Auf dem Jakobsweg:
unterwegs zu mir selbst

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Schöne so greifbar nahe liegt. Wir begleiten Nicole Renneberg entlang des zum Jakobsweg gehörenden 160 Kilometer langen Mosel-Camino-Wanderwegs von Koblenz bis Trier. Hier ihr Bericht:

Sei doch mal aktiv: das Panorama der Weite genießen, der Seele Nahrung geben, die Fesseln des Alltags abstreifen, Gedanken treiben lassen. Neues entdecken und dich von märchenhaften Burgen, Schlössern und lieblichen Weindörfern entführen lassen. Und das alles in zwei Tagen? Unmöglich dachte ich!
Wenn man das Wort „Jakobsweg“ ausspricht, denkt man sofort an den bekannten spanischen Jakobsweg Santiago de Compostela und Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“. Aber warum soweit reisen, wenn das Schöne in der Nähe zu finden ist, direkt in Deutschland an der wunderschönen Mosel-Schleife. Ich bin dann also auch mal weg, auf dem Jakobsweg, aber nur zwei Tage – mit der Kamera unterwegs entlang dem Mosel-Camino, der von Koblenz über Stolzenfels nach Trier bis zur Benediktinerabteil St. Matthias führt. Ein Wanderweg, der entlang einer der beeindruckensten Flusslandschaften Europas verläuft und dazu 15 mittelalterliche Burgen und Schlösser streift. Seit Sommer 2008 ist der Mosel-Camino (camino: spanisch = Weg) als Teil des Pilgerweges nach Santiago de Compostela markiert. Das Besondere an diesem Weg ist, dass er zwar eine Teilstrecke des berühmten spanischen Weges ist, aber als eigenständiger Pilgerweg gelaufen werden kann.
Da ich die Kamera dabei habe und eine kurze Filmreportage über den Mosel-Camino-Wanderweg produziere, habe ich nur zwei Tage Zeit – mache also kein Slow-Travel, wie es für den Jakobsweg angemessen wäre, sondern sozusagen den „Camino-to-go“. Ich möchte als Moderatorin mit Film und Fotos die schönsten Highlights auf dem Weg zeigen. Und da kein Mensch 160 Kilometer in zwei Tagen einfach mal so laufen kann, haben ich und mein Begleiter, der Reiseveranstalter Kai Brügmann, ein bisschen geschummelt und waren auch teilweise mit dem Auto unterwegs.

Mein erster Weg führt in den Outdoor-Laden

Auf meine anfängliche Frage, ob ich meine Turnschuhe anziehen kann, bekomme ich nur ein müdes Lächeln von Kai Brügmann: „Nicole, selbst wenn du den Weg nur zwei Tage gehst und auch das Auto nutzt, brauchst du festes Schuhwerk,“ bekomme ich gesagt. Also führt mein erster Weg in einen Berliner Outdoor-Laden. Beschuht, bemannt mit Kameramann und meinem Tourguide Kai, der „laufend“ Touren auf dem Jakobsweg organisiert, und mich fürsorglich begleitet, um mir die Highlights und Geheimtipps seines Mosel-Caminos zu zeigen, mache ich mich auf. Die Strecke soll äußerst abwechslungsreich und reizvoll sein und das Besondere im Vergleich zu anderen Jakobswegen: Der Mosel-Camino ist kaum asphaltiert. Ich bin unglaublich gespannt, was mich erwartet.

Startpunkt Burg Stolzenfels

Unsere Wanderung beginnt an der Schlossburg Stolzenfels, südlich von Koblenz, und hier sehe ich auch schon unterhalb des Aufstieges zur Burg an einer Treppe, die bekannte Pilgermuschel – die erste Jakobsmuschel. Etliche Schilder und Aufkleber mit der gelben Jakobsmuschel auf blauem Grund werden uns auf der Strecke noch begegnen. Die zusammenlaufenden Rippen der Muschel weisen gleichsam als Pfeil die Richtung.
Wir werfen einen ersten Blick auf die Burg Stolzenfels, die würdevoll auf einem kleinen felsigen Hügel thront, 1259 fertig gestellt wurde und die wohl schönste Burg am Mittel-rhein ist. Am Fuß der Burg steigen wir auf. Was ist an diesem Ort passiert? Was ich dazu fast immer tue: Augen zu, tief durchatmen und mir vorstellen, wer hier vor vielen Jahrhunderten wohl so alles gelebt hat. Könige, Ritter, Handwerker, Heiler – gab es vielleicht auch Drachen? Der Wald und die Brücke zur Burg Stolzenfels zumindest sehen sehr „drachig“ aus. Dieses Augen-zu-und-tief-durchatmen empfinde ich als eine perfekte Meditationsübung, die mir immer wieder Kraft auf der Strecke gibt.
Weiter geht es zur Burg Thurant. Hier laufen wir entlang wunderschöner, sehr abwechslungsreicher Wege durch Wälder, kleine Trampelpfade, verschlungene Pfädchen. Ein Teil der Strecke legen wir mit dem Auto zurück, denn vor uns liegen 160 Kilometer Gesamtstrecke und nahezu 4600 Höhenmeter, die wir ohne Auto leider in den uns vorgegebenen zwei Tagen nicht überwinden könnten. Auf dem Weg werde ich von einem typischen Mosel-Panorama überrascht, welches ich ab jetzt immer wieder auf der Tour genießen kann. Unglaublich schön und beeindruckend schlängelt sich die Mosel durch eine wunderbare Kultur- und Naturlandschaft. Auf der Burg Thurant lasse ich mich bei einem Rundgang von den vielen Facetten der Doppelburg und dem wunderschön angelegten Steingarten mit seinen Monumenten inspirieren.

