„Glückliche Menschen leben länger“

Professor Tobias Esch weiß, wie das mit dem Glücklichsein funktioniert. Wir sprechen mit ihm darüber, warum Glücksgefühle für uns so wichtig sind, ob es so etwas wie eine Glücksformel gibt und wie wir auch in schweren Zeiten die Lebenszufriedenheit bewahren können

Herr Professor Esch, sind Sie denn als Glücksforscher glücklicher als andere? Haben Sie die Glücksformel geknackt?
Ich lebe nach dem Motto: Walk your talk! Anders gesagt: Ich kann nicht in den Spiegel schauen und Dinge erzählen, an die ich nicht selbst glaube bzw. die ich nicht selbst praktiziere. Als Wissenschaftler ist man zwar von seinem Forschungsgegenstand prinzipiell persönlich unabhängig, das ist auch gut so. Aber da ich auch Arzt bin und wir diese Dinge in die Praxis bringen, kann ich nicht allen Ernstes die hochüberzeugenden Ergebnisse unserer Studien, auch die anderer KollegInnen, ignorieren. Wie könnte ich einem Patienten entgegentreten, wenn ich das, was ich ihm oder ihr empfehle, selbst nicht befolgen würde? Und doch ist auch für mich Glück ein Prozess. Ich befinde mich statistisch noch im „Tal der Tränen“, der Phase im Leben, wo das Glück eher sporadisch um die Ecke guckt. Aber ich versuche es, ich arbeite daran jeden Tag, weil: Glück ist ein tägliches Bemühen. Das kann jeder sehen, der mich kennt.


Welche Faktoren haben den größten Einfluss auf das persönliche Glücksempfinden eines Menschen?
Wir kennen heute eine ganze Reihe solcher Faktoren. Neben den schon bekannten Aspekten eines gesunden Lebens sind es vor allen Dingen Fragen der Haltung und der Perspektive, die zählen. So sind Menschen, die besonders zufrieden sind, oft in der Lage, Dinge, die nicht mehr sind oder die ihre Zeit gehabt haben, loszulassen. Sie sind dankbar. Sie geben gern, auch ohne direkt eine Gegenleistung zu erwarten. Sie haben eine Aufgabe, geben sich einer Sache ganz hin, können aber Dinge, die nicht mehr sind oder die ihren Zweck erfüllt haben (oder die ihnen genommen wurden), schließlich auch loslassen. Sie empfinden sich weniger als Opfer, denn als Gestalter. Und dann ist da die Dimension des Glaubens – Menschen, die besonders glücklich oder zufrieden sind, haben häufig einen expliziten oder impliziten Glauben, eine Spiritualität, darin auch die Frage nach Sinnhaftigkeit: Sie finden einen Sinn im Leben, eine Bedeutung. Die Königsdisziplin ist dann zweifellos die Liebe – das Gefühl, verbunden mit anderen Menschen zu sein, ein Zuhause zu haben, einen Ort, an dem man geliebt wird.

Gibt es eine Glücksformel, die für alle Menschen gleichermaßen funktioniert?
Das Grundprinzip von Glück und Zufriedenheit, gewissermaßen die universellen Motive, die Dinge, für die wir morgens aufstehen, sind prinzipiell bei allen Menschen überall gleich. Das liegt darin, dass unsere Biologie, das Belohnungssystem im Gehirn, uns anzeigt, wofür es sich lohnt zu leben. Lebensgeschichtlich kommen dann später die individuellen Inhalte hinein, die sich sehr von Mensch zu Mensch unterscheiden können, aber das Prinzip bleibt gleich. Wichtig jedoch: Die Motive für Glück und Zufriedenheit ändern sich über die Lebenszeit. Steht etwa in der Jugend eher das ekstatische, lustbetonte Glück im Vordergrund, das Vergnügen, die Vorfreude, was oftmals mit äußeren Ereignissen verbunden ist, so ist es in der mittleren Lebensphase eher die Erleichterung, wenn der Druck des Lebens, die Rush Hour oder das Tal der Tränen, wie ich es manchmal nenne, eine Pause einlegen. Wenn ein Konflikt, ein Schmerz, eine Krankheit uns einen Moment ruhig sein lassen. Und dann gibt es vor allen Dingen, aber nicht nur, in der zweiten Lebenshälfte, ein zunehmendes Gefühl von innerem Frieden. Von Ankommen. Wir nennen es auch Glückseligkeit oder eben Zufriedenheit, wenn man nicht mehr zwingend etwas von außen erwartet oder erkämpfen muss oder sich mühsam vor etwas schützen muss, sondern wenn man das Gefühl hat, genau am richtigen Ort, zur richtigen Zeit zu sein, eben: angekommen zu sein.

Welche Rolle spielen genetische Faktoren bei der Veranlagung für Glück oder Unzufriedenheit?
Die Gene spielen eine Rolle, wie auch die Herkunftsfamilie oder Kultur, in die man hineingeboren wird. Letztlich aber ist die Bedeutung der Gene in der Wissenschaft immer weiter heruntergestuft worden. Heute gehen wir etwa von einem Drittel der Lebenszufriedenheit aus, die an unserer Werkseinstellung oder Grundausstattung liegt. Der Rest scheint gestaltbar.

Wie bewerten Sie den Einfluss sozialer Medien und Technologien auf unsere Wahrnehmung von Glück und Zufriedenheit?
Obwohl wir heute formal bzw. durch soziale Medien mehr vernetzt scheinen als je zuvor, kann man sicher festhalten, dass all das uns nicht per se glücklicher gemacht hat. Mit anderen Worten: Glück und Zufriedenheit sind am Ende im Inneren zu finden, weniger im Außen. Es kommt auf die Qualität der Beziehungen an, der „Bezogenheit“, nicht auf die Menge. Auch wenn wir festhalten wollen, dass Glück und Zufriedenheit eine Dynamik über die Lebenszeit haben, wo am Ende eher Glückseligkeit und Zufriedenheit blühen – als innere, eher verweilende Zustände –, dann sind die kurzfristigen, dopamingesteuerten Glücksmomente, die ekstatischen oder mehr von außen getriggerten Hochmomente sicherlich nicht das, was am Ende bleiben wird und uns dauerhaft zufrieden macht.

Das ganze Interview finden Sie in unserer bewusster leben Ausgabe 3/2024

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