Komm zu dir! “Ich schreibe mir die Seele frei”

0

Wer bin ich? Was prägte mich? Was habe ich daraus gelernt? Wohin möchte mein Leben mich führen? Beim Schreiben finden wir Antworten auf die wichtigsten Fragen unseres Lebens. Wir öffnen die Tür zu unserer inneren Weisheit, befreien uns von Altlasten und weiten unser Inneres für neue Horizonte.

Kennen Sie das befreiende Gefühl, das sich einstellt, wenn Sie sich einmal alles von der Seele geschrieben haben, was Sie belastet? All Ihre Ängste und Kümmernisse, die Kränkungen des gestrigen Tages und die Sorgen vor dem morgigen? Vielleicht haben Sie bereits als Teenager den Trost des Tagebuches erfahren, dem Sie damals alles anvertrauen konnten: Ihren Liebeskummer, den Streit mit der besten Freundin oder die Wut auf die eigenen Eltern. Mit dem Sie aber auch die schönsten Momente Ihres Lebens teilten: die erste große Liebe, die Abenteuer mit Freunden, die tiefsten Sehnsüchte und wildesten Träume.

Königsweg der Selbsterkenntnis

Sobald Sie einen Stift zur Hand nehmen und Ihre Worte aufs Papier fließen lassen, können Sie diese befreiende Wirkung auch heute spüren. Im Schreibprozess geben Sie sich die Erlaubnis, sich so zu zeigen, wie Sie sind: unverstellt, authentisch, ohne Beschränkungen, ohne Verbote. Blockierte Gefühle können wieder fließen und alte Glaubenssätze verlieren ihre Macht. Sie begegnen sich ungeschminkt und kommen Ihrer inneren Wahrheit auf die Spur. Nicht von ungefähr erblickte der Philosoph Michel Foucault im Tagebuchschreiben den Königsweg der Selbsterkenntnis. Wer schreibt, macht sich auf den Weg zu sich selbst und öffnet innere Räume, die bislang verschlossen schienen. Schreibend erkennen wir, dass wir uns wirklich wichtig sind.
Und nicht nur das: Im Schreibprozess können Sie sich neu entwerfen, Ihre Stimmungen beeinflussen, sich selbst in schwierigen Situationen Mut machen und in traurigen Zeiten Trost zu-
sprechen. Sie geben dem, was in Ihnen ist, Ausdruck, schreiben sich Schmerzhaftes von der Seele und räumen innere Blockaden aus dem Weg. Sie befreien Ihre Lebensenergie, erlauben Ihren Sehnsüchten, Bedürfnissen und Wünschen, sich zu zeigen und werden zur Gestalterin, zum Gestalter Ihres Lebens.

Warm-up-Übung:
Intuitives Schreiben
Um sich der befreienden Kraft des Schreibens zu öffnen, ist das intuitive Schreiben die beste Übung. Am besten wendest du es gleich am Morgen nach dem Aufwachen an. Lege dir einen Notizblock und Stift bereit und schreibe alles auf, was dir in den Sinn kommt. Ohne nachzudenken, ohne zu zensieren. Schreib einfach drauf los. Lass deine Hand mit dem Stift über die Seiten gleiten, ohne über Richtig oder Falsch nachzudenken. Bring all deine Wünsche, Träume, Ängste, Selbstzweifel,
Tiefschürfendes und Oberflächliches aufs Papier. Nichts ist zu albern, unbedeutend, zu skurril oder zu kindisch. Denn das intuitive Schreiben ist zugleich eine Art Psychohygiene. Du kannst dir alles von der Seele schreiben, was dich belastet und was sich immer wieder zwischen dich und dein wahres Selbst
drängelt. Du befreist dich von Blockierungen und gibst deiner Seele Raum zu atmen.

Sich für seine Gefühle öffnen

Es gibt einen unverletzbaren Wesenskern in jedem von uns. In ihm liegt unsere Kraft. Hier ruht unsere innere Weisheit. Sie weiß weit mehr über uns als wir in unserem täglichen Leben ahnen. Beim biografischen Schreiben können wir mit dieser inneren Weisheit in Kontakt treten. Indem wir zuerst einmal freudvolle Erinnerungen aus unserer Kindheit ans Licht zu holen. Dies stärkt unsere Ressourcen und aktiviert die inneren Kraftquellen. Die folgende Schreibübung unterstützt Sie darin:

Übung: Meine Ressourcen stärken –
Die Freuden und Helfer aus meiner Kindheit

Lass deine Gedanken in die Vergangenheit schweifen und erinnere dich an Situationen, die dir als Kind Freude bereiteten.
Was machte dich glücklich?
Was waren die Orte, an denen du dich
geborgen fühltest?
Wer waren die Menschen, die dich unterstützten, dich trösteten und dir Schutz gaben?
Sammle Glücksmomente deines Lebens und schreibe alles auf, was dir dazu einfällt. Erinnere dich an die liebevollen Begleiter deines Lebens und danke Ihnen.

