Kinder brauchen Väter

Mütter sind die wichtigste Bezugsperson unserer Kinder, so heißt es. Väter scheinen entbehrlich zu sein. Man beklagt zwar ihr Fehlen, aber die Abwesenheit des Vaters gilt als normal. Doch warum wird der Vatermangel so selbstverständlich hingenommen? Und welche Möglichkeiten der Selbstentwicklung verlieren die Kinder dabei?

[dropcap]E[/dropcap]s ist noch gar nicht lange her, da stellte sich der Schauspieler Mathieu Carrière vor dem Bundesjustizministerium auf, um gegen die rechtliche Benachteiligung und Ausgrenzung von Vätern zu protestieren. In einer öffentlichkeitswirksamen, für manche blasphemischen Provokation ließ er sich kreuzigen. Dabei machte er auf einen Skandal aufmerksam, der bislang weitgehend ignoriert wird. Fünf Millionen Trennungskinder gibt es in Deutschland, jedes Jahr werden es 230 000 mehr. In über neunzig Prozent der Scheidungen werden die Kinder der Mutter zugesprochen. Fünfzig Prozent dieser Trennungskinder haben ein Jahr nach der Trennung der Eltern keinen Kontakt mehr zum ausgegrenzten Elternteil, in der Regel dem Vater.

Meist sind es die Väter, die das Zuhause verlassen (müssen)

Auch ich bin ein Vater. Von drei Töchtern. Bei der Scheidung vor zwanzig Jahren wurden die gemeinsamen Kinder, wie in den meisten Fällen, der Mutter zugesprochen. Obwohl ich mich nicht erinnern kann, dass ihr Verhältnis zu den Kindern das bessere war. Allein die Tatsache, dass ich berufstätig war und meine Frau mehr Zeit mit den Kindern zubrachte, rechtfertigte den Umstand, dass ich den Kürzeren zog und ausziehen musste. So wurde ich kurzerhand vor die Tür gesetzt und musste mir ein neues Zuhause, ein neues soziales Umfeld und vor allem einen neuen Lebensinhalt suchen, den ich an die Stelle meines täglichen Umgangs mit meinen Kindern setzen konnte. Es folgten lange Tage der Einsamkeit und der erzwungenen Neuorientierung. Ich fühlte mit mit einem Mal weder als Familienvater, noch als Single. Ich war kein Hausbesitzer mehr, sondern wieder Mieter. Was war ich denn jetzt? Keiner kannte mich in dem neuen Quartier und ich wollte keinen kennenlernen. Ich hatte auf einmal kein soziales Umfeld mehr. Meine wenigen Möbel, die ich in die neue Singlewohnung mitnehmen konnte, standen jetzt beziehungslos auf sechzig Quadratmetern, die mir lange Zeit völlig fremd blieben. Ich hatte keinen Garten mehr. Ringsum war Wüste. Und die Kinder? Natürlich war ich noch ihr Vater. Aber ich wusste nicht mehr, wie das jetzt gehen sollte, Vater sein, ohne bei den Kindern zu leben. Ohne ihr Leben zu teilen, ohne die alltäglichen Geschichten aus der Schule, von Freunden und Verwandten zu hören und ohne die Gespräche mit meinen Kindern darüber. Ohne zu wissen, welche kleinen Sorgen und Wünsche sie haben. Ich hatte keinen Alltag mehr mit ihnen. Das war das Schlimmste, was mir und meinen Kindern genommen wurde.

