Digitale Entschlackung

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Smartphones haben unser Leben auf den Kopf gestellt. Wir reden nicht mehr, wir chatten. Wir fühlen nicht mehr, wir liken. Viele Menschen sind überfordert vom Anspruch, ständig zu kommunizieren, zu antworten, zu reagieren. Höchste Zeit, die Reißleine zu ziehen und wieder in Kontakt zu treten mit sich selbst und den eigenen Wünschen.

m Durchschnitt verbringen wir sechs Jahre unserer Lebenszeit im Internet. Tendenz steigend. Seit wir das Smartphone immerzu in der Tasche haben, seit es uns auf Schritt und Tritt begleitet, haben sich unsere Alltagsgewohnheiten radikal verändert. Wer einmal in einem ICE gefahren ist, der weiß, wie diese Veränderung aussieht: Die Menschen um einen herum sind unentwegt mit ihrem Smartphone oder Tablet beschäftigt. Vorbei die Zeiten als sie sich noch auf den Mitreisenden eingelassen, einfach nur so der vorbeirauschenden Landschaft nachgesehen oder gar ein Buch gelesen haben. Immer in Habacht-Stellung reagieren sie auf jedes Piepsen aus dem Smartphone, das die neueste WhatsApp-Nachricht, E-Mail oder einen neuen Facebook- oder Twitter-Post signalisiert.

Die Angst, ständig etwas zu verpassen

Die Auswirkungen, die das Smartphone auf unseren Alltag hat, sind mittlerweile genau erforscht. Die Macht der neuen Gewohnheiten offenbaren Zahlen, die ein Bonner Forscherteam ermittelt hat: Demzufolge nutzen wir unser Smartphone drei Stunden täglich und nehmen es im Schnitt alle 15 Minuten in die Hand, mal für ein paar Sekunden, meistens länger. Wie schon gesagt: Tendenz steigend! Amerikanische Wissenschaftler haben dafür auch schon einen eigenen Begriff erfunden: Fomo (Fear of Missing out). Der Begriff erfasst ziemlich exakt das heute vorherrschende Lebensgefühl: die Angst, ständig etwas zu verpassen. Menschen, die diesem Druck unterliegen, werden Fomotiker genannt.
Fomo beschreibt den Druck, permanent im Netz dabei sein zu müssen, besonders in sozialen Netzwerken wie beispielsweise Facebook, Twitter oder WhatsApp. Das Gefühl, ein wichtiges Ereignis oder eine Mitteilung zu verpassen, wenn das Smartphone nicht in der Hand ist, lässt sie alle 15 Minuten an ihren Smartphones hantieren. Die neue Social-Media-Krankheit zeigt sich in einer permanenten inneren Unruhe, Nervosität und führt zu Konzentrationsproblemen und ständiger Ablenkung. Das macht sich an unterschiedlichen Verhaltensweisen konkret bemerkbar. Facebook und Co. werden meist schon direkt nach dem Aufwachen oder noch kurz vor dem Einschlafen gecheckt, beim gemeinsamen Essen mit Freunden wird das Handy nicht aus der Hand gelegt, beim Arbeiten fällt es schwer, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren, weil das Gerät so sehr ablenkt.
Auch das aus dem englischsprachigen Raum stammende Kunstwort Nomophobie beschreibt die Angst davor, nicht dauernd verfügbar zu sein, möglicherweise einmal nicht über das Smartphone erreichbar zu sein und so irgendetwas zu verpassen. Nomophobie ist die Abkürzung für „No-Mobile-Phone-Phobia“, also die „Angst, kein Mobiltelefon zu haben“.
Warum tun wir das? Paradoxerweise, weil wir geliebt, gemocht und vor allem gebraucht werden wollen – und weil wir einen großen Teil unseres Selbstwertes heute über unsere virtuellen Verbindungen aufbauen. Online etwas zu verpassen bedeutet, eine Chance auf einen unmittelbaren Belohnungsimpuls auszulassen.