Gestärkt und liebevoll begleitet können Sie sich jetzt auf den Weg machen, um sich unverarbeiteten und schmerzhaften Erfahrungen zu stellen. Indem Sie Ihre Aufmerksamkeit nach innen
lenken und offen und mutig erforschen, was Sie hier vorfinden. Indem Sie auf einschneidende Erlebnisse zurückblicken und sich alles von der Seele schreiben, was Sie bis heute beschwert und schmerzt. „Entäußern“ nennt die Psychologie diese entlastende Methode. Das heißt: Beim Schreiben fassen wir das Erlebte in persönliche Worte, machen es so greifbar und erhalten dadurch auch die Macht, es loszulassen. Wir brechen das Schweigen und finden Worte, die aus der inneren Sprachlosigkeit herausführen. Ungefiltert und unzensiert.

Die Aussöhnung mit der eigenen Lebensgeschichte

Manche Gefühle warten vielleicht schon sehr lange darauf, sich zeigen zu dürfen und wahrgenommen zu werden. Viele davon haben wir lange Zeit verdrängt und hatten deshalb bislang keine Möglichkeit, sich zu zeigen. Sie wanderten in den Untergrund und ziehen bis heute von dort aus unbemerkt ihre Fäden. Damit erhielten sie Macht über unser Leben, ohne dass wir es bemerkten. Sie sind im wahrsten Sinne „out of control“. Mit dem Stift in der Hand können Sie sich ihnen achtsam und interessiert zuwenden und aus der Unterwelt befreien. Öffnen Sie sich dem Schmerz, dem Groll und der Bitterkeit. Erforschen Sie alle Gefühle, benennen Sie diese und schreiben Sie sie auf. So befreien Sie sich vom Ballast der Vergangenheit und kommen zu neuen Erkenntnissen. Dann sind schmerzhafte Erinnerungen nicht mehr länger Energieräuber, die an Ihrem Leben zehren, sondern werden zu Möglichkeiten der Selbsterkenntnis. So kann Heilung geschehen. Was war, kann sich in etwas Neues verwandeln.

Übung: Die Dramen meines Lebens
Bevor du den Mut fasst und dich schmerzhaften Ereignissen in deinem Leben zuwendest, erinnere dich zuerst an die Helfer aus deiner Kindheit. Vielleicht liest du hierfür noch einmal, was du über sie geschrieben hast. Tauche dann in dein Inneres hinein und lausche, welche schmerzhaften Erinnerungen sich zu Wort melden. Beginne mit dem Ereignis, was am meisten Aufmerksamkeit auf sich zieht. Schreibe einfach alles auf, was dir dazu einfällt.
Erlaube dir, zornig, traurig, vielleicht auch böse oder ungerecht zu sein. Schon während des Schreibens wirst du spüren können, welch befreiende Wirkung es hat, all diese Gefühle auf das Papier zu bringen.
Du kannst danach alles, was du geschrieben hast, in kleine Schnipsel zerreißen oder in einem Ritual verbrennen. Damit machst du deutlich, dass du dich davon befreien möchtest und bereit bist, dich für Heilung in deinem Leben zu öffnen.

Ein neuer Fokus auf das Leben

Was geschehen ist, ist geschehen. Wir können es nicht rückgängig machen. Wir können uns aber entscheiden, in welchem Licht wir das Geschehene betrachten wollen. Mit dem Schreiben öffnen wir der Verwandlung den Raum. Wir setzen unsere Kreativität zum Heilwerden ein. Wie ein Goldsucher machen wir uns auf den Weg, die Schätze unseres Lebens zu finden und zu bergen. Wir öffnen Türen, die noch verschlossen waren, bringen Licht in Räume, die bislang dunkel waren. Schreibend interpretieren wir das, was geschehen ist, neu und machen das Beste daraus. ‚Reframing‘ wird dies in der Psychologie genannt: Wir setzen das, was geschehen ist, in einen neuen Rahmen und schon sieht es ganz anders aus. Was nicht heißt, Erinnerungen zu manipulieren. Wir betrachten sie nur in einem anderen, neuen Licht. Wir verändern den Fokus unseres Lebens, starren nicht länger wie paralysiert auf die schmerzhaften Erinnerungen, sondern stellen ihnen, indem wir sie aufschreiben, andere, schöne Erinnerungen an die Seite.
„Die hellen Tage behalte ich, die dunklen gebe ich dem Schicksal zurück“, schrieb Zsuzsa Banks in ihrem Bestsellerroman „Die hellen Tage“. In der Aussöhnung mit der eigenen Vergangenheit öffnen sich neue Türen für uns. Wir erlösen die schmerzhaften Gefühle und bringen sie aus dem Schattenreich an die Sonne. Hier können sie Heilung erfahren.
Schreibend können wir uns den Fragen widmen: Was ist mir trotz aller Enttäuschungen und Widerstände gelungen? Welche schmerzhaften Erfahrungen haben mich Neues gelehrt und mir Kraft gegeben? Dadurch finden wir immer mehr zu dem, was unsere Talente und Begabungen sind, erkennen unser geistiges Potenzial und die Weite unseres Herzens.

All die Wünsche und Sehnsüchte, die sich auf den Grund unserer Seele
zurückgezogen haben, zeigen sich, wenn du schreibst.

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 4/2018

Share.

Hinterlass eine Antwort