamen Leben, das sich an den sieben Säulen Gerechtigkeit, Klugheit, Mut, Maß, Glaube, Liebe und Hoffnung orientiert. Und diese Tugenden müssen eingeübt werden, damit sie sich in dem, was man tut, wie von selbst zur Haltung verfestigen. „Es ist nicht spontane Lust und zufällige Laune, sondern letztlich Askese, die zur Selbstständigkeit und zur Freiheit des Handelns führen wird. Und wenn diese Freiheit erhalten werden soll, muss man sich die guten Verhaltensweisen eben angewöhnen und die schlechten abgewöhnen. Das Erlernen der Sprache des Glücks ist nicht viel anders als das Erlernen einer Fremdsprache“, so Notker Wolf.

Für den Abtpräses der Kongregation der Missionsbenediktiner ist es selbstverständlich, dass wir wahres Glück nur erfahren können, wenn wir uns in der Disziplin üben und wenn wir in allen Dingen das rechte Maß einhalten. Doch auch wenn wir damit selbst etwas für unser Glück tun können: Ein tugendhafter Mensch „tut“ nicht ständig etwas. Tugend ist in der Freiheit verankert. Und die Freiheit steht gegen den Wahn der Machbarkeit und die Unfähigkeit, sich etwas schenken zu lassen, gegen die Besessenheit, alles selber zu machen. Bei der Suche nach dem Glück geht es auf dem Weg, wie ihn die alten Mönche schon praktizierten, um Eigenschaften der Seele, um das rechte Bewusstsein und um ein empfindsames Verantwortungsgespür für sich und andere. Und so ist Notker Wolf auch überzeugt davon, dass nur wer tugendhaft lebt auf Dauer ein glücklicher – oder besser: glückseliger – Mensch sein kann. Doch was genau meint er mit den sieben Tugenden der Benediktiner?

I. Gerechtigkeit

“Das eigentliche Glück des Menschen besteht in der Mitmenschlichkeit und auch darin, dem anderen auch zu seiner Gerechtigkeit und zu mehr Leben zu verhelfen.”

Weil unser Gück auch darin liegt, Sinn zu stiften, ist schon allein das bloße Streben nach Gerechtigkeit eine der Kardinaltugenden, weil es eine Richtung und eine Motivation gibt, die das Leben trägt. Natürlich ist es nicht immer einfach und am Ende gar unmöglich, gerecht mit allen seinen Mitmenschen umzugehen. Doch wir tun in allen Lebenslagen – ob im Beruf oder in der Familie – dennoch gut daran, die Gerechtigkeit anzustreben, weil wir uns damit immer auf das Wohl des anderen oder auf das Wohl der Allgemeinheit beziehen. Wer nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist und um diesen unentwegt kämpft, wer nur sich selbst und sonst niemand gerecht wird, dem wird sich das wahre Glück immer entziehen. Notker Wolf meint dazu: „Gerechtigkeit ist die Fähigkeit eines souveränen Menschen, eine Kunst des Ausgleichens, eine Kunst, alles in Beziehung zueinander zu setzen.

Glück heißt auch im Alltäglichen etwas Wunderbares zu erkennen.

Glück heißt auch im Alltäglichen etwas Wunderbares zu erkennen.

II. Klugheit

„Klugheit entspringt der Haltung einer Lebenserfahrung, die das Ganze überblickt, die die Dinge wichtig, aber manchmal auch mit Humor nimmt.“

Es gibt vielerlei Ansichten darüber, was ein kluges Verhalten ist. Oft lässt sich darüber trefflich streiten. Ähnlich wie bei der Gerechtigkeit hat sie zwar die eigenen Interessen, aber immer auch die des anderen im Auge. „Klug sein heißt nicht, seine eigenen Interessen hintanstellen. Wohl aber: das Ganze sehen und abwägen. Wenn bei Verhandlungen am Ende keiner das Gefühl hat, über den Tisch gezogen worden zu sein, ist das ein kluges Ergebnis“, so beschreibt Notker Wolf diese Tugend. Klugheit meint also keineswegs Cleverness und damit die eindimensionale Fähigkeit, auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein. Wer klug entscheidet, denkt immer auch an den anderen. Klugheit und Weisheit sind Geschwister und führen zum Glück. Wenn wir unser Leben klug führen, gewinnen wir eine gewisse Distanz und Gelassenheit und wir spüren, dass es zwar wichtig ist, unsere Lebensaufgabe zu erfüllen, dass es aber letztlich doch nicht so sehr auf uns ankommt. Klugheit relativiert die Dinge und führt letztlich zur Weisheit dem Leben gegenüber. „Der Weise und der Kluge haben eines gemeinsam: Sie wollen das Beste, nehmen die Wirklichkeit aber so, wie sie ist, und versuchen, entsprechend mit ihr umzugehen oder auf sie zu reagieren.“