Permanent hantieren wir mit dem Smartphone

Die Angst, irgendetwas zu verpassen, wird für immer mehr von uns zur Hauptantriebsfeder unserer Handlungen. Und so hantieren wir permanent an unserem kleinen Apparat, um uns unserer eigenen Bedeutung zu vergewissern. Es reicht uns längst nicht mehr, die eingehenden E-Mails ein- oder zweimal am Tag zu checken, wir müssen das nahezu jede halbe Stunde tun. Sei es nur, um all die Spams zu löschen, die sich durch den Filter geschlichen haben. So werden wir permanent mit Werbebotschaften, Aufrufen oder Nachrichten konfrontiert, die uns überhaupt nicht interessieren, die aber zumindest für einem Bruchteil einer Sekunde für Aufmerksamkeit in unserem Hirn sorgen. Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass wir allein acht Monate unserer Lebenszeit mit dem Löschen von E-Mails zubringen.

Die digitalen Medien beherrschen unser Leben

Eine letzte Illusion von Unabhängigkeit halten wir dabei immer noch aufrecht. Aufs Smartphone schauen wollen wir eigentlich gar nicht. Wir tun es aber trotzdem dauernd. Das „Jucken in der Hosentasche“ beherrscht unseren Alltag. Die suchtartige Neugier nach einem Kontakt, einem Reiz, einer neuen Information hat uns so fest im Griff, dass sie in uns den ganzen Tag hindurch Stress erzeugt. Wo bleibt da noch Zeit für das Leben jenseits des kleinen Maschinchens? Seit wir das Smartphone immer mit uns herumtragen, sind wir nie mehr ganz da, wo wir gerade sind. „Wir sind heute durch die modernen Kommunikationsmedien in der Lage, in Echtzeit global zu kommunizieren“, sagt der Philosoph Rüdiger Safranski. „Wir erleben an jedem Jetzt-Punkt das Eindringen von so ungeheuer vielem Gleichzeitigem, was jetzt geschieht.“ Wie wir damit richtig umgehen können, so Safranski, dafür seien wir biologisch noch gar nicht gemacht. Das bedeute, dass wir unsere Lebensführung grundlegend verändern und erst noch lernen müssen, mit dem Andrang von so viel Gleichzeitigem fertig zu werden.

Ein Plan zur digitalen Entschlackung

So erging es auch der Autorin Monika Schmiderer, die sich ganz offen zu ihrer Smartphone-Sucht bekennt: „Ich konnte es nicht länger leugnen: Nicht ich kontrollierte meinen Medienkonsum, er kontrollierte mich. Er beherrschte mein Leben.“ Und dann ging die Österreicherin dazu über, nach Lösungen für sich zu suchen: „So fasste ich den Plan, medial zu entschlacken. Es sollte mehr werden als eine Pause vom Internet. Nicht nur ein Digital-Detox, sondern ein richtiges Media-Detox, das mich nicht nur von Smartphone, Tablet und Co., sondern auch vom täglich Neuen der Zeitungen und dem Entertainment in Fernsehen und Radio entlastete. Ich wollte alles loslassen, was ich jahrelang in mich aufgesogen hatte wie ein Schwamm. Keine unkontrolliert verstreuten Infos mehr in den Tiefen meines Bewusstseins ablagern, wo sich all die schlechten Nachrichten, Horrorszenen, der giftige Reality-TV-Müll und der Social-Media-Trash meines Konsumentendaseins abgelagert hatten.“ Sie verfasste dann ein Buch, in dem sie einen ausgeklügelten Detox-Plan für Smartphone-Abhängige entwickelte, denn „ich wollte mich wieder offen und frei fühlen. Die trägen, depressiven und angstvollen Gedanken abschütteln. Wollte wieder frisch und motiviert sein. Meine ungeteilte Aufmerksamkeit und ganze Kraft für etwas einsetzen, das mich begeisterte und inspirierte, ohne mich dauernd zerstreuen und ablenken zu lassen.“

Kann man ohne Internet noch arbeiten?

