Heimische Wildkräuter

Selten nur verlassen wir die sicheren Pfade der Zivilisation. Dabei kann schon ein Spaziergang, bei dem wir vom Kiesweg abweichen, ein kleines Abenteuer sein. Annika Krause plädiert für die Wiederentdeckung heimischer Wildkräuter.

Die Helden unserer Kindheit wussten noch, wie es geht. Gedankenverloren stürzten sich ­Pippi Langstrumpf, Tim & Struppi und Co. in die kleinen Abenteuer des Tages. Als Kinder vergaßen wir oft Zeit und Ort, wenn wir im Garten auf der Wiese liegend eine Hummel beobachteten. Den meisten von uns ist die Gabe, ganz im Hier und Jetzt zu sein, leider verloren gegangen. Job, Familie und Freunde nehmen unsere ganze Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch. Durch meine Beschäftigung mit Wildkräutern gönne ich mir immer mal wieder kleine Auszeiten vom Lärm der Stadt und flüchte ins Grüne. Nun gehört das als Pflanzenheilkundlerin auch zum Teil zu meinem Job. Jedoch muss man nicht den lateinischen Namen jeder Pflanze kennen, um zum Abenteuer „Wildkräuter sammeln“ aufbrechen zu können.

Die Wildnis in uns

Unser ursprünglicher Lebensraum, die unberührte Natur, geht uns im Alltag immer mehr verloren. Wir sind mit ihr aber auf eine ganz natürliche Weise immer noch stark verbunden, auch wenn wir unser Leben in kahlen Städten verbringen. So kennt wohl jeder das beruhigende Gefühl weitläufiger Wiesenlandschaften oder die innere Ruhe, die im Wald einkehrt. Ablesen lässt sich das sogar an der Reaktion unseres Körpers: Blutdruck, Puls und der Kortisolgehalt im Blut sinken. Alles Indikatoren für Entspannung. Studien zeigen, dass Patienten in Krankenhäusern, die aus ihren Zimmern auf Wald und Wiesen schauen, schneller genesen als Patienten, die auf graue Betonwände blicken. Ein Aufenthalt in der Natur verbessert unsere Konzentration, bringt uns zur inneren Ruhe und hebt die Stimmung. Ähnliche Studienergebnisse gibt es viele und ich kann es auch aus dem eigenen Erleben heraus bestätigen. Laufe ich alleine, nur begleitet von meiner Hündin, durch Wiesen und Wälder, auf der Suche nach heimischen Wildkräutern, dann ist es vor allem der freie Raum für meine Gedanken und Gefühle, der mich innerlich ruhiger werden lässt. Durch die reizarme Landschaft ohne Blinklichter, hupende Autos und schimpfende Menschen kann ich meinen Gedanken Raum geben. Die Bäume, Büsche und Pflanzen um mich herum geben mir die Freiheit und den Raum, meine Ideen vor ihnen auszubreiten. Sie erdrücken sie nicht, wie es oft die engen Straßen der Stadt tun. Auch wenn mich immer wieder Eindrücke auf meinem Weg durch unberührte Wiesen fesseln und ich sie ganz bewusst wahrnehme – den Marienkäfer am Stamm der Birke, die Wühlmaus unter dem Lindenbaum – so entspannen mich diese Impressionen, statt mich zu ermüden. Sie fordern nicht aggressiv Aufmerksamkeit von mir. Ich kann mich ihnen widmen. Muss es aber nicht.

Wildkräuter sammeln: So fange ich an

Ideal ist es, sich etwas mit dem Thema zu beschäftigen, bevor man losgeht zum Sammeln. Schließlich wachsen auch in unserer heimischen Flora und Fauna ein paar Giftpflanzen. Hierzu sind Bücher, aber vor allem geführte Wanderungen ideal. Bei Letzteren bekommst du die Heilpflanzen am Wegesrand direkt gezeigt und von einem Experten erklärt. Wenn du dann auf eigene Faust losziehst, reicht es für den Anfang vollkommen aus, den Fokus auf drei bis vier leicht erkennbare Wildkräuter zu legen. Empfehlenswert sind zum Beispiel Brennnessel, Löwenzahn, Giersch und Sauerampfer (im Porträt vorgestellt). Diese sind leicht zu erkennen und sehr nährstoffreich. Nun benötigst du nur noch eine Route durch abgelegene Natur. Ideal fernab von Straßen und konventioneller Landwirtschaft. Hier findest du zum einen die Ruhe der wilden Natur und zum anderen keine Verunreinigungen. Du hast keine solche Fläche in der Nähe? Macht nichts, auch ein Park kann schon ein kleines Abenteuer in der Wildnis bieten. Nimm dir genug Zeit, alles in Ruhe zu betrachten, achte auf deine Schritte und nimm die Kräuter und Pflanzen bewusst wahr. Du wirst sehen, irgendwann zieht dich die Natur so sehr in ihren Bann, dass du die Sorgen des Alltags hinter dir lässt. Einen kleinen Stoffbeutel oder Korb zum Sammeln nicht vergessen!
Durch diese natürliche Form der Nahrungssuche, die uns schon seit Urzeiten innewohnt, fühlt sich unser Körper „zurückerinnert“ an unser ursprüngliches Biotop – fernab von der Zivilisation, die wir uns geschaffen haben. Kleine Ausflüge in die wilde Natur helfen einer mentalen Erschöpfung vorzubeugen.

Annika Krause ist ausgebildete Pflanzenheilkundlerin, bietet Wildwanderungen und Kochkurse mit Wildpflanzen in Berlin, Hamburg, Freiburg und München. Sie ist Gründerin des Unternehmens kruut, das Kräuterauszüge aus überlieferten Rezepturen herstellt. Es ist ihre Mission, Wildkräuter wieder zurück in den Alltag der Menschen zu bringen. Weitere Informationen zu den Tinkturen und Wanderungen gibt es auf kruut.de und in den sozialen Medien unter @kruut_organic.

Den ganzen Artikel mit Beschreibung der wichtigsten heimischen Wildkräuter finden Sie in unsererer Ausgabe 3/2020

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