III. Mut

„Mut ist eine Grundhaltung, die zur Wahrheit und zur eigenen Überzeugung steht. Die Ja sagt, wenn sie Ja meint, und Nein, wenn sie Nein sagen will.“

Wer mutig ist, riskiert immer etwas. Er geht über das Bekannte hinaus und hinein ins Unbekannte. Und da kann immer auch etwas danebengehen. Aber ohne Mut gelingt auch nichts Besonderes. Vielleicht wird es ein gemütliches Leben. Mit Sicherheit aber kein glückliches. So braucht es manchmal eine ordentliche Portion Mut, das zu sagen, was ich denke. Aber danach geht es mir und den anderen meist besser. Notker Wolf beschreibt die Tugend des Mutes als die Fähigkeit, „etwas auf sich zu nehmen, das auch schiefgehen kann, das aber angegangen werden muss, weil es einen höheren Wert hat. Weil es gut ist an sich.“ Wir haben uns oft zu sehr an das Althergebrachte gewöhnt und scheuen das Risiko. Das Risiko, einmal anders zu handeln als bislang und Dinge auszusprechen, die wir allzu lange verschwiegen haben. Das kann nie falsch sein. Natürlich geht es nicht darum, prinzipiell das Risiko zu suchen und in jedem Fall gegen den Strom zu schwimmen – das wäre Übermut. Es geht aber darum, sich in jeder Lebenslage für die Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit einzusetzen. Das kann oft sehr mutig sein und führt zu mehr Glück im Leben.

IV. Maß

„Daran sind schon viele gescheitert. Nicht nur beim Alkohol gilt: Wenn ich nicht das rechte Maß bewahre, mache ich mich kaputt. Und das ist das Gegenteil von Glück.“

Ein chinesischer Zenmeister aus dem 11. Jahrhundert sagt: „Wenn du Hunger hast, iss etwas, doch höre mit dem Essen auf, bevor du voll bist.“ Gerade in der heutigen Zeit, in der wir immer alles und das ständig zur Verfügung haben, ist die Tugend des rechten Maßes abhanden gekommen. Die Maßlosigkeit ist zu einem durchgehenden Merkmal unserer Gegenwart geworden. Das zeigt sich auch darin, wie wir mit der Zeit umgehen. Die Beschleunigung scheint keine Grenzen zu kennen. Unser Tempo kennt keinen Stopp. In einer Welt, in der alles vom Computer, rund um die Uhr, gemacht werden kann, sind nahezu alle Vorgänge flexibilisiert und immerzu beschleunigbar. Immer mehr Menschen haben daher keine vorgegebenen Zeitmuster mehr. Sie gewinnen damit oft nicht größere Freiheit, sondern verlieren ihre innere Ordnung. Doch gerade in einer Zeit der Beschleunigung aller Lebensbereiche ist es notwendig, das Gespür für die kreative Kraft des Maßes und der Ruhe wieder neu zu entdecken und zu pflegen. So lautet der Kernsatz dieser Tugend: „Ich kann in Freiheit auf etwas verzichten.“

V. Glaube

„Menschliches Leben gelingt nur, wenn wir uns auf andere verlassen können.“

Um ein glückliches Leben zu führen, müssen wir vertrauen können. Vertrauen heißt aber nicht Naivität. Vertrauen ist absolut notwendig, nicht nur im Privat-, sondern auch im Geschäftsleben. Dabei können wir natürlich enttäuscht werden. Und gerade deshalb ist ein konkreter Glaube so wichtig. Der Glaube an Gott hat kein konkretes Glück im Blick und meint nicht die Anhäufung schöner Momente. Der Glaubende ist davon überzeugt: Ich werde glücklich sein, wenn ich einmal ganz bei Gott bin. Dieser Glaube ist aber nicht nur jenseitig gemeint, sondern immer auch so, dass er im Jetzt, in der Gegenwart, erfahrbar ist, wenn auch noch nicht ungebrochen.

Nur der Liebende ist fähig zum Glück.

Nur der Liebende ist fähig zum Glück.