Ein Vatermangel gilt heute als normal

Der Vater gilt – nach der Mutter – nur als die zweitwichtigste Bindungsperson des Kindes. Warum ist das so? Warum wird das Fehlen von Vätern so selbstverständlich hingenommen? Man beklagt sich zwar darüber, aber kaum jemand betrachtet den Vatermangel als etwas, das nicht normal ist, etwas, das so nicht zu sein braucht. Kaum jemand wird von „Muttermangel“ als einem normalen Zustand ausgehen. Warum meinen wir, dass das Aufwachsen unserer Kinder ohne den Vater verschmerzt werden kann? Und ganz generell: Wieso wird das Fehlen des Vaters in unserer Kultur eigentlich als etwas Selbstverständliches angesehen? „Dies hat religiöse, kulturelle und historische Gründe,“ sagt der Mediziner, Psychologe und Autor Victor Chu und macht als Ursache vor allem den christlichen Glaube aus, denn er „gründet sich, wenn man die Jungfrauengeburt Jesu ernst nimmt, auf einem fehlenden biologischen Vater.“ Bekanntlich bedurfte es nicht einmal der Samen des Vaters, damit Maria schwanger wurde. So kam es, dass in der christlichen Kultur der Vater von Beginn an lediglich eine Statistenrolle spielte. Wenn aber eine ganze Kultur auf der Vaterlosigkeit seines Stifters beruht, nimmt es nicht wunder, dass Vaterlosigkeit und Vatermangel als normal angesehen werden. Damit geht eine fast unmerkliche Herabsetzung der Bedeutung des leiblichen Vaters einher. Den Vater braucht es eigentlich nicht. Die Figur der Mutter wird in der Person der Jungfrau (!) Maria überhöht, während Joseph zum bloßen Ziehvater degradiert wird. Und an den Folgen eines solchen Vaterverständnisses haben wir noch heute zu tragen, sagt Victor Chu. Selbst Väter, die ihre Rolle ernst und verantwortungsvoll übernehmen, müssen sich bis heute mit der Tatsache konfrontieren, dass sie dennoch im Schatten der Mutter ihrer Kinder bleiben. Vom Ursprung des christlichen Glaubens bis zur heutigen Rechtsprechung in Scheidungsangelegenheiten führt demnach eine gerade Linie. Die Mutter steht im Mittelpunkt und wird mit allen Rechten ausgestattet, der Vater ist in einer solchen Betrachtungsweise lediglich Zugabe, Beiwerk und entbehrlich. Zum Schaden der Kinder.

Kinder brauchen eine persönliche Beziehung zum Vater

Dabei spielt die Vaterliebe eine entscheidende Rolle. Wie wichtig Mutterliebe ist, wissen wir heute hinlänglich. Vom Moment der Zeugung an ist sie dem Kind ganz nahe. Dies setzt sich fort in der Schwangerschaft, der Geburt und der Stillzeit. Darüber wird jedoch der Vater oft übersehen, wie auf den Weihnachtsbildern, wo sich alle Aufmerksamkeit aufs Christkind und seine Mutter Maria konzentriert, aber Joseph höchstens als Nebenfigur im Hintergrund zu finden ist. Die stiefväterliche Behandlung Josephs wirft exemplarisch ein Licht auf die Art und Weise, wie Väter heute im Allgemeinen angesehen werden: Sie werden nicht selten als notwendiges Übel betrachtet. „Auf eine derartig schmale Bedeutung reduziert, nimmt es nicht wunder, dass viele Väter dazu neigen, sich selbst wegzurationalisieren“, so Victor Chu. Mit den Erkenntnissen der modernen Erziehungswissenschaft, wonach der Vater für die Selbstwerdung der Kinder eine genauso wichtige Rolle spielt wie die Mutter, ist die gesellschaftliche Abwertung, aber auch die Selbstabwertung des Vaters nicht zu vereinbaren. Das dämmert uns zwar heute, dennoch wird der Umstand, dass jeder zweite Vater nach einer Scheidung keinen Kontakt mehr zu seinen Kindern hat, wie selbstverständlich hingenommen. Die alleinerziehende Mutter ist dagegen die letzte Heldenrolle, die unsere Gesellschaft zu vergeben hat. Längst könnte man wissen, was Victor Chu so formuliert: „Was Kinder heute von ihrem Vater am dringendsten brauchen, ist die persönliche Beziehung zu ihm.“ Warum wird es dann vielen Vätern so schwer gemacht, die Rolle auch auszufüllen? Natürlich gibt es die Väter, die sich kaum mehr um die Entwicklung ihrer Kindern kümmern, wenn sie sich von deren Mutter geschieden haben. Aber es gibt immer mehr Väter, die nach einer vollzogenen Trennung auf einen gleichberechtigten Umgang mit ihren Kindern pochen. Zu Recht. Denn der Vater ist für die Entwicklung des Kindes von herausragender Bedeutung. „Fürs Kind bildet der Vater den Gegenpol zur Mutter. Er lädt das Kind ins Abenteuer, ins Unbekannte ein und gibt ihm Halt und Sicherheit im unvertrauten Milieu, während die Mutter eher den Hafen der Sicherheit und Geborgenheit verkörpert, zu dem das Kind zurückkehrt, wenn es müde ist, wenn es Angst hat oder wenn es sich wehgetan hat. Durch Vater und Mutter erfährt das Kind beide Pole: Progression und Regression, hinauswachsen und sich ausruhen,“ weiß Victor Chu. Und auch für den Vater ergeben sich durch eine intensive Beziehung zu seinen Kindern Entwicklungsmöglichkeiten hin zu einer neu definierten Männerrolle. „Vater zu sein kann den Gipfel darstellen, den ein Mann in seiner Entwicklung erklimmen kann“, so Chu.

