Ikigai – Das Geheimnis der Hundertjährigen

Den Japanern zufolge hat jeder Mensch ein Ikigai. Ikigai ist das, wofür es sich lohnt, morgens aufzustehen, oder auch ganz einfach: der Sinn des Lebens. Ein Ikigai hat jeder von uns, wir müssen nur geduldig forschen, um es zu finden. Wer es findet, hat die Chance, gesund und glücklich alt zu werden.

Noch 1928 postulierte der amerikanische Statistiker Louis Dublin eine maximale menschliche Lebenserwartung von 65 Jahren. Diese Schwelle hat die Menschheit in vielen Ländern längst überschritten. So leben heute beispielsweise bereits rund 10.000 über Hundertjährige in Deutschland, im Jahr 2050 könnten es sogar schon 115.000 sein. Ob und wann der Mensch theoretisch sogar das sagenhafte Alter des biblischen Methusalem – 969 Jahre – erreichen kann, darüber wird gestritten. Der amerikanische Genetiker Richard Cawthon hält es durchaus für möglich, dass wir eines Tages tausend Jahre alt werden – wenn es uns gelingt, die natürlichen Prozesse des Alterns auszutricksen.
Doch wie alle komplexen biologischen Merkmale ist auch das Altern das Ergebnis von vielen wechselwirkenden Einflüssen und Faktoren. Klar ist, dass Umwelteinflüsse wie Ernährung, Bewegung und Lebensstandard eine wichtige Rolle spielen. Wer in Armut und schlechter medizinischer Versorgung lebt, hat schlechtere Chancen, alt zu werden. Klar ist aber auch, dass es Häufungen von Langlebigen in bestimmten Familien und Gegenden gibt, die nicht allein mit Umweltfaktoren zu erklären sind. Warum ist das so und was sind die entscheidenden Faktoren für ein langes Leben?

Die Philosphie des Ikigai

Inzwischen sind bereits erste Gene entdeckt worden, die ein langes, gesundes Leben zu fördern scheinen. Ein „Methusalem-Gen“, das allein die Lebensdauer reguliert, war bisher allerdings nicht darunter. Offenbar ist auch die Langlebigkeit komplexer als bisher angenommen.
Doch allein möglichst alt zu werden, ist kein Selbstzweck und nicht für jeden ein erstrebenswertes Ziel. Da taucht schnell die Angst vor altersbedingten Krankheiten und Gebrechlichkeiten auf. Und wer will das schon? Wenn es darum geht, möglichst alt zu werden, dann bitte doch so, dass wir auch mit über Siebzig noch geistig und körperlich fit sind.
Um das Geheimnis zu lüften, wie man gesund und lebensfroh ein möglichst hohes Alter erreicht, haben sich die beiden spanischen Buchautoren Francesc Miralles und Héctor García auf die japanische Insel Okinawa begeben. Genauer gesagt in das Dorf Ogimi, eine 3.000 Einwohner zählende ländliche Gemeinde im Norden der Insel, auf der die weltweit höchste Lebenserwartung anzutreffen ist. Dort kommen auf 100.000 Einwohner 24,55 Hundertjährige, deutlich mehr als im weltweiten Vergleich. Bei ihren Forschungen nach den Gründen, warum gerade hier die Menschen länger leben als an jedem anderen Ort auf der Welt, drängte sich ihnen die Vermutung auf, dass jenseits der gesunden Ernährung, des einfachen Lebens an der frischen Luft, des grünen Tees und des subtropischen Klimas noch etwas ganz anderes den Ausschlag für diese überaus hohe Lebenserwartung geben muss. Etwas, das mit der Lebenseinstellung der hier Lebenden zu tun hat. Dabei stießen die beiden Autoren auf das sogenannte Ikigai, was frei übersetzt so viel heißt wie „das Glück, immer beschäftigt zu sein“.

Jeder Mensch hat ein eigenes Ikigai

Den Japanern zufolge hat jeder Mensch ein Ikigai. Manche Menschen haben es gefunden, sind sich ihres Ikigai bewusst, andere tragen es in sich, suchen aber noch danach. Ikigai ist nach der japanischen Lebensart das, wofür es sich lohnt, morgens aufzustehen. „Ein klar umrissenes Ikigai zu haben, eine große Leidenschaft, schenkt uns Zufriedenheit und Glück und gibt unserem Leben einen Sinn,“ und das scheint die Quintessenz eines langen Lebens, die die beiden Buchautoren in dem kleinen japanischen Dorf gefunden haben. Wer eine Zeitlang in Japan lebt, staunt immer wieder über das aktive Leben, das die Menschen dort auch noch im Rentenalter führen. Viele Japaner gehen im Grunde nie „in den Ruhestand“ (es gibt kein Wort im Japanischen für „in Rente gehen“), sondern arbeiten, solange ihre Gesundheit es zulässt, weiterhin in dem Bereich, der ihnen gefällt. Daraus lässt sich schließen, dass wer möglichst alt werden will, sein Ikigai kennen muss.
Susan Freytag

Den ganzen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 3/2018

Diesen Artikel teilen

Schreiben Sie einen Kommentar