VI. Liebe

„Wer nicht liebt, kann nie die Fülle des Lebens erfahren.“

Darüber lässt sich wohl nicht streiten: Nur der Liebende ist fähig zum Glück. Wie die Gerechtigkeit und die Klugheit, so ist auch die Liebe eine Fähigkeit, die sich ganz auf den Mitmenschen bezieht und aus unserer Selbstbezogenheit herausführt. In der Liebe zu einem anderen Menschen, zu einer Frau, einem Mann, einem Kind, aber auch zu einem Wert oder Gott, in der Hingabe an eine Arbeit oder an die Kunst, lasse ich mich selber los. Ich neige mich auf etwas zu, das außerhalb meines Ich ist. Und diese Hingabe weckt gleichzeitig die besten Möglichkeiten in mir selber und bereichert mich. „Ein fröhliches Herz entsteht nur aus einem Herzen, das vor Liebe brennt.“ (Mutter Teresa) Wer liebt, lässt alles andere liegen und stehen, um sein Ziel zu erreichen. Und selbstverständlich umfasst die Liebe auch mich selbst. Nur wenn ich liebevoll und achtsam mit mir selbst umgehe, kann in der gleichen Haltung auch auf andere zugehen. Dagegen sind Selbstbezogenheit und der Drang, das eigene Bedürfnis zu befriedigen, dem Wesen des Glücks entgegengesetzt. Jesus sagt: „Wer sich sucht, wird sich verlieren, wer sich um meinetwillen verliert, wird sich finden.“

VII. Hoffnung

„Hoffnung ist eine Kraft, die darauf zielt, dass unser Leben gut und sinnvoll ist.“

Leben ist Hoffen. Im Lateinischen heißt es: Dum spiro spero – Solange ich atme, hoffe ich. Wer stets mit dem Schlimmsten rechnet, ist nur ein halber Realist und zudem ein deprimierender Zeitgenosse. Man muss und kann auch in schwierigen Situationen nach einem Ausweg suchen. Zum Realismus gehört auch die Erfahrung, dass vieles im Leben besser gekommen ist, als man befürchtet hat. Wenn wir hoffen, dann kämpfen wir und können Kräfte entwickeln, die wir sonst nie gespürt haben. Wer Hoffnung hat, lebt stets mit dem Gedanken: „Alles wird gut!“ Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, auf die Heilung der Krankheit oder die Tragfähigkeit einer Partnerschaft ist die Triebfeder unseres Handelns. Sie macht uns zu Optimisten und ist eng verbunden mit dem Mut, der das Neue wagt, weil er auf das Bessere hofft. „In ihr (der Hoffnung) haben wir einen sicheren und festen Anker der Seele“, sagt Paulus im Hebräerbrief.

Wahres Glück: Im Einklang mit den persönlichen Werten

Wenn man Menschen nach den Momenten befragt, die Bedeutung in ihrem Leben hatten, dann sagen 99 Prozent, dass sie immer mit anderen Menschen zu tun hatten. Wir scheinen Glück vor allem in Beziehung oder in der Partnerschaft mit anderen Menschen zu empfinden. Auch Notker Wolf antwortet, gefragt nach dem, was für ihn selbst Glück bedeutet: „Ich selber bin immer dann glücklich, wenn ich unter Menschen bin, wenn ich Menschen froh machen kann. Es kommt doppelt zurück.“ Glück ist demnach immer ein Geschenk. Es ist und bleibt deshalb sinnlos, dem Glück hinterherzuhecheln. Je mehr wir das tun, desto schwerer wird es, das Glück zu fassen, wenn es tatsächlich kommt. Es gibt keine für jeden gültige Glücksregel. Vielleicht sollten wir uns deshalb an das altgriechische Konzept der Eudaimonia halten: Es geht darum, im Einklang mit den persönlichen Werten zu leben, mit den Dingen, die man für bedeutsam hält. Bei den sieben Tugenden des heiligen Benedikt geht es um eine Haltung. Um Dauer. Um etwas, das dazu taugt, ein Leben zu tragen. Sie beschreiben keine permanente Aktivität, sondern sind Ergebnis einer Lebensausrichtung und einer Einübung in Werte, die unserem Glück die Tür zumindest einen Spaltbreit öffnet. Auf was es bei der Glückssuche ankommt, das weiss auch der Philosoph und Psychiater Manfred Lütz https://www.bewusster-leben.de/glueckssuche-oder-carpe-diem-pfluecke-den-tag/.

Winfried Hille

Buchtipp:
Notker Wolf
Die sieben Säulen des Glücks
Herder Verlag, € 14,95

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