Fünf Schritte auf dem Weg des Vaters zurück in die Familie

In seinem Buch „Vaterliebe“ gibt Chu einige Anstöße dazu, wie ein getrennt lebender Vater seinen Weg zur Familie zurückfinden kann, dorthin also, wo er hingehört und gebraucht wird. 1. Sich mit seiner Scham auseinandersetzen: Fangen wir beim wichtigsten Punkt an: bei der Scham des Mannes. Der verlorengegangene Mann und Vater muss sich fragen: Wofür schäme ich mich vor meiner Frau und meinen Kindern? Habe ich ihnen etwas Schlimmes angetan? Oder habe ich Angst, ihnen eine Seite von mir zu zeigen, die ich vor ihnen verstecken möchte? In den meisten Fällen ist es sowieso sinnlos, sich vor der eigenen Frau und den eigenen Kindern zu verstecken. Sie kennen uns in- und auswendig, und sie lieben uns trotzdem. Wir sind es selbst, die nicht wagen, uns in unseren Schattenseiten zu zeigen. Meist sind sie milder und verständnisvoller uns gegenüber, als wir es selbst sind. 2. Sich der eigenen Bedeutung als Mann und Vater bewusst werden: Der Mann und Vater fühlt sich angesichts der Mutter-Kind-Symbiose oft unwichtig. Das Gegenteil ist der Fall: Für die Kinder ist der Vater die wichtigste Bezugsperson neben der Mutter. Er ist wie sie unentbehrlich und unersetzbar. Er muss nicht perfekt sein. Für seine Kinder ist nur wichtig, dass er da ist, so wie er ist. 3. Sich der eigenen Rolle als Mann und Vater würdig erweisen: Wenn ein Mann sich seiner Bedeutung in der Familie bewusst wird, wächst er in seiner Würde. Würde ist etwas anderes als Stolz. Würde ist etwas Inneres. Man strahlt sie aus, wenn man in sich selbst ruht. Aus der inneren Würde erwächst eine natürliche Verantwortung. 4. Das Kriegsbeil begraben und Frieden suchen: Eine Familie kann sich nur im Frieden entfalten. Deshalb ist es gerade für Männer so wichtig, sich um Frieden zu bemühen. 5. Sich endlich niederlassen und den Platz in der Familie einnehmen: Wir können als Mann und Vater jederzeit zu unserer Familie zurückkehren, unser Bedauern äußern und um Verzeihung bitten. Es geht um eine Wiederbegegnung, in der wir ausdrücken, was wir bisher verschwiegen oder zurückgehalten haben, in der wir uns ebenfalls für die Gefühle und Gedanken unserer Partnerin und unserer Kinder öffnen und ihnen zuhören, was sie uns zu sagen haben. Die männliche Scheu vor Kommunikation endlich ablegen. Sprechen und zuhören lernen. Dem Impuls widerstehen, aufzustehen und wegzulaufen. Wenn es zu viel wird, um eine Pause bitten, damit man wieder zu sich kommen und nachfühlen kann, wie es einem geht. Dann zur Kommunikation zurückkehren. Anwesend zu sein ist nicht einfach. Weil wir es gewohnt sind, wegzulaufen, ist es schwer, da zu bleiben. Aber es wird uns nichts Schlimmes geschehen. Vor allem geht es Victor Chu darum, „die Vaterliebe, die in jedem jungen und alten Vater schlummert, wieder zu beleben.“ Kinder brauchen ihren Vater – genauso wie die Mutter. Nur wenn die Väter wieder mehr Präsenz zeigen, reifen ihre Kinder zu starken und selbstbewussten Individuen heran. Väter sollten sich nicht als Opfer sehen, nicht abseits, sondern mitten im Leben ihrer Kinder stehen. Winfried Hille

Den Artikel und die ‘Fünf Schritte’ finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 03-2016

Diesen Artikel teilen

Schreiben Sie einen Kommentar