Häufig sind es gerade die kreativen Erfolgsmenschen, die sich vom digitalen Nachrichtenstrom abkoppeln und sich der permanenten Erreichbarkeit verweigern. Manche legen sogar übers Wochenende ein „Internet-Sabbatical“ ein oder blocken per Freedom-Software stundenweise ihren Internetzugang, andere flüchten aufs Land, ins Kloster oder in eines jener teuren „black hole“ – Hotels, in denen man extra dafür bezahlt, keinen Fernseher im Zimmer zu haben und nicht erreichbar zu sein.
Klingt verrückt? Kaum weniger verrückt als der Schweizer Trendsetter Rolf Dobelli. Der Mitgründer der Agentur „getAbstract“ hat sich nach eigenen Aussagen radikal vom Nachrichtenrauschen abgekoppelt. Er habe sämtliche Zeitungs- und Zeitschriftenabos gekündigt, Radio und Fernseher entsorgt und die News-Apps von seinem iPhone gelöscht, berichtet Dobelli in seinem Bestseller zur „Kunst des klugen Handelns“. „Die ersten Wochen waren hart“, gesteht der Autor. „Sehr hart. Ständig hatte ich Angst, etwas zu verpassen.“ Doch er habe durchgehalten. Denn die hektischen News seien ebenso störend wie irrelevant. Lieber habe er Bücher und Hintergrundartikel gelesen oder Gespräche mit Freunden geführt (echten, keinen Facebook-Freunden). Ergebnis? Heute, drei Jahre später, genieße er „klareres Denken, wertvollere Einsichten, bessere Entscheidungen und viel mehr Zeit“. Und das Beste sei: „Noch nie habe ich etwas Wichtiges verpasst.“
Kann man heute noch ohne das Internet arbeiten? Eine Frage, die sich auch der Journalist Alex Rühle, ein bekennender Internet-Junkie, stellte. Er fühlte sich schon lange süchtig, litt, wie er sagt, an „Aufmerksamkeitszerstäubung“ und wollte nun genau daran etwas ändern. Seine Situation
beschreibt er so: „Mein Alltag ist schon ohne Netz ziemlich zerschreddert, in der Arbeit gibt es Konferenzen, wir müssen Texte bestellen und redigieren, telefonieren, lesen und sollen währenddessen selber lesbares Zeug schreiben. Und dann will ich ja auch noch Vater und Ehemann sein, Zeit verbringen mit meinen Kindern und meiner Frau. Und nebenher irgendwie in mir ruhen und selbst erfüllt leben.“

„Ich habe Blackberry“

Seit einiger Zeit schon hatte er festgestellt, dass er nicht mehr konzentriert an einer Sache bleiben konnte, sich ständig ablenken ließ von neuesten, aktuellsten Informationen. Die Angst, selbst im Schlaf etwas zu verpassen. Von seinen Kindern wurde er gefragt, ob er Bauchweh habe, weil er immer so schnell im Haus verschwinde. „Nein, dachte ich, kein Bauchweh, ich habe Blackberry“, schreibt er. Also versprach er, das Internet vom Rechner zu löschen und seine Mailbox zu schließen. Er wollte ausprobieren, ob es ihm tatsächlich gelänge, gegen die psychische Atemnot permanenter Hektik wieder mehr Lebens- und Arbeitszeit zu gewinnen.
Und siehe da: Bereits nach einem Monat seines Internetfastens hatte er das Gefühl, zentrierter und wohltemperierter zu arbeiten und zu leben. Und nach hundert Tagen sagten ihm seine Freunde, dass er schon viel ausgeglichener und ruhiger wirke. Er fing an, mehr Bücher zu lesen und die Familie freute sich über seine stärkere Beteiligung am Familienleben. Auf einmal konnte er die Zeit mit seinen Kindern auf eine neue Weise genießen und besuchte noch dazu einen Zen-Kurs. Er hatte sich darüber aufklären lassen, warum wir alle so unter Zeitdruck stehen und nach dem halben Jahr ohne Internet spürte er selbst das Leben wieder intensiver, weil er sich bewiesen hat, dass er ohne Netz leben, dass er auch loslassen kann.

