Golden Ager

Das Älterwerden ist keine Mängelliste. Es birgt auch jede Menge neuer Chancen in sich. Denn die mit dem Alter neu hinzugewonnenen Fähigkeiten können wir jetzt sinnvoll zu unserer Lebenszufriedenheit einsetzen.

Die Lebensphase nach der Pensionierung oder dem 60. Geburtstag ist für viele kein mit Spannung erwartetes Abenteuer, sondern vielmehr eine gefürchtete Lebenszeit, die als eine Zeit des Abbaus, des Verlustes an Attraktivität, Gesundheit und geistiger Fähigkeiten mit Schrecken erwartet wird.
Ein Blick auf Synonyme für „alt“ reicht, um die Ängste vor dem Altwerden zu erklären: betagt, greisenhaft, senil, langweilig, unmodern, altersschwach, veraltet, gestrig, schwächlich, hinfällig, klapprig, kraftlos, pflegebedürftig, elend, überholt, vorsintflutlich, armselig, etc. – Wer möchte da noch alt werden? Doch heißt es nicht auch, man werde im Alter weise, abgeklärt, vertraut, altehrwürdig?

Golden Ager können zu einer neuen sozialen Anerkennung und Lebensqualität finden.

So schrieb Betty Friedan bereits 1995 in ihrem Buch „Mythos Alter“: „Das Individuum durchläuft nicht passiv ein vorherbestimmtes Programm des Alterns, sondern ist – innerhalb bestimmter Grenzen – aktiv und beeinflusst den Verlauf des Alterungsprozesses durch sein Verhalten und durch seine Entscheidungen“. Friedan weiter: „Wird dadurch, dass das Alter als Problem definiert wird, die menschliche Selbstverwirklichung gesellschaftlich und individuell nicht ernsthaft behindert? Wird da nicht Wertvolles vergeudet?“ In diesem Sinne ist auch das Buch von Erica Binder „Lebensqualität und Sinn im Golden Age“ ein Aufruf zur Aussöhnung mirt dem eigenen Älterwerden. Sie begibt sich darin auf die Suche nach dem, was uns weiterbringt und wie wir unsere neuen Fähigkeiten, die uns tatsächlich erst im Alter zur Verfügung stehen, einbringen können. Die Autorin plädiert dafür, den neuen Lebensabschnitt positiv zu betrachten, postuliert es sogar als das „Golden Age“. Knapp fasst sie zusammen, was Golden Ager ausmacht, welche neue Möglichkeiten aber auch Gefahren sich jetzt zeigen:

Was ist neu im Golden Age?

• Golden Ager müssen sich weniger an Konventionen halten, da sie ihre Berufszeit bereits hinter sich haben. Sie dürfen also auch mal öfters Klartext reden, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen.
• Es gibt für Golden Ager eine Vielzahl neuer Möglichkeiten, sich zu engagieren, die nun ohne Verpflichtung für die Sicherung des Lebensunterhalts gelebt werden können.
• Die zunehmende Lebenserfahrung hilft, mit den neuen Herausforderungen umzugehen.
• Golden Ager sind oft zufriedener, weil ihre Ansprüche an das Leben weniger hoch sind und man sich auch an Dingen freut, die man früher zu wenig beachtet hat.
• Die Abnahme der Leistungsfähigkeit (Sinnesorgane, Gedächtnis und motorische Funktionen) ist eine Tatsache. Die Fähigkeiten müssen daher neu geordnet oder kompensiert werden. Wo früher Kraft, Schnelligkeit und Sinnesschärfe dominierten, finden Golden Ager jetzt Durchhaltevermögen, Geduld und Weisheit.
• Nachteil: Bestimmte Erkrankungen, (chronische) Schmerzen und Behinderungen können zu neuen, großen Herausforderungen werden.
• Vorsicht: Rückzug oder Tod nahestehender Menschen bergen die Gefahr der Vereinsamung.
Die Auflistung zeigt: Golden Ager haben zunehmend neue Möglichkeiten, um ihr Leben bewusster anzugehen. Doch es gibt auch Gefahren wie die der Vereinsamung, die es beherzt anzugehen gilt. Ein sinnvoll ausgewähltes Engagement ist das beste Mittel gegen eine Vereinsamung im Alter. Wer als Golden Ager seine über lange Jahre hinweg gesammelten Erfahrungen einbringt, kann eine neue soziale Anerkennung und Lebensqualität erleben. Und mittlerweile gibt es unzählige Möglichkeiten, sich auch im Alter zu engagieren und zu beschäftigen, beispielsweise:

Sich auf neue Erfahrungen einlassen

• Engagement in der Familie, z. B. Enkel hüten und damit sowohl die eigenen Kinder entlasten als auch den Enkeln – und sich selbst – eine Freude bereiten. Wo keine vorhanden sind, finden sich gerne Familien für Ersatz-Großeltern.
• Freiwilligenarbeit: Diese wird aus persönlichen und sozialen Motiven geleistet. Persönliche Motive sind, Freude an der sinnvollen Tätigkeit, soziale Kontakte, eigene Kenntnisse und Erfahrungen zu erweitern, Anerkennung, Pflichtgefühl, Verantwortung etc. Wer sich freiwillig einsetzen will, kann heute aus vielen Angeboten auswählen in Vereinen, Interessengemeinschaften, in der Politik etc. und sich ein befriedigendes, maßgeschneidertes ehrenamtliches Engagement zusammenstellen.
• Teilnahme am Sozialleben: Beispielsweise veröffentlichte der 94-jährige Stéphane Hessel die Bestseller-Streitschriften „Empört Euch!“ und „Engagiert Euch!“. Vehement kritisiert Hessel darin zahlreiche Aspekte der gegenwärtigen politischen, ökologischen und ökonomischen Entwicklung und ruft zum politischen Widerstand und zu einer engagierten Lebenshaltung auf. Durch die beiden Büchlein gibt Hessel gleich noch ein „Vermächtnis“ an die jüngere Generation weiter. Selbstverständlich darf man das Beispiel von Hessel nicht für alle Golden Ager zur Maxime erklären, denn jeder Mensch hat seine eigenen individuellen Möglichkeiten und Bedingungen. Das Beispiel soll lediglich aufzeigen, dass Golden Ager auch im Alter eines Hessel noch mitdenken und etwas bewirken können.
• Weiterbildung, im Sinne des lebenslangen Lernens. Mittlerweile gibt es sowohl private als auch öffentliche Anbieter für die verschiedensten Bildungsinteressen, seien dies Alters-Universitäten, Volkshochschulen, private Kurse, Lernprojekte, gemeinsames Lernen etc. Auch stehen reguläre Lehr- und Studiengänge älteren Semestern offen.
• Kunst und Handwerk, etwas Kreatives erschaffen – auch ohne Anspruch auf Berühmtheit – kann Sinn und Freude bereiten.
• Nicht nur der intensive Austausch im Freundschaftskreis bereichert, sondern auch weniger tiefe Kontakte mit Bekannten und Nachbarn können erfreuen. Genießen lassen sich – je nach Lust und Möglichkeiten – auch Reisen, Natur, Tiere, Bewegung, Sport, Wandern, Musik, Tanz, Bühne (aktiv oder passiv) etc.
Durch die so erlebte Freude, die wir ausstrahlen, beschenken wir auch unsere Mitmenschen.

Susan Freytag

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