Mein Blockhaus in Kanada

Einmal in die wilde Schönheit Kanadas eintauchen, abseits der Zivilisation, in einer von Menschen weitgehend unberührten Gegend. Für Carmen Rohrbach wurde ein lang gehegter Traum wahr: Mehrere Monate hat sie in einem einfachen Holzhaus an einem See mit glasklarem Wasser umringt von rauen Bergen gelebt.

Mich durchströmt ein Glücksgefühl, hier sein zu dürfen in einer der letzten, vom Menschen unbeeinflussten Wildnisgebiete unserer Erde. Ich sitze am Ufer eines Sees in Kanada weit oben im Norden der Provinz British Columbia. Ein Elch mit ausladendem Schaufelgeweih tritt aus dem Wald heraus und zieht gemächlich zum Äsen in die sumpfigen Wiesen. Auf einmal schwebt ein sehnsuchtsvoller Laut über das Wasser, eine weithin tönende, melancholische Klage. Es ist die Stimme des Eistauchers; sein wildromantischer Gesang ergreift mich tief und lässt mein Herz schneller schlagen. Bald wird er nach Süden fliegen. Die Tage werden schon kürzer, der Herbst beginnt. Während des Sommers bin ich zur Blockhütte am Thukada See gewandert, der mitten in den Rocky Mountains liegt, und habe geprüft, ob sie eine geeignete Unterkunft für den Winter sein kann. In der kältesten Jahreszeit will ich in der einsam gelegenen Blockhütte überwintern. Schon lange bewegt mich der Gedanke, ohne menschlichen Kontakt, die Natur hautnah zu erleben.

Allein unter wilden Tieren

Ein Buschpilot fliegt mich zum zugefrorenen See und landet sicher auf dem Eis. Lebensmittel für vier Monate, die ich in der 600 Kilometer entfernten Stadt eingekauft habe, werden entladen. Die Hütte, die ich schon im Sommer kennengelernt habe, ist klein. Sie besteht aus einem einzigen ebenerdigen Raum, vier mal fünf Meter groß, mit einer Tür, drei Fenstern, zwei Öfen, einem Holztisch mit Hocker, und einem Bettgestell, auf dem ich meinen Schlafsack ausbreite. Die am Waldrand stehende Blockhütte ist nur wenige Meter vom See entfernt, wo ich aus einem Eisloch das nötige Wasser schöpfe. Auf etwa 1800 Metern Höhe in den Rocky Mountains liegt mein Domizil und ist von fast 3000 Meter hohen Bergen umgeben. Mein Blick ruht auf den vereisten Gipfeln, schweift über die weite Eisdecke des Sees, der von dunklen Nadelbäumen umgeben ist. Alles schweigt und spricht doch irgendwie zu mir. Die Berge sagen: Wir sind unerreichbar. Die Bäume bekunden: Seit ungezählten Wintern beugen wir uns ächzend unter der Schneelast. Berge und Bäume richten ihre Stimmen warnend an mich: Du bist nur Gast. Wenn du hier bleiben willst, dann füg dich ein!

Zum Weiterlesen: Carmen Rohrbach, “Mein Blockhaus in Kanada”, Malik Verlag, 22 Euro

Den ganzen Artikel unserer Ausgabe bewusster leben 6/2019

Diesen Artikel teilen

Schreiben Sie einen Kommentar