Die „Schwarze Madonna“ in der Klosterkirche St. Joseph

Unser Weg führt weiter zur Burg Elz. Versteckt im Grün des Elzbachtals ragen die Mauern der Burg hervor. Die deutsche Musterburg, die nie zerstört wurde und viele Jahre den 500-DM-Schein zierte, entspricht zwar nicht ganz der romantischen Vorstellung einer mittelalterlichen Burg, ist aber mit einer Vielzahl von Türmchen, Erkern und anderen Elementen besonders interessant. Umrahmt von zwei Bachläufen, die sich aus den Hunsrückhöhen ihren Weg in die Mosel suchen, entdecken wir das wildromantische Städtchen Beilstein – das „Dornröschen der Mosel“ –, für Kenner der romantischste Moselort. Mit seinen vielen Gassen und Winkeln diente Beilstein schon als Kulisse für zahlreiche Spielfilme, aber eben auch als Pilgerstätte, da dort die wunderbare „Schwarze Madonna“ in der barocken Klosterkirche St. Joseph zu sehen ist. Hier hat man das beste Panorama von der anderen Moselseite.
Über Zell, Engkirch und viele andere Highlights, die mir Kai mit kleinen Geschichten angereichert, zeigt, erreichen wir unsere Unterkunft: das Schlosshotel in Zell – ein historisches Hotel, in dem 1521 Kaiser Maximilian und 1847 Preussenkönig Friedrich Wilmhelm IV schon Einkehr hielten. Die freundliche Wirtin berichtet davon, dass in unseren Turmzimmern Kinder schon Elfen und Einhörner gesehen hätten und manchmal auch noch heute wunderliche Dinge passieren würden. Da bin ich gespannt, was in der kommenden Nacht so alles auf mich zukommt.

Manche haben hier schon Elfen und Einhörner gesehen

Zu meiner Überraschung schlafe ich dann besonders tief – leider ohne Elfen- und Einhornerscheinungen. Begegnet bin ich nur den Weingeistern, da ich abends noch ein paar Gläser Riesling im Innenhof des Hotels getrunken habe. Am Morgen bekomme ich einen Stempel in meinen Pilgerpass. Ein bisschen schlechtes Gewissen plagt mich, denn ich habe ja geschummelt und bin nicht den ganzen Weg zu Fuß gelaufen. Über den Bummkopf, Traben-Trabach, Klausen erreichen wir dann unser Ziel: Trier und die Basilika St. Matthias Abtei – eine bedeutende Pilgerstätte der Matthiasbruderschaften, in der bis heute noch benediktinisches Leben gepflegt wird, mit dem einzigen Apostelgrab nördlich der Alpen, der Grablege des Apostel Matthias.
Ich schließe die Augen und denke: angekommen! Tauche meine Arme in das kühlende Wasser des Brunnens vor der Basilika und in meinem Kopf scheinen nochmal die wunderschönen Bilder und Eindrücke des nun hinter mir liegenden Caminos auf: ein abwechslungsreicher Weg durch schattenspendende Waldwege, über liebliche Weinbergpfade mit traumhaften Panoramen auf dramatisch-spektakuläre Moselschleifen und entlang mittelalterlichen Prachtburgen und -dörfer, in denen alte Mythen und Sagen bis heute fortzubestehen scheinen. Und immer wieder dieser erhebende Blick über die Mosel.

Im eigenen Tempo und Rhythmus gehen

Auch wenn ich nicht den ganzen Jakobsweg gelaufen bin, kann ich doch ein paar Tipps geben: Achten Sie auf bequemes und gutes Schuhwerk! Setzen Sie sich keinem unnötigen sportlichen Leistungsdruck aus – Sie kommen nur bei sich selbst an, wenn Sie in Ihrem eigenen Tempo und Rhythmus folgen! Genau darum geht es auf dem Jakobsweg.
Ich habe mir jetzt vorgenommen, meine neuen Wanderschuhe bald richtig einzulaufen, und den Weg, ganz ohne Schummeln, alleine oder mit meinem Mann zu gehen – und dafür bin ich dann nicht nur mal kurz weg oder „to-go“, sondern lasse mir auch genügend Zeit auf dem Mosel-Camino.
Nicole Renneberg

Kai Brügmann, der Inhaber vom Wander-Reiseveranstalter PURA, plant und organisiert mit seinem Team sorglose Jakobswegreisen inklusive der Etappenplanung, Buchung ausgewählter Hotels und der Organisation des Gepäcktransports.
kontakt@pures-reisen.de
www.pures-reisen.de/jakobswege-deutschland
www.gesundheitlounge.de/allgemein/jakobsweg-der-mosel-camino

Den Artikel von Nicole Renneberg  finden Sie unserer bewusster leben Ausgabe 5/2018

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