Das Glück der Offline-Welt

Wenn wir erst einmal erkannt haben, wieviel echtes Leben uns abhanden kommt, wenn wir zuviel digital unterwegs sind, dann sollten wir jeden Tag bewusst digitale Fastenzeiten einlegen. Und wer es schafft, in einer freien Minute eben nicht zum Smartphone zu greifen, der kann eine ganz neue Form des Glücks entdecken. Dieses Glück entsteht schon allein aus dem Gefühl heraus, dem Gerät gegenüber autonom zu sein und sich wieder häufiger der realen Umgebung zu widmen.
Wenn man Menschen fragt, was sie schon immer mal wieder machen wollten, wonach sie sich in ihrem Leben am stärksten sehnen, dann fallen Begriffe wie: Reisen, Liebe, Freunde, Berührung, Sexualität. Alles Dinge, die in unserer schnelllebigen Zeit zu kurz kommen. Wir sollten uns klarmachen, was wir durch den permanenten Blick auf das Smartphone verloren haben. Es geht um die Wiederentdeckung des Nahen und Naheliegenden, das wir übersehen, wenn wir uns nur noch in der digitalen Welt aufhalten. Es geht darum, das gute Leben zurückzugewinnen. Und das meint: Wir müssen wieder offener werden für die alltäglichen Chancen, die das Leben uns in seiner ganzen Fülle bietet, für unsere Freunde, uns selbst und die Natur, die uns umgibt. Und das bedeutet: Sich täglich Auszeiten von der Online-Welt schaffen und so möglichst oft wieder mit sich selbst in Kontakt kommen. Und wieder lernen, sich mit nur einer einzigen Sache zu beschäftigen, sich ganz auf sie konzentrieren, sich immer wieder bewusst Zeiten des Nichtstuns gönnen. Zeiten, in denen wir uns selbst mehr Aufmerksamkeit schenken, achtsam auf unsere Gefühle hören und uns ganz dem gegenwärtigen Augenblick hingeben.

Winfried Hille

Sie sollten sich Gedanken über Ihren Medienkonsum machen, wenn Sie …

• kaum noch einen Nachmittag, Abend oder Tag ganz auf das Smartphone oder die mediale Ablenkung verzichten können.
• medienfreie Zeit nicht mehr genießen,
sondern verstärkte Unruhe und
Entzugserscheinungen an sich bemerken.
• gereizt und aggressiv reagieren, wenn das
Gerät nicht genutzt werden kann oder kein Netz zur Verfügung steht.
• täglich mehr Zeit mit dem Gerät verbringen, als Sie vorhatten, und die Dauer Ihres Konsums weiter ansteigt.
• die Freizeit lieber mit Medienkonsum als mit dem Partner, der Familie, Freunden, Sport oder Hobbys verbringen und in Kauf nehmen, dass daraus soziale Probleme resultieren können.
• bereits einmal gelogen haben, was die
Intensität der eigenen Mediennutzung anbelangt.
• nicht wissen, wie Sie es schaffen sollen,
auszuschalten.

(aus: Monika Schmiderer, „Switch off“)

Entsprechend dem 12-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker gibt es zur Suchtüberwindung für medial und digital Abhängige ebenfalls 12 Schritte:

1. Ich gebe zu, dass ich abhängig bin von Internet und
Smartphone und den Druck verspüre, „always on“ zu sein.
2. Mir ist bewusst, dass ich körperlich und seelisch profitiere, wenn ich einen maßvollen Umgang mit den Medien finde.
3. Ich gebe mir selbst das Versprechen, nicht länger in der digitalen Stressfalle zu leben.
4. Ich mache mir selbst bewusst, was zu meiner
Medienabhängigkeit geführt hat und welche Veränderungen ich vornehmen kann, um sie zu überwinden.
5. Ich erkenne meine schlechten Gewohnheiten in puncto
Medienkonsum vor mir und anderen an und stehe für sie ein.
6. Ich bin entschlossen, diese destruktiven Gewohnheiten
zukünftig nicht zu wiederholen und aus ihnen zu lernen.
7. Ich mache mich auf die Suche nach meinen wahren Wünschen und Zielen und kann sie durch meine veränderte Lebensweise auch wirklich erreichen.
8. Ich mache mir bewusst, welche mir nahestehenden
Menschen ich durch meinen Medienkonsum vernachlässigt habe, und entschuldige mich bei ihnen.
9. Ich setze mir das Ziel, künftig achtsamer mit mir, meiner Gesundheit und mit meinen Mitmenschen umzugehen.
10. Um nicht wieder in die digitale Stressfalle zu stürzen, mache ich es mir zur Aufgabe, regelmäßig in mich zu gehen, meine Lebensweise zu überprüfen und zu hinterfragen.
11. Ich bin mir meiner Verantwortung für mich selbst und
für andere bewusst und übernehme sie in meinem Leben
im digitalen Zeitalter voll und ganz.
12. Ich möchte die Erkenntnisse zu einem gesunden Medienkonsum jeden Tag aufs Neue beherzigen und sie an andere weitergeben, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben.

(aus: Monika Schmiderer, „Switch off“)

Den Artikel finden Sie in unserer Ausgabe bewusster leben 5/2017

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