Lob der Faulheit

Alle sind ständig im Stress und der Gedanke, mal einfach gar nichts zu tun, stresst viele auch. Doch die Kunst des Nichtstuns wird gerade neu entdeckt. Lassen Sie sich davon ruhig anstecken und entdecken Sie die Faulheit für sich.

Die Hochzeit des Workaholics neigt sich dem Ende zu! Freizeitforscher vom Institut für Zukunftsfragen haben das festgestellt. Wie sie darauf kommen? Ganz einfach: Zum ersten Mal tauchte 2012 unter den zehn beliebtesten Freizeitaktivitäten „seinen Gedanken nachgehen“ auf. Das wünschten sich im vergangenen Jahr 69 Prozent der Befragten. Und noch eine wichtige Veränderung: 48 Prozent der Befragten geben als bevorzugte Freizeitbeschäftigung, die sie zumindest einmal pro Woche ausüben, „Faulenzen und Nichtstun“ an. Zum Vergleich: 2007 waren das nur 39 Prozent. Was ist denn da passiert? Offenbar hat die Entmystifizierung der Arbeit begonnen. Die Sehnsucht danach, öfter mal nichts zu tun, ist gestiegen und das scheint mit der Tatsache zu korrespondieren, dass wir uns immer mehr von unserer Arbeit auffressen lassen und kaum noch jemand einen richtigen Feierabend hat. „Die Erfahrung, dass die Zeit notorisch knapp und die To-do-Liste am Abend ohnehin nicht abgearbeitet ist, haben wir bis in die letzte Körperfaser verinnerlicht“, sagt Hartmut Rosa, der an der Universität Jena zur Zeiterfahrung forscht. Wir haben das Gefühl, ständig etwas tun zu müssen, auch wenn wir gerade mal nichts zu tun haben. E-Mails, Facebook-Posts, Twitter-Tweeds: alles flutet ununterbrochen um uns herum, richtig fertig werden wir eigentlich nie. Da bestimmt auch niemand mehr, wann Feierabend, wann die Zeit zum Nichtstun und für die Faulheit gekommen ist. Der Feierabend ist deshalb heute eine fast vergessene Gewohnheit. „Am Abend die Arbeit ruhen zu lassen, den Tag zu preisen und sich der Früchte der Anstrengungen zu erfreuen: Diese Fähigkeit ist uns weitgehend abhandengekommen“, sagt der Autor Thomas Hohensee in seinem Buch „Lob der Faulheit“.

Der Autor und Coach Thomas Hohensee lehrt, wie man Gelassenheit mit persönlichem Erfolg in Einklang bringt. ©Annette Koroll
Der Autor und Coach Thomas Hohensee lehrt, wie man Gelassenheit mit persönlichem Erfolg in Einklang bringt.
©Annette Koroll

Endlich mal Nichtstun!

Die Konsequenzen eines solchen Lebensstils heißen immer öfter Burn-out, psychische Erschöpfung oder Depression. Der Faule als Gegenentwurf zum Workaholic. Da ist die Forderung nach Faulheit quasi als Gegenentwurf zum Workaholic nur allzu verständlich. Immer mehr Journalisten und Buchautoren haben diesen Trend zum Nichtstun bereits erkannt. Der faule Zeitgenosse ist zu ihrem Liebling geworden und in der Kunst und Literatur war er das eigentlich schon immer. Man denke nur an Gontscharows Oblomow, der den ganzen Tag im Morgenrock auf dem Sofa lag. Das strengte ihn so sehr an, dass er sich permanent vom Faulenzen und der Faulheit erholen musste. Allein der Gedanke, was er tun könnte, machte ihn schon völlig fertig. Auch in der Antike galt die Muße als Ideal, als „Schwester der Freiheit“, wie es Sokrates ausdrückte. Nichtstun, also Faulheit, war in früheren Zeiten ein erstrebenswerter Zustand und Quell der Inspiration und Zufriedenheit. Erst mit der Industrialisierung und der Reformation kam die Wende. Müßiggang und Faulheit wurden zur Sünde, Arbeit zur heiligen Pflicht und ist es seither in unseren Breitengraden gelieben. Faulheit und Müßiggang wurden uns so erfolgreich abgewöhnt, dass wir sie uns mühsam erst wieder aneignen müssen, so scheint es. Die Kunst des Nicht-Tuns Im Zeitalter von Facebook und Twitter scheint der Müßiggang völlig abhandengekommen zu sein. Eine Woche, ein Monat oder ein Jahr ohne Internet, das sind die Abenteuer unserer Zeit. Experimente dieser Art wurden schon häufig durchgeführt. Die Resultate ähneln sich: Es bleibt plötzlich mehr Zeit für anderes. Wer sich der Faulheit verschreibt, der hat auch große Denker und Philosophen der Menschheit eindeutig auf seiner Seite. Interessant ist in diesem Zusammenhang das Konzept des Taoismus mit seinem Prinzip des Nicht-Handelns. „Das Tao handelt nicht und doch bleibt nichts ungetan“, heißt es im 37. Kapital des Tao te King. Für Laotse, den wohl wichtigsten Protagonisten des Taoismus, bedeutet aber Nicht-Tun nicht Nichtstun. Gemeint ist vielmehr ein anstrengungsloses Handeln, das frei von Eifer, Disziplin und Aktionismus ist. Zur richtigen Zeit wird das Richtige ohne Überspannung des Willens leicht und mühelos getan. Und dazu braucht es eine innere Ruhe, um diesen Zeitpunkt zu erkennen. Keine Hektik, kein unnötiges Eingreifen, den Dingen ihren Lauf lassen: Das umschreibt am besten die Prinzipien des Taoisten. Vor allem: Es gibt keinen Grund, um des Handelns willen zu handeln. Und das genau meinen wir, wenn wir von Faulheit sprechen. Abwarten, Tee trinken, die Beine hochlegen, wenn nötig einschlafen. Nur das Wesentliche tun und alles andere lassen, sich nicht zwingen, sondern dem folgen, was sich spontan ergibt.

 

Faulheit tut so gut!
Faulheit tut so gut!

Warum uns Disziplin und Arbeitseifer oft nur schaden

Aber haben wir nicht alle gelernt, dass es ohne Fleiß keinen Preis gibt, dass wir alles sein dürfen, nur nicht faul? Das mag so sein, sagt der Autor Thomas Hohensee, trotzdem ist es nicht richtig. Für ihn ist die Faulheit als Gegenbegriff zu blindem Aktionismus sogar ein wahrer Segen nicht nur für uns selbst, sondern auch für das ganze Wirtschaftsleben und unsere Arbeitswelt. Er fordert unverhohlen: Faule Menschen braucht das Land! Das wahre Übel in unserer Gesellschaft seien diejenigen, die von Disziplin und Arbeitseifer nicht ablassen können, die ständig Übermüdeten und Gestressten. Sie machen bei der Arbeit komplexe Sachverhalte unnötigerweise noch komplizierter, verbringen ihr Dasein in langen Nachtsitzungen, sind angefressen von falschem Ehrgeiz und destruktivem Fleiß und richten überhaupt alles Unheil der Welt an. Ohne sie könnte die Erde zu dem Paradies werden, als das sie ursprünglich gemeint war. Anstatt fleißig Kriege zu führen und sämtliche Ressourcen emsig zu verpulvern, bekämen wir ein funktionierendes, kostengünstiges Gesundheitssystem, Schulen, die Lernen ermöglichen, statt es zu verhindern, und eine Politik, die mehr ist als reines Krisenmanagement. All dies sei erreichbar, wenn wir nur „negative Disziplin“ durch „positives Faulsetzen“ ersetzen würden, so Hohensee.

Faulheit als Quelle der Kreativität

Eigentlich geht es uns doch heute im Vergleich zu Milliarden anderer Menschen auf diesem Planeten besonders gut, wir könnten also unser Leben einfach nur genießen. Irgendwie bekommen wir das aber nicht hin. Warum eigentlich nicht? Für Hohensee liegt es daran, dass wir bereits von klein auf gelernt haben, dass das Leben hart sei und uns nichts geschenkt würde. Nur mit Arbeitseifer und strenger Disziplin könnten wir es zu etwas bringen. Doch inzwischen zeigen auch Hirnforscher und Psychologen, wie wichtig Auszeiten und Momente des Nichtstuns sind: Diese fördern nicht nur die Regeneration und stärken das Gedächtnis, sondern sind geradezu die Voraussetzung für Einfallsreichtum und Kreativität, vor allem aber für das seelische Gleichgewicht.

Die Rückkehr zur Faulheit und zur Muße

Es ist also an der Zeit, dass wir die Faulheit und den Müßiggang wieder neu lernen.
Deshalb hier vier Tipps dazu, wie Sie selbst wieder mehr zum Nichtstun kommen können:

1. Dämmen Sie Ihre Mail-Flut ein. Wer ständig sein Postfach offen hat, ist permanent im Alarmzustand und kann sich schlecht konzentrieren. Die Computerwissenschaftlerin Gloria Mark ließ für einen Versuch ihre Probanden nur noch alle paar Tage ins Postfach schauen –mit dem Erfolg, dass Herzfrequenz und Stresspegel signifikant sanken.

2. Minimieren Sie alle Ihre Ausgaben und beschränken Sie sich auf das Wesentliche.

3. Verschieben Sie Ihre Mußezeiten nicht auf die Ferien, sondern bauen Sie sie als Inseln in Ihren Alltag ein. Die große Erholung ist gar nicht das Ziel, sondern die Muße im Alltag. Versuchen Sie mal täglich 5 Minuten nur in die Natur zu schauen, ohne etwas anderes zu tun, und steigern Sie die Dosis langsam.

4. Gehen Sie viel spazieren. Die größten Müßiggänger waren auch begeisterte Spaziergänger. Nicht von ungefähr, denn das Gehen hilft beim Abschalten. Kein Jogging, kein Nordic- Walking, sondern einfach ein Spaziergang. Das ist ein Anfang.

Und falls Ihnen das alles schon wieder viel zu sehr nach Arbeit klingt, dann sind Sie auf dem bestem Weg ein richtig guter Faulpelz zu werden. Gratuliere!
Winfried Hille


BUCHTIPP
Thomas Hohensee
Lob der Faulheit
Gütersloher Verlag, € 17,99

 

 

 